Predigt zum Kapiteljahrtag in St. Anton Kempten am 28.11.2020

Seelsorge ist Nächstenpflicht: Über Synodalität, Beichte und Priesterseelsorge

30.11.2020 12:44

“Sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben." Augen sind der Spiegel des Herzens. Wir haben Jesus nicht gesehen, aber ich bin sicher: Er muss gütige und aus Güte sehende Augen gehabt haben.

Denn sonst hätte er all die Gebrechen und Nöte der Menschen nicht sehen können. Jesus hatte eine aufmerksame, feinsinnige Sehkraft. Deswegen konnte er wahrnehmen, wo der Schuh derer drückt, die ihm folgten. Sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten hatten. Eigenartig - dieser Kommentar des Evangelisten Matthäus.

Da muß man widersprechen: Die Menschen hatten doch ihre Hirten. Sie kamen doch aus ihren Gemeinden, wo es Rabbinen, Schriftgelehrte, Gesetzesfromme, Prediger und Pharisäer gab! Fanden sie dort nicht das, was sie suchten?

Waren sie allein mit ihren Fragen - ohne Antwort?

Allein in ihrer Not - ohne Hilfe?

Allein in ihrer Gewissensangst - ohne Befreiung?

Allein mit ihren Tränen - ohne Trost?

Allein im Gestrüpp ihrer Sünden - ohne Vergebung?

Ich kann es mir gut vorstellen. Vielleicht sind sie auf Jesus gestoßen, weil sie vom harten Stab ihrer Hirten geknechtet wurden, weil sie dieser Stab eher niedermachte als aufrichtete. Vielleicht haben sie nach Erbarmen und Verständnis gelechzt und bekamen nur eine spröde Moralpredigt zu hören. Als Kirche sind wir nur dort glaubwürdig,

wo wir das Erbarmen und die Güte Gottes verkündigen und gewähren;

wo wir uns als Christen wieder bewußt werden, daß auch wir das Heil nicht gepachtet haben, sondern auf Gottes Erbarmen angewiesen sind.

Es ist nicht unsere Kirche, die wir nach unserem Geschmack einfach so umgestalten könnten; es ist Seine Kirche, die uns anvertraut ist - nicht als Eigentümer, sondern als Treuhänder. Hier spricht Papst Franziskus Klartext. Er nennt vier Koordinaten der Kirche: das Hören auf die Lehre der Apostel, die Bewahrung der Gemeinschaft, das Brechen des Brotes und das Gebet. „Alles in der Kirche, was jenseits dieser Koordinaten entsteht, ist ohne Fundament. Was nicht in diese Koordinaten passt, ist frei von Kirchlichkeit, es ist nicht kirchlich. Die Kirche ist kein Markt; die Kirche ist keine Gruppe von Unternehmern, die dieses neue Unternehmen vorantreiben. Die Kirche ist das Werk des Heiligen Geistes. Es ist Gott, der die Kirche macht, nicht der Tatendrang der Werke. Es ist das Wort Jesu, das unsere Bemühungen mit Sinn erfüllt. Die Zukunft der Welt wird in Demut aufgebaut. Manchmal bin ich sehr traurig, wenn ich eine Gemeinschaft sehe, die guten Willens ist, aber in die falsche Richtung geht, weil sie glaubt, der Kirche mit Versammlungen zu helfen, als wäre sie eine politische Partei. Aber, die Mehrheit, die Minderheit, was halten Sie von diesem, jenem, dem anderen … Und das ist wie eine Synode, ein synodaler Weg, den wir einschlagen müssen… Ich frage mich: Wo ist der Heilige Geist dort? Wo ist das Gebet? Wo der Heilige Geist fehlt, gibt es keine Kirche. Es gibt keinen netten Club von Freunden, nun ja, mit guten Absichten, aber es gibt keine Kirche, es gibt keine Synodalität.“ (Generalaudienz am 25. November 2020) Das ist eine Botschaft, die an Klarheit nichts zu wünschen übrig lässt.

Deshalb ist Papst Johannes XXIII., der "Gute", auch in bleibender Erinnerung: Er hat sich nicht zu wichtig genommen. Er hat sich nicht selbst zelebriert. Nicht umsonst hat sich das gütige Lächeln von Albino Luciani, des "Dreiunddreißig-Tage-Papstes" vom Sommer 1978, in manchen unserer Herzen eingeprägt. Sein Lächeln, seine Gelassenheit predigte eindringlicher als lange Predigten und dicke Bände kirchlicher Verlautbarungen. Von Johannes XXIII. erzählt man sich eine Episode, die seine Güte zeigt. Als er noch Patriarch von Venedig war, hatte er einmal große Schwierigkeiten mit einem seiner Priester. Immer wieder gingen über ihn Beschwerden ein. Er soll sich mehr in der Bar als in der Kirche aufgehalten haben – nicht nur für einen Cappuccino, sondern auch wegen härterer Sachen. Der Patriarch beschloß nun, den Priester persönlich zu besuchen. Er klingelte am Pfarrhaus – aber ohne Erfolg. Also ging er in die nächste Kneipe. Dort traf er den Priester an - verschüchtert und verschämt. Der Patriarch ging auf ihn zu und sagte zu ihm: "Komm, gehen wir miteinander ins Nebenzimmer. Ich will heute - bei dir - die Beichte ablegen." So hat der Bischof und spätere Papst einem Menschen, der darniederlag, der als Priester die Richtung verloren hatte, dessen Berufung auf der Kippe stand, das Ansehen wieder zurückgeschenkt. Hand aufs Herz: Gehen wir regelmäßig zur Beichte?

