Pfingsten als "Fest der Absolution"
Brausen, Sturm, Feuerzungen, Sprachenwunder. Wenn wir unser heutiges Pfingstfest hier in St. Anton neben den Bericht der Apostelgeschichte stellen, nimmt es sich schon recht bescheiden aus: Es braust allenfalls die Orgel, Völkerscharen sind gerade nicht bei uns versammelt, und ob die Sprache, die wir in der Kirche sprechen, von allen verstanden wird, sei auch dahingestellt.
Aber die Kirche würde Pfingsten nicht feiern, wenn es nur Vergangenheit wäre. Auch in der Heiligen Schrift gibt es nicht nur das laute Pfingsten der „Kraft aus der Höhe“, der Dynamis, die wie Dynamit das enge Gehäuse der Jünger aufsprengt und sie dynamisch in die Öffentlichkeit treten lässt.
Neben dem spektakulären Pfingsten, wie es uns Lukas schildert, steht das stille Pfingsten, von dem Johannes im Evangelium erzählt. Hier geht alles viel verhaltener, unauffälliger, intimer zu. Nicht die Bühne der Weltöffentlichkeit ist der Ort, wo der Geist Gottes wirkt, sondern der unscheinbare, verschlossene Raum, in dem sich die Jünger verborgen halten. Und noch etwas: Während Pfingsten sich bei Lukas am 50. Tag nach dem Paschafest ereignet, einem Fest, an dem die Juden für die erste Ernte und das Geschenk der Zehn Gebote am Sinai danken, fällt bei Johannes alles auf einen Tag. Was war das für ein Tag: Früh am Morgen das Wunder der Auferstehung, abends die Erscheinung des Auferstandenen!
Ich kann mir denken, dass auch uns das verhaltene Pfingsten nähersteht und vielleicht sogar tiefer anrührt als das laute Sturmesbrausen. Spielt sich doch auch unser Leben oft mehr im Kleinräumigen, ja Kleinkarierten ab; wird doch auch unser Christsein nicht nur öffentlich, sondern meist im kleinen Kreis, in den Familien, Kommunitäten und an den Arbeitsplätzen entschieden.
Setzen wir uns unter die Jünger und versuchen wir, das Pfingstereignis, das zugleich Osterbegegnung ist, ein wenig mitzuerleben:
Shalom. „Der Friede sei mit euch.“ So beginnt es – mit dem Alltäglichen, in Israel üblichen Gruß – damals wie heute. Er enthält alles, was Menschen einander nur wünschen können: Gesundheit, Wohlstand, Freude, Glück, Heil, das alles ist Shalom: Der Friede sei mit euch. Doch wir kennen aus eigenem Erleben: Grußformeln können sich abnützen. Es kommt darauf an, wer sie spricht und wie er sie spricht. Aus dem Munde Jesu heißt das: Ihr braucht euch nicht mehr zu fürchten. Kommt heraus aus eurem Schneckenhaus. Ich bin es; ich, der für euch da ist.
„Der Friede sei mit euch“, bedeutet aber noch mehr. Nicht umsonst sagt Jesus zweimal: Der Friede sei mit euch. Der die Jünger zweimal grüßt, ist der, den sie in der Stunde seiner Not schmählich im Stich ließen. Die Jünger hatten ihren Meister und Freund allein hängen lassen - am Ölberg, im Prozess, am Kreuz. Bewusst fügt Johannes hinzu: Nach diesem Gruß zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Die Wunden sind noch da, aber sie sind verklärt.
Wie dürfen sich da die Jünger freuen! Sie brauchen nicht mehr rot zu werden, denn trotz allem ist ihnen gesagt: Der Friede sei mit euch. Das ist fast wie eine Absolution, die in die Sendung mündet: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ Doch damit nicht genug: Die Begegnung ist an Tiefe und Dichte kaum zu überbieten: Jesus haucht seine Freunde an, er schenkt ihnen den langen Atem seines österlichen Lebens, indem er seinen Geist in sie hineinlegt: „Empfangt den Heiligen Geist.“ Das gibt den Entmutigten Rückenwind.
Ein Hauch, das ist etwas sehr Leises, Unauffälliges, Unaufdringliches und trotzdem sehr Wirkungsvolles. Auf das Leise im Leben zu hören, müssen auch wir wieder lernen, die wir uns so an das Laute gewöhnt haben. Schon im Alten Bund musste einer in diese Schule gehen. Elia darf am Gottesberg Horeb die Gegenwart Jahwes erfahren. Zuerst kommt ein gewaltiger Sturm, dann ein mächtiges Erdbeben, schließlich zuckendes Feuer. Zuletzt hört Elia ein sanftes Säuseln: Gerade darin spricht Gott. Auch wir können heute mit den Jüngern das sanfte Gesetz des Hauches lernen. Martin Buber nennt es die „Stimme eines verschwebenden Schweigens“.[1] Diese Stimme spricht das entscheidende Wort: „Empfangt den Heiligen Geist. Allen, denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; allen, denen ihr sie nicht erlasst, sind sie nicht erlassen.“
Damit berühren wir die tiefste Bedeutung des Grußes: „Der Friede sei mit euch“. Von dort her nehmen die Jünger ihren Anspruch: „Wir bitten euch an Christi Statt: Lasst euch mit Gott versöhnen“ (2 Kor 5,20). Ich bin mir bewusst, dass manche von uns eine Schwellenangst daran hindert, sich diese Vergebung im Heiligen Geist zusprechen zu lassen. Wie viele Gesichter hat diese Angst: Scheu, sich seiner Schuld zu stellen; schlechte Erfahrungen bei früheren Beichten, Hemmungen vor der Armut eigener Worte, Furcht davor, man könnte beim Beichten etwas falsch machen, weil einem die Praxis schon jahrelang fehlt.
