Predigt von Bischof Bertram beim Requiem für Helmut Mangold in Aufheim am 13. November 2021

Sein Leben war wie ein Musikstück: Melodie – Harmonie – Takt

13.11.2021 08:37

Liebe Schwestern und Brüder! Die Situation kennen Sie alle: Ich bin eingeladen zu Besuch. Die Dame des Hauses öffnet, ich überreiche einen Blumenstrauß, und sie sagt: „Das ist aber eigentlich nicht nötig“. Sind Blumen nötig? Mancher denkt: Sie kosten viel und bringen wenig. Wenn schon ein Geschenk, dann etwas „Praktisches“, etwas, das man „gebrauchen“ kann. Blumen sind nicht nötig, wie andere Dinge nötig sind. Man kann sie nicht verwerten. Blumen sind eigentlich nicht nötig, aber sie sind schön. Sie eröffnen eine neue Dimension, über die Kosten-Nutzen-Kalkulation hinaus. Und dennoch: Gerade in den Tagen des Abschieds, unsere Gräber im November schmücken wir mit Gestecken, Kränzen und Blumen. Sie sind Zeichen des Gedenkens und der Dankbarkeit.

Ist Musik nötig? Ist es nötig, dass wir eine Orgel haben, eine Schola, ein Orchester, einen Chor? Eigentlich nicht nötig. Die Messe ist auch gültig ohne Orgel, ohne Schola, ohne Orchester, ohne Chor. Trotzdem ist es schön, dass es sie gibt. Es ist gut, dass wir singen und musizieren. Zu einer Feier gehört einfach die Musik. Helmut Mangold – Kirche – Musik: Das ist ein schöner Dreiklang.

Schon in der Bibel hat die Musik ihren festen Platz. Sie ist dazu da, Feste zu gestalten und Gäste zu unterhalten. „Wir wollen essen und fröhlich sein“, sagt der barmherzige Vater, „denn mein Sohn war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie begannen, ein fröhliches Fest zu feiern.“ Als der ältere Sohn von der Feldarbeit heimkam, „hörte er Musik und Tanz“ (Lk 15,23-25). Der biblische Mensch singt und musiziert, weil Gott ihn durch seine Werke erfreut hat: „Du hast mich durch deine Taten froh gemacht. Herr, ich will jubeln über die Werke deiner Hände“ (Ps 92,5).

Es gibt auch musiklose Zeiten. Wir kennen es aus Corona-Zeiten, als Musik und Gesang verboten war. Schon Ijiob klagte: „Wo ist mein Schöpfer, der Loblieder schenkt bei Nacht?“ (Ijob 35,10). Die Musik beim Gottesdienst darf aber auch nicht herhalten als Alibi für mangelnde Solidarität: „Weg mit dem Lärm deiner Lieder! Dein Harfenspiel will ich nicht hören, sondern das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“ (Am 5,23f.).

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Ist Musik nötig? Eigentlich ist sie nicht nötig, doch in der Kirche fehlt etwas, wenn es sie nicht gibt. Davon war Helmut Mangold durchdrungen – sein Leben lang. Als kleiner Junge lernte er Klavier spielen, dann sattelte er auf die Orgel um, wobei ihm der Mesner von St. Ulrich und Afra in Augsburg anfangs kein Kompliment machte: „Dein Gedudel will ich mir nicht jeden Tag anhören.“ Musik baut auch Brücken: In einem Singkreis lernte Helmut seine Frau Gertrud kennen, die er 1963 heiratete. Musikalisch wurde die Orgel seine Begleiterin: anfangs in seiner Heimatgemeinde St. Ulrich und Afra, später hier in Aufheim, wo er – solange er konnte – auch den Kirchenchor leitete, der jeden Sonntag sang. Nicht vergessen möchte ich seine Liebe zu den Blasinstrumenten: vor 65 Jahren gründete er die Ulrichsbläser, die es bis heute gibt; hier in Aufheim gehen die Turmbläser auf seine Initiative zurück. Herr Mangold war überzeugt: Musik ist kein Accessoire des kirchlichen Lebens, sondern wesentliche Voraussetzung dafür, dass unser Feiern zum Fest wird. Das Engagement der Musiker ist mit Geld nicht zu bezahlen. Es geht über das Zählbare und Zahlbare hinaus. Musik ist nicht nur ein Gebilde, das der Physiker nüchtern nach dem Ablauf der Schwingungen misst. Sie bewegt und verwandelt die Herzen, sie erfreut und stiftet Gemeinschaft, sie tröstet und verbindet – gerade dort, wo Worte versagen und für zu leicht befunden werden. Die Musik ist ein Bild für unser Leben. So wollen wir miteinander in den Spiegel der Musik schauen und dabei die Lebenslinien entdecken, die Helmut Mangold gezogen hat.

