Satt werden in Jesus Christus: St. Johann als „Oase im Herzen der Stadt“
Liebe Schwestern und Brüder, eine beeindruckende und zugleich höchst eigentümliche Erzählung tischt uns da der Evangelist Johannes auf. Da wurden „mit einem Federstreich“ 5000 Männer mit ihren Familien satt – einfach mal so, von fünf Broten und zwei Fischen. Am Ende blieben auch noch zwölf Körbe voll Brot übrig.
Die vielen Leute waren Jesus gefolgt; sie wollten ihn sehen, ihn sprechen hören und einmal mit eigenen Augen den Menschen erleben, dessen Ruf sich über seine Zeichen und Wunder herumgesprochen hatte. Seine Botschaft zog die Menschen an – wie ein Magnet. Die Neugierde trieb sie zu Jesus, und darüber vergaßen sie alle leiblichen Bedürfnisse.
Wer schon einmal einen größeren Personenkreis zu verköstigen hatte, weiß um den Aufwand, der damit verbunden ist. Er weiß um die damit verbundenen Herausforderungen: Da wird geplant und organisiert, lange Einkaufslisten werden erstellt, alles wird auf Vordermann gebracht, aufgeräumt und geputzt, Bänke und Tische werden hergerichtet und dekoriert. Bei der wunderbaren Speisung der 5000 ist davon nichts zu spüren: einfach mal in den Supermarkt gehen, war damals nicht möglich – ganz abgesehen von den finanziellen Kosten einer solchen Verköstigung. Die Leute setzen sich in Gruppen ins Gras; im Handumdrehen wird durch Jesus selbst das Versorgungsproblem gelöst. „Weit ab vom Schuss“ in einer einsamen Gegend zeigt Jesus ihnen seine Gunst; er wirkt ein großes Zeichen der Mitmenschlichkeit und Fürsorge.
Wundergeschichten wie diese passen rein gar nicht in unsere aufgeklärte Zeit, in der nur vernünftige Argumente und messbare Fakten zählen. Sich diesen Erzählungen zu nähern, ist eine Herausforderung – stoßen wir dabei doch an die Grenzen eines „vernünftigen Glaubens“. Bei den biblischen Wundergeschichten geht es jedoch nicht um Tatsachenberichte nach dem Motto: Bild war dabei! Sie wollen keine wissenschaftlichen Erklärungsversuche liefern, auch wenn wir versucht sind, diese einzufordern. Die biblischen Erzählungen laden uns ein, die Welt mit anderen Augen zu sehen: Die Kraft Gottes ändert alles! Wunder wollen uns tiefe Einsichten über Gottes Handeln eröffnen und den Horizont unserer oft allzu begrenzten Wahrnehmung der weiten Welt und unseres nahen Umfeldes weiten.
Hand aufs Herz: Sind uns die beiden Persönlichkeiten des Philippus und des Andreas von unserem eigenen Alltag her nicht allzu vertraut und bekannt, ja sympathisch? Da haben wir auf der einen Seite den Jünger Philippus, den Realisten und Skeptiker. In seiner Antwort auf Jesu Frage schwingt sein Zweifel über die Situation mit: Wo sollen wir in dieser einsamen Gegend Brot hernehmen? Wir haben weder die Mittel noch die Möglichkeiten, eine solch große Menschenmenge satt zu machen. Es ist zwecklos! Am liebsten würde er wahrscheinlich das Massenevent auflösen, ehe es peinlich wird oder gar Panik ausbricht.
In Philippus spiegelt sich die ganze Ausweglosigkeit gegenwärtiger Herausforderungen wider: Was kann ich schon ausrichten angesichts des Elends in der Welt, wo Mensch und Natur ausgebeutet werden, angesichts der Krisen und Kriege, angesichts von Ungerechtigkeit und Armut? Wie Philippus überkommt uns Unsicherheit, wenn wir unsere geringen Mittel sehen und unsere bescheidenen Möglichkeiten wahrnehmen gegenüber dem, was nötig wäre, damit ein Leben in Frieden und Gerechtigkeit für alle Menschen möglich ist. Die Probleme sind übermächtig, doch wir fühlen uns ohnmächtig!
