Synodalität als Lebensform der Kirche
Kaiserliche Hoheit, königliche Hoheiten, liebe Schwestern im Glauben, lieber Pfarrer Menzinger, lieber Michael, von Herzen danke ich Ihnen für Ihre Einladung: Es ist mir eine Ehre, dass ich vor Ihnen sprechen darf und gleichzeitig eine sehr große Freude, da ich weiß, dass ich von Ihnen, die Sie ganz Europa im Blick haben, viel lernen kann.
Leben in der „einen, heiligen katholischen und apostolischen Kirche“ heißt ja immer auch den Horizont weiten und sich von Gott uns seinen Mitmenschen prägen und verändern lassen…
Ein geschichtlich sehr wichtiger Begriff der katholischen Identität, der bis dato nur theologischen Insidern bekannt war, wurde mit dem Pontifikat von Papst Franziskus plötzlich zum Schlagwort: Synodalität. Unser derzeitiger Papst wird, so wage ich die Prognose, als der Papst der Synodalität in die Geschichte eingehen – jedenfalls, wenn die Weltsynode im Herbst zu einem Ereignis wird, das Maßstäbe setzt.
Was aber versteht man unter Synodalität und warum erscheint sie gerade im 21. Jahrhundert so wichtig? Dies möchte ich im Folgenden in aller gebotenen Kürze darstellen:
1. Synodalität als anderes Wort für Kirche
Im Neuen Testament kommt ein der Synodalität verwandtes Wort nur ein einziges Mal vor, und zwar bei Lk 2, 44, der Bibelstelle zum zwölfjährigen Jesus im Tempel. Dort heißt es: „Nachdem die Festtage zu Ende waren, machten sich (die Eltern Jesu) auf den Heimweg. Der Knabe Jesus aber blieb in Jerusalem, ohne dass seine Eltern es merkten. Sie meinten, er sei in der Pilgergruppe, und reisten eine Tagesstrecke weit“ (Lk 2, 43f). Das griech. Wort Synodía wird hier mit „Pilgergruppe“ übersetzt, denn es setzt sich zusammen aus syn-: zusammen und hodos: Weg.
Synodalität ist wörtlich verstanden also die Weggefährtenschaft, das gemeinsame Unterwegssein. Papst Franziskus erinnerte in seiner Ansprache zum 50jährigen Bestehen der Bischofssynoden (17. Okt. 2015) daran, dass schon beim Kirchenvater Johannes Chrysostomos (349-407) Kirche und Synode synonymisch verwendet werden. „Denn“, so führt der Hl. Vater weiter aus, „die Kirche ist nichts anderes als das ‚gemeinsame Vorangehen‘ der Herde Gottes auf den Pfaden der Geschichte zur Begegnung mit Christus, dem Herrn.“ Und: „Dann begreifen wir auch, dass in ihrem Innern niemand über die anderen ‚erhöht‘ werden kann. Im Gegenteil, in der Kirche ist es notwendig, dass jemand sich ‚erniedrigt‘, um sich unterwegs in den Dienst der Brüder und Schwestern zu stellen.[1]
2. Synodalität als Lebensstil: incontro – ascolto – discernimento (Begegnen – Hinhören – Unterscheiden)
Als Christ:innen in der Nachfolge Jesu – und das ist eben ein Prozess, kein bloßes Verharren und Verhaftetsein in den einmal (im besten Fall innerhalb der Familie) erworbenen Denkmustern, Gefühlen und Frömmigkeitsübungen – in der Nachfolge also sind wir beständig eingeladen, uns als Weggefährt:innen des Glaubens auszutauschen: im Familien- und Freundeskreis, unter Arbeitskollegen und Mitbrüdern. Dies gilt für alle Katholiken, für die Glauben und Leben nicht voneinander zu trennen sind: in der Freizeit, in Bibelkreisen, auf Pfarrei- und Diözesanebene. Es gibt unzählige Möglichkeiten, sich zu vernetzen, dazuzulernen und anderen an meinem Glauben Anteil zu geben. Christsein lebt vom Austausch, wie die Pilgergruppe, in der sich der jugendliche Jesus frei bewegte – sogar so frei, dass den Eltern einen ganzen langen Tag nicht auffiel, dass der Halbwüchsige gar nicht mit der großen Schar aus Jerusalem herausgezogen war!