 

Melodie: Du bist einmalig!

Jedes Musikstück lebt von einer Melodie. Es braucht ein Thema, ein Motiv. Dabei sind der Fantasie für immer neue Melodien keine Grenzen gesetzt. Nur sieben Noten zählt die Tonleiter, doch was lässt sich daraus alles machen! Und jedes Instrument gibt seine Klangfarbe dazu, ob Flöte oder Posaune, ob Violine oder Pauke. Vom Grundton geht die Melodie aus, sie schwingt sich durch Höhen und Tiefen, um zum Grundton zurückzukehren. Sehen wir die Ähnlichkeit mit unserem Leben? Einige Milliarden Menschen leben auf unserer Erde. Keiner gleicht dem anderen. Jeder Mensch ist einmalig, unverwechselbar, keine Kopie, sondern ein Original. Jedes Leben hat seine Melodie, mit seinen Höhen und Tiefen, seinem Ausgangspunkt und seinem Ende.

Ignatius von Antiochien, ein Theologe der alten Kirche, schreibt: „Nehmt Gottes Melodie in euch auf!“. Im Angesicht des eigenen Todes lebte Ignatius aus dem Vertrauen, dass Gott jedem von uns eine Lebensmelodie zugedacht hat. Was ist Gottes Melodie für mich? Welche Stimme hat er mir zugedacht? Gottes Lied kann ich nur hören, wenn ich still werde, wenn ich mich selber zurücknehme, denn seine Melodie ist leise. Und noch etwas kommt hinzu: Gottes Melodie kann ich nicht endgültig auswendig lernen; sie ist ein Thema mit Variationen; das Lied geht weiter, ist immer neu, immer wieder überraschend: ein Liebeslied, Gottes Liebeslied für mich. Und die Liebe ist bekanntlich erfinderisch.

Wer Helmut Mangold kennt, weiß das: seine Frau Gertrud, mit der er 58 Jahre Lebensweg teilte; seine Kinder Barbara, Raphael und Ulrike; seine Enkel Christina, Elisabeth, Anna, Moritz, Louise, Paula und Eva. Auch seinen Beruf liebte er: Nach seinem erfolgreichen Studium der Elektrotechnik an der TU in München war er zunächst bei Telefunken tätig, ehe er ins Forschungslabor zu AEG ging, bis am Eselsberg in Ulm das neue Wissenschaftszentrum von Daimler Chrysler öffnete. Spracherkennung, autonomes Fahren, hochkomplexe Entwicklungen am Computer, die am Anfang noch ein ganzes Zimmer zum Aufstellen benötigten, bis zum heutigen Mini-Smartphone, das in die Hosentasche passt: Helmut Mangold verstand die komplexe Materie der Elektrotechnik. Und er hatte pädagogisches Talent, denn an der Fachhochschule in Augsburg war er ebenso unterwegs wie in vielen Ländern der Welt, um Studierenden für das Thema zu begeistern. In all diesen Facetten zeigt sich, wie vielfältig und reich die Lebensmelodie von Helmut Mangold war.

 

Harmonie: Zur Symphonie zusammenklingen

Zur Melodie eines Musikstücks muss die Harmonie kommen. In einem Chor singt nicht jeder für sich allein drauf los. Erst das Miteinander, das Aufeinander-Hören und das harmonische Zusammenklingen der Töne schaffen den Wohlklang. Keine Stimme darf fehlen oder ausfallen, jeder muss sich einfügen in das Ganze. Hören wir noch einmal Ignatius: Wenn jeder die ihm zugedachte Melodie hört und in sich aufnimmt, dann wird der Zusammenklang aller Stimmen ein gemeinsames Stück. Im Griechischen steht buchstäblich das Wort „Symphonie“ – Zusammenklang: „In eurer zusammenklingenden Liebe ertönt durch euch das Lied Christi“. Die Aussagen über die Musik spiegeln unser Leben. Wir existieren nicht als Robinsons, jede(r) für sich allein. Wir leben in Gemeinschaft. Man hat den Menschen geradezu als „animal sociale“ definiert, als Lebewesen, das auf Gemeinschaft hin angelegt ist. Singen und Musizieren sind Schulen der Gemeinschaft. Sie fordern Aufeinander-Hören und Sich-Einordnen, sie fördern Rücksicht, Kameradschaft und „Harmonie“.

