Polizist und Seelsorger: der Menschen Freund und Helfer
Erst vor wenigen Wochen fand hier in Augsburg der bundesweite Auftakt der misereor-Fastenaktion statt. Bereits zu diesem Anlass war Herr Staatsminister Herrmann bei uns zu Gast, den ich auch heute wieder herzlich begrüße. Im Vorfeld der misereor-Feier mit vielen Gästen und Fernsehübertragung gab es Absprachen zwischen dem Innenministerium, der Polizei Augsburg und meinem Team im Bischofshaus. Es ging um die Garantie der Sicherheit. Und es hat alles gut geklappt.
Ich konnte gelassen und entspannt Gottesdienst feiern und dann im Kolpinghaus am Eröffnungsfest teilnehmen. So war es für mich eine Erleichterung zu wissen, dass geschulte Einsatzkräfte der Polizei vor Ort waren, die sicherstellten, dass die Veranstaltung reibungslos ablaufen konnte. Dafür, aber auch für die stets verlässliche Zusammenarbeit bei anderen Gelegenheiten, möchte ich mich herzlich bedanken.
Dieses kleine Beispiel zeigt: Die Polizistinnen und Polizisten in unserem Land sorgen dafür, dass wir in Sicherheit und ohne Angst leben können. Dabei sind sie selbst Belastungen ausgesetzt; eine Statistik, die unlängst veröffentlicht wurde, weist auch auf die Gefahren und Risiken in, die auf Polizisten im Dienst zukommen können. Polizistinnen und Polizisten sind gefährdet – Tendenz steigend. Schließlich müssen sie oft Wege finden, um auch Grenzsituationen wie Tod und Trauer zu verarbeiten und zu kommunizieren. Gott sei Dank gibt es für diese Fälle Sie, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Katholischen Polizeiseelsorge, die zuhören, begleiten oder einfach da sind. Sie tun dies unabhängig von der konfessionellen oder religiösen Bindung Ihrer Kolleginnen und Kollegen. Ihr Hintergrund aber ist der christliche Glaube und dieser lebt wesentlich vom Wort Gottes. Wir haben vorhin Lesungen gehört, die für den heutigen Tag vorgesehen sind: Ich habe keine eigenen Texte ausgewählt, weil ich meine, dass diese Worte uns allen, trotz verschiedener Hintergründe, wertvolle Impulse mitgeben können.
1. Wachsam sein
Da ist zunächst der Schutz der Gemeinde. „Gebt Acht auf euch und auf die ganze Herde […] Nach meinem Weggang werden reißende Wölfe bei euch eindringen und die Herde nicht schonen.“ (Apg 20,28f) Das sagt der Apostel Paulus bei seiner Abschiedsrede der Gemeinde von Milet; dabei wendet er sich speziell an die Ältesten als Vorläufer der Bischöfe. Mancher könnte meinen, dass nur ich (als Bischof) mich heute davon angesprochen fühlen müsste. Ich denke aber, dass dieser Satz ebenso für jede Polizistin und jeden Polizisten gelten kann. Denn „reißende Wölfe“ im Sinne von Lügnern und Betrügern gibt es nicht nur auf spiritueller Ebene, wovon Paulus spricht, sondern auch im ganz weltlichen Sinne als Verbrecher, die andere hinters Licht führen und Schaden zufügen. Besonders schlimm ist es, wenn solche Delinquenten aus den eigenen Reihen kommen, wie Paulus sagt (vgl. Apg 20,30). Wir kennen das von der Kirche, die sonst so gern den moralischen Zeigefinger erhebt, und Sie, liebe Schwestern und Brüder, wissen darum vielleicht auch in der Polizei. Keine Gemeinschaft ist gefeit davor, dass sich unter die überwältigende Mehrheit an Mitgliedern mit guten Absichten Einzelne mischen, deren Motive nichts mehr mit den ursprünglichen Zielen und Idealen zu tun haben, und seien diese noch so edel. Darum gilt für uns alle, was Paulus seinen Vertrauten mitgibt: „Seid […] wachsam.“ (Apg 20,31)
Wachsamkeit gehört ins Kernprofil einer jeden Polizei. Doch beschränkt sich das nicht nur auf die Einhaltung geltender Gesetze. Aufmerksamkeit und ein wacher Blick für den anderen sind wichtige Eigenschaften auch der Seelsorge. Wie geht es meiner Kollegin? Wieso ist der Mensch, mit dem ich arbeite, in letzter Zeit so schweigsam? Was belastet den Kollegen? Eine Herausforderung in der Polizeiseelsorge sehe ich darin, zu erspüren, wann ein Mensch Probleme hat oder einfach mal jemanden zum Reden braucht, ohne aufdringlich zu sein. Zugleich dürfen wir nicht überhören, dass Paulus nicht nur sagt „Gebt Acht auf die Herde“, sondern „Gebt Acht auf euch“. Soll heißen, jede Seelsorgerin und jeder Seelsorger kann nur dann sinnvoll für andere da sein, wenn sie oder er selbst in sich ruht und eine eigene Mitte hat. Das ist die alles entscheidende Kraftquelle, aus der wir schöpfen.
