zur bundesweiten Eröffnung der Adveniat-Aktion in Königsbrunn
„Raus aus der Komfortzone!“
„Es gibt unendlich viel Hoffnung, nur nicht für uns.“ Für viele Mitmenschen ist dieses Wort des Schriftstellers Franz Kafka beklemmende Realität. Immer wieder begegne ich Menschen, die sich aufgrund der vielen schlechten Nachrichten Sorgen um ihre Zukunft machen.
Vor allem unter jungen Leuten sind Zukunftsängste und das Gefühl von Perspektivlosigkeit weit verbreitet – auch hierzulande. „Klima, Karriere, Krankheit, Krieg“ titelte eine Tageszeitung neulich, um auf die wohl vier häufigsten Problemfelder aufmerksam zu machen.
Da wirkt das heutige Evangelium nicht gerade ermutigend. Stattdessen konfrontiert es uns mit einer Reihe drastischer Bilder: Von „Dingen, die über den Erdkreis kommen“ ist die Rede, von Völkern, die „bestürzt und ratlos“ sind, und von „Menschen, die vor Angst vergehen“ (Lk 21,25). Wie ist das zu verstehen? Möchte uns Jesus mit einem apokalyptischen Szenario auf das Ende der Welt einschwören? Ich glaube nicht. Jesus geht es nicht darum, Angst zu schüren und düstere Endzeitszenarios heraufzubeschwören, ganz im Gegenteil: Das heutige Evangelium möchte Vertrauen und Zuversicht wecken – trotz schwieriger und bedrückender Umstände, die niemandem von uns fremd sind. „Wenn dies beginnt“, sagt Jesus, „dann richtet euch auf und erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung ist nahe“ (Lk 21,28). Im Vertrauen auf Gott habe ich trotz aller schlechten Nachrichten und Sorgen einen Horizont, der über all das hinausgeht. Jesus will damit aber keinesfalls, dass wir stoisch und apathisch über den Dingen stehen und am Geschick dieser Welt keinen Anteil nehmen! Das entscheidende Motiv des heutigen Evangeliums ist vielmehr die Einübung einer neuen, inneren Haltung: Lasse ich mich von den äußeren Umständen überwältigen, sodass ich das Vertrauen in Gott und letztlich auch in andere und in mich verliere? Oder gelingt es mir, einen adventlichen Blick zu entdecken, der eine Perspektive über die „Sorgen des Alltags“ (Lk 21,34) hinaus eröffnet?
Der Shoah-Überlebende und Wiener Psychiater Viktor Frankl, der in seinem Buch „…und trotzdem Ja zum Leben sagen“ von seinen Erfahrungen im Konzentrationslager erzählt, stellt fest: „Wir müssen lernen und die verzweifelnden Menschen lehren, dass es eigentlich nie und nimmer darauf ankommt, was wir vom Leben noch zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf: was das Leben von uns erwartet.“ Frankl geht es um eine grundsätzliche Haltung zum Leben. Er möchte zum Ausdruck bringen, dass es gerade in Krisensituationen nicht weiterhilft, sich einzuigeln und von Angst und Verzweiflung überwinden zu lassen. Stattdessen sollen wir uns als diejenigen erleben, „an die das Leben täglich und stündlich Fragen stellt – Fragen, die wir zu beantworten haben, indem wir nicht durch ein Grübeln oder Reden“, so Frankl, „sondern nur durch ein Handeln, ein richtiges Verhalten, die rechte Antwort geben. Leben heißt: (…) Verantwortung tragen für die rechte Beantwortung der Lebensfragen, für die Erfüllung der Aufgaben, die jedem einzelnen das Leben stellt, für die Erfüllung der Forderung der Stunde.“
Ein Beispiel für diese „Erfüllung der Forderung der Stunde“ ist für mich das Handeln des Barmherzigen Samariters. Auf die Frage des Gesetzeslehrers, wer denn „mein Nächster“ sei gibt Jesus keine Definition oder die Vorstellung eines bestimmten Typs Mensch. Nein, Jesus rückt die Perspektive des überfallenen und verwundeten Mannes in den Fokus, fordert den Schriftgelehrten sogar dazu auf, sich in dessen Perspektive zu versetzen, indem er ihn fragt: „Wer von diesen dreien, meinst du, ist dem, der unter die Räuber fiel, der Nächste geworden? Der sagte: Derjenige, der ihm Barmherzigkeit erwiesen hat. Da sagte Jesus zu ihm: Geh auch du und handle ebenso.“ (Lk 10,36f.) Das Herz des Gesetzes, das für den gläubigen Juden Jesus von Nazareth die Gottes- und Nächstenliebe ist, konkretisiert sich im Gebot der Stunde.