Musik wirkt über die eigenen Reihen hinaus und gibt die Möglichkeit, anderen Freude zu machen und auf diese Weise gemeinschaftsbildend in ein Team, ein Gremium hineinzuwirken. Ich schätze den Beitrag, den unser Herr Mangold für das Leben der Kirche geleistet hat. In vielen Bereichen brachte er sich ein: im PGR, im Dekanatsrat, im Landeskomitee der Katholiken in Bayern, wo er jeweils Vorsitzender war, und auch als Mitglied des Zentralkomitees der Katholiken auf Bundesebene. Das sind Ämter, für die man sich nicht selbst bewerben kann: Dafür muss man gewählt werden. Helmut Mangold war eine Persönlichkeit, die glaubhaft und vertrauenswürdig auftrat. Das habe ich selbst immer wieder spüren dürfen. Vergelt’s Gott dafür!

 

Takt: Die Liebe zu Gott

Ein Musikstück wird geprägt von Melodie und Harmonie, aber auch vom Takt. Das harmonische Zusammenspiel funktioniert nur dann, wenn der Takt festgelegt ist, wenn ein Dirigent den Takt schlägt und die Einsätze gibt, wenn alle auf den Dirigenten schauen und sich von ihm leiten lassen. Auch wir Menschen können nur in Harmonie und Frieden leben, wenn wir auf Gott den Schöpfer schauen und ihn anerkennen. Eine christliche Gemeinschaft wird nur dann wachsen und reifen, wenn die Mitglieder wissen, wer Herr im Haus der Kirche ist: Jesus Christus, dessen Lebensmelodie darin bestand, dass er sich in eine Krippe und aufs Kreuz hat legen lassen. Dafür braucht es Dirigenten.

In der Dirigentenausbildung muss man, so sagt es ein entsprechender Lehrplan, auch viel über Körpersprache lernen: fester Stand, eindeutige Körperhaltung und gestische Verständlichkeit des Chorleiters sind Voraussetzung dafür, dass die Sängerinnen und Sänger wissen, wo es langgeht. Wird ein neues Stück einstudiert, muss ein Chorleiter Blattsingen und am besten sich selbst begleiten können. Ihm muss klar sein, wohin er den Chor führen will. Und oft hat er keinen erfahrenen Solosänger zur Verfügung. Dann fällt ihm, wenn das Projekt gelingen soll, neben der Rolle des Dirigenten auch noch die des Solisten zu. Er braucht weder Startenor noch Opernsänger sein, vielmehr darf er durch sein eigenes Leben zeigen, dass er das Wort des Ignatius von Antiochien beherzigt: „Nehmt Gottes Melodie in euch auf! (So) werdet ihr alle zu einem Chor - in Eintracht und zusammenklingender Liebe. (…) Das ist das Lied, das Gott, der Vater, hört – und so erkennt er euch als die, die zu Christus gehören.“

Helmut Mangold war kirchlich auf vielen Ebenen präsent und aktiv, aber er war kein „Hansdampf in allen Gassen“. Wenn es einen Laienbischof gäbe, könnte ich ihn mir in diesem Amt vorstellen. Und ich hätte auch gleich einen Wahlspruch für ihn: „Dienst an der Einheit“. Sein ausgleichender Charakter half ihm dabei, Disparates zusammenzuführen und Disharmonien aufzulösen. Schließlich brachte er dafür noch ein besonderes Charisma ein: das Charisma des Charmes. Vor Weihnachten ist er mit Ihnen, liebe Frau Mangold, jedes Jahr nach Salzburg zum Christkindlmarkt gefahren – und dabei hat er auch mich nicht vergessen: Er brachte mir Mozartkugeln oder Lebkuchen mit. Ja, Helmut Mangold war ein Süßer und er liebte Pralinen, die er gern mit anderen teilte, vor allem mit der Familie, den Chormitgliedern und den Instrumentalisten, wenn er an Weihnachten die Kempter Pastoralmesse aufführte.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Melodie – Harmonie – Takt. Davon lebt nicht nur unsere Musik, darauf baut auch unser Leben und Glauben. Ich wünsche uns allen diese Tugenden für unseren weiteren Weg auf dieser Welt. Kurz vor seinem Tod fasste Joseph Haydn sein Lebensmotto zusammen: „Ich hab’s mit meinem Leben gehalten wie mit meinen Kompositionen. Ich habe sie mit Gott begonnen und mit einem Laus Deo beendet. Gottes Lob war der goldene Faden, der sich durch mein ganzes Leben zog“. Joseph Haydn hat den tiefsten Sinn der Lebenskomposition erfasst. An seinem Motto können auch wir uns orientieren: Nicht Geld, Ehre und Anerkennung stehen an erster Stelle, sondern das Lob Gottes. So wünsche ich uns aus ganzem Herzen, dass die Worte des Psalmenbeters auch unser Gebet werden: „Ich will den Herrn loben, solange ich lebe, meinem Gott singen und spielen, solange ich da bin“ (Ps 146,2) Genau das hat uns Helmut Mangold vorgelebt. Amen.