Predigt von Bischof Bertram zur Eröffnung des Jubiläums "175 Jahre Regens-Wagner-Werk" am 28. November 2021 in Dillingen

Regens Wagner Werk: „starke Lobby für das Leben“

28.11.2021 12:00

Wir feiern den 1. Advent, das heißt: Wir besinnen uns wieder neu auf das Wesentliche im Leben, „eines jeden einziges Leben“, wie der Dichter Reiner Kunze einmal einen Gedichtband überschrieben hat. Die Lesungen (Jer 33,14-16; Lk 21,25-28.34-36), die wir soeben gehört haben, benennen konkret das, was in diesem so kostbaren Leben zentral ist: die Rettung durch unseren liebenden Gott und damit ein von Vertrauen geprägtes Verhältnis zum eigenen Tod.

Mit diesem Gottesdienst danken Sie alle für 175 Jahre Ehrfurcht vor dem Leben. Liebe und Tod sind genau jene Pole, mit denen Sie es tagtäglich zu tun haben. Menschen Liebe und Förderung schenken, die einen schweren Start ins Leben haben, ist Ausdruck der frohen Botschaft Jesu Christi. Regens Johann Evangelist Wagner wusste um die Not so vieler Familien hier in Nordschwaben und fand bei der Meisterin des Franziskanerinnenklosters Theresia Haselmayr für sein Anliegen ein offenes Herz: Der Liebesfunke sprang über (vgl. Niklaus Kuster: anschließende Buchvorstellung!) und zog Kreise: Seit der Geburtsstunde des Regens Wagner Werkes haben zahlreiche Dillinger Franziskanerinnen und Tausende von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mitgeholfen und tun dies bis heute, damit aus einer bald 200jährigen Liebesidee Tag für Tag lebens- und hoffnungsspendende Tat wird!

Sie alle können besser als ich von kleinen und großen Wundern erzählen, von Entwicklung und Erfolg, von Durchhaltekraft und Ansporn, von geschenkter und erfahrener Liebe. Als Lebens- und Glaubensgemeinschaft, die in Arbeit und Freizeit, in jungen und alten Tagen zu einem weit über Bayerns Grenzen hinaus gewachsenen Beziehungsnetz geworden ist, teilen Sie miteinander Freud und Leid. So geben Sie Zeugnis von der Liebe Gottes, die uns geschenkt ist – in diesem und im kommenden Leben.

Unermüdlich mahnt Papst Franziskus, dass wir in jedem - nicht nur materiell - Armen, in wirklich jedem Menschen, der unserer Hilfe bedarf, Jesus Christus selbst begegnen. Denn „das gesamte Wirken Jesu bestätigt, dass Armut nicht die Folge schicksalhaften Unglücks ist, sondern konkretes Zeichen seiner Gegenwart unter uns.“[1] In seiner Enzyklika „Fratelli tutti“ findet der Papst drastische Worte. Er kritisiert die „Wegwerfkultur“, die konkrete Personen betrifft und den Eindruck erweckt, dass Teile der Menschheit zugunsten einer bestimmten Bevölkerungsgruppe geopfert werden können: Die Menschen werden „nicht mehr als ein vorrangiger, zu respektierender und zu schützender Wert empfunden, besonders wenn sie arm sind oder eine Behinderung haben.“ Der Papst zeigt sich alarmiert. Der Diskriminierung müssen wir entgegensteuern. Wir sind berufen, unser christliches Welt- und Menschenbild je neu zur Sprache zu bringen, ihm Gehör zu verschaffen und es mutig zu verteidigen. Wo ein Mensch in seiner Würde verletzt ist, auch und besonders am Lebensanfang oder an dessen Ende, da steht immer unser aller Menschsein auf dem Spiel. Der Papst geht sogar so weit, Menschen mit Behinderung in der Pastoral einzusetzen. Einige hätten ein besonderes Talent etwa als Katecheten.[2]

Niemandem ist es bisher gelungen, Gesundheit und Krankheit präzise zu definieren, und es wird auch nie gelingen. Denn jedes Leben ist einzigartig; es ist kostbar und immer ein Geschenk. Dabei mag es eine gute Übung sein für jeden von uns, sich ab und zu einmal der eigenen Verwundbarkeit und Zerbrechlichkeit bewusst zu werden. Mit einem spürbaren Verzicht auf liebgewordene Gewohnheiten, auf kleine und große Genüsse, vor allem in Bereichen, die von anderen gar nicht wahrgenommen werden, können wir jetzt im Advent, in der Vorbereitung auf die Geburt unseres Erlösers, wachsen an Sensibilität und Aufmerksamkeit.

Gehen wir nüchtern und wachen Sinnes auf Weihnachten zu, wohl wissend, dass Krippe und Kreuz nicht voneinander zu trennen sind. Sie sind die wesentlichen Eckpunkte, Anfang und Ende des Lebens Jesu, und - wenn wir es im Licht des Glaubens betrachten - auch Brennpunkte, zwischen denen sich unser Leben abspielt. Der in manchen gesellschaftlichen Debatten vielbeschworene Unterschied zwischen Menschen mit und ohne Behinderung, mit und ohne Handicap oder Einschränkung wird ja im Laufe unseres Lebens tatsächlich immer kleiner: Vielleicht ist er überhaupt nur ein seltsamer Notbehelf: ein fragwürdiger Vorwand, um die eigene Rat- und Tatenlosigkeit zu verbrämen und die sog. Komfortzone nicht verlassen zu müssen!

Nicht selten fällt in diesem Zusammenhang dann das Wort von der Unzumutbarkeit oder Unhaltbarkeit einer menschlichen Situation, der man möglichst schnell ein Ende setzen müsse. Lassen wir uns von dieser vorgeblichen Empathie, dem Pseudo-Mitgefühl nicht täuschen, sondern wehren wir uns gegen jede Form von Übergriffigkeit und Einflussnahme auf die ganz persönliche Entscheidung werdender Eltern oder hilfesuchender Angehöriger. Zeigen wir, dass wir als Christinnen und Christen Lobbyisten und Anwältinnen des Lebens sind, auch und gerade unter schwieriger werdenden gesellschaftlichen Verhältnissen!

Darf ich Ihnen noch einen Herzenswunsch mit auf den Weg geben? Bleiben wir unserer Berufung zu Menschenfreundlichkeit und Güte treu, sind wir Ohr für die Gehörlosen und Stimme der Sprachlosen, Hand und Fuß für die, die sich nicht bewegen können, damit wir, wenn der „Menschensohn mit großer Kraft und Herrlichkeit“ (Lk 21,27) kommt, uns gemeinsam aufrichten und voller Zuversicht unsere Erlösung erwarten. Lassen wir uns nicht unterkriegen, wenn wir für das Lebensrecht und Würde aller kämpfen! Amen.

[1] Botschaft von Papst Franziskus zum Welttag der Armen (13. Juni 2021), 2.

[2] Vgl. Fratelli tutti (2020), Nr. 18.