Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier bei der Diakonenweihe von Frater Franziskus Schuler OPraem am 14. Oktober 2021 im Kloster Roggenburg

„Schenke deinem Diener ein hörendes Herz!“ (1 Kön 3,9)

14.10.2021 19:00

Liebe Schwestern und Brüder!

Kann ein Bischof von einem Weihekandidaten etwas lernen? Das habe ich mich gefragt, nachdem ich vergangene Woche mit unserem Frater Franziskus ein Vorgespräch für die heutige Diakonenweihe führte. Meine Antwort lautet eindeutig: Ja. Als Bischof, der die Weihe spendet, habe ich von dem, der sie empfängt, etwas Wichtiges gelernt: Als ich Frater Franziskus fragte, was für ihn das Diakonsein bedeutet, kam es wie aus der Pistole geschossen: Ich möchte Diener des Wortes sein. Erst dachte ich, da kommt wieder einmal jemand, der die Praxis des konkreten Dienens, die Caritas, durch gelehrte und eloquente Worte zähmen möchte – nach dem Motto: Dienen ja, aber nur am Altar. Doch Sie, lieber Frater Franziskus, sehen das ganz anders: Sie wollen dem Wort dienen – keiner Sache, keinem gedrucktem Programm, sondern konkret einer Person, die Namen und Gesicht hat: Jesus von Nazareth. Das haben Sie mich gelehrt; daran haben Sie mich erinnert: Der Dienst am Wort ist nicht nur Predigt oder Text, sondern Zeugnis pur, Praktikum im Leben. Danke, lieber Frater Franziskus, für diese Lektion, die nicht nur mir gilt, sondern uns allen.

Damit sind wir mitten drin in der Weiheliturgie: „Schenke deinem Diener ein hörendes Herz!“ Vor fast dreitausend Jahren hat dieses Gebet ein bedeutender König Israels gesprochen: Salomon, eben erst zum Herrscher bestellt über ein großes schwieriges Volk, jung und unerfahren, nicht recht wissend, wie er sich als König richtig verhalten soll. Zwischen unterschiedlichen Strömungen mit verschiedensten Erwartungen und Wünschen spürt er, dass er eine gute Orientierung braucht. Um sich nicht von Machtintrigen leiten zu lassen, wünscht sich Salomon einen Fixpunkt: eine Mitte, die dem Vielerlei des alltäglichen Regierungsgeschäftes einen ruhenden Pol zu geben vermag. Deshalb spricht er bewusst die Bitte aus: „Schenke deinem Diener ein hörendes Herz“. Wenn er die Welt mit dem Herzen wahrnimmt, das ahnt Salomon, dann ist er der Weisheit Gottes nähergekommen. Mit dieser Einsicht wird er Recht behalten. Denn die „salomonische Urteilskraft“ des Königs sollte Geschichte machen.

Welche Bitte hat wohl in den letzten Wochen Frater Franziskus an Gott gerichtet, als der lange Weg in den Orden und zum Diakonat in die Zielgerade mündete? Ist es ihm vielleicht ähnlich ergangen wie König Salomon bei seinem Amtsantritt? „Ich bin noch recht jung und weiß nicht, wie ich mich verhalten soll. Zunächst musste ich die Schule meistern, dann Philosophie und Theologie studieren. Später ging es ins Praktikum. Ich bekam einen Vorgeschmack auf das, was mir als Prämonstratenser blüht: Als Ordensmann und Seelsorger werde ich inmitten eines komplizierten Geflechtes von verschiedenen Gruppen und Strömungen stehen. Auch ein Kloster ist kein Ponyhof. Zeige deinem Diener den richtigen Weg!“ Schenke deinem Diener ein hörendes Herz, damit er Gutes vom Bösen zu unterscheiden vermag (vgl. 1 Kön 3,7-9).

Das Gebet um ein hörendes Herz steht nicht nur am Anfang einer verantwortungsvollen Aufgabe. Das Anliegen ist das inständige Gebet eines jeden, dem vieles anvertraut wurde und der darum weiß, dass er sich maßlos überhebt, wenn er sich nur auf seine eigene Kraft und Stärke verlässt. Zwar dürfen wir heute ein großes Fest feiern. Gern stimmen wir mit ihm in den Dank darüber ein, dass ihn Gott in den Orden berufen und er heute Diakon wird. Damit jedoch die Gnade des großen Anfangs einen langen Atem bekommt, legen wir in den Dank auch die Bitte des Salomon für Frater Franziskus hinein: Schenke deinem Diener ein hörendes Herz, damit er sein Ideal ein Leben lang einlöst: „Ex toto corde“. Lieber Frater Franziskus, werden Sie und bleiben Sie Diakon „aus ganzem Herzen“!

