„Stark im Herrn und fröhlich im Herzen“
Liebe Schwestern und Brüder,
mitten in der Ulrichswoche, in der wir eine ganze Reihe an Gottesdiensten und Veranstaltungen zum Abschluss unseres großen Doppeljubiläums feiern, ist es mir eine besondere Freude, wieder einmal in Neuburg an der Donau zu sein.
1991 tat ich hier in der Nachbarpfarrei St. Peter meine ersten Schritte als Kaplan, war als Dekanatsjugendseelsorger aber auch schon für die Pfarreiengemeinschaft St. Ulrich und St. Luzia zuständig und habe so manch schöne Erinnerung an diese Zeit. So bin ich heute gerne hierhergekommen, um mit Ihnen nicht nur das Patrozinium zu feiern, sondern zugleich das 60-jährige Jubiläum der Pfarrei St. Ulrich.
Ich möchte dies zum Anlass nehmen, noch einmal einen speziellen Blick auf unseren Bistumspatron zu richten, dem neben dieser Pfarrkirche zahlreiche weitere Gotteshäuser in unserer Diözese geweiht sind. Was wurden diesem Heiligen, der von 923 bis 973 fünfzig Jahre lang Bischof von Augsburg war, im vergangenen Jahr nicht alles für Eigenschaften zugesprochen. Er sei mutig gewesen, sozial, europäisch… ein Mann, der ganz viele Fähigkeiten und Stärken in sich vereinte. Als ich darüber nachdachte, fiel mir beim Durchlesen der heutigen Schrifttexte vom 14. Sonntag im Jahreskreis ein Satz besonders ins Auge. Es ist die Aussage des Apostels Paulus in seinem zweiten Brief an die Gemeinde in Korinth, wo er sagt: „Ich will mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt. (…) Denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“ (2 Kor 12,9f.)
Dieser scheinbare Widerspruch brachte mich auf folgenden Gedanken: Kann es sein, dass wir vor lauter Verehrung des hl. Ulrich übersehen, dass auch dieser bedeutende Heilige - bei allen Tugenden, die wir zurecht loben - durchaus Schwächen hatte? Und könnte darüber hinaus unser heutiges Fest nicht auch ein passender Anlass sein, einmal innezuhalten und uns selbst zu fragen, welche Schwächen und Stärken uns in der Kirche allgemein, aber speziell auch hier in der Pfarrgemeinde St. Ulrich in den vergangenen Jahren ausgezeichnet haben? Diesen zwei Fragen möchte ich im Folgenden etwas nachspüren.
1. „Wenn ich schwach bin…“
Betrachtet man die älteste Lebensbeschreibung des hl. Ulrich, die uns sein Dompropst Gerhard von Augsburg hinterlassen hat, liest man gleich zu Beginn, dass der spätere Bischof mit einer - für seine Zeit – ungewöhnlich großen Statur als Kleinkind zunächst sehr mager und kränklich war. Wörtlich heißt es da: „Der Vater und die Mutter (…) wunderten sich, warum sein Körper so schwach und gestaltlos blieb, und sie dachten oft darüber nach.“[1] Als der kleine Ulrich immer kraftloser wurde, kam ein unbekannter Kleriker des Weges. Er sprach davon, dass Gott an diesem Kind etwas Großes zeigen wolle, und gab den entscheidenden Tipp, wie man dessen Leben durch eine simple Ernährungsumstellung retten könne. Vermutlich litt Ulrich demnach an einer Art Unverträglichkeit oder Allergie. Die Eltern aber wollten davon nichts wissen und achteten die Worte des Priesters gering. So wurde das Kind immer schwächer und drohte zu sterben. Erst jetzt änderten sie ihre Meinung, gaben dem Jungen eine andere Nahrung, wodurch sein Leben gerettet werden konnte. Rückblickend sahen die Eltern des hl. Ulrich im Besuch des Geistlichen ein Geschenk des Himmels und dankten Gott dafür, dass er ihnen diesen weisen Mann geschickt hatte.
Was können wir aus heutiger Sicht daraus lernen? Manchmal sendet Gott Menschen, um uns zu helfen, nicht in die Irre zu gehen und richtige Entscheidungen zu treffen. Vielleicht haben Sie das auch schon einmal erlebt. Wenn es um wirklich wichtige Fragen geht, die unseren Glauben und unser Seelenheil betreffen, sprechen wir in der Kirche von Propheten. Von einem haben wir in der ersten Lesung gehört: Ezechiel. Dieser bekam vom Herrn den Auftrag, seinen Landsleuten im babylonischen Exil zu verkünden, dass der Gott Israels zu ihnen spricht und sie zur Umkehr aufruft (vgl. Ez 2,4). Ähnlich wie später Jesus, macht er jedoch die Erfahrung, dass die Leute seinen Worten nicht glauben. Was ist der Grund, warum die Menschen die Worte Gottes oftmals nicht hören wollen? Oder anders gefragt: Was hindert uns daran, zum Glauben zu kommen? Eine mögliche Antwort liefert uns das Evangelium: Wir Menschen mögen es gemeinhin nicht gerne, wenn unsere Gewohnheiten und Ansichten in Frage gestellt werden. Wenn es dann auch noch eine Person ist, von der man ein bestimmtes Bild im Kopf hat, wie die Leute damals bei Jesus - „Ist das nicht der Zimmermann…?“ (Mk 6,3) - fällt es uns besonders schwer, unsere Meinung zu ändern. Doch könnte eine Botschaft dieses Textes sein, nie auszuschließen, dass Gott uns in einem bestimmten Menschen begegnen und etwas mitteilen will. Dies kann auch dann der Fall sein, wenn dieser Mensch uns irgendwie seltsam erscheint.