Hinzu kommen Achtsamkeit und die „Unterscheidung der Geister“, wie der hl. Ignatius von Loyola sagt. Fragen wir uns ehrlich: Was bewegt mich innerlich? Fühle ich mich ausgeglichen oder beunruhigt mich etwas? Wovon träume ich? Wovor habe ich Angst? Wichtig ist, auf die Regungen der Seele zu achten und wahrzunehmen, was wirklich ist: Wir müssen uns der Realität stellen. Nur so kann ich mir der eigenen Stärken und Schwächen bewusstwerden, meine Berufung vergewissern und für andere ein hilfreicher Begleiter sein.
2. Einander stärken
Jesus sagt uns im heutigen Evangelium: „Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt.“ (Joh 17,18) Sendung: Für manche ist das vielleicht ein steiler theologischer Begriff, mit dem sie wenig anfangen können. Letztlich geht es darum, was unser Auftrag ist. Da sitzen übrigens Polizisten und Seelsorger in einem Boot. Im Italienischen gibt es das Sprichwort: L’abito non fà il monaco. Die Ordenskutte macht nicht den Mönch aus. Auch der Talar macht einen Priester nicht zum Geistlichen. Auf die Polizei angewendet: Nicht die Uniform macht aus Menschen Polizisten, sondern die Überzeugung, das Gute zu schützen und Gefahren für die Zivilgesellschaft abzuwehren. Gleiches gilt für die Seelsorgerinnen und Seelsorger: Jesus weiß wohl, in welche, oft feindselige Welt er seine Jüngerinnen und Jünger schickt. Aber er bittet seinen himmlischen Vater nicht darum, sie deshalb aus der Welt zu nehmen (vgl. Joh 17,15)! Im Gegenteil: Christsein bedeutet keine Weltflucht, sondern ein Leben in dieser Welt auf den Spuren Jesu, der auf Menschen zuging, ihre Nöte sah und ihnen half, selbst wenn sie ihm anfangs skeptisch oder gar ablehnend begegneten. Dies kann im Alltag auf verschiedene Weise geschehen: Ein freundlicher Blick, ein gutes Wort, eine kollegiale Umarmung. Stark sind wir, wenn wir uns als Gemeinschaft im gleichen Arbeitsumfeld gegenseitig stützen, Trost zusprechen und Mut machen.
3. Miteinander und füreinander beten
Das führt mich zu meinem dritten Gedanken: Jesus wendet sich bei seinem Abschied im Gebet an Gott: „Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast […]“ (Joh 17,11) Dazu muss man wissen, dass der Name Gottes bereits im Alten Testament für die Israeliten Schutz und Heil bedeutete. Jesus bittet also darum, dass alle Menschen guten Willens bei Gott sicher und geborgen sind. Auch darin erkenne ich ein wichtiges Element von Seelsorge: Wir dürfen alles, was uns bewegt, zu Gott tragen. Er will uns helfen und inneren Frieden schenken. Es gibt Situationen, da gehen uns die Worte aus, da sind wir mit Ereignissen konfrontiert, die uns sprachlos machen. Vermutlich haben Sie das alle schon erlebt. Die Versuchung liegt nahe zu meinen, es sei eine Schwäche, angesichts dramatischer Dinge zu verstummen. Doch manchmal ist es einfach nur wichtig, gemeinsam die Situation auszuhalten und die Betroffenen den guten Händen Gottes anzuempfehlen. Unterschätzen wir niemals die Kraft des Gebetes! Es hilft, mit Gott zu sprechen. Er selbst hat uns in Jesus eingeladen: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch Ruhe verschaffen.“ (Mt 11,28) Beten wir miteinander und füreinander! Vertrauen wir darauf, dass Gott all unsere Gebete hört und uns mit seinem Geist der Liebe nahe sein will!
________________________
Auf Ihrer Tagung haben Sie sich eingehend mit dem Verhältnis von Staat und Kirche beschäftigt. Zu den Grundlagen der bayerischen Verfassung zählt das christliche Menschenbild. Unter diesem Aspekt sitzen Staat und Kirche in einem Boot. Das heißt: Polizei und Seelsorge verbindet eine gemeinsame Mission, wenn auch in unterschiedlichen Rollen: Dem Wohl der Menschen dienen (vgl. Art. 99 der BayVerf) und insbesondere die Schwachen schützen (vgl. Apg 20,35). Lassen wir darin nicht nach und helfen wir alle zusammen, damit möglichst viele in unserem Land etwas von der „Freude“ (Joh 17,13) spüren können, die Jesus uns versprochen hat. Seelsorger und Polizisten – jede und jeder ist auf eigene Weise der Menschen Freund und Helfer.