So wie der Teenager nicht mehr am Rockzipfel seiner Mutter hängt, so sollten sich auch erwachsene Christen auf Begegnung einlassen: mit Menschen anderer Prägung, einem anderen Verstehenshorizont, aus anderen Kulturen und Religionen, um sich selbst zu reflektieren und den eigenen Standpunkt zu festigen – mit einem Wort: um zu lernen! Der Papst wird nicht müde, dazu zu ermuntern und auch im Dokument der kontinentalen Etappe (DKE) mit dem ermutigenden Titel „Mach den Raum deines Zeltes weit (Jes 54,2) wird der ökumenische und interreligiöse Dialog ausdrücklich gewünscht.
„Begegnen, Zuhören, Unterscheiden“ sind die zentralen Schritte zu einem guten Miteinander, nicht nur in der Kirche, sondern überall da, wo Menschen gemeinsam unterwegs sind. Denn sie setzen unwillkürlich einen Wandlungs-, ja einen Reifungsprozess in Gang: „Wenn wir in den Dialog eintreten, stellen wir uns selbst in Frage, wir machen uns auf den Weg, und am Ende sind wir nicht mehr dieselben wie vorher, wir haben uns verändert“ (Papst Franziskus, Predigt vom 10. Oktober 2021).
Daher hat Synodalität als Methode selbstverständlich mit Veränderung zu tun, und wer dies abstreitet und behauptet, die Kirche müsse ewig die gleiche bleiben, befindet sich auch theologisch auf Abwegen: Denn alles hier auf Erden ist der Vergänglichkeit unterworfen, Gott bleibt derselbe und: Die Kirche ist nicht Gott[2] – ER bewahre uns davor, sie zu vergötzen!
Deshalb ist es bezeichnend, dass es, wie der deutsche Jesuit Andreas Batlogg einmal feststellte, gerade der „promovierte Kirchenhistoriker und ehemalige Vatikandiplomat Angelo Roncalli“[3] war, der das II. Vaticanum ins Leben rief. Er setzte alles daran, um damit dem durch das Unfehlbarkeitsdogma einsam gewordenen Entscheider auf dem Stuhl Petri mit den Bischöfen aus aller Welt wieder ein dialogisches Gegenüber zu geben!
Sein Nachfolger Paul IV. schuf die entsprechenden institutionellen Rahmenbedingungen für die Einrichtung einer Bischofssynode - und jetzt, mehr als 55 Jahre später, dürfen wir, so bin ich überzeugt, wieder von einem geistgewirkten Impuls ausgehen, wenn Papst Franziskus schon zu Beginn seines Pontifikates sagte: „Man muss gemeinsam gehen: Volk, Bischöfe, Papst. Synodalität muss auf verschiedenen Ebenen gelebt werden. Vielleicht ist es Zeit, die Methode der Synode zu verändern, denn die derzeitige scheint mir statisch.“[4]
3. Synodalität ist also nichts Neues, sondern muss nur neu entdeckt werden
„Die Kirche sei zwar schon in ihren Anfängen synodal verfasst gewesen, habe diese Art, gemeinsam Kirche zu sein, aber verloren, so Franziskus erst vor einem Jahr in einer Videoansprache für die Päpstliche Lateinamerika-Kommission (Mai 2022). „Bei diesem Neu-Lernen der Synodalität braucht es aus (seiner) Sicht ein ‚unabgeschlossenes Denken‘. ‚Ich habe eine Allergie gegen vollständiges und geschlossenes Denken‘, bekannte der Papst. Nur bei einem offenen, unvollständigen Denken könne der Heilige Geist wirken, und zwar als Gabe, als Geschenk.“[5] Woran erkennt man aber nun, dass ein Gespräch, ein Disput, ja eine Auseinandersetzung geistgewirkt ist? Sie können sich vermutlich die Antwort selber geben: an der Haltung derer, die miteinander sprechen. Der französische Soziologe Michel de Certeau SJ (1925-1986) brachte es einmal folgendermaßen auf den Punkt: Über allem muss stehen: „Weder Du hast völlig recht noch ich, denn: Deus semper maior – Gott ist immer größer.“
Von allem Anfang an war es der Umgang untereinander, der den Zeitgenossen an den ersten Christen auffiel, wie Tertullian in seinem Apologetikum schrieb: „Seht, wie sie einander lieben!“ – Hier sind nicht überströmende Emotionen gemeint, sondern vielmehr der gegenseitige Respekt, der Wunsch, das Gegenüber wirklich zu verstehen, die Welt aus seiner bzw. ihrer Perspektive zu sehen und sich um einen Konsens zu bemühen, bei dem sich jede und jeder ernstgenommen weiß.
