16.12.2015 16:13

In den Kaufhäusern und auf den Christkindlesmärkten ist es schon Wochen vor Weihnachten zu hören: das Lied „Alle Jahre wieder …“ Das Fest soll sich abspielen wie gewohnt, im üblichen Rahmen, ohne besondere Vorkommnisse und große Erwartungen. Denn als Erwachsene haben wir schon viele Weihnachtsfeste hinter uns. Da kann es kaum noch Überraschungen geben.

Ganz andere Töne schlagen viele unserer Adventslieder an. Sie führen fort, was bereits Johannes der Täufer in seiner Predigt artikuliert hat. Zu seiner Zeit war er ein „Stachel im Fleisch“ der Gesellschaft. Er hat wachgerüttelt und aufgeschreckt durch seine Aufforderung, nicht „einfach so weiterzumachen“ und alles beim Alten zu lassen. Stattdessen legt er ein neues Programm auf: Kehrt um! Unsere Adventslieder schlagen ähnliche Töne an. Ihr Anliegen ist, aus dem alten Trott des „alle Jahre wieder“ auszusteigen und die Spannkraft der ernsten und zugleich freudigen Erwartung des Erlösers wiederzufinden:

„O Heiland, reiß die Himmel auf,

herab, herab vom Himmel lauf.

Reiß ab vom Himmel Tor und Tür,

reiß ab, wo Schloss und Riegel für.“

Es ist ein Lied, das zu denken gibt. Die Melodie derer, die sich im Höhenflug des Glücks befinden, klingt in der Tat anders als das Lied von Gebeugten und Schwachen, die im Tal der Tränen ihr Leben fristen müssen. Wem der Himmel verschlossen ist, wem die Räume seines Lebens ein trostloses Jammertal sind, der darf und wird hier gern mitsingen. Denn er singt mit allen Menschen „aus der Tiefe“ (Ps 130,1). Wie eindringlich klingt das Lied, wenn wir nur die Anfangsworte der Strophen aneinanderreihen: „O Heiland! O Gott! O Erd! O klare Sonn!“ Nichts erwartet der Dichter sehnlicher als das Kommen des Messias, des Retters der Welt.

Wer hat den Liedtext verfasst? Es ist Friedrich Spee von Langenfeld (1591-1635), ein Sohn aus gutem katholischem Hause, ausgebildet bei den Jesuiten, denen er sich selbst anschloss. Oft sind persönliche Geschicke verschlungen und bitter, von Schlägen und Härten gezeichnet. Davon kann Pater Friedrich Spee von Langenfeld wahrlich ein Lied singen. Gerade die sechste Strophe ist ein Spiegel sowohl der Zeit, in der er lebte und litt, als auch seiner eigenen Situation:

„Hier leiden wir die größte Not,

vor Augen steht der ewig Tod.

Ach komm, führ uns mit starker Hand

vom Elend zu dem Vaterland.“

Als Pater Spee den Text des Liedes 1622 – im Jahr seiner Priesterweihe - dichtet, wütet der Dreißigjährige Krieg gerade erst einmal knapp fünf Jahre. Ein weiteres Vierteljahrhundert von Mord und Totschlag, Brandschatzung und Plünderung sollte Mitteleuropa bevorstehen, sodass am Ende des Krieges fast ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland hinweggerafft und beinahe die Hälfte des gesamten Volksvermögens vernichtet ist. Nur allzu verständlich ist die eindringliche Bitte, in diesem Tal der Tränen Trost zu finden:

„Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,

darauf sie all ihr Hoffnung stellt?

O komm, ach komm vom höchsten Saal,

komm, tröst uns hier im Jammertal.“

Neben dem Dreißigjährigen Krieg hat Friedrich Spee noch ein anderes Problemfeld seiner Zeit im Auge. Viele Frauen werden als Hexen aufgespürt, gefangengenommen und verbrannt. Pater Spee hat Mut. Als Seelsorger besucht er die verurteilten Frauen im Gefängnis. Er begleitet sie auch auf ihrem letzten Weg zum Scheiterhaufen. Angst, Not und Verzweiflung dieser Frauen kennt der Pater genau. Und er leidet selbst darunter. Daher lautet eines seiner Gebete: „Allermildester Jesus, wie kannst du es zulassen, dass deine Geschöpfe so grausam gepeinigt werden? Ich bitte dich, komm doch – kraft deines rosenfarbenen Blutes, das aus deinem gemarterten Leibe geflossen ist – allen Unschuldigen zu Hilfe!“

