Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier in der Klosterkirche Ursberg am 21. Mai 2021

Standhaft im Glauben - Die Lebensbotschaft von Bischof Joannes Baptista Sproll im Licht von Krumbad

21.05.2021 14:20

Es ist erst wenige Monate her, seit ich selbst vor der Entscheidung stand, mir einen Wahlspruch für mein bischöfliches Wirken zu suchen. So bin ich sensibel für das Motto, das sich Joannes Baptista Sproll nach seiner Wahl zum Bischof von Rottenburg 1927 gegeben hat: „fortiter in fide“. Standhaft, tapfer im Glauben.

Wenn wir das ganze lateinische Wortfeld, das damit verbunden ist, ausschreiten, öffnet sich ein weites Panorama: In der fortitudo stecken Stärke, Standhaftigkeit und Tapferkeit, ja auch Unverrückbarkeit mit einem Hang zur Sturheit, die Schwaben durchaus nachgesagt wird, freilich stets in der Kontingenz des Lebens. Auch fors, der Zufall, klingt mit, was wiederum mit forte „zufällig“, „vielleicht“ in Verbindung steht. Schließlich spannt sich der Bogen zur fortuna: dem launischen Glück, dem Schicksal, das sich zuträgt, ohne dass wir viel dazutun könnten. Ja, in seiner fortuna, dem Schicksal, war der Bischof gefordert, seinen Wahlspruch einzulösen.

„Fortiter in fide“ hat sich in seinem Leben gleichsam durchdekliniert: die ersten elf Jahre waren eine starke Zeit des Aufbruchs und Gestaltens, dann folgten sieben Jahre der Verbannung und Demütigung – hauptsächlich im Sanatorium Krumbad, schließlich die letzten vier Jahre als Abrundung und Krönung, schon gezeichnet von Krankheit und Abschied. 

Wie mag es dem Bischof wohl ergangen sein, als Demonstranten vor seinem Palais aufmarschierten, Steine in die Fenster warfen und skandierten: Schickt den Bischof in die Wüste? Bischof Sproll wurde tatsächlich in die Wüste geschickt. Von einigen Unterbrechungen abgesehen, hielt er sich seit 1938 vorwiegend in Krumbad auf. Hier fühlte er sich ähnlich wie es der Jesuit Pater Rupert Mayer, übrigens auch aus Württemberg gebürtig, für sich in Ettal sagte: „lebendig als Toter“. Doch aus dieser Wüste, der Einöde von Krumbad, wurde geistlich fruchtbares Land.

