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Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier bei der Priesterweihe von Fr. Franziskus Schuler OPraem am 5. Mai 2023 in Roggenburg

Pater – Priester – Prophet

05.05.2023 18:00

Prophet und Priester – das passt, denken wir. Gerade heute, wenn Diakon Frater Franziskus das Sakrament der Priesterweihe empfängt. Franziskus ist ja ein prophetischer Name. In Franz von Assisi begegnen wir einem waschechten Propheten. War er es doch, der durch sein Leben, seine Symbolhandlungen und seine revolutionären Botschaften die verknöcherte Kirche des Mittelalters aufgesprengt und geweitet hat.

Zudem möchte ich ausdrücklich festhalten, dass Franz von Assisi sicher nicht die Priesterweihe empfangen hat; nicht einmal die in Theologie und Kunst oft vertretene These, Franziskus sei Diakon gewesen, ist historisch abgesichert, im Gegenteil: Diese Meinung ist hoch umstritten. Priester und Prophet – ein durchaus spannendes Paar. In der Person des künftigen Pater Franziskus soll sich dies widerspiegeln und geistlich fruchtbar werden.

Gleich eine Klarstellung: Prophet wird man nicht auf dem kirchlichen Dienstweg, auf den Sprossen einer bestimmten kirchlichen Karriereleiter – vom Frater zum Pater. Man wird auch nicht Prophet, weil man es gern sein möchte oder sich selbst durch Extravaganzen für einen Propheten hält. Das tun heute manche, um aufzufallen und ihren eigenen Ideen und Interessen zu frönen. Solche Leute gibt es im Klerus eines Bistums ebenso wie wohl auch in der Kommunität eines Klosters. Die Frage ist nur, ob solche selbst ernannten Propheten auch wissen, was sie da wollen und wirken. Prophetenexistenz: das hat Konsequenzen. Das kann auch einen Einschnitt bedeuten. Wer Prophet sein und bleiben will, muss umdenken. Das weiß auch unser Frater Franziskus. Sein Weg bis zum heutigen Tag war ihm nicht in die Wiege gelegt. Es war langwierig, mitunter auch beschwerlich und steinig; es gab Durststrecken, Wartezeiten und Prüfungen. Soll ich, soll ich nicht? Darf ich, darf ich nicht? Bin ich dem Ganzen gewachsen? Nimmt mich die Gemeinschaft an – und passe ich selbst in diesen konkreten Konvent der Prämonstratenser? Viele Fragen, manche Zweifel, das eine oder andere Zögern – und heute ist es endlich so weit: Diakon Frater Franziskus wird Pater; er wird zum Priester und Propheten geweiht. Unsere Freude ist groß!

Um Priester und Prophet zusammenzubringen, lohnt sich ein Blick in die heutige Lesung: die Berufung des Propheten Jeremia. An ihm können wir ablesen: Wer es mit Gott zu tun bekommt, der kann sich auf einiges gefasst machen. Prophet sein ist kein Honigschlecken. Wer Näheres darüber erfahren will, dem empfehle ich die Lektüre des Buches Jeremia. Seine Bekenntnisse sind ein erschütterndes biographisches Zeugnis: „Verflucht der Tag, an dem ich geboren wurde; der Tag, an dem meine Mutter mich gebar, sei nicht gesegnet.“ Was ist das für ein Leben? Jeremia muss sich auseinandersetzen mit Missverständnis, Verleumdung, Ablehnung und Spott. Oft steht er allein da, er muss sich durchbeißen in seiner Berufung. Viel lieber hätte er sich den Lachenden und Sorglosen zugesellt. Aber Gott hält ihn da fest, wo er ihn hingestellt hat – treu und unerbittlich. Lieber Frater Franziskus, ich zolle Ihnen Respekt für Ihr Durchhaltevermögen und Ihre Hartnäckigkeit! Diese Tugenden zeichnen einen Propheten aus.

Es kann sein, dass jemand über seine Berufung erschrickt. Jeremia gehört dazu. Er will dem Ruf nicht folgen, mit Händen und Füßen sträubt er sich: „Ach, mein Gott und Herr, ich kann doch nicht reden, ich bin ja noch so jung.“ Geht’s Ihnen anders, Frater Franziskus? Sie haben Ihr Ja gesagt, frei und ungezwungen. Und Ihre Kommunität hat es akzeptiert. Aber ich kann mir vorstellen, dass damit nicht alle Fragen einfach so erledigt sind: Worauf lasse ich mich ein? Wer weiß, was da alles noch auf mich zukommt? Bin ich den Anforderungen gewachsen? Und dann noch die Situation der Kirche in unserem Land! Dafür sich engagieren? „Ach Gott, ich kann doch nicht so gut reden, geschweige denn geschmeidig schreiben. Nimm doch einen andern, der’s besser kann!“ Gott lässt den Einwand nicht gelten: „Sag nicht, ich bin noch so jung.“

