Predigt zum Abschluss der Sebastianioktav 2021 in Augsburg

„Pestpatron und Glaubenszeuge: Dem Leben eine Seele geben!“

24.01.2021 16:45

Fürchtet euch nicht! Dreimal spricht Jesus so zu seinen Jüngern. Wem tut eine solche Aufmunterung nicht gut, wenn er sie nicht nur an die Jünger von damals, sondern ganz persönlich an sich gerichtet hören darf! Fürchte dich nicht! Besonders wird ein solcher Satz den anrühren, der etwas Besonderes fürchtet oder überhaupt mit Lebensangst zu kämpfen hat. Fürchte dich nicht! Dieses Wort kann Balsam sein für eine verängstigte, aufgeschreckte und furchtsame Seele.

Ob diese Ermutigung nicht gerade uns Christen heute gesagt ist? Verfolgungen sind wir, Gott sei Dank, in unseren Breiten nicht ausgesetzt. Wir dürfen unseren Glauben leben, ungefährdet und ungeniert, noch…! Bei offiziellen Anlässen wird hierzulande in der Regel auch ein Beitrag der Kirchen erbeten. In vielerlei Weise gehört der Segen mit Grußwort der Kirchenvertreter bei unseren Festlichkeiten noch dazu. Auch Imame werden mittlerweile eingebunden: Tendenz steigend. Sind Gesten der Religionen mehr als schmückendes Beiwerk?

Fürchtet euch nicht! Dieses Thema ist auch bei uns aktuell.

Furcht – wenn ich mich am Arbeitsplatz ständig so bedeckt halte, dass ich mit meiner Glaubensüberzeugung ja bei niemandem anecke.

Furcht – wenn ich im Gespräch mit Freunden und Kollegen meinen christlichen Standpunkt nicht einbringe und offenlasse, um es mir mit keinem zu verderben. Aber aufgepasst: Wer nach allen Seiten offen ist, ist nicht mehr ganz dicht!

Furcht – wenn ich in der Familie um des lieben Friedens willen den Besuch des Gottesdienstes und das Engagement in karitativen Anliegen ganz unterlasse.

Furcht – wenn ich in der Pfarrgemeinde, am Arbeitsplatz, im privaten Umfeld keine Courage habe, um Jesu willen für die einzutreten, die keine Lobby haben, und gegen den Strom zu schwimmen, weil ein paar Meinungsführer(innen) schon einen anderen Kurs ausgegeben haben.

Also doch: Wir sind ertappt. Unser Verhalten ist nicht angstfrei; manche Masche, mit der wir unser Lebensmuster stricken, ist besetzt von Furcht.

Gerade jetzt ist vielen von uns die Angst auf die Pelle gerückt. Die Pest von damals heißt heute Corona. Wie vor Jahrhunderten hier ein Hospiz stand mit einem Haus für Priester, die sich im angrenzenden Lazarett der an der Seuche Erkrankten annahmen, so ist bis heute St. Sebastian nicht nur der Patron dieser Kirche, sondern auch ein Fürsprecher in den Nöten unserer Stadt. Schon seit 1815 zählt die Sebastianioktav zu Augsburgs religiösem Pilgerkalender, längst bevor es die öffentliche Ulrichswoche gab. Gern erinnere ich heute an die Kapuziner, die wir leider schon 2008 wegen Personalmangel verabschieden mussten. Umso dankbarer bin ich Pfarrer Florian Geis, der mit Elan, Eifer und Ernst die Verehrung des hl. Sebastian verlebendigt hat. Heuer feiert er seine letzte Sebastianioktav als Augsburger Stadtpfarrer. Von Sebastian, dem Patron bei Pandemien, geht es zum Geißelheiland auf der Wies, von der Römerstadt zum Weltkulturerbe: wenn das keine Perspektive ist für einen Priester, der sich Kult und Kultur verschrieben hat! Vergelt’s Gott, lieber Florian, für Dein Wirken! Und wenn Du in der Wies umgeben bist von Stuck und Gold, von bunten Farben und prächtigem Licht, dann vergiss bei allem St. Sebastian nicht!

