Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier zur Feierlichen Jahresschlussandacht 2021 im Hohen Dom

„Ohne Böllerschüsse, aber mit dem Knaller der Weltgeschichte“

31.12.2021 18:00

Da sage noch einer, Religion sei out. Wenn man jüngste Äußerungen des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann hört, dann liegt das Gegenteil nahe: Religion ist in. So hat der Politiker erst am 4. Dezember auf einem Parteitag der Grünen Corona als „Plage biblischen Ausmaßes“ bezeichnet und hinzugefügt: „Ich bin weder der Pharao, der unterdrückt, noch der Mose, der befreit.“ Weiter sagte Ministerpräsident Kretschmann. „Das Impfen ist der Moses, der uns aus dieser Pandemie herausführt.“ - Wie immer man diese Aussagen drehen und wenden mag, religiöse Narrative werden durchaus noch bemüht, um aktuelle Phänomene zu beschreiben. Doch für solche Zeitanalysen muss man bibelfest sein. Auch der 1. Petrusbrief, aus dem wir in der Lesung hörten, kann uns helfen, die gegenwärtige Phase der Geschichte zu würdigen, über der schon jetzt bald zwei Jahre ein Schatten liegt: „Dennoch seid ihr voll Freude, wenn es für kurze Zeit jetzt sein muss, dass ihr durch mancherlei Prüfungen betrübt werdet. Dadurch soll sich eure Standfestigkeit im Glauben, die kostbarer ist als Gold, das im Feuer geprüft wurde und doch vergänglich ist, herausstellen.“ (1 Petr 1, 6f.)

Ja, diese Zeit ist eine Prüfung: unsere Geduld wird auf die Probe gestellt, unsere Solidarität, der lange Atem des Engagements für Kranke und Sterbende. Auch wie es um unser Gottvertrauen und unsere Zuversicht in die Zukunft bestellt ist, das alles und noch vieles mehr steht auf dem Prüfstand. Bevor wir geistliche Perspektiven für morgen entwickeln, lade ich Sie zu einer Zeitreise in die Vergangenheit ein. Gehen wir um 500 Jahre zurück, und wir werden sehen, dass ein Gang durch das Jahr 1521 eine echte Entdeckungsreise wird: Der Blick ins Gestern leuchtet uns den Weg ins Morgen. Was ereignet sich 1521? Was kann dieses zeitlich entfernte Jahr uns heute lehren – ein halbes Jahrtausend danach?

Vor 500 Jahren, am 17. April 1521, begegneten sich auf dem Reichstag zu Worms erstmals Kaiser Karl V. und der Reformator Martin Luther.[1] In den kontroversen Diskussionen jener Tage berief sich Luther auf das Wort Gottes und auf sein Gewissen. Dabei wird ihm das Diktum in den Mund gelegt: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ Kaiser Karl hingegen bezog sich auf die Tradition und auf die katholische Wahrheit. Interessant ist das gemeinsame Anliegen, das die beiden Kontrahenten verband – den Monarchen und den Mönch, den politischen Riesen und den scheinbar geistlichen Zwerg: Beide wollten die Erneuerung einer satten, verkrusteten Kirche. Beide beriefen sich auf ihr Gewissen. Beide behaupteten, Gott auf ihrer Seite zu haben. Die Chance auf eine Einigung verspielten sie: Der Ober sticht den Unter. Luther wurde verurteilt und verbannt. Damit war die konfessionelle Spaltung Europas fixiert - mit der Folge: Jahrhunderte religiöser und nationaler Zerrissenheit, brutale Kriege, Blutvergießen – alles im Namen Gottes. Gut 500 Jahre später könnte sich für uns eine neue Gelegenheit eröffnen, um die Ökumene voranzutreiben: 2030 feiern wir hier in Augsburg 500 Jahre Confessio Augustana, das Augsburger Bekenntnis: Basistext für die lutherische Kirche und zugleich ein Versuch, die Einheit mit der katholischen Kirche zu wahren. Wie sich im Namen Gottes die Fronten vor 500 Jahren verhärteten, so wünsche ich mir, dass wir in Gottes Namen ökumenisch endlich weiterkommen. Ich träume von Augsburg als Schrittmacherin für die Einheit der Christen!

