Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier am 3. Juli 2021 zur Amtsübergabe des Generalvikars Msgr. Heinrich zu Msgr. Hacker

Prellbock, Puffer und Pastoraler Motor: Die drei „P“ eines Generalvikars

03.07.2021 20:00

Dem Scheidenden Dank, dem Kommenden Segen! Für den Scheidenden „Vergelt’s Gott“, für den Kommenden „Segen’s Gott“! Dazu sind wir in der Basilika St. Ulrich und Afra zusammengekommen, an den Gräbern unserer großen heiligen Bistumspatronin Afra und ihres jüngeren geistlichen „Bruders“ Ulrich, dessen Spuren ich als Bischof von Augsburg folgen will. Dem scheidenden Generalvikar Harald Heinrich gebührt Dank, dem kommenden Generalvikar Dr. Wolfgang Hacker erbitten wir Gottes Segen.

Der Generalvikar ist gemäß der kirchlichen Ordnung in besonderer Weise mit dem Bischof verbunden. Bei der Leitung der Diözese ist er sein engster Mitarbeiter. Deshalb wird er auch – etwas volkstümlich – als „alter ego“, als „anderes Ich“ des Bischofs bezeichnet.  In einem Statement hat Msgr. Harald Heinrich einmal gesagt, dass zwischen den Bischof und seinen Generalvikar kein Blatt Papier passen dürfe. Wenn wir vom Generalvikar als dem „anderen Ich“ des Bischofs sprechen, ist das also nicht von der äußeren Erscheinung her zu deuten. Harald Heinrich und mich kann man nicht verwechseln, und auch beim Anblick des neuen Generalvikars Wolfgang Hacker besteht wohl keine Gefahr, dass er mit dem Bischof verwechselt werden könnte. Doch wichtig ist weniger das Äußere, sondern die innere Wellenlänge, die den Bischof mit seinem Generalvikar verbinden muss.

Das möchte ich bei Harald ebenso hervorheben wir für Wolfgang. Die innere Wellenlänge muss stimmen. Denn die Bistumsleitung besteht nicht aus zwei ebenbürtigen elliptischen Brennpunkten, sondern wird vom Bischof ausgeübt und der Generalvikar hilft ihm dabei. Auf ihn verlässt sich der Bischof. Auch im Hinblick auf die Texte des II. Vatikanischen Konzils gibt es zwar ein Dekret über die Ausübung des Bischofsamtes, doch eine Theologie des Generalvikars suchen wir vergeblich.

Auf diesen Gedanken ruhen die Abschieds- und Begrüßungsworte, die zu sprechen mir ein Herzensanliegen ist: dem Scheidenden Dank, dem Kommenden Segen. Theodor Fontane hat gesagt: „Abschiedsworte müssen kurz sein wie Liebeserklärungen.“ Diese Sentenz nehme ich mir zu Herzen. Sie ist richtig und verpflichtend. Abschiedsreden sollen nicht lange sein. Das gilt auch hier und heute, zumal ja Msgr. Heinrich nicht in den Ruhestand tritt, sondern ein neues Kapitel in seiner Biographie als Priester aufschlägt: Er wird Stadtpfarrer in Dillingen, Basilikapfarrer an einem für das Bistum historisch bedeutsamen Ort. Er bleibt Mitglied im Domkapitel und zählt damit weiterhin zu meinen Konsultoren, d.h. den engsten Beratern des Bischofs. Auch den Dienst als Präses des Mesnerverbandes auf Diözesanebene wird er weiterführen. „Vergelt’s Gott“ für die Bereitschaft, Dich für den Bischof verfügbar zu halten!

„Abschiedsworte müssen kurz sein wie Liebeserklärungen.“ Dieses Wort kann man auch noch anders deuten, nämlich: „Abschiedsworte müssen wie Liebeserklärungen sein.“ D.h. sie sollen Gutes und „Liebes“ sagen – ohne oberflächliche Floskeln und Unwahrhaftigkeit. Das fällt mir bei Harald Heinrich nicht schwer.