Schauen wir dazu nochmal auf das Leben des hl. Ulrich. Auch er war nicht frei von Fehlern, was sich zum Beispiel darin zeigt, dass er sich als junger Mann aufgrund seiner adligen Abstammung zu fein war, unter seinem Vorgänger, Bischof Hiltine, zu arbeiten, den er als nicht standesgemäß erachtete.[1] Wir sehen also, dass kein Mensch, auch kein Heiliger, ohne Schwächen ist, und wir alle der Korrektur bzw. Hilfe anderer bedürfen, um das zu erkennen. So können in jeder Pfarrgemeinde, auch hier in St. Ulrich, Konflikte immer dann entstehen, wenn wir als Gläubige nicht „mit dem Ohr des Herzens“ hören, wie es uns der spätere Bischof Ulrich empfiehlt, sondern stur und rechthaberisch unseren Standpunkt durchsetzen wollen. Die Kirche aber hat nur dann eine gute Zukunft, wenn sie das beherzigt und synodal tickt, wie es Papst Franziskus unermüdlich wiederholt.[2] Soll heißen: Einander gut zuhören, sich bemühen, den anderen zu verstehen, und im friedlichen Dialog danach zu suchen, welchen Weg Gott uns im Heiligen Geist weisen möchte.
Dies führt mich zu meinem zweiten Gedanken und dem, was der heilige Paulus uns dazu zu sagen hat.
2. „…dann bin ich stark“
In dem Abschnitt aus dem zweiten Korintherbrief, den wir vorhin gehört haben, wird uns vor Augen geführt, was eine wahrhaft christliche Haltung ausmacht. Paulus war von Natur aus ein stolzer Mann. Nach seiner Bekehrung aber erkannte er, worin wahre Stärke liegt. „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“ (2 Kor 12,10), schreibt er, und will damit sagen, dass die entscheidende Kraft unseres Lebens nicht aus uns heraus, sondern allein vom Herrn kommt. Wir sind als Menschen also dann wirklich stark, wenn wir uns unserer eigenen Schwächen wohl bewusst sind und uns mit aller Kraft darauf konzentrieren, dem Beispiel Jesu nachzufolgen, der ganz aus der Beziehung zu Gott, seinem Vater, lebte. All die Wunder und Heilungen, von denen uns die Heilige Schrift berichtet, tat er ja nicht, um uns mit seiner göttlichen Macht zu beeindrucken, sondern um den Menschen zu zeigen, wie groß die Liebe Gottes ist und dass wir einfach nur vertrauen und entsprechend handeln sollen. Demzufolge blüht auch eine Pfarrgemeinde immer dann auf, wenn Menschen sich aufmachen und dem Vorbild Jesu in Wort und Tat folgen, wie es die Zeitgenossen über den hl. Ulrich bezeugen[3].
Als Bischof freue ich mich darum sehr, dass es euch Ministrantinnen und Ministranten gibt, aber auch Jugendliche, Frauen und Männer, die Gottesdienste vorbereiten, den Kirchenchor und viele andere bis hin zum Seniorenkreis. Schön, dass Sie sich alle mit Ihren von Gott geschenkten Stärken einbringen und so zu einer lebendigen Gemeinschaft beitragen. Auf diese Weise wird spürbar, dass jede und jeder in dieser Pfarrei willkommen und angenommen ist. Auch die Form dieser Kirche will es uns deutlich machen: Ein „Zelt Gottes auf Erden“ (Offb 21,3), ein Ort, an dem die Menschen sich geborgen fühlen und die Nähe des Herrn spüren können.
Liebe Schwestern und Brüder,
am Ende meiner Ansprache möchte ich Ihnen von Herzen gratulieren zu diesem Jubiläum und allen danken, die sich in der Pfarrei St. Ulrich zur Ehre Gottes und zur Freude der Menschen engagieren. Mein Wunsch ist, dass es Ihnen in einer Zeit vieler Krisen und eingedenk all unserer menschlichen Schwächen auch künftig gelingen möge, was uns der Psalm 28 empfiehlt: Stark zu sein im Herrn und fröhlich im Herzen (vgl. Ps 28,7)!
[1] Vgl. Martin Kluger: Bischof Ulrich. Ein Heiliger aus Augsburg, Augsburg 2023, 13f.
[2] Vgl. Papst Franziskus: Ansprache zur 50-Jahr-Feier der Errichtung der Bischofssynode (17. Oktober 2015).
[3] Gerhard von Augsburg: Vita Sancti Uodalrici. Die älteste Lebensbeschreibung des heiligen Ulrich, Heidelberg 1993, 155.
[1] Gerhard von Augsburg: Vita Sancti Uodalrici. Die älteste Lebensbeschreibung des heiligen Ulrich, Heidelberg 1993, 87ff.