Vor 500 Jahren, am 20. Mai 1521, wurde bei Pamplona ein junger Mann durch eine feindliche Kanonenkugel schwer verletzt: Er heißt Ignatius von Loyola. Der eitle und ehrgeizige baskische Ritter erlitt auch einen seelischen Schock, der in ihm eine radikale innere Umkehr auslöste. Nach Jahren der Suche entschied er sich, Seelsorger zu werden; dafür nahm er ein mühsames Studium auf sich; er sammelte Gefährten um sich, mit denen er die Gesellschaft Jesu, den Jesuitenorden gründete. Dieser prägte wesentlich die längst fällige geistliche Reform mit, nach der sich die katholische Kirche so sehr sehnte. Ich selbst durfte viele Jahre meines Studiums in Rom verbringen, wo ich sowohl akademisch als auch spirituell von Jesuiten ausgebildet wurde. Auf diese Formung bin ich bis heute stolz. Denn sie ist mir bleibende Lebenshilfe. 500 Jahre danach – heute – brauchen wir mehr denn je eine geistliche Erneuerung der Kirche. Wer nur auf neue Strukturen setzt, wer Beratungsfirmen als Quasi-Heilsbringern blind vertraut, wer das kirchliche Leben bis in die Sprache hinein nach ökonomischen Narrativen beschreibt, der greift zu kurz. Gehen wir in die Schule der Spiritualität! Lernen wir unsere Zeit und die Ereignisse, denen wir uns stellen müssen, im Licht des Heiligen Geistes deuten und die nötigen Schlüsse daraus ziehen. Ich wage die kühne Behauptung: Keine Zeit ist gottlos. Jede Zeit ist Gottes Zeit. Er spricht auch, wenn er schweigt. Herr, deute uns die Zeichen dieser denk-würdigen Zeit! Zeige uns auf, was Du uns damit sagen willst!

Vor 500 Jahren, am 8. Mai 1521, wurde in Nimwegen Petrus Canisius geboren. Beeindruckt von Peter Faber, einem Vertrauten des Ignatius von Loyola, trat er 1543 als erster Deutscher dem Jesuitenorden bei. Unermüdlich war er zu Fuß in Europa unterwegs – als Reisender in Sachen Christus. Zu seinen Wirkungsstädten zählen Ingolstadt und Augsburg. Wegen seiner nachhaltigen Predigten und Katechesen gilt er nach dem hl. Bonifatius als „Zweiter Apostel Deutschlands“.  Skrupulös veranlagt, konnte er aufgrund der eigenen leidvollen Erfahrungen auch anderen hilfreicher geistlicher Begleiter sein. So empfahl er einem kranken und von Sündenangst geplagten Mitbruder, die göttliche Barmherzigkeit zu meditieren und - so wörtlich - „sein Nest in den Wunden Christi“ zu bauen. Das eigene „Zuhause in den Wunden Christi“ einrichten – dies scheint mir in die ‚spirituelle Herzkammer‘ des Phänomens Petrus Canisius zu führen.  „Wes das Herz voll ist, des läuft der Mund über“, diese im Deutschen sprichwörtlich gewordene Übersetzung eines Jesuswortes (Mt 12,34) durch Martin Luther benennt gleichsam die ‚Methode des Canisius‘ - eines Predigers, der weder durch große Originalität der Gedanken noch durch brillante Rhetorik Eindruck machte und dennoch seine Zuhörer stundenlang fesselte, weil er im Erzählen von Gott kein Ende finden konnte.[2] Canisius war kein rhetorisches Kraftwerk, aber ein spirituelles Bergwerk, das kostbare Schätze birgt: In der Christusbeziehung liegt das Geheimnis seiner Ausstrahlung, auch und gerade hier in Augsburg, etwa als Domprediger. Mühen auch wir uns wieder mehr darum, Freundinnen und Freunde Jesu zu werden! Bauen wir unser „Nest in den Wunden Jesu“, leben wir aus Gottes Barmherzigkeit, gerade im Sakrament der Versöhnung!