Vielen mag da die Person des Andreas näherliegen. Er hat zumindest eine Idee, er will etwas tun, um die Situation der schlechten Versorgungslage zu verbessern: „Jesus, schau mal her! Da ist ein Junge, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische.“ Das ist zwar nicht viel, aber wenigstens etwas. Auch wenn die Situation weiterhin ausweglos erscheint, sollten wir es versuchen, denkt er sich. Von dem Wenigen werden zwar nicht alle satt, aber wenigstens einige – da klingt bescheidener Optimismus durch.
In Andreas erkennen wir eine Haltung, die uns durchaus bekannt vorkommt, nämlich sich nicht mit dem Status quo zufrieden zu geben, die Hände nicht in den Schoß zu legen, sondern anzupacken, Verantwortung zu übernehmen, auch wenn wir uns wie Zwerge vorkommen angesichts der riesigen Probleme. Wir sollten wenigstens versuchen, das Unsrige nach unseren Möglichkeiten zu tun; das ist allemal besser als gar nichts zu machen.
Der eigentlich Handelnde aber in der ganzen Szenerie, dort auf dem Berg am See von Galiläa, ist Jesus selbst, auf ihn kommt es an. Die beiden Jünger spielen eher Nebenrollen; sie dienen in der Dramaturgie des Johannes dazu, das Zeichen Jesu umso erstaunlicher aufscheinen zu lassen. Jesus weiß sehr genau, was zu tun ist und was er tun will. Auffällig dabei ist: Jesu Macht zeigt sich nicht ohne das Zutun der Jünger. Das Wenige, was sie einbringen können, tun sie: Sie tragen die Brote und Fische des Jungen zu Jesus. Seien wir uns also bewusst: Gott handelt, nicht aber ohne das Zutun des Menschen.
Von Anfang an hat Jesus die Leute und ihre Not im Blick. Er weiß: Wer Hunger leidet, bei dem kann das Wort Gottes sich nicht entfalten. So nimmt er die Brote, spricht das Dankgebet und teilt an die Leute aus, so viel sie wollen (vgl. Joh 6,11). Da macht es Klick: Wir denken sofort an die Worte Jesu aus dem Abendmahlssaal: „Er nahm das Brot, sprach das Dankgebet, brach es und reichte es den Jüngern…“ Das ist kein Zufall, sondern vom Evangelisten bewusst so gewollt. Bei ihm suchen wir die Erzählung vom Letzten Abendmahl übrigens vergeblich. So scheint bereits hier, bei der Speisung der 5000 auf, was es bedeutet, Gemeinschaft mit Jesus zu haben: Stärkung an Leib und Seele für alle, Zuwendung Gottes im Überfluss.
Das wird im weiteren Fortgang des Evangeliums noch deutlicher, wenn sich Jesus selbst als das „Brot des Lebens“ bezeichnet: „Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.“ (Joh 6,35) Jesus ist also weitaus mehr als gewöhnliche Speise: Er ist die „Lebensspeise“, die Leib und Seele sättigt. Damit wird das wundersame „Picknick im Grünen“ zu einem Zeichen für das, was allen Menschen in Jesus Christus angeboten ist und was er uns geben will: Leben in Fülle!
Richten wir an diesem Punkt unseren Blick nach vorne, auf das Sakramentshäuschen. Im dort verwahrten „Brot des Lebens“ hält nun Jesus Christus, das Pascha-Lamm, wie es außen in Emaille auch dargestellt ist, Einzug in die frisch renovierte Kirche, ja, er nimmt Wohnung inmitten der Stadt. Seien wir uns bewusst: Von ihm her bekommt christliches Leben seinen Sinn, seine Mitte; es findet seine Erfüllung und entfaltet Wirkung. Ein Sprechen ohne die authentische Verbindung zu Jesus Christus, ein Tun ohne den liebenden Blick auf das lebendige Brot, läuft ins Leere, ist letztlich bloßer Aktionismus.
