Predigt zum 200. Geburtstag Sebastian Kneipps am 17. Mai 2021 an seinem Geburtsort Stephansried

Stephansrieder Wurzeln: Armut und Arbeit, Liebe zu Wasser und Bienen

17.05.2021 20:30

„Du, Stephansried, im Gebiet des Unterallgäus, bist keineswegs der unbedeutendste unter den Ortsteilen des Marktes Ottobeuren, denn aus dir ist der Wasserdoktor hervorgegangen, Sebastian Kneipp, Pfarrer und Arzt für das ganze Volk.“ (vgl. Mi 5, 1.3; Mt 2,5)

Die Bibelfesten haben sicher aufgehorcht: Für diese Aussage zu Stephansried steht das Matthäusevangelium Pate, das einst dem kleinen Bethlehem eine große Rolle für die Heilsgeschichte prophezeite. Zwar ist Sebastian Kneipp kein Heiland, aber doch ein Seelsorger, dem es um die Heilung des ganzen Menschen geht. Seine Wurzeln liegen hier in Stephansried. Darauf dürfen Sie, liebe Bewohner, stolz sein. Denn nicht jede Gemeinde hat einen solch berühmten Sohn. Seine „Wasserkur“ hat den „Weberbaschtl“ zum Weltstar gemacht. Das Buch, in 17 Sprachen übersetzt, wurde zum Bestseller.

Am 17. Mai – auf den Tag genau vor 200 Jahren – wurde der „Weberbaschtl“, wie er im Dorf genannt wurde, geboren. Am Tag darauf empfing er in Ottobeuren das Sakrament der Taufe. Denn das Gotteshaus am Ort, dem hl. Stefan geweiht, war lediglich eine Filialkirche. Kneipps Vater ist ein armer Weber – so arm, dass er dem Sohn nicht einmal einen Anzug kaufen kann für die Erstkommunion. Also schneidert die Mutter dem Kind einen Anzug aus ihrem Sonntagskleid, dem guten schwarzen. Kneipp erinnert sich: „Mit 11 Jahren musste ich in den Keller, um die Weberei einzuüben und mit 12 Jahren musste ich täglich fünf Ellen Leinwand weben, wozu ich von morgens früh bis abends brauchte.“ Über all dem strapaziösen Eingespanntsein - Kinderarbeit! – hält der Weberbaschtl aber stur und treu an seinem Lebenstraum fest: „Du musst Priester werden, so rief eine Stimme fortwährend in meinem Inneren.“ Der Vater ist strikt dagegen: „Wollte dich der Herrgott zum Studenten, so hätte er uns auch Geld gegeben.“ So lautet die lakonische Antwort auf den Herzenswunsch des Sohnes.

Ja, die Berufung zum Priester war dem kleinen Sebastian schon mit in die Wiege gelegt. Als Kind hat er gern Pfarrer gespielt, der Dorfbrunnen war sein erster Altar. Das erinnert mich an ein Wort von Papst Johannes XIII., der sein Leben lang mit seinem Heimatdorf verbunden blieb. Er sagte gern: „Die Pfarrkirche ist wie ein Brunnen im Dorf.“ Sebastian Kneipp hat in der Kirche aus den Quellen des Heils geschöpft. Was er später der ganzen Welt als Leitsatz hinterlassen sollte, das hat er schon als Kind geahnt und eingeübt: „Lernt das Wasser richtig kennen und es wird euch stets ein verlässlicher Freund sein.“ Im eigenen Leben und Wirken lässt Sebastian Kneipp das Wasser nicht los. Den meist blassen Ordensschwestern in Wörishofen verordnet er Wassertreten, kranke Gemeindemitglieder behandelt er mit Güssen und Wickeln. Er beschäftigt sich mit der Heilkraft des Wassers und entwickelt daraus eine eigene Therapie.

Doch zurück nach Stephansried: Baschtl findet sich mit der Logik „Armut und Arbeit“ nicht ab. Mit 21 Jahren setzt er sich in Bewegung. Er wandert los und landet in Grönenbach. Dort verdingt er sich als Knecht, doch jede freie Minute nutzt er, um bei Kaplan Matthias Merkle Latein zu lernen und so fürs Gymnasium zugelassen zu werden. Konfessionelle Scheuklappen hat der junge Priester in spe scheinbar nicht, denn vor Ort freundet er sich mit dem evangelisch-reformierten Pfarrer Christoph Ludwig Köberlin an: einem kompetenten Botaniker, der im aufgeweckten Kneipp die Begeisterung für die Pflanzenheilkunde weckt, die ihn sein Leben lang begleiten wird. 1844 ist es dann so weit: Mit 23 Jahren – ein wirklicher Spätberufener! – wird Sebastian Kneipp Gymnasiast und schon vier Jahre später kann er das ersehnte Theologiestudium aufnehmen – zunächst in Dillingen und später in München. Der Weberbaschtl in der Landeshauptstadt, ein Stephansrieder in der Metropole! Welche Weitung des Horizonts!