„Der Friede sei mit euch“, das wird uns an Pfingsten neu gesagt. Ich weiß, dass schlechte Erfahrungen und Reserven nicht von heute auf morgen vergehen, aber man sollte sie auch nicht zur Entschuldigung dafür machen, sich auf dem Status quo auszuruhen. Wenn das Wort „Der Friede sei mit euch“ nicht in der Unverbindlichkeit eines alltäglichen Grußes verrinnen soll, dann könnten wir vielleicht wieder einmal einen Versuch wagen, in unser belastetes Leben neuen Geist einhauchen zu lassen. Der Dichter Max Frisch drückte es einmal so aus: „Ein Katholik hat die Beichte, um sich von seinem Geheimnis zu erholen. Eine großartige Einrichtung. Er kniet und bricht sein Schweigen, ohne sich den Menschen auszuliefern, und nachher erhebt er sich, tritt wieder seine Rolle unter den Menschen an, erlöst von dem unseligen Verlangen, vom Menschen erkannt zu werden. Ich habe bloß meinen Hund, der schweigt wie ein Priester, und bei den ersten Menschenhäusern streichle ich ihn.“[2]
Das heißt, der Mensch kann sich in der Beichte selbst mitteilen im Wissen darum, dass sein Versagen nicht zum Markte getragen wird. Er spricht sich aus, wobei er für sich persönlich die Zusage zurückerhält: Deine Sünden sind dir vergeben. Du kannst erleichtert nach Hause gehen.
Auch wir Priester (und Bischöfe) haben hier niemals ausgelernt. Im Beichtstuhl kann und darf es nicht darum gehen, einer Schwester oder einem Bruder auf den Zahn zu fühlen oder gar Peinlichkeiten zu schaffen. Im Namen Christi sprechen wir, erfüllt von seinem Geist: „Ich spreche dich los von deinen Sünden, der Friede sei mit dir.“
Was uns allen helfen könnte, wäre Solidarität in der Schuld. Sünder sind wir alle; jeder hat Fehler. Daher erheben wir uns nicht und spielen kein Theater vor. Auch der Priester braucht einen Mitbruder, um sich von seinen eigenen Sünden freisprechen zu lassen. Nicht einmal der Papst kann sich selbst die Absolution erteilen. Auch er muss niederknien vor einem Geistlichen, dem Christus die Stimme leiht, um seinem Stellvertreter auf Erden das vergebende Wort Gottes zuzusprechen. Im Rückblick auf das Heilige Jahr 2000 hat Papst Johannes Paul II. in seinem Dokument „Misericordia Dei“ an die Wichtigkeit des Sakramentes der Versöhnung erinnert: „Wenn viele Gläubige, darunter auch zahlreiche Jugendliche, dieses Sakrament fruchtbar empfangen haben, dann müssen wahrscheinlich die Hirten mehr Vertrauen, mehr Phantasie und einen längeren Atem haben, um das Bußsakrament in der Verkündigung vorzulegen und seine Wertschätzung zu fördern“.
Vielleicht haben Sie den Eindruck: Heute hat sich der Herr Bischof in der Jahreszeit geirrt. Doch die Botschaft von der Vergebung der Sünden ist nicht nur ein Thema für die Fastenzeit. Sie gehört wesentlich zum Evangelium von Pfingsten. „Der Friede sei mit euch“. Dieses befreiende Wort müssen wir gehört haben, ehe wir hinausgehen, um Gottes Zeugen zu sein. Sonst bleibt alles tönernes Erz, geistlose Betriebsamkeit. So wird Pfingsten bei aller Freude immer auch ein Tag eindringlichen Bittens bleiben, ein Fest auf den Knien:
Komm, Heiliger Geist,
in unsere Stadt,
in unser Haus,
in unsere Familien,
in unsere Gemeinschaften,
in unsere Herzen.
Ohne dich lesen wir Bücher
und werden nicht weise.
Ohne dich reden wir lange
und werden nicht eins.
Ohne dich sehen wir nur Fälle,
Zahlen und Fakten.
Ohne dich zerfällt unser Leben
in eine Reihe von sinnlosen Tagen.
Ohne dich werden wir treulos.
Ohne dich werden die Kirchen Museen.
Ohne dich wird das Beten Geschwätz.
Ohne dich finden wir keine Vergebung.
Komm, Heiliger Geist, und sprich zu uns:
Der Friede sei mit euch. Amen.
[1] So übersetzen Buber/Rosenzweig die Stelle 1 Kön 19,22; Martin Luther übersetzt: „ein stilles, sanftes Sausen“.
[2] Max Frisch, Mein Name sei Gantenbein, 1964, S. 152f. Auch Martin Luther und Dietrich Bonhoeffer haben gebeichtet. Die Beichte war – für Bonhoeffer – die Chance zum Durchbruch und zur Freude des Glaubens.