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Predigt zur Messfeier mit der ukrainisch griechisch-katholischen Gemeinde in der Kirche Hl. Dreifaltigkeit Augsburg am 10. Dezember

„Something bigger“

10.12.2023 21:33

Liebe Schwestern und Brüder in Christus, ist Ihnen der Name Jan Fosse ein Begriff? Der norwegische Autor hat in diesem Jahr den berühmten Nobelpreis für Literatur bekommen. Mit 16 Jahren trat er aus der norwegischen Staatskirche aus. Eine schwere Lebenskrise hat ihn wieder religiös werden lassen und er fand im Alter von 50 Jahren zum katholischen Glauben.

Das will in Norwegen etwas heißen. Von den rund 5,4 Millionen Einwohnern gehören nur etwa 3 % der katholischen Kirche an. Seit seiner Konversion betet er täglich – wie auch seine Romanhelden. In einem Interview gestand er, dass er einfach „something bigger“[1] brauchte, „etwas Größeres“.

Dieser Gedanke des Größeren, auf den wir als Menschen verwiesen sind, führt mich mitten hinein in die heutige Lesung, in dessen Zentrum ein Christushymnus steht. Der Brief an die Kolosser zeigt auf, welch unglaubliche Bedeutung Christus hat. Das Heilswerk Jesu Christi ist in einem viel größeren Sinne zu verstehen, ja, es umfasst kosmologische Dimensionen: Durch Christus wurden wir von der Finsternis der Orientierungslosigkeit und Sünde in das Licht seiner Liebe und Vergebung geführt. Alles ist durch ihn und auf ihn hin als dem Schöpfungsmittler erschaffen, alles hat durch ihn und in ihm Bestand. Durch sein Leiden und Sterben wurde uns der Weg zu neuem Leben eröffnet. Durch sein Auferstehen hat er die ganze Welt mit sich versöhnt.

Das will heißen: Jesus Christus ist der Schlüssel für ein erfülltes Leben in gelingender Gemeinschaft! An seinen Worten und seinem Handeln gilt es, Maß zu nehmen und sich zu orientieren. Als Christen sind wir somit aufgerufen, Anteil zu nehmen an den Freuden und Leiden unserer Nächsten, sie aufzubauen und zu trösten. Dazu sind wir von Christus her befähigt! Weil wir Erlöste sind, dürfen wir selbstbewusst auftreten. Wir dürfen groß von uns denken, ja, weil Gott uns durch Jesus Christus großgemacht hat!

Umgekehrt seien wir uns also bewusst: Der Mensch ist nicht der Macher und „Alles-Könner“, auch wenn er sich dazu leider allzu oft „aufmandelt“. Jedwede Selbstüberschätzung und Selbstüberhöhung birgt das Risiko in sich, dass der Mensch „nicht mehr Herr seiner Lage ist“ und einmal losgetretene Entwicklungen nicht mehr eingebremst werden können. In dieser Hinsicht bereiten mir – ehrlich gesagt - viele gesellschaftliche Entwicklungen große Sorgen: Die geplanten gesetzlichen Regelungen zum Umgang menschlichen Lebens am Beginn und Ende, die zerstörerische Ausbeutung von Mensch und Natur oder eine ungehemmte Digitalisierung und Technisierung.

Um es deutlich zu sagen: Ich bin weder ein Fortschrittsverweigerer noch Rede ich einer drohenden Apokalypse das Wort. Viele Erfindungen trugen zum Wohl des Menschen und zur Verbesserung seiner Lebenssituation bei; ich denke da gerade auch an die Entwicklungen im medizinischen Bereich. Wenn aber die Auswirkungen zu wenig bedacht werden, Regelungsmechanismen fehlen, bleibt das Mensch-Sein auf kurz oder lang auf der Strecke.

Demut, Bescheidenheit und vor allem Gottesfurcht sind Haltungen, die es wert sind, wieder mehr entdeckt und gelebt zu werden. Wo der Mensch sich als Geschöpf erfährt, als Wesen, dessen Da-Sein und Existenz der Liebe Gottes entspringt, erwächst die Ehrfurcht vor sich selbst, dem Wert menschlichen Lebens überhaupt und nicht zuletzt gegenüber der gesamten Schöpfung. Die Folgen einer solchen Tugend wären schnell sichtbar: (mehr) Mitmenschlichkeit und Friede unter den Menschen. Leider erleben wir weltweit das Gegenteil in diesen krisengeschüttelten Zeiten, besonders mit Blick auf den Krieg in der Ukraine, der Heimat der meisten von Ihnen! Bleibt also die Sehnsucht nach wahrer Menschlichkeit, nach Frieden und Versöhnung bloße Träumerei, gar Utopie?