Pater Spee ist nicht nur feinfühliger Seelsorger und eifriger Beter, sondern auch ein Mann der entschlossenen Tat. Er verfasst eine öffentliche Anklageschrift gegen die Hexenprozesse und den Wahnsinn der Hexenverfolgungen. Mit seiner „Cautio criminalis oder Rechtliches Bedenken wegen der Hexenprozesse“ (1631/32), das Freunde von ihm anonym veröffentlichen, bäumt er sich auf gegen diese perfektionierte Art der Menschenjagd, Folterung und Hinrichtung von Frauen und Mädchen unter dem elenden Schein des Rechts und der Zustimmung von Religion und Kirche. Das Buch hätte Pater Spee Kopf und Kragen kosten können. Dass er sich durch seine pastorale Tätigkeit „an die Ränder“ (Papst Franziskus) der Gefängnisse wagt, ist schon viel. Wirklich gewagt ist jedoch seine gedruckte Stellungnahme gegen die Hexenprozesse. Um ihn zu schützen, wird Pater Spee von seinen Oberen heimlich von Paderborn nach Trier versetzt. Dort geht er wieder „an den Rand“: Als Seelsorger widmet er sich den Pestkranken. Dabei infiziert er sich und stirbt 1635 im Alter von erst 44 Jahren.

Ist der Himmel verschlossen, verriegelt und verrammelt? Das ist die Frage, die Pater Spee umtreibt und die er uns auch heute stellt. Auf dieser Folie wird das Lied lebendig, das er schon am Anfang seines priesterlichen Wirkens verfasst hat:

„O Heiland, reiß die Himmel auf,

herab, herab vom Himmel lauf,

reiß ab vom Himmel Tor und Tür,

reiß ab, wo Schloss und Riegel für.“

Das heißt: Herr, öffne die Tore des Himmels, öffne die verriegelten Tore auf der Erde und in den Menschen, komm selbst herabgelaufen, eile und säume nicht! Das erinnert an den Propheten Jesaja, wo das Wort Gottes an Kyrus, seinen Gesalbten ergeht, „den er an der rechten Hand gefasst hat, um ihm die Völker zu unterwerfen, um die Könige zu entwaffnen, um ihm die Türen zu öffnen und kein Tor verschlossen zu halten. Ich selbst gehe vor dir her und ebne die Berge ein. Ich zertrümmere die bronzenen Tore und zerschlage die eisernen Riegel“ (Jes 45,1-2).

Einige Verse weiter heißt es: „Tauet, ihr Himmel, von oben! Ihr Wolken, lasst Gerechtigkeit regnen! Die Erde tue sich auf und bringe das Heil hervor, sie lasse Gerechtigkeit sprießen. Ich, der Herr, will es vollbringen“ (Jes 45,8) Friedrich Spee greift dieses Motiv von Tau und Regen auf:

„O Gott, ein‘ Tau vom Himmel gieß,

im Tau herab, o Heiland, fließ.

Ihr Wolken, brecht und regnet aus,

den König über Jakobs Haus.“

Dass sich der Himmel öffnen und Hilfe von oben kommen möge, ist nicht nur die Bitte des Dichters. Es ist aktuell bis heute. Antoine de Saint-Exupéry gebraucht das Bild vom Tau, um die innere Trockenheit und den Durst des Menschen zu beschreiben: „Ich hasse meine Epoche aus ganzer Seele. Denn der Mensch stirbt in ihr vor Durst.“ Und an anderer Stelle lesen wir: „Meiner Meinung nach gibt es in der heutigen Zeit nur ein einziges, vordringliches Problem, die Frage, wie man dem heutigen Menschen wieder eine geistige Unruhe geben kann, wie man auf ihn etwas herabtauen lassen kann, das einem gregorianischen Choral gleicht.“[1]

Wie sprechend ist doch dieses Bild vom Tau! Durstlöscher in einer Epoche innerer Leere, Arznei gegen die Wüste der Herzen, Elixier gegen den geistig-geistlichen Durst!

Mit Anton Rotzetter beten wir:

„Öffne dich, Himmel,

und regne herab

Frieden und Gerechtigkeit.

Öffne dich, Himmel,

und verschlinge

den Tod und die Tränen,

die Not und das Leiden.“[2]

[1] Brief an den General, in: Wind, Sand und Sterne, Düsseldorf 1957, S. 97.

[2] Gott, der mich atmen lässt. Gebete, Freiburg-Basel-Wien 1993, S. 83.