„Wohin ich dich sende, dahin sollst du gehen.“ Alle Achtung, wer das kann. Als Bischof erlebe ich immer wieder, wie schwer sich Mitbrüder tun, meiner Bitte zu entsprechen, sich versetzen zu lassen; die persönlichen Pläne dem Projekt des größeren Ganzen, in diesem Fall des Bistums, unterzuordnen. Es ist nicht leicht, die eigene Lebensgeschichte so zu schreiben, dass sie sich einfügt in eine größere Geschichte. Viele drehen den Satz um, mit dem Gott Jeremia konfrontierte. Dann heißt es gegenüber dem Oberen, sei es der Bischof, sei es der Abt: Wohin ich gehen möchte, dahin sollst du mich senden. - Im Klartext: Nicht dein Wille, sondern mein Wille geschehe. Auch wenn es uns hart ankommt, lieber Frater Franziskus, es geht um den Gehorsam: Wohin ich dich sende, dahin sollst du gehen. Bleiben Sie mobil, sind Sie verfügbar, lassen Sie sich senden! Diese Haltung bedeutet keinesfalls gefügige Anpassung oder gar blinder Kadavergehorsam. Vielmehr geht es um die Bereitschaft, die eigene Planung in das Projekt der Gesamtgemeinschaft zu stellen. Wir können uns die Orte und die Leute, die Verhältnisse und die Zeiten nicht aussuchen, sie sind einfach da. Stellen wir uns dieser Herausforderung! Gemeinsam sind wir gerufen – der einzelne und seine Gemeinschaft, der Orden und die Diözese.

Eines noch will ich in dieses Netz der Überlegungen einflechten. Nicht der Erfolg weist den Propheten aus, eher der Schmerz, den der Anspruch des Wortes Gottes mit sich bringt. Frater Franziskus, stellen Sie sich diesem Schmerz! Auch Franz von Assisi ist dem Schmerz nicht aus dem Weg gegangen: Er hat Aussätzige umarmt und war von Jesu Wunden in den Stigmata gezeichnet. Auch Sie werden als Pater Franziskus die Erfahrung machen, dass mancher Schmerz zusetzt, wenn er unter die Haut geht. Es gibt auch einen „Gottesschmerz“. Der ist alles andere als harmlos. Ich spreche von den Reibungspunkten, die entstehen, wenn Gottes Anspruch sich meldet und bei uns auf Widerstand stößt. Der Gottesschmerz entsteht, wenn wir uns an Gott reiben. Doch dieser Gottesschmerz ist nötig, damit wir merken, dass wir es nicht mit selbstfabrizierten Götzen zu tun haben. Nur wer Gottes Anspruch auch gelten lässt als Einspruch gegenüber den eigenen Bedürfnissen, glaubt wirklich. Ein solcher Glaube verändert. Der Gottesschmerz entsteht, wenn wir Gott nicht auf Sicherheitsabstand halten, sondern ihn uns nahekommen lassen. Wie real ist mir Gott? Vertreten wir ihn nur von Amts wegen als „Vertreter“, als „Hausierer“ für christliche Anliegen und Werte, vertreten wir lediglich „die Sache Jesu“ und seinen humanen Umgangsstil – oder stehen wir für das ein, was Sie, lieber Frater Franziskus, gleich versprechen werden, u.a.: „Sind Sie bereit, ein Mann des Gebetes zu werden?“ In einem ostkirchlichen Gebet der Mönche heißt es: „Mein Erlöser, ich habe jetzt genug davon, über das Problem nachzudenken und zu diskutieren, das du für uns darstellst. Ich habe genug gelesen, genug gehört, genug geredet. Ich würde mich dir jetzt gerne einfach nähern. Lass mich die Bücher schließen. Zwischen uns soll nichts mehr sein. Lass mich zu dir kommen. Gib, dass ich mich versenke, vertiefe in deine Gegenwart. Dein Herz allein spreche zu meinem Herzen.“

Damit schlagen wir den Bogen zu dem, was ich Ihnen, lieber Frater Franziskus, am 14. Oktober 2021 bei der Diakonenweihe empfohlen habe: „Das Gebet um ein hörendes Herz steht nicht nur am Anfang einer verantwortungsvollen Aufgabe. Das Anliegen ist das inständige Gebet eines jeden, der darum weiß, dass er sich maßlos überhebt, wenn er sich nur auf seine eigene Kraft und Stärke verlässt. Zwar dürfen wir heute ein großes Fest feiern. Damit jedoch die Gnade des großen Anfangs einen langen Atem bekommt, legen wir in den Dank auch die Bitte des Salomon für Frater Franziskus hinein: Schenke deinem Diener ein hörendes Herz, damit er sein Ideal ein Leben lang einlöst: Ex toto corde.“ Lieber Frater Franziskus, werden Sie nun Pater Franziskus „aus ganzem Herzen“! Amen.