Wie uns Paulus in seinem Brief an die Epheser leert, geht es dabei nicht um heroische Taten. „Seid demütig, friedfertig und geduldig, ertragt einander in Liebe und bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch das Band des Friedens!“ (Eph 4,2f.), mahnt der Apostel. Das allein ist oft schon im täglichen Miteinander Herausforderung genug. Es geht um einen Sinn für das Naheliegende, eine Aufmerksamkeit im Alltäglichen, die Liebe in kleinen Dingen: ein herzliches Dankeschön, ein aufbauendes Wort zur rechten Zeit, ein verdientes Lob, ein Zuhören „mit dem Ohr des Herzens“. Das umfasst auch die Kleinigkeiten im Umgang mit Gott: das Dankgebet bei Tisch, ein kurzes Stoßgebet im Alltag, ein konzentrierter Blick auf das Kreuz. So werden wir merken: Im schlichten Tun zeigt sich überreich die Größe und Liebe Gottes!
Nach einer langen Durststrecke ist an diesem heiligen Ort Gott wieder ansprechbar. Er präsentiert sich in diesem Kirchenraum, um sich finden zu lassen: um alle, die seine Begegnung suchen, zu „sättigen“. Meine Bitte an Sie: Füllen Sie diesen Raum mit Leben! Möge er eine Einladung zum Ausruhen für viele in Gottes Angesicht sein, zum Verweilen im stillen Gebet und zum gottesdienstlichen Feiern in Gemeinschaft – kurzum: ein Kristallisationspunkt des Glaubens und letztlich ein „Kraft-Ort“ für alle Glaubenden und Suchenden! St. Johann soll eine „Oase im Herzen der Stadt“ sein.
Es ist mir ein tiefes Bedürfnis, allen zu danken, die – auf welche Weise auch immer – an der Renovierung der ältesten Pfarrkirche Memmingens beteiligt waren: Ein herzliches „Vergelts Gott!“ den planenden und ausführenden Firmen sowie allen Spenderinnen und Spendern für ihren finanziellen Beitrag. Gratulation zum Abschluss der langwierigen Sanierungsarbeiten!
In der runderneuerten ehemaligen Augustinerkirche, die eine bewegte Geschichte hinter sich hat, sehe ich ein klares Statement: Kirche zieht sich nicht zurück, sie bleibt im öffentlichen Raum präsent. Ja, ich wage zu behaupten, dass das kirchliche Angebot in der „guten Stube“ Memmingens, hier am Marktplatz, erst jetzt wieder vollständig ist. Denn: Nun greifen mit dem „Café mittendrin“ und der nach über fünf Jahren wieder geöffneten Kirche St. Johann Baptist leibliches und geistlich-seelisches Wohl ineinander. Ein Dank an dieser Stelle den haupt- und vor allem den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern des Cafés für ihr tolles Engagement. Sie sind das Aushängeschild kirchlichen Handelns.
Liebe Memminger, liebe Festgemeinde, die wundersame Erzählung von der Speisung der 5000 ist ein Weckruf aus Verzagtheit und Ängstlichkeit. Wir dürfen auf Gott bauen, der uns umkrempelt und geistlich erneuert. Ziehen wir uns also nicht in Resignation zurück nach dem Motto: Wir können sowieso nichts tun, es ist eh‘ alles zu spät! Rechnen wir mit dem Eingreifen Gottes in den Herausforderungen dieser Zeit. Vertrauen wir auf die unermessliche Zuwendung Gottes, die verändert, wo es uns aussichtslos erscheint. Gott handelt, wenn wir ihn bitten – durch unser Zutun. In Jesus Christus, dem Brot des Lebens, schenkt er uns Mut und Hoffnung.