Das bevorstehende Weihnachtsfest erinnert uns daran, dass „etwas Größeres“ ganz klein und verwundbar wird: Gott wird Mensch in Jesus Christus. Als Kind in der Krippe von Bethlehem macht sich Gott abhängig, angreifbar. Es ist die großartige Botschaft der Menschwerdung, dass Gott klein wird, damit wir Menschen groß rauskommen können. Daran erinnern wir uns an Weihnachten Jahr für Jahr: Was im Stall zu Bethlehem begonnen hat, kommt an kein Ende! Es ist die Einladung an jede und jeden, das eigene Mensch-Sein im Miteinander und Da-Sein füreinander immer mehr zu verinnerlichen und zu verwirklichen, so wie Gott selbst für uns da ist, auch und gerade in Zeiten der Krise und des Leids. Ich bin überzeugt: Die Botschaft vom menschenfreundlichen Gott ist aktueller denn je und ohne sie sähe die Welt nur (noch) ärmer und elender aus!

Ich komme nochmals zurück zur Haltung der Ehrfurcht, von der ich eben sprach. Sie ist letztlich die Basis aller zwischenmenschlichen Liebe und nicht zuletzt für die Grundhaltung der Dankbarkeit. Wer dankbar ist, weiß darum. Er/Sie erkennt, dass ich nicht alles allein schaffe(n muss), sondern auf andere verwiesen bin. Diese „Abhängigkeit“ ist durch und durch positiv durchwoben und meint keineswegs das Gegenteil von Selbstständigkeit oder gar der Aufgabe der eigenen Freiheit und Selbstverantwortung. Dankbarkeit ist aber keine bloß angelernte Höflichkeit, eine bloße Floskel im mitmenschlichen Umgang, sondern die Voraussetzung für eine ganzheitliche Heilung. Das hat uns Jesus im heutigen Evangelium mit der Erzählung von den zehn Aussätzigen deutlich aufgezeigt!

Die zehn Aussätzigen wagen es, Jesus anzusprechen und wenden sich voll Vertrauen an ihn, um ihn um seine Hilfe zu bitten. Er reagiert prompt: „Geht zu den Priestern!“ Das heißt: Zeigt euch denen, die euch für rein erklären können. Meist sind die Wunder Jesu an die Zustimmung zur Heilung gekoppelt und dafür Zeugnis abzulegen. In dieser Erzählung aber ist noch „Luft nach oben“: Von zehn Geheilten kehrt nur einer zurück; nur einer ist so anständig, um sich bei ihm zu bedanken. Die Dankbarkeit ist hiermit neben der äußerlichen Heilung die Voraussetzung für die innere Heilung! Gott macht keine halben Sachen, aber er überrumpelt uns auch nicht. Er nimmt uns als Gegenüber ernst, wie das Jesus-Wort zeigt: „Dein Glaube hat Dich gerettet.“ Übersetzt heißt das: Deine Offenheit für das göttliche Wort, Dein Vertrauen war groß genug, dass ich wirken konnte. Gott also braucht den Raum in uns, damit er ankommen kann. Öffnen wir unser Herz für ihn und lassen wir es zu, dass er unser Leben lenkt!

Wie es in den östlichen Kirchen Brauch ist, sind die 40 Tage vor Weihnachten eine intensive Zeit des Fastens, der Vorbereitung auf das Ankommen Gottes. Ich will Sie dazu ermutigen: Nutzen Sie neben den äußerlichen Gewohnheiten (keine Feste, Verzicht etc.) die Zeit zur Besinnung, vor allem üben Sie sich ein in die Haltung der Ehrfurcht und Dankbarkeit! Lassen Sie sich im Zugehen auf Weihnachten von der tröstlichen Botschaft anstecken, die „something bigger“, „etwas Größeres“ in Erinnerung bringt: Gott ist der Immanuel, der Gott-mit-uns!

[1] Vgl. dazu Die Zeit vom 12.10.2023.