Der hl. Sebastian ist nicht nur Pestpatron, vor allem ist er Glaubenszeuge, Märtyrer. Gerade jetzt wird uns das hautnah bewusst. Die Coronakrise lässt uns Christen in den Spiegel der Wahrheit schauen. Ja, die Kirche(n) selbst werden in Frage gestellt: Was sind wir eigentlich? Welche Rolle kommt uns zu in der multireligiösen Gesellschaft, die auch in Augsburg Einzug gehalten hat? Sind wir mit unserer Botschaft und den Angeboten, die wir den Menschen machen, systemrelevant? Um es klar zu sagen: In den zahlreichen sozial-caritativen Einrichtungen, die wir tragen, halte ich uns für systemrelevant. Und in vielem, was wir unseren Mitbürgerinnen und Mitbürgern sonst noch bieten, sind wir lebens-, sogar überlebensrelevant. Denn wir halten ein Angebot vor, das über das Irdische weit hinausreicht: Wir Christen leben unter einem offenen Himmel. Wenn wir von der Erde sprechen, wenn wir eine menschlichere Welt gestalten wollen, dann treibt uns die Überzeugung an, dass der Himmel offensteht. Umgekehrt gilt: Wenn der Christ vom Himmel spricht, steht er mit beiden Beinen auf der Erde. Leider scheint es, dass sich unser Leben verflacht hat. Auch unsere Worte, unsere Gottesdienste sind oft glatt und oberflächlich. Vergröberung und holzschnittartiges Urteil breiten sich aus. Mehr Tiefgang ist gefragt. Das erwarten die Leute von uns. Wir dürfen sie nicht enttäuschen. So sind Liturgie und Verkündigung weder reine Freizeitveranstaltung noch bloßer Kulturevent. Sie machen wesentlich unser Menschsein aus, denn zur Natur des Menschen zählt seine religiöse Ader. Diese Ader müssen wir neu öffnen helfen. 

Fürchtet euch nicht! Damit hat Jesus auch uns im Auge: Verkriech dich nicht in deiner Angst! Lass dir den Schneid nicht abkaufen! Wenn du zu meinen Jüngern gehören willst, dann darf sich das nicht nur abspielen in der Sakristei, in deiner guten Stube, in der Kammer deines Herzens. Es geht also darum, dass sich der Glaube nach außen klappt, dass wir ihm unser Gesicht geben, Hand und Fuß.

Hinter der Angst, die uns Christen bewegt, steht wohl auch ein massiver Glaubensschwund. Manchmal frage ich mich: Warum sollten Christen in Europa den Islam fürchten, wäre ihr Glaube lebendiger? Eine echte Stärkung der eigenen Identität erfolgt nicht durch Ablehnung des anderen und Fremden, sondern durch Vertiefung und Verlebendigung des Eigenen. Wie Recht doch Peter Scholl-Latour (1924-2014) hatte mit seiner These: „Ich fürchte weniger die Stärke des Islam als vielmehr die Schwäche des Christentums.“

Fürchtet euch nicht! Dieses Wort bekommt Ernst und Tiefe, wenn wir es in den Zusammenhang stellen, in den es Jesus gesprochen hat. Er hat erfahren, dass die Kunde vom Reich Gottes nicht nur Applaus hervorruft. Es gibt auch Widerstand und Protest. Des Evangeliums wegen wurde Jesus nicht nur aufs Kreuz gelegt, auf sein Wort hin wurde er darauf sogar festgenagelt. Bis heute werden in vielen Teilen der Erde Jesu Jünger belächelt und veräppelt, benachteiligt, bedroht und verfolgt, gefoltert und ermordet. Da kann es einem angst und bang werden. Messerscharf ist die Analyse, die Roland Freisler, der Vorsitzende des Volksgerichtshofes, vor dem angeklagten Alfred Delp SJ herausbrüllte: „Was Sie und uns verbindet, das ist, dass wir beide den ganzen Menschen wollen.“ Der brutale Jurist Freisler, vom ehemaligen Kommunisten zum fanatischen Nazi mutiert, hat damit sogar Recht. Jesus Christus will nicht nur einen Teil von uns, er will den ganzen Menschen. Es gibt Ideologien, die das nicht ertragen können. Sie wollen jeden und alles total bestimmen: Totalitarismus in vielen Facetten. Jesus hält entgegen: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten können, sondern fürchtet euch vor dem, der Leib und Seele ins Verderben stürzen kann.“