Als ich im Juli 2019 – also vor knapp zwei Jahren – nach der Emeritierung von Bischof Dr. Konrad Zdarsa zum Diözesanadministrator gewählt wurde, habe ich mir nicht einmal die Frage gestellt, wen ich zu meinem Ständigen Vertreter ernennen würde. Und am Tag meiner Bischofsweihe am 6. Juni 2020 war klar: Der alte Generalvikar wird mein neuer. Vergelt’s Gott, lieber Harald, für Deinen Dienst als rechte Hand. Ein Domkapitular sagte einmal scherzhaft: Es ist ein gutes Zeichen, wenn ein Bischof „unter“ seinem Generalvikar überlebt. - In dieser etwas süffisanten Bemerkung steckt ein ernster Kern. Denn ein Generalvikar muss viel Unangenehmes, Belastendes, Ärgerliches von seinem Bischof fernhalten und regeln, damit dieser die Aufgaben des Guten Hirten erfüllen kann. In großer Loyalität, mit unermüdlichem Fleiß und klaren Konturen hast Du, lieber Harald, Deine Pflicht erfüllt. Das war und ist eine Entlastung – sowohl für Bischof Konrad als auch für mich. So konnten wir unserem Hirtendienst nachkommen und haben überlebt. Gerade in dieser schwierigen Zeit, da uns der Strudel des Missbrauchsskandals hinunterzieht, hast Du entschieden Flagge gezeigt, hast Widerständen getrotzt und bist den Vorgaben der Kirche gefolgt – bei allem Schmerz, der auch Dir ins Herz sticht, wenn wieder ein Mitbruder in den dunklen Abgrund oder Dunstkreis des Problems geraten ist. Es gelang Dir, Pflöcke einzurammen und zugleich Räume zum Atmen zu schaffen. Denn hinter jedem Vorgang der Verwaltung, hinter jeder Personalfrage und -entscheidung stecken konkrete Menschen. Vergelt’s Gott, dass Du die Macht, die Dir als Generalvikar gegeben war, als Dienst verstehen wolltest - am Bistum für den Bischof! Als Generalvikar warst Du mir fester Prellbock, Puffer und Pastoraler Motor. Diese drei „P“ zeichnen Dein Wirken aus.

Für Deine neue Lebens- und Arbeitsphase wünsche ich Dir Gesundheit, frohen Mut und Gelassenheit, die Dir in Dillingen nützen werden. Ebenso herzlich bedanke ich mich beim ganzen Team im Generalvikariat. Denn ohne unsere treuen engsten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sähen wir manchmal ganz schön alt aus. Ein Extra-Vergelt’s Gott gilt der bisherigen Büroleiterin Frau Rosemarie Helmschrott. Wir kennen uns schon viele, viele Jahre; und Ihnen ist es wesentlich mit zu verdanken, dass das Generalvikariat so gut und reibungslos funktioniert. Möge es so bleiben!

Dem neuen Generalvikar – Dir, lieber Wolfgang - sage ich ein herzliches Willkommen in der neuen Aufgabe. Besonders sehe ich Dich als Moderator Curiae, als Amtsleiter des Bischöflichen Ordinariates. Im Wort „Moderator“ schwingt sowohl Leitung wie auch Ausgleich mit. Ich kenne Dich nicht als Heißsporn, sondern als ruhigen, besonnenen und zugleich entschlossenen Menschen und Geistlichen. Diese Fähigkeiten wirst Du sicher brauchen. Ich bin überzeugt, dass es Dir gelingen wird, die einzelnen Hauptabteilungen, Stabsstellen, Arbeitsbereiche und Einzelpersonen, die manchmal gern ihr Eigenleben entwickeln und ihr eigenes „Ding“ drehen wollen, wirkungsvoll zusammenzubinden und zusammenzuhalten.  Gerade nach Corona muss es uns allen darum gehen, dass wir uns wieder öfter präsentisch sehen: Der Teamgeist muss wieder wachsen und spürbar werden; Außenseiter, die es auch bei uns gibt, sollten mehr hereingeholt, angehört und einbezogen werden. Wir sind eben kein digitaler Konzern, wir sind eine lebendige Dienstgemeinschaft mit dem Ziel, Jesus Christus und sein Evangelium nach vorn zu bringen. Das ist für mich Synodale Kirche auf der Ebene des Bistums und des Bischöflichen Ordinariates. Auch Verwaltung, Finanzen und Recht haben bei uns nur Sinn, wenn sie im Dienst der Evangelisierung stehen.

Ich leugne nicht, dass das Schiff der Kirche derzeit auf stürmischer See unterwegs ist. Aber genauso wenig bezweifle ich, dass Gott seinen Geist in das Boot der Kirche hineingelegt hat. Auch heute ist der Heilige Geist nicht ausgestiegen. Er ist weder auszutreiben noch totzukriegen. Die Geschichte lehrt uns, dass es gerade in äußerlich schlimmen Zeiten, als für die Kirche schon die Sterbeglocke geläutet wurde, für den Heiligen Geist große Auftritte gab. Im Innern der Kirche wirkt er - im Wort und Sakrament und nicht zu vergessen in der Caritas. In bin überzeugt: Der Heilige Geist tut „still sein Geschäft“, wie es in einem Hymnus der Laudes heißt.

Lieber Harald, lieber Wolfgang! Sicher könnte ich noch mehr sagen, aber es soll für diesen Moment genügen. Denn „Abschiedsworte müssen kurz sein wie Liebeserklärungen“. So will ich nach Theodor Fontane noch einmal einen Dichter reden lassen. Hermann Hesse soll Euch beiden ein Wegwort geben: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.“ Gott segne Euch! Amen.