Predigt zur Osternacht 2021 (3. April 2021) im Hohen Dom zu Augsburg
von Bischof Dr. Bertram Meier

Ostern feiern als kollektives Hoffnungszeichen – trotzig und frech!

03.04.2021 23:18

Für uns unvorstellbar! Die drei Frauen am Grab hatten Angst. Entsetzen hatte sie gepackt, diese ersten Zeugen der Auferstehung. Da ist nichts österlich, kein Halleluja. Die Angst im Nacken, laufen sie davon. Und wir? Wir feiern Ostern; dafür haben wir gekämpft – auch in Corona-Zeiten. Warum ist uns das so wichtig?

Was haben wir jenen drei Frauen am Grabe voraus, dass wir uns Ostern nicht nehmen lassen wollen? Worauf stützen wir uns, was den Frauen damals fehlte?

Es ist das Bild des Auferstandenen. Wir haben gehört und können sagen, wie Jesus Christus aussieht: Der Auferstandene zeigt die Wunden seines Leidens. Jene fünf Wundmale, an denen die Jünger ihn erkennen, durch die ein Thomas zum Glauben kommt. Christi Merkmale sind auch nach Ostern die Wundmale des Karfreitags. Und sie fassen es noch einmal zusammen: seine Angst am Ölberg, den Hass der Leute, den brutalen Schmerz am Kreuz, seinen Tod. Dieses Leiden hat er besiegt, die Macht des Todes gebrochen. Doch er schüttelt es nicht einfach ab wie einen schlechten Traum. Er bleibt verletzt, gezeichnet vom Leiden. Es ist dieses Bild vom Auferstandenen, das die Osterkerze mit den fünf Wundmalen darstellt. Es ist dieses Bild vom verwundeten Christus, das wir den drei Frauen voraushaben.

Aber sind uns die drei Frauen nicht doch auch nahe – sie, die sich zum Grab schleppen? Lastet nicht auch auf uns die Sorge jenes schweren Steines, hinter dem alle Hoffnung begraben liegt? Die Sorgen in der Pandemie, von denen es täglich neue Varianten gibt? Die Angst vor der drohenden Zukunft, vor dem Alleinsein? Ist nicht unser aller Leben, unser Alltag, von Wundmalen geprägt? Die Wunde, die der Tod eines lieben Menschen reißt? Die Wunde, als mich ein guter Freund verließ? Die Wunde eines schweren Verlustes? Dies sind die Wundmale unseres Lebens, die uns Angst machen, die wie ein Stein auf uns lasten und uns zu Boden drücken. Es sind die Wunden des Karfreitags, als der Himmel sich verdunkelte. Es sind die Wundmale der Nacht, der Nacht der Welt, der Nacht unseres Herzens. Davon weiß auch Papst Franziskus: „Gott ist bei uns in jeder Verwundung, in jeder Angst: Kein Übel, keine Sünde hat das letzte Wort. Gott aber siegt, die Siegespalme erwächst aus dem Holz des Kreuzes. Die Palmzweige und das Kreuz bilden eine Einheit.“[1] Dunkel und Licht verbünden sich.

Da ist die Nacht, wie sie noch vor einer Stunde hier im Dom herrschte. Ihr Dunkel steht für uns selbst: für die Wunden meiner Hoffnung, für die Nacht meines Herzens. In ihr haben wir das neue Licht der Osterkerze entzündet – eine kleine, schutzlose Flamme in der großen Kathedrale. Ihr Licht hat sich ausgebreitet, und doch bleibt vieles dunkel. Die Nacht geht weiter; die Kerze behält ihre Wundmale. Es ist wie beim Auferstandenen: Seine Hände sind durchbohrt, sein Herz bleibt verletzt, aber es sind die Zeichen des Auferstandenen. Sein Bild sagt mir: Meine Nacht geht weiter, doch sie ist verklärt. In ihr leuchtet die kleine Flamme von Ostern. Und dieses kleine Licht hat mehr recht als die große Dunkelheit!

Ja, das Osterlicht brennt – und es wurde ausgeteilt in der ganzen Kirche. Keine Gottesdienstabsage, keine Kontaktbeschränkung, keine Ausgangssperre konnte es verhindern: Wir haben die Osterkerze angezündet und ihr Licht verbreitet. Es ist Ostern! Der Herr ist auferstanden. Er ist wirklich auferstanden.

Wir feiern Ostern, wie es die Menschheit vor Corona noch nicht erlebt hat: ein Ostern, an dem wir uns das Halleluja aus der Distanz zurufen müssen; ein Ostern, an dem die körperliche Nähe, der Händedruck, die Umarmung, die Begegnung mit vielen anderen das Leben nicht fördert, sondern bedroht.

