Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier bei der Verleihung der Missio Canonica im Hohen Dom zu Augsburg am 9. Juli 2021

Öffnen Sie dem Glauben Türen, aber fallen Sie mit der Tür nicht ins Haus!

09.07.2021 18:00

Über die Wahl der heutigen Lesung freue ich mich sehr: „Unverkennbar seid ihr ein Brief Christi, geschrieben nicht mit Tinte, sondern durch das Wirken des lebendigen Gottes.“ (2 Kor 3,3) Wer mich besser kennt, weiß, warum mir dieser Vers so viel bedeutet. Er ist mein Primizspruch. Im Jahre 1985 bin ich in Exerzitien auf diesen Satz gestoßen. Ich bin über ihn gestolpert, habe ihn im Herzen bewegt und schließlich wählte ich ihn als Motto für meinen Dienst in der Kirche. Ja, ich möchte „ein Brief Christi“ sein.

Briefe sind Geschenke. Manch einer wird davon erzählen können, wie er / sie vielleicht von der Heimat weit entfernt, oft mehrmals am Tag zum Postkasten ging in der Hoffnung, darin einen Brief vorzufinden. Er wird sich an die Freude erinnern, wenn etwas im Briefkasten lag. Andere verbinden mit Briefen auch dunkle Erfahrungen: alte Wunden brechen auf, die durch Absagen geschlagen wurden; es gibt blaue Briefe, Versetzungsschreiben, Abschiedsbriefe und auch Umschläge mit schwarzen Trauerrändern. Daneben stehen die frohen Botschaften, die oft unverhofft ins Haus flattern: Hochzeitseinladungen und Taufanzeigen und – was uns wohl am meisten anrührt – Briefe, die kaum etwas erfragen oder erbitten, sondern einfach von freundschaftlicher Verbundenheit zeugen, von Vertrautheit, Anteilnahme und gegenseitigem Gebet.

Mit seinem Brief, der nach Johannes nur aus dem einen Wort besteht, das Fleisch wurde, hat Gott das Eis des Alten Bundes zum Schmelzen gebracht. Auf einmal kommt ein neuer Stein ins Rollen zwischen Gott und uns Menschen: ein Stein, an dem sich manche noch stoßen werden; ein Stein, den einige Bauleute verwerfen werden, der aber trotzdem den Eckstein bilden wird für ein Haus, das Kirche heißt und das keine noch so starke menschliche Macht bezwingen kann.

Im Buch der Weisheit steht: „Als tiefes Schweigen das All umfing, da sprang dein allmächtiges Wort vom Himmel“ (Weish 18,14f). Diese Ankündigung hat Gott eingelöst: „Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“. Das heißt: Hier interessiert sich einer für uns, der nichts davon hat. Gott hat alles, und wenn er Mensch wird, so hat er davon nichts. Er wird Mensch – nur für uns. Gottes Interesse an uns teilt nicht nur ein paar freundliche Geschenke aus, während er selbst in Distanz bleibt. Sein Interesse für uns treibt ihn hinein in unsere Situation. Er schreibt uns einen göttlichen Liebesbrief, in dem er sich selbst mitteilt – als Mensch. Gott gibt sich einen menschlichen Namen und ein menschliches Gesicht: Jesus Christus.

Gottes Liebesbrief wartet auf unsere Antwort. Wir sollten Gott die Antwort nicht schuldig bleiben. Unsere Reaktion ist gefragt. Darin kann sich keiner vertreten lassen. Die Antwort auf Gottes Liebesbrief hat so viele Varianten, als es menschliche Gesichter gibt. Junge Menschen darauf vorbereiten, dass sie Jesus eine Antwort geben können, darin sehe ich eine wesentliche Aufgabe der Religionslehrerinnen und –lehrer. In der Schule erreichen Sie Leute, die im Gemeindeleben längst nicht mehr da sind. Damit meine ich gar nicht nur die Schülerinnen und Schüler, sondern auch Ihre Kolleginnen und Kollegen anderer Fachrichtungen, die Angestellten, die in der Schule Dienst tun. Wenn hoffentlich bald wieder der Präsenzunterricht die Regel wird, dann zeigen Sie sich bitte als Mensch. Bringen Sie im Schulleben Ihre Erfahrungen und Einsichten ein! Religion ist keine trockene Materie, nichts Neutrales, sondern ein Fach, das uns persönlich beansprucht, das Zeuginnen und Zeugen braucht.