Auch in den Texten des ersten Adventssonntags geht es nicht um eine abstrakte innere Haltung. Eine adventliche Haltung braucht die Übersetzung ins Leben: „Ihr habt von uns gelernt“, so der Apostel Paulus, „wie ihr leben müsst, um Gott zu gefallen, und ihr lebt auch so; werdet darin noch vollkommener!“ (1 Thess 3,12) Eine Haltung, die auf das Vertrauen in Gott basiert, verlangt mir ab, hier und jetzt inmitten der konkreten Lebensumstände, die Hoffnung, die ich im Kommen des Gottessohnes gefunden habe, mit anderen Menschen zu teilen und so an einer besseren Welt mitzuarbeiten. Eine adventliche Perspektive, die über die „Sorgen des Alltags“ (Lk 21,34) hinausgeht, heißt nicht, „dass alles irgendwie gut wird“, sondern fordert mich auf, die „Ärmel hochzukrempeln“, wo ich gebraucht werde. Damit verlasse ich die Ich-Bezogenheit und das Kreisen um mich selbst und nehme die Menschen und deren Nöte in meinem Umfeld wahr. So werde ich, wie der barmherzige Samariter, zu einem adventlichen Menschen.
Zugegeben: Aus der Komfortzone heraus ist das leicht gesagt. Umso dankbarer bin ich, dass heute Menschen hier sind, die wissen, wie das funktioniert, ein adventlicher Mensch zu sein. Sie, liebe Ulrike, lieber Jailer und lieber Edwin sowie die vielen Zeuginnen und Zeugen, für die Sie stellvertretend nach Deutschland gekommen sind – Sie sind ein lebendiges Beispiel für das, was es heißt, adventlich zu sein. Denn die Hafenstadt Tumaco an der Südwestküste Kolumbiens ist – wie wir schon gehört haben – alles andere als eine Komfortzone. Im Gegenteil: Gewalt, Drogenhandel und eine exorbitant hohe Mordrate bestimmen die Lebenswirklichkeit vieler der dort lebenden Menschen. Besonders junge Leute werden früher oder später Opfer von Gewalt oder geraten in die Fänge krimineller Banden. Das eingangs erwähnte Kafka-Zitat „Es gibt unendlich viel Hoffnung, nur nicht für uns“ wirkt hier verstörend real.
Aber genau diese Dynamik der Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit durchbrechen Sie. Unter widrigsten Umständen zeigen Sie, welche Kraft das Vertrauen in Gott und in mich selbst entfalten kann. Wie das geht, haben Sie uns, lieber Jailer Cortés, eben gesagt: „Wir vom Centro Afro glauben fest an die Potenziale der Jugendlichen.“ Das Geheimnis liegt nicht in der Bemitleidung des Gegenübers, sondern in dessen Ermutigung. Wie wichtig ist es da, dass es Menschen gibt, die sich von den äußeren Umständen nicht beirren lassen, sondern die sagen: „Ich glaube an dich!“ Einer dieser Menschen ist Ulrike Purrer, die seit über zehn Jahren das Centro Afro leitet. Das Jugendzentrum ist ein Ort, an dem Kinder und Jugendliche spielerisch und durch künstlerische und kulturelle Projekte Selbstvertrauen entwickeln und so der Spirale von Gewalt und Drogen aus eigener Kraft entrinnen können. „Ulrike glaubt an uns, bis wir es tun“ haben Sie, lieber Jailer, einmal über sie gesagt. Es zeigt, dass wir alle diese adventlichen Menschen brauchen, die auf uns setzen und so die inneren Kräfte zum Leben erwecken, die jedem Menschen von Gott geschenkt sind. Wir alle brauchen adventliche Menschen, die uns nicht kleinreden, sondern an uns glauben – bis auch wir selbst erkennen, dass wir groß von uns denken dürfen und zu Großem fähig sind. Gott denkt groß von uns – das ist die Perspektive des Advents. Er denkt so groß von uns, dass er selbst sich klein macht, um uns einen Horizont zu schenken, der größer ist als jede Verzweiflung.
Liebe Schwestern und Brüder, das Motto der diesjährigen Weihnachtsaktion von Adveniat „Glaubt an uns – bis wir es tun!“ fordert uns alle auf, adventliche Menschen zu werden. Menschen, die ihre Mitmenschen ermutigen und ein Zeugnis jener Perspektive geben, die Gott uns allen in seinem Sohn geschenkt hat. Lassen Sie uns deshalb Hoffnungsträgerinnen und Hoffnungsträger sein, die wie die jungen Menschen aus Lateinamerika zeigen, dass es trotz einer dunklen Welt unendlich viel Hoffnung gibt. Sie, lieber Edwin, haben es eben auf den Punkt gebracht: „Ich wünsche mir, dass das Licht Christi für alle Kinder und Jugendlichen ganz hell strahlt.“ Danke für diesen adventlichen Wunsch.