Wir dürfen unsere Seele nicht verlieren. Oft reden wir von der Seele. Wenn wir uns etwas von der Seele reden können, fühlen wir uns erleichtert. Gerade jetzt brauchen die Menschen Nahrung für die Seele. Die Gesundheit des Leibes ist wichtig – ohne Zweifel. Aber sie ist nicht alles. Unsere Mitmenschen brauchen Seelennahrung, Brot fürs Herz. Sonst kann es sein, dass sie körperlich gesund bleiben, aber seelisch krank werden. Das sollten wir verhindern helfen. Gerade die Kirche darf ihr Seelenleben nicht vergessen. Sonst wird sie ein seelenloser Apparat. Wir werden nur punkten, wenn wir uns wieder auf unser Kerngeschäft besinnen: die Seelsorge; dann gehört die Seele in die Mitte unseres Mühens. Ein alter Pfarrer hat bei seinem Priesterjubiläum den zahlreichen Wegbegleitern und Mitarbeitern gedankt: „Ich habe versucht, den Leib Christi in der Gemeinde, die mir anvertraut war, zu beseelen.“ – Wir brauchen nicht alles selbst machen, unser Wert besteht nicht allein im Funktionieren und Organisieren, es geht vor allem darum zu beseelen: dem Raum, den wir bewohnen, eine Seele zu geben.

Fürchtet euch nicht! Wichtig ist, dass eure Seele keinen Schaden nimmt. Das legt auch Pater Alfred Delp seinem Patenkind Alfred Sebastian ans Herz, dem er am 23. Januar 1945 schreibt: „Lieber Alfred Sebastian, als große Freude und Ermunterung erhielt ich heute die Nachricht von deiner Geburt. Ich habe dir gleich mit meinen gebundenen Händen einen kräftigen Segen geschickt, und da ich nicht weiß, ob ich dich im Leben je sehen werde, will ich dir diesen Brief schreiben, von dem ich aber auch nicht weiß, ob er je zu dir kommen wird. Du hast dir für den Anfang deines Lebens eine harte Zeit ausgesucht. Aber das macht nichts. Ein guter Kerl wird mit allem fertig. Du hast gute Eltern, die werden dich schon lehren, wie man die Dinge anpackt und meistert. (…) Ja, mein Lieber, ich möchte deinem Namen auch noch eine Last, ein Erbe hinzufügen. Du trägst ja auch meinen Namen. Und ich möchte, dass du das verstehst, was ich gewollt habe, wenn wir uns nicht richtig kennen lernen sollten in diesem Leben; das war der Sinn, den ich meinem Leben setzte, besser, der ihm gesetzt wurde: die Rühmung und Anbetung Gottes vermehren; helfen, dass die Menschen nach Gottes Ordnung und in Gottes Freiheit leben und Menschen sein können. Ich wollte helfen und will helfen, einen Ausweg zu finden aus der großen Not, in die wir Menschen geraten sind und in der wir das Recht verloren (haben), Menschen zu sein. Nur der Anbetende, der Liebende, der nach Gottes Ordnung Lebende, ist Mensch und ist frei und lebensfähig. (…) Es segne und führe dich der allmächtige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.“ Dein Patenonkel Alfred Delp.