Jemanden wieder anschauen. Jemandem in die Augen sehen. Jemandem Ansehen schenken. Jesus hat die Menschen, die ihn umgaben, lange angeschaut. Sein Blick hat die Menschen verwandelt. Viele Menschen warten heute auf unseren Blick – gerade jetzt in Corona-Zeiten. Die Hände geben, einander berühren, uns umarmen, das können wir derzeit nicht. Aber in die Augen dürfen wir uns schauen. Ein Augenblick kann trösten, aufbauen, ermutigen.

Es fällt auf, daß unsere Zeit nach immer mehr Beratungsstellen ruft. Auch unsere kirchlichen Beratungsstellen sind ausgebucht. Das Leben ist so kompliziert geworden, daß der einzelne kaum noch die Übersicht behalten kann. Covid 19 hat diese Erfahrung zugespitzt. Der Mensch ist angewiesen auf den Rat der Spezialisten. So gibt es StelIen für vieles: Lebensberatung, Erziehungsberatung, Berufsberatung, Eheberatung, auch extra Anlaufpunkte für Drogensüchtige, alleinstehende Mütter, Rentenberatungsstellen, Gesundheitsberatung und noch vieles mehr. Gut, dass es diese Stellen gibt. Doch trotz dieser vielen Ratgeber scheint die Ratlosigkeit größer denn je. Wer sagt, er sei ratlos, meint meist nicht eine Detailfrage, sondern eine größere Unsicherheit über den Sinn seines Lebens, seiner Arbeit, seiner Rolle im Freundeskreis, in Ehe und Familie. Auch bei uns Priestern ist bei manchen die Rolle nicht klar. Wer bin ich wirklich in der Gemeinde – als Mensch, als Christ, als Seelsorger?

Der Mensch, ratlos geworden im Hexenkessel seiner Welt, sucht nach Halt. Aber vieles, was dahergetrieben kommt auf dem Strom des Lebens, erweist sich als leeres Stroh, das wohl emsig gedroschen wird, aber keinen Halt zu geben vermag. Sich dem rat- und haltsuchenden Menschen stellen, ihm Auge und Ohr zu schenken, ist die Aufgabe der Seelsorge. Seelsorge aber kann in diesem Sinne nicht reduziert werden auf die institutionelle Aufgabe der Kirchen und ihrer Pfarrer. Seelsorge ist Aufgabe eines jeden Christen. Pastoral ist Nächstenpflicht.

Es wäre die Preisgabe unseres Christentums, wenn wir Seelsorge an Organisationen delegieren, wenn wir den Priester kommen lassen auf Bestellung und dann z.T. unerbittlich kritisieren, wenn im Notfall nicht gleich jemand von der Kirche da ist, um eine Dienstleistung anzubieten. Amtliche Seelsorge ist wichtig, sie braucht auch eine offizielle Mission oder Weihe von Seiten der Kirche. Daran rüttle ich nicht. Ohne Zweifel braucht es Organisation und Struktur - auch in der Kirche. Mit Konzepten vermögen wir manches zu leisten, was der einzelne nicht schaffen kann. Aber unsere Programme dürfen kein Alibi sein für mangelndes Engagement des einzelnen. Sie, liebe Schwestern und Brüder, sind füreinander verantwortlich! Auch unter uns gibt es Mitbrüder, Frauen und Männer im pastoralen Dienst, die müde sind und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben. Daher stehen die Priesterseelsorge und die Pastoral für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf meiner Prioritätenliste ganz oben.

Gerade uns Katholiken hat man oft den Vorwurf gemacht, wir gingen den Problemen unserer Mitmenschen aus dem Weg und vertrösteten sie mit frommen Sprüchen aufs Jenseits. Wir könnten diesen Einwand entkräften, wenn wir uns unsern Nächsten wirklich stellen: wenn wir nicht an ihnen vorbeischauen, sondern ihnen einen Blick schenken, ihnen in die Augen schauen, ihnen dadurch Ansehen schenken. Wer im Diesseits erfährt, daß wir Christen ihn ernst nehmen, wird vielleicht leichter daran glauben, daß es uns ernst sein könnte mit der Liebe zu Gott, der im Jenseits auf uns wartet. Deshalb: Löscht den Geist nicht aus! (1 Thess 5,19)