„Aus ganzem Herzen“ Diakon sein. Dieses Motto ist ansprechend und zugleich anspruchsvoll. Wir alle wissen es: Hören ist oft schwerer als reden. Jeden Tag werden wir mit Geräuschen, Gerüchten und Geschwätz überhäuft. Da stellt sich die Frage: Worauf sollen wir hören? Worauf kommt es wirklich an? Intensiv hören; durch das Vordergründige hindurch achten auf das, was zwischen den Zeilen liegt; nicht Gesagtes, doch Gedachtes erlauschen; ganz Ohr sein: Das ist die Kunst. Denken wir an manch gutes Gespräch, von dem wir lange gezehrt haben: Da hat mich jemand nicht zugeredet mit seinen eigenen Themen, sondern mein Herz aufgemacht, so dass ich mich aussprechen konnte. Nur wenige Menschen beherrschen die Kunst des Hörens: behutsam, aber treffend nachfragen; dem anderen wie eine Hebamme helfen, die Wahrheit über sich selbst ans Licht zu heben, Wichtiges, Frohes und auch Bedrückendes auszusprechen. Vielleicht ist die Krise des Bußsakramentes auch eine Krise der Beichtväter, die das Lauschen verlernt haben. Lehre Frater Franziskus die Kunst des Hörens! Nicht nur ein sympathischer menschlicher Geistlicher soll er werden, sondern ein aufmerksamer geistlicher Mensch, ein „Hörer des Wortes“.

Lauschende Menschen müssen keine grauen Mäuse sein. Sie können Ausstrahlung haben und Wärme verbreiten. Vor allem schenken sie etwas, das mit Geld nicht zu bezahlen ist: Zeit. Schnelle Antworten und platter Trost liegen ihnen fern. Auch sich selbst gönnen hörende Menschen Zeit: Sie lassen das Gespräch geduldig wachsen und achten auf die leisen Töne, die „Bruder Leib“ zu ihnen spricht. Kurz: Für die Meister des Hörens zählen nicht nur die äußeren Laute. Sie lauschen zuerst auf ihre innere Stimme. Schenke deinen Dienern ein hörendes Herz.

Das Wort „Herz“ ist schwer zu gebrauchen. Wir können alles Edle und Tiefe damit sagen und sehen wiederum kaum ein Wort oder Zeichen so leichtfertig entwertet wie dieses. Die feinsten und reinsten Gefühle möchten wir damit andeuten und darunter wie unter einem Schleier verbergen. Gleichzeitig fühlen wir uns oft abgestoßen durch die Blässe und Oberflächlichkeit innerer Gehalte, die das Wort „Herz“ vortäuschen soll, manchmal auch in der Sprache der Frömmigkeit. Das Herz ist der Inbegriff des Geheimnisses, und vielfach geben wir nichts so leicht preis wie eben dieses Geheimnis. Kein Ort der Schöpfung ist so zertreten wie das Menschenherz. Darum tut eine Besinnung auf das Herz not. Nicht umsonst rät uns die Heilige Schrift: „Mehr als alles behüte dein Herz. Denn von ihm geht das Leben aus!“ (Spr 4,23).

Jedes Menschenherz ist gleichsam ein Wort Gottes. Gott hat es als Geheimnis hineingesprochen in die Mitte eines jeden, als innersten Kern eingesenkt in den Leib seines Geschöpfes. Hinter einer harten Schale versteckt sich oft ein weicher Kern, ein feinfühliges Herz. Es ist schade, dass Denken und Fühlen, Geist und Herz oft gegeneinandergestellt werden. Hier wird getrennt, was im Schöpfungsplan Gottes zusammengehört. Denn unser Herz kennt nicht nur dunkle Abgründe, sondern auch tiefe Gründe, die dem Verstand verborgen bleiben. Romano Guardini hat es treffend entfaltet: „Herz ist nicht Ausdruck des Emotionalen im Widerspruch zum Logischen, nicht Gefühl im Widerspruch zum Intellekt, nicht ‚Seele’ im Widerspruch zum ‚Geist’. Herz ist der vom Blut her heiß fühlend gewordene, aber zugleich in die Klarheit der Anschauung, in die Deutlichkeit der Gestalt, in die Präzision des Urteils aufsteigende Geist. Das Herz ist Geist in Blutnähe“ (Christliches Bewusstsein. Versuche über Pascal, München 1956, 186f). Deshalb gibt es auch eine „Logik des Herzens“.