Vor 500 Jahren, von August 1519 bis September 1522, umsegelte der Portugiese Fernão de Magalhães erstmals den Globus. Damit war endgültig erwiesen, was sich wissenschaftlich schon abzeichnete: Die Welt als Kugel. Bis heute gibt es Verschwörungstheoretiker, die sie für eine Scheibe halten. Die Weltumseglung hat symbolische Bedeutung dafür, dass das eurozentrische Weltbild abgelöst ist, dass die Menschheit heute multiethnisch, multikulturell und multireligiös tickt. Wirtschaft, Finanzen und Kultur globalisieren sich. Doch sind wir noch weit davon entfernt, um in der Einen Welt die Ideen „Menschenwürde, Toleranz und Gleichberechtigung“ systematisch umzusetzen. Die Fugger waren zwar keine Heiligen, sondern als Kaufleute und Banker Kinder ihrer Zeit; aber sie haben in Augsburg wertvolle Impulse für die Zukunft gesetzt: So hat der steinreiche Jakob Fugger, eine Art Bill Gates des 16. Jahrhunderts, im Namen seiner beiden Brüder Ulrich (+1510) und Georg (+1509) schon vor 500 Jahren drei Stiftungen errichtet. Die berühmteste ist die Fuggerei, 1521 ins Leben gerufen als sozial-caritatives Pilotprojekt aus christlichem Geist. Kehren wir zum Ausgangspunkt zurück: Die erste Weltumseglung hat das alte Weltbild umgestoßen. Die Wissenschaft widerlegte, was unkritisch einfach so überliefert wurde. Derzeit machen Verschwörungstheorien in vielerlei Hinsicht die Runde. Sündenböcke werden gesucht und gefunden, auch im Blick auf Covid-19. Selbst unsere jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger müssen wieder dafür herhalten; sie werden bedroht, fühlen sich nicht mehr sicher bei uns. Daher meine Bitte: Gehen Sie Fake-News und sog. alternativen Fakten nicht auf den Leim! Passen Sie auf, wem Sie nachlaufen! Prüfen Sie, wo Sie mitlaufen! Distanzieren Sie sich von Leuten, die unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung unterlaufen! Wir dürfen mühsam Errungenes nicht aufs Spiel setzen. Gern können wir einander das Leid klagen, aber der Frust soll uns nicht übermannen! Aus Italien haben wir eine Süßspeise importiert, „Tiramisú“ (Zieh mich nach oben); nicht „Buttamigiú“ (Stoß mich nach unten!) Lassen wir uns nicht nach unten ziehen! Wir Christinnen und Christen haben die Herzen erhoben (Sursum corda!), wir sind Leute der Hoffnung, Anhänger des Neuen Weges.

Ich bin neugierig und gespannt auf eine Regierung, die Erneuerung will nach dem Motto: Mehr Fortschritt wagen. Die Koalition vorschnell zu kritisieren, steht mir nicht zu. Auch dem Kanzler und seiner Ministerriege ist eine Frist von 100 Tagen zu gönnen. Doch eine Fußnote sei erlaubt: In seiner ersten Regierungserklärung entfaltete der neue Bundeskanzler die Agenda seiner „Fortschrittskoalition“ und erklärte, was Fortschritt sei: ganz oben der technische Fortschritt, es folgen ökologischer, sozialer und kultureller Fortschritt. Vier Perspektiven des Fortschritts, doch Eines fehlt mir: Wo bleibt der moralische Fortschritt, der Fortschritt des Humanum? Aller Fortschritt nützt nichts, wenn dabei der Mensch auf der Strecke bleibt: Nichts zum Lebensschutz - weder im Koalitionsvertrag noch in der Regierungserklärung. Wir wagen nicht „mehr Fortschritt“, wenn damit ein Rückschritt der Menschlichkeit einherginge.