Der Journalist Alois Knoller beobachtet in der AZ gerade im Hinblick auf Kinder und Jugendliche: „Der erzwungene Verzicht (auf Begegnungen) muss sie traurig stimmen. Sogar das tägliche Zusammensein mit Freunden, das gemeinsame Spielen mit Gleichaltrigen, das absichtslose Blödeln, das Kräftemessen in der Gruppe, der bewegungsintensive Spaß auf einer Party, das Knistern des ersten Verknalltseins fällt dem Abstandsgebot zum Opfer. (…) Wie viele verkriechen sich in ihrer Wohnung, weil sie ängstlich ihren Mitmenschen als Infektionsträger misstrauen? Mancher spült seine Isolation mit Alkohol hinunter. Es wird einige Zeit dauern, bis unter uns wieder Vertrauen ins Miteinander wächst.“[2]  

Trotzdem und gerade deshalb brennen heute die Lichter. Und sie brennen umso heller, je mehr um sie herum Dunkelheit herrscht. So viele Bilder der letzten Wochen und Monate sind Passionsbilder. Diese Bilder von Leid und Schmerz gehen mir zu Herzen; sie haben viele erschüttert: Bilder von Menschen in Deutschland, die mit Tränen in den Augen das kleine Geschäft, das sie mühsam aufgebaut haben, in den Bankrott gehen sehen; das Bild eines Politikers, der unter der Last der Verantwortung keine Kraft mehr hat, die Krise zu managen; dramatische Bilder von überfüllten Intensivstationen – etwa in Spanien oder Tschechien, wo Ärzte und Pfleger um das Leben ihrer Patienten kämpfen – rund um die Uhr. Ich denke an Bilder von Militärfahrzeugen in Italien, die Jahr Särge abtransportieren, und von Gabelstaplern, die in New York Tote in Kühllaster heben mussten. Es sind so viele Passionsbilder, die wir gesehen haben und die uns betroffen machen. Aber die Osterkerze brennt. Mitten in dieser Passionszeit, die nun schon mehr als ein Jahr dauert, ist und bleibt sie Botschafterin der Auferstehung, Zeugin dafür, dass Gott ein „Freund des Lebens“ (Weish 11,26) bleibt, Hinweis darauf, dass Gottes Liebe stärker ist als Leiden und Tod.  

Genau das ist die Botschaft der Osternacht: Im Dunkel meines Lebens, hinter den Ängsten, die mich heute bedrängen, blitzt das Licht von Ostern auf. So ist für mich Ostern ein kollektiver Hoffnungsmoment. Gottes Heilsgeschichte, die in Jesus den Tod - Ursprung aller menschlichen Angst - überwunden hat, ist eingenäht in den Stoff des gemeinschaftlichen Gedächtnisses der Christen. Ich mache einen praktischen Vorschlag – gerade an die gerichtet, die nicht in körperlicher Gemeinschaft feiern können, sondern per Livestream oder durchs Fernsehen mit uns verbunden sind: Gestalten Sie eine persönliche Osterkerze! Und wählen Sie sich einen besonderen Spruch fürs Leben! Das sind kleine, aber starke Hoffnungszeichen! Gerade jetzt „passt“ das Osterfest, da die Hoffnung knapp geworden ist, wo wir Licht in der Dunkelheit brauchen. Statt der Osterkerze in der Kirche kann ich auch eine Kerze bei mir zuhause anzünden – als Symbol für Auferstehung und Leben statt Sterben und Tod. Und dann darf ich das Licht weiterreichen, andere Kerzen entzünden, es bei mir und den Meinen hell werden lassen. Schließlich kann ich auch einstimmen in den Osterruf, der uns ökumenisch vor allem mit den orthodoxen Schwestern und Brüdern verbindet: „Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaft auferstanden.“ Das muss nicht in der Kirche sein. Das kann man sich auch schreiben oder zusprechen übers Telefon!

Es ist Nacht - aber um die Osterkerze brennen die Lichter. So lasst uns nun Ostern feiern - trotzig und frech in Corona-Zeiten - und mit großer Zuversicht das Leben begrüßen, das stärker ist als der Tod: Christus ist auferstanden. Halleluja. Amen.

[1] Papst Franzikus, Predigt am Palmsonntag 28. März 2021 in der Petersbasilika vor 150 Gläubigen, darunter 30 Kardinäle.

[2] Augsburger Allgemeine, Nr. 72 (77./170. Jg.) vom 27./28. März 2021, S. 2.