Wie ist es dazu gekommen, dass der Bischof von Rottenburg nach Krumbad kam? Bischof Sproll nimmt in seiner Kritik an der braunen Ideologie kein Blatt vor den Mund. In Predigten, bei Jugendtagen und religiösen Versammlungen mit bis zu 20.000 Teilnehmern verurteilt er Alfred Rosenbergs „Mythos des 20. Jahrhunderts“ (1930) und die sog. „Religion des Blutes und der Rasse“ unmissverständlich. Analytisch messerscharf sah er darin eine „Todfeindschaft gegen das Christentum und die Kirche“, einen „Selbsterlösungswahn“, ja einen „Generalangriff auf das Kreuz Christi und jegliches Christentum“. Für viele andere Beispiele zitiere ich einen Abschnitt aus der kraftvollen Predigt, die er schon am 5. Juni 1934 (!) bei der Vollversammlung der Fuldaer Bischofskonferenz vor Tausenden von Menschen, die dort auf dem Domplatz versammelt sind, hält: „Manche heben die Axt, um die Kirche des hl. Bonifatius zu zertrümmern, das Kreuz aus dem Herzen des Volkes zu reißen. (…) Daher das Bestreben, eine nationale deutsche Einheitskirche zu gründen, eine neue Religion, einen neuen Glauben zu schaffen – aber eine Religion und einen Glauben nicht aus der Offenbarung, sondern aus Rasse und Blut, nicht eine Religion von oben, sondern von unten, einen Glauben ohne einen persönlichen Gott, ohne einen Gott außer uns und über uns, ohne einen Schöpfer der Welt, ohne einen ewigen Richter der Gewissen, ohne eine unsterbliche Seele. Das Göttliche sei nur im Menschen und sterbe mit dem Menschen. (…) Das Christentum wird schwere Stürme aushalten müssen gegen die angebliche Religion aus ‚Blut und Rasse‘. Furchtlos sollt ihr festhalten an dem heiligen Erbe, das ihr von euren Eltern übernommen habt: ‚Steht fest im Glauben!‘, mahnt der Apostel.“ Im Blick auf die Judenpogrome und –morde vom November 1938 gibt Sproll selbstkritisch gegenüber der eigenen Kirche zu bedenken: „Wir haben geschwiegen, als die Synagogen brannten, auch unsere Kirchen werden noch brennen.“ Sein persönliches Schicksal entscheidet sich bereits einige Monate früher: Bischof Sproll bleibt am 10. April 1938 der Volksabstimmung zum Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich und der damit verbundenen Wahl der NSDAP-Liste in den Deutschen Reichstag fern, auf der auch der schon erwähnte Alfred Rosenberg steht. So setzt er sich ostentativ von der abwartenden Haltung oder gar der Kompromissbereitschaft seiner bischöflichen Mitbrüder ab. Dieser Affront gegen die Machthaber mündet in gewaltsame Demonstrationen. Sproll und seine engsten Mitarbeiter sind in Rottenburg nicht mehr sicher. Als „Volksverräter“ beschimpft, muss der Bischof das Weite suchen.

Er hat sich nie wie ein Fähnchen im Wind gedreht. Er hat weder klein beigegeben noch mit den Wölfen geheult, obwohl auch er sich lösen musste aus den Vorurteilen und nationalistischen Klischees, mit denen er aufgewachsen war. Als ältestes von 14 Kindern hatte er sicher früh Gelegenheit, sich zu behaupten. Die Kindheit solcher Erstgeborener ist kurz, müssen sie doch oft Verantwortung für die Geschwister tragen, ehe sie selbst den Kinderschuhen entwachsen sind.

Alle Zeugnisse von Menschen, die ihn in ihrer Jugend erlebten, stimmen darin überein, dass Bischof Sproll klar und unmissverständlich - schwäbisch „gradraus“ – sagte, was Sache war und dabei die Menschen zu führen verstand. Er ließ nicht andere vorausgehen, sondern holte sich – und das nicht nur im übertragenen Sinn – selbst einen blutigen Kopf. Sproll stand für den Glauben ein, für die Würde und das Lebensrecht jedes Menschen, ohne Wenn und Aber. Als einziger deutscher Bischof wurde er aus seinem Bistum vertrieben, musste mehrfach den Verbannungsort wechseln; ab 28. August 1938 erlebte er in Abgeschiedenheit und Krankheit in Krumbad das, was man Lebendig-begraben-sein nennt.

Auch wenn er nichts tun konnte als beten, leiden und vertrauen, von der Bürde der Verantwortung wollte er sich nicht befreien. „Ich bin der Bischof von Rottenburg und ich bleibe der Bischof von Rottenburg“, soll er an Pfingsten 1941 gegenüber Nuntius Cesare Orsenigo geäußert haben, der anlässlich Sprolls 25jährigen Bischofsjubiläums von Berlin nach Krumbad kam, um den Bischof zum Rücktritt zu bewegen. Bestimmt musste er dieses „Ich bleibe“ öfter wiederholen, gerade gegenüber denen, die meinten, er solle Platz machen für einen anderen, konzilianteren, vielleicht geschmeidigeren Nachfolger. Sieben Jahre Exil, sieben Jahre zum Schweigen, zur Tatenlosigkeit verurteilt: das erscheint wie eine lange Wüstenzeit. Im Rückspiegel betrachtet waren diese Jahre wie Große Exerzitien, in denen der Priester und Bischof Joannes Baptista in die Schule der Nachfolge Jesu ging, auf der Via Dolorosa in einem kleinen Ort abseits der Weltgeschichte, und doch geachtet und umsorgt von den Schwestern der St. Josefskongregation, die ihn mit Kompetenz und Umsicht betreuten. Das Sanatorium Krumbad wurde zur geistlichen Oase.