Tun wir alles, dass der Mensch nicht vogelfrei wird, sondern geschützt bleibt, von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod. Ich weiß, wie komplex und diffizil ein Urteil ist, wenn es um Leben und Tod geht. Ich möchte nicht in der Haut derer stecken, die entscheiden müssen. Gott sei Dank haben wir einen Maßstab: Wir dürfen das Lebensrecht vor allem der Schwachen, Kleinen und Kranken nicht opfern auf dem Altar der Selbstbestimmung. Es wäre ein Selbstmissverständnis der Kirche, wenn sie sich daran beteiligen würde. Christliche Autonomie indes bindet sich frei an Gott. Wahres Christsein ist theonom.

Wer daher „mehr Fortschritt wagen“ will, darf sich fragen, ob er nicht auch „mehr Glauben wagen“[3] sollte. Dabei geht es nicht nur um Rechtgläubigkeit, sondern auch und vor allem um Glaubwürdigkeit! Sie wiederzuerlangen, dafür braucht es langen Atem und gemeinsames Mühen. Selbst wenn wir Christen in Zukunft zahlenmäßig schrumpfen, liegt darin die Chance, stärker zu werden: als kreative Minderheit, die strahlt und anzieht! Das ist wahrer Fortschritt, der dem Evangelium entspricht. In seiner Enzyklika „Populorum progressio“ (1967) hat Papst Paul VI. diese Art von Fortschritt stark gemacht und mit dem Frieden verbunden: Frieden ist die Frucht des Fortschritts[4], nicht nur für Reiche und Auserwählte, sondern auch für Länder an der Peripherie. Fortschritt hat weniger die Egoisten im Blick, sondern die Armen, die vom Rand in die Mitte gehören.

Mit diesen ernsten, aber auch hoffnungsvollen Gedanken geben wir das alte Jahr dem Herrn der Zeit zurück. Im Blick auf das kommende wünsche ich Ihnen zusammen mit den Weihbischöfen, dem Generalvikar und den Mitgliedern unseres Domkapitels: Bleiben Sie behütet und gesund – insgesamt positiv, hinsichtlich des Corona-Virus negativ! Vor allem bitte ich Sie mit den Worten aus dem 1. Petrusbrief: „Hört nicht auf, einander von Herzen zu lieben. Ihr seid neu gezeugt worden, nicht aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Samen: aus Gottes Wort, das lebt und das bleibt.“ (1, 22f.)

Ich danke den Ehrenamtlichen und Hauptberuflichen, die das kirchliche Leben im Bistum garantieren und inspirieren, vor allem jenen Frauen und Männern, die Tag und Nacht bei den Kranken sind und dabei weniger an sich selbst, sondern an deren Genesung und Heilung denken. Danke dem Personal in unseren Alten- und Pflegeheimen sowie auf den Intensivstationen der Krankenhäuser. Das ist oft Schwerstarbeit – psychisch und physisch. Angesichts dieser Situation liegt es nahe, auch diesen Jahreswechsel ruhig zu begehen - ohne Böllerschüsse, aber umso begeisterter vom eigentlichen Knaller der Weltgeschichte: „Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ (Joh 1,14)

[1] Wertvolle Hinweise dazu gibt Stefan Kiechle SJ, Vor 500 Jahren, in: Stimmen der Zeit (150. Jg.) 2021, S. 241f.

[2] Vgl. Mathias Moosbrugger, Ich…kann den Mund nicht halten“. Petrus Canisius und das Apostolat der Geschwätzigkeit. In: Geist und Leben. Heft 2/April-Juni 2021, S. 133-140.

[3] Vgl. mein gleichnamiges Buch erschienen 2001 im St.Ulrich-Verlag Augsburg.

[4] Vgl. Nr. 87.