Allerdings will ich nicht unterschlagen, was an Kneipps 20. Geburtstag geschah. Sein Heimatdorf ging in Flammen auf; 13 von 14 Anwesen brannten nieder; spielende Kinder waren schuld. Auch Kneipps Elternhaus wurde ein Raub der Flammen. Das wenige Ersparte ging verloren. Solche Verlusterfahrungen blieben dem jungen Mann ebenso wenig erspart wie auch Aufbruchserlebnisse. Dem eine Ausbildung eigentlich verwehrt war, öffneten sich auf einmal Türen. Damals wie heute dasselbe Problem: Soziale Armut, Leben am Rande verschließt begabten jungen Menschen aussichtsreiche Berufswege: Oft waren und sind es Vertreter der Kirche, die sich der Jugend annehmen und ihnen Chancen geben. Das hat schon Sebastian Kneipp erfahren. Das ist auch heute so, wenn wir an die Kindergärten und Schulen denken, die in katholischer Trägerschaft sind. Ohne uns selbst zu loben, verschweigen brauchen wir es nicht.

Selbst als Sebastian Kneipp Karriere macht und in ganz Europa herumgereicht wird, hebt er nicht ab; klerikaler Dünkel bleibt ihm fremd. Die Verbindung zu seinen Wurzeln hier in Stephansried lässt er nie abreißen. Er verschweigt nicht, dass er als Kind armer Leute groß geworden ist. Sein Bekenntnis latuet: „Wer nicht arm geboren und nicht arm erzogen ist, wird nie recht das Schicksal erfassen, das den Armen trifft.“ Davon ist er überzeugt. Deshalb pocht er auch vehement darauf, dass mittellose Kranke und Waisenkinder kostenlos behandelt werden. Seine Einnahmen, die er im Laufe der Jahre durch seine Behandlungen, Bestseller und Markenprodukte verdient – Kneipp soll sogar Millionär gewesen sein!, stiftet er dem Kloster der Dominikanerinnen und der Gemeinde.

Hat Sebastian Kneipp über die Schar seiner Jünger hinaus auch eine Bedeutung für die ganze Christenheit? Ich meine JA. Ein Pfarrer, der aus Schlauch oder Kanne todkranke Menschen mit kaltem Wasser übergießt und so heilt: Dieses Bild hilft mit, um im Bewusstsein der Christen die Würde des Leibes zu stärken.

So blenden wir uns noch einmal in die Kindheit des Weberbaschtl zurück. Es war ein schwerer Start ins Leben. Aber es gab auch schöne Momente. 1833 bekam der zwölfjährige Sebastian von seinem Vater Franz Xaver einen Bienenkorb geschenkt. Darauf war der Junge mächtig stolz. Die Liebe zu den Bienen sollte Kneipp sein Leben lang begleiten. Später schreibt er auch ein „Bienenbüchlein“, um gerade Anfängern Tipps zur Verbesserung der Bienenzucht in Körben und Kästen zu geben. Im Rückblick bekennt Pfarrer Kneipp: „Damit ich in meiner Jugend immer eine Beschäftigung hatte, schenkte mir mein Vater einen Bienenstock, der mich sicher mehr freute, als wenn ich einen Bauernhof bekommen hätte. Jede freie Zeit brachte ich bei diesem Bienenstock zu.“ Die Bienen sind Pfarrer Kneipps treue Begleiter. Das Wissen, das er sich seit Jugendzeit auf diesem Gebiet aneignete, gab er später gern an junge Menschen weiter, die er zu Imkern ausbildete. So nannte man ihn auch den „schwäbischen Bienenvater“. Dass es keine einseitige Liebe zwischen Pfarrer Kneipp und seinen Bienen war, zeigt die Tatsache, dass diese enge Beziehung bis in unsere Zeit hineinreicht und lebendig ist. Denn im August 2019 hat man am Grabkreuz von Pfarrer Kneipp ein Bienenvolk entdeckt.

So stellen wir ihn jetzt, um sein Denkmal in Stephansried versammelt, noch einmal lebendig vor uns hin: den Weberbaschtl, Pfarrer Sebastian Kneipp, Sohn dieser Gemeinde, Wasserdoktor und Bienenvater. Und wir hören hinein in die Predigt, die er bei seiner Primiz 1852 in der prächtigen Klosterkirche Ottobeuren gehalten hat: „Die erste und die letzte Sorge einen jeden Christen soll die Seele sein, denn sie ist das höchste Gut.“ An diesem Motto hat Pfarrer Kneipp Maß genommen. An der Wand über seinem Sarkophag hängt sein Leitspruch: „Als Priester liegt mir vor allem das Wohl der unsterblichen Seelen am Herzen. Dafür lebe ich und dafür will ich sterben.“

Bitten wir den Herrn, dass der begnadete Seelsorger und Therapeut, der schroffe und gütige Priester, der „Wohltäter der Menschheit“ (Grabstätte) bereits jetzt dort leben darf, wo es Wasser und Bienen gibt; dass sich an ihm schon erfüllt hat, was Gott im Alten Testament verspricht: „Ich bin herabgestiegen, um (ihn) aus jedem Land hinaufzuführen in ein schönes weites Land, in ein Land, in dem Milch und Honig fließen.“ (Ex 3,8)