Wer auf sein Herz hört, ist weder schwach noch muss er sich schämen. Im Gegenteil: Er ist kein Sklave naiver Gefühlsduselei, sondern ein Meister der Menschlichkeit, gereift im christlichen Glauben. Freilich fällt es mitunter schwer, die rechte Mitte zu treffen: das Herz zu härten für das Leben und es weich zu halten für das Lieben. Aber in jeder schwierigen Aufgabe liegt ja der Reiz, sie zu lösen. So wünschen wir unserem Frater Franziskus: Wenn Sie zuhören, dann hören Sie mit dem Herzen. Wenn Sie sprechen, lassen Sie bitte auch Ihr Herz sprechen. Denn Gott legt das Maßband nicht um den Kopf, sondern um das Herz.

Das Herz ist auch der Ort, an dem sich wichtige Entscheidungen zutragen. Wofür unser Herz schlägt, da liegt auch unser Schatz. Damals wie heute geht uns bei der Weiheliturgie eine Handlung besonders nahe: Die Kandidaten strecken sich am Boden aus; sie werfen sich nieder vor Gott, werden vor Ihm „null und nichtig“, damit Er ihr „Ein und Alles“ werden kann. Als geistliche Menschen haben wir uns Gott verschrieben, dem Schatz unseres Lebens. Dafür geben wir manch kleine Schätze preis und geloben Gehorsam gegenüber dem Oberen, Zuwendung zu den Armen und ein eheloses Leben, das – wenn es ehrlich ist – Keuschheit bedeutet. Die Treue in diesen Versprechen erfordert den Schutz des Gebetes: Schenke uns, deinen Dienern, ein hörendes Herz!

Beispielhaft greife ich die Armut heraus: für einen Bischof, aber auch für Chorherren wie die Prämonstratenser sicher eine Herausforderung. In Armut leben möchte keiner gern. Wir brauchen etwas zum Leben. Wir haben es schwer mit diesem evangelischen Rat, gerade wir sog. „Weltpriester“. Denn wir können nicht einfach aus der Haut dieser Welt schlüpfen, in der wir sind, ohne von ihr zu sein (vgl. Joh 17,16). Aber wir können kleine Zeichen setzen, die bedeuten: Nichts gegen das Geld, nichts gegen ein Auto, nichts gegen Besitz. Aber wenn das alles ist ...! Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, wenn es darum geht zu zeigen: Geben ist seliger als nehmen. Es ist kein Kompliment für einen Priester, wenn man ihn „Herr Protzig“ nennt. Viel liebenswerter klingt da schon, wenn man einem Geistlichen den Spitznamen „Bruder Franziskus“ gibt. Schenke deinem Diener ein hörendes Herz!

Nicht nur der Mensch, auch Gott hat ein Herz. Er hat uns sein Innerstes gezeigt. Aus dem Schoß seines Herzens ging sein eigener Sohn hervor: „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab“ (Joh 3,16). Jesus Christus ist das spürbar gewordene Herz des Vaters, das alle an sich ziehen möchte. Jesus, bilde unser Herz nach deinem Herzen!

Lieber Frater Franziskus, ich habe Sie als einen Mann kennen gelernt, dem das Wort besonders wichtig ist. Die Förderschule in Ursberg hat sie ins Wort eingeführt, dorthin sind Sie zurückgekehrt als Praktikant, um junge Menschen ins Wort einzuführen, sie sprachfähig zu machen. Eine starke Geste! Aus dem Gespräch vor gut einer Woche ist mir ein Satz hängengeblieben. Sie sagten, was ein Lehrer Ihnen bescheinigte: „Im gesprochenen Wort sind Sie stark, beim geschriebenen kann es manchmal hapern.“ Was ist wichtiger? Jesus sucht keine Rhetoriker und Professoren, die mit Winkelzügen und Finessen die Bibel auslegen. Jesus braucht lebendige Zeugen. Das wollen Sie als Diakon sein: Diener des Wortes, glaubwürdig, stimmig und echt. Genau so durfte ich Sie bei mir im Haus kennenlernen. Lieber Frater Franziskus, Diakon in spe, darauf setzen Ihr Abt Hermann-Josef, Ihre Mitbrüder und auch ich als Weihebischof unsere Hoffnung: Dass sie Jesus Christus, dem Wort Gottes in Person, dienen mit Haut und Haar, mit Leib und Seele, „ex toto corde“, mit ganzem Herzen.