Ich bin ehrlich – und da spreche ich aus Erfahrung: Denn auch ich habe als Kaplan und Pfarrer an verschiedenen Schulen Religion unterrichtet. Das Fach ist anspruchsvoll, es fordert. Allerdings kann es passieren, dass der Schulbetrieb so mit sich selbst beschäftigt ist, dass scheinbar kein Raum bleibt für reflektierte Religion. Lassen Sie sich dadurch nicht frustrieren, sondern nerven Sie gerade dort! Ihre Sendung, die MISSIO CANONICA, die Sie heute empfangen, lautet: Öffnen Sie für den Glauben Türen, aber fallen Sie mit der Tür nicht ins Haus! Papst Franziskus sagt zum Religionsunterricht: „Es wäre nicht richtig, den Aufruf zum Wachstum (im Glauben) ausschließlich oder vorrangig als Bildung in der Glaubenslehre zu verstehen. Es geht darum, das, was der Herr uns geboten hat, als Antwort auf seine Liebe zu ‚befolgen‘. (…) Es ist gut, dass man in uns nicht so sehr Experten für apokalyptische Diagnosen sieht bzw. finstere Richter, die sich damit brüsten, jede Gefahr und jede Verirrung aufzuspüren, sondern frohe Boten, die befreiende Lösungen vorschlagen, und Hüter des Guten und der Schönheit, die in ihrem Leben, das dem Evangelium treu ist, erstrahlen.“ (Evangelii gaudium, Nr. 161.168)

Religionslehrer sind keine Inquisitoren, sondern Inspiratoren, damit das Leben gelingen kann in der Kraft des Heiligen Geistes. Es braucht weder gewaltige Worte noch gewichtige Gaben, um auf Gottes Brief zu antworten. Es ist die Treue des manchmal klein(kariert)en Alltags, in der die Liebe sich bewährt und sich auf Großes vorbereitet. Mein Wunsch für Sie ist, dass Sie den Glauben in und mit der Kirche praktizieren. Dazu zählt auch die Mitfeier des Gottesdienstes an Sonn-und Feiertagen: weniger als Pflicht und vielmehr als Ehrensache für jemanden, der nicht nur auf dem Papier, sondern vor allem mit dem Herzen zu Jesus gehören will. Im Gebet, das ich zum Ende der Exerzitien vor meiner Priesterweihe verfasste, schlägt sich dieser Gedanke nieder.

 

MEIN HERR UND MEIN GOTT,

mit den Worten des Apostels Thomas danke ich Dir, dass Du mich nach den Tastversuchen vieler Jahre in Deinen Dienst genommen hast. Eigentlich habe ich Dich nie persönlich gesehen und Dich oft gar nicht gespürt, aber trotzdem glaube ich, dass Du mir immer wieder Briefe geschrieben hast – nicht mit Tinte, sondern durch das Wirken des Geistes in den Menschen, die für mich Dein Brief geworden sind.

MEIN HERR UND MEIN GOTT,

ich danke Dir, dass ich nun selbst Dein Brief sein darf. Du sendest mich, ohne dass ich die Adresse weiß. Gib, dass ich ankomme, wo ich ankommen soll. Manchmal habe ich Angst, die Menschen könnten mich vielleicht nicht lesen. Schenke mir wenigstens hin und wieder ein gutes und ehrliches Echo. Gib mir aber auch Geduld und Gelassenheit, warten zu können, denn schon oft blieb ein Brief unbeachtet, ehe er neu gelesen und verstanden wurde.

MEIN HERR UND MEIN GOTT,

ich bin Dein Brief. Aber auch in Zukunft möchte ich Briefe von Dir erhalten. Ich weiß, dass Du mir nur selten direkt Briefe schreibst und so bitte ich Dich: Schreibe mir durch andere Menschen. Denn das Wichtigste schreibt man sich nicht selbst, es wird einem geschrieben. Du weißt, wie notwendig wir alle der Freundschaft bedürfen. Gib, dass ich diesem schönsten, schwierigsten und riskantesten Geschäft des Lebens gewachsen bin.

 

MEIN HERR UND MEIN GOTT,

ich will Dein Brief sein – kein trockener Geschäftsbrief, keine wohlklingenden und zugleich leeren Worte, sondern Dein Liebesbrief, der den Menschen Treue und Trost zuspricht, ein Brief, geschrieben nicht mit Tinte, sondern durch das Wirken des Heiligen Geistes.

Lass mich Dein Brief sein, ohne jemals das Gefühl zu haben, im Leben etwas zu versäumen.

 

MEIN HERR UND MEIN GOTT, ich bin Dein Brief und warte auf Briefe von Dir, meinem Freund und Bruder.