4. Synodalität leben heißt: Subsidiär handeln
Welche Rolle hat der einfache Christ vor Ort in dem Prozess, wie kann er/sie sich einbringen bzw. was kann er/sie unternehmen? Wenn wir „Gott einen Ort sichern“ (M. Delbrêl) wollen, dann können wir das nur da, wo wir stehen, in der Reichweite, die wir überblicken, und soweit – bildlich gesprochen – unser Arm, unser Einfluss reicht. Doch das ist oft weiter, als wir auf den ersten Blick meinen!
Dies entspricht dem, was die kirchliche Soziallehre Subsidiarität nennt: ein Prinzip, das nicht nur das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland Eingang gefunden hat, sondern auch die Verwaltungsvorgänge der EU bestimmt. Es hat sowohl mit Freiheit, Kreativität und persönlicher Entfaltung als auch mit Verantwortungsübernahme zu tun. Denn die Subsidiarität schützt die Selbstständigkeit einer Ebene vor der Übergriffigkeit der nächsthöheren und fördert zugleich die Kompetenz zur Unterscheidung: Was kann der einzelne Gläubige, was kann eine Gemeinde z.B. auf Pfarreiebene allein entscheiden, umsetzen, verwirklichen und wo braucht sie Unterstützung, Wegweisung oder auch ein Korrektiv? Vor diesem Hintergrund ist die Überzeugung des Papstes zu sehen, die er nicht müde wird, immer und immer wieder zu verkünden: „‘Die Synodalität ist die dynamische Dimension, die geschichtliche Dimension der kirchlichen Gemeinschaft, die sich auf die dreifaltige Gemeinschaft gründet‘ und die auf ‚die Bekehrung und die Reform der Kirche auf allen Ebenen‘ zielt.“
Deshalb stimmt nicht, was wir heute oft in Deutschland hören: Der Heilige Stuhl bremst nicht den „Synodalen Weg“, sondern er versucht, ihn zu kanalisieren und von der Weltkirche anreichern zu lassen. Wir werden daran erinnert, was katholische Kirche bedeutet – nämlich nicht in einem einzelnen Land national unterwegs zu sein, sondern unsere Gedanken in die gesamte Weltkirche einzubringen und in der Weltsynode im Herbst 2023 diskursfähig zu machen.
5. Entscheidung bedarf der Freiheit
Gestatten Sie mir, dass ich am Ende noch etwas näher auf den Zusammenhang zwischen Synodalität und der Hl. Schrift eingehe. Wie die Heilige Schrift erahnen lässt, was Gottes Wille für die Menschen ist, so zeigt sich in den Suchbewegungen des Volkes Gottes auch, wie sich die Suche nach dem Willen Gottes praktisch vollzieht. Von diesem Mühen gläubiger Suchgemeinschaften ergeben sich Aussagen für unser eigenes Fragen nach dem Willen Gottes. Das ist gelebte synodale Kirche.
Die Aussage, dass eine Entscheidung der Freiheit aller Beteiligten bedarf, ist der Theorie ebenso selbstverständlich wie in der Praxis keineswegs immer gegeben. Die Entscheidungspraxis zeigt oft genug, dass jeder hauptsächlich seine eigene Lobby ist (und hat) und das eigene „wohlverstandene Interesse“ durchsetzen will – bewusst oder unbewusst.
Bei der Suche nach dem Willen Gottes in einer geistlichen Suchgemeinschaft geht es jedoch nicht darum, das eigene Interesse durchzusetzen, sondern sich