Worin besteht die Bedeutung Bischof Sprolls für uns Nachgeborene?

In einem Sinngedicht an seine Leser wünscht der Dramatiker Gotthold Ephraim Lessing: „Wir wollen weniger erhoben,/Und fleißiger gelesen sein.“ Auf Bischof Sproll bezogen: Er möchte weniger verehrt und dafür eifriger nachgeahmt werden. Wie sehr ich dem Seligsprechungsverfahren, das Bischof Fürst vor zehn Jahren eingeleitet hat, baldigen Erfolg wünsche, so realistisch will ich sein: Was nützt ein weiterer Seliger, wenn wir als Christen heute nicht mehr Profil zeigen?

  • Sproll trat nach dem 1. Weltkrieg dem Friedensbund Deutscher Katholiken bei (1919): Wie zeigt sich unser Einsatz für den Frieden?
  • Sproll nannte Unrecht beim Namen: Wo machen wir faule Kompromisse?
  • Sproll rief nach der Kapitulation, als Deutschland in Trümmern lag und viele sich in ihren Idealen getäuscht und missbraucht sahen, zur Versöhnung auf: Was bedeutet uns Integration und soziale Gerechtigkeit zwischen Einheimischen und Geflüchteten, zwischen Christen, Angehörigen anderer Religionen und Religionslosen?

Was oft als „Alternative für Deutschland“ präsentiert wird, führt eher zu Isolation und Abgrenzung, zu Spannung und Spaltung. Das ist der Weg der Kirche nicht.

Blättern wir am Ende zurück zum Fronleichnamsfest 1945, den 14. Juni. Es ist der 18. Jahrestag der Inthronisation als Bischof von Rottenburg. In einem feierlichen Zug wird Joannes Baptista Sproll erneut von vielen tausend Menschen zum Rottenburger Dom geleitet. Nach sieben Jahren erzwungener Abwesenheit aus seiner Diözese ist die Rückkehr von Krumbad in seine Bischofsstadt eine mächtige Dankprozession, die einmündet in einer Art Neuinthronisation auf seiner Cathedra. Jubelnde Menschen stehen Spalier. Wo sind die hin, die Jahre zuvor gegen ihn demonstrierten und ihn massiv bedrohten?

Dieser neue Einzug des Bischofs, der schon von schwerer Krankheit gezeichnet ist, markiert auch einen Anfang. Die Trümmer, die der Krieg nicht nur in den Dörfern und Städten, sondern auch in den Herzen vieler Menschen hinterlassen hat, müssen aufgeräumt und beseitigt werden. Neuaufbau ist dran, Seelsorge hat oberste Priorität. Das ist ein Vermächtnis, das Bischof Sproll auch uns ins Stammbuch schreibt, die wir oft meinen, durch Verwaltung und Digitalisierung den kirchlichen Betrieb optimieren zu können. Zwei Sätze, die Bischof Sproll im Hinblick auf den Wiederaufbau kurz und bündig sagte, lauten: „Ohne Liebe, ohne Caritas, gibt es keinen christlichen Glauben.“ (Frühjahr 1946) Und: „Mein Dombau ist der Wohnungsbau.“ Damit hat Bischof Sproll Prioritäten gesetzt, die nachklingen. Bis heute suchen wir in Rottenburg einen großen Dom vergeblich. Das Bistum hat andere Prioritäten. Mit dem Bischof wollen die Gläubigen ihrem Patron nacheifern: dem hl. Martin, der ein Vorbild des Teilens war und ist. Amen.