Predigt zur Priesterweihe von Br. Michael Bäumler OSB am 12. Juni 2021 in St. Ottilien

Priestersein im Zeichen der Engel

12.06.2021 11:15

„Gott suchen und den Menschen dienen.“ Dieses Wort aus den Konstitutionen der Missionsbenediktiner hat Bruder Michael Bäumler ganz oben auf sein Weihebild drucken lassen. „Gott suchen und den Menschen dienen.“ Das ist ein Motto, das einen Priester als Pater durchs Leben tragen kann. Wenn wir das Wandgemälde in der Michaelskirche St. Ottilien anschauen, das P. Polykarp Uehlein geschaffen hat, dann merken wir gleich, dass Christus mit dem Kelch in der Mitte umgeben ist von den drei Erzengeln Michael, Gabriel und Raffael.

So will ich bei dieser Priesterweihe von den Engeln sprechen, aber wie soll ich es anfangen? Seitdem der alte Himmel zum Weltraum wurde, sind die Engel heimatlos geworden. Früher, da konnte einer träumen wie Jakob, dass über ihm der Himmel offensteht, und die Engel auf und nieder schweben. Heute fliegen dort Astronauten und Satelliten, die den letzten Winkel der Erde ausspionieren, uns aber auch helfen, die Navigation durch die Straßen des Lebens zu schaffen. Wo sind die Engel geblieben? Noch etwas sei gesagt, was Engel nicht sind: niedliche, pausbäckige Kindlein zum Knuddeln mit Flügeln und nacktem Popo.

Romano Guardini hat über die Engel geschrieben: „Ihr Bild wird sentimental, spielerisch und für das christliche Leben verlieren sie an Bedeutung.“ Auf den Punkt gebracht: Viele dachten: Engel sind „out“, und nur wenige schienen sie zu vermissen. Christsein geht auch ohne Engel, meinen viele. Gegen diesen Strom des kirchlichen Zeitgeistes schauen wir heute auf die drei Erzengel. Das ist eine Einladung, darüber nachdenken, was die heiligen Engel uns zu sagen haben.

Zunächst schauen wir auf Michael, dessen Name eine Frage ist: Wer ist wie Gott? Ich denke an Bilder, die dramatische Züge tragen. Ein Feuer speiender Drache windet sich am Boden. Wer kann ihm widerstehen? Solche Drachen sind unverwundbar. Ist ein Kopf ab, wachsen sieben andere nach. Er verbreitet Furcht und Grauen. Doch über dem Drachen steht hoch aufgerichtet ein Kämpfer, ein junger Mann mit Rüstung, und zielt auf den Drachen mit einem Schwert. Er wird das Menschenunmögliche vollbringen, den Drachen erlegen. Das ist Michael, wie er leibt und lebt in unserer Vorstellung, einer der Engel, auf den die Offenbarung des Johannes anspielt (vgl. Offb 12). Ist das wirklich nur ein altes Bild? Eine Vision? Oder gar nur fromme Illusion? Ich bin überzeugt: Es ist mehr. Michael steht für eine Weise, die Lebenswirklichkeit zu begreifen und zu gestalten. Feuerspeiende Ungeheuer, unüberwindliche Mächte gibt es auch heute. Ich denke an Gewehre und Panzer, an Schlachtschiffe und Atomraketen, an Diktatoren und Terroristen, an Katastrophen und Pandemien. Das Entsetzen ist vom Himmel auf die Erde gefallen. Menschen sind imstande, sich die Hölle auf Erden zu machen. Und die Engel? Stimmen, die nicht schweigen und sagen, dass Krieg Sünde ist gegen die Menschlichkeit und damit gegen Gottes Gebot, die ihre ganze Leidenschaft einsetzen für den Frieden, sie haben etwas von Michael, dem Engel der Gerechtigkeit.

Mehr noch: Himmel und Hölle wohnen auch in uns selbst. Die Engel sind gleichsam aus dem Himmel ins Menschenherz gestiegen, der Teufel freilich ebenso. In uns selber gibt es Spannungen, Kämpfe, Versuchungen. Michael, der Engel in uns, hört nicht auf zu fragen: „Wer ist wie Gott? Mensch, halt ein. Du darfst nicht alles, was du kannst.“ Möge in Ihrem Herzen, lieber Bruder Michael, die Frage Ihres Namenspatrons, des hl. Michael immer brennen: „Wer ist wie Gott?“ Dann bin ich mir sicher, dass der Drache des Ungeistes keine Chance hat, sondern die Früchte des guten Heiligen Geistes wachsen: Das sind „Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung“ (Gal 5, 22-23).

Allein können wir diese guten Früchte des Heiligen Geistes nicht produzieren. Wir sind angewiesen auf Gottes Hilfe. Das drückt Gabriel aus, was übersetzt heißt: Gott ist mächtig. Gabriels Symbol ist die Lilie. Wir finden sie auf Bildern, die zeigen, wie er einbricht in die kleine Welt der jungen Maria und ihr eine Schwangerschaft ankündigt, die jede biologische Regel übersteigt. Gabriel überbringt außergewöhnliche Botschaften. Er kündigt den Durchbruch an zwischen Himmel und Erde, zwischen Normalem und Außergewöhnlichem. Kein Wunder, wenn sein Auftritt meistens Angst und Schrecken hervorruft. Bei Gabriel ist man nicht vor Überraschungen sicher. Nicht durch Zufall, dass sein erstes Wort oft lautet: „Fürchte dich nicht“.

„Fürchte dich nicht!“ So ruft Gabriel uns heute zu. Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Davon können alle ein Lied singen, die sich in der Kirche engagieren und ihre Talente einbringen.

„Fürchte dich nicht!“ An Gabriels Gruß soll sich eine Gemeinschaft erinnern, die nicht „schwäbisch-katholisch“ ist, sondern sich in das Netz der Weltkirche eingebettet weiß. Genau diesen Sinn für die Weltkirche, den Sensus Ecclesiae Universalis bekommen Sie ja, lieber Br. Michael, hier in St. Ottilien täglich eingeflößt. Hier atmet die Weltkirche, hier wird Mission gelebt!

„Fürchte dich nicht!“ sage ich allen, die sich mühen, die Kirche zukunftsfähig zu halten. Hauptberufliche und ehrenamtliche Frauen und Männer gehören zusammen. Ich wünsche uns den Teamgeist, der nötig ist, um auch bei Enttäuschungen, Meinungsverschiedenheiten und Krisen nicht wegzugehen: Miteinander ziehen wir an Gottes Strang. Gabriel heißt ja: Gott ist mächtig.

So kommt ein dritter Engel in den Blick: Raffael. Auch dieser Name ist Programm: Gott heilt. Raffael ist oft verformt worden zu einem harmlosen Engelsputto. Sicher gibt es auch den sanften Trost des Kitsches, der süßen Lieder und der milden Worte. Doch ist diese Art, die Engel anzuschauen, eine Sackgasse der Frömmigkeit, Scheinwelt und falsche Idylle. Raffael ist der Begleiter des Tobias und Beschützer für die kranke Sara, wie das Buch Tobit erzählt. Bis heute gilt Raffael als Patron der Kranken und Engel der Reisenden, auch derjenigen, die unterwegs sind auf ihrer letzten irdischen Etappe. Auf dem Weihebild sehen wir Raffael mit einem riesigen Fisch. Das hat eine besondere Bewandtnis. Denn auf einer Reise fing Tobias einen großen Fisch, und auf den Rat des Erzengels Raffael, entnahm er dem Fisch die Leber – und mit der Leber heilte er seinen Vater von der Blindheit. Schlägt dieses Motiv nicht eine schöne Brücke zur hl. Ottilie, die mit einem Auge dargestellt wird und Patronin der Blinden ist? Raffael – Ottilia – St. Ottilien: Blinden die Augen öffnen.  

Das Anliegen, Menschen in Blindheit, in Krise und Krankheit persönlich zu begleiten, gehört in die Prioritätenliste der Seelsorge ganz nach oben. Unser Markenzeichen sind weniger die lauten und bunten Events als vielmehr Aufmerksamkeit und Einfühlung in das, was Menschen zwischen die Zeilen legen. Wie viele Menschen haben die Sicht auf das verloren, was wirklich ist? Wie viele sind blind gegenüber den Zeichen, die Gott setzt, um uns nahe zu sein? Einem Ordenspriester, der Raffael und Ottilia zum Vorbild nimmt, hilft den Menschen, in die Sehschule Jesu zu gehen und mit seiner Perspektive ihr Leben anzuschauen. Nicht nur dann ist ein Kloster / eine Gemeinschaft lebendig, wenn es möglichst viele Veranstaltungen gibt, sondern dann, wenn sie bezeugt: Deus caritas est. Gott ist die Liebe. Wo das diakonische Handeln, die Caritas, großgeschrieben wird, machen wir dem Namen Raffael alle Ehre. Er steht für heilende Begegnung. Wir glauben ja an einen heilenden Gott, der uns nicht niedermacht, sondern aufrichtet, an Gott, der unser Arzt ist.

Lieber Bruder Michael, im Vorgespräch haben Sie auf sich hin einen kernigen Satz gesagt: „Der nach der Litanei aufsteht, ist der gleiche schlechte Kerl, der sich vorher auf den Teppich gelegt hat.“ Da haben Sie den Nagel auf den Kopf getroffen. Auch Ihre Mitbrüder, Ihre Eltern, Angehörigen und Freunde, die Mitglieder der Gemeinde in Mering werden das schnell merken. Pater Michael bleibt Herr Bäumler: Mensch und Christ. Aber ich sage Ihnen auch: Sie sind kein schlechter Kerl. Sie wollen und sollen Mensch bleiben, auch wenn Sie bald als Pater angeredet werden. Ich weihe Sie nicht zum Engel - da wären Sie auch vom Körpergewicht etwas zu schwer, denn Engel sind ja Wesen aus Geist: Ich weihe Sie zum Priester, und da Sie nicht gleich zum Engel mutieren, freue ich mich, wenn Sie weiter ein menschlicher Bengel bleiben. Das tut uns allen gut!

Ich selbst durfte immer wieder erfahren, dass es auch in meinem Leben Engel gegeben hat: Michael, Gabriel und Raffael. Ich wünsche Ihnen, lieber Bruder Michael und der ganzen Klostergemeinschaft, dass Sie sich als Benediktiner und Priester, als Pater, von heiligen Engeln gut aufgehoben und beschützt fühlen.

Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein,

die Engel.

Sie gehen leise, sie müssen nicht schrein,

manchmal sind sie alt und hässlich und klein,

die Engel.

Sie haben kein Schwert, kein weißes Gewand,

die Engel.

Vielleicht ist einer, der gibt dir die Hand,

oder er wohnt neben dir, Wand an Wand,

der Engel.

Dem Hungernden hat er das Brot gebracht,

der Engel.

Dem Kranken hat er das Bett gemacht,

er hört, wenn du ihn rufst in der Nacht,

der Engel.

Er steht dir im Weg und er sagt: Nein,

der Engel.

Groß wie ein Pfahl und hart wie ein Stein –

es müssen nicht Männer mit Flügeln sein,

die Engel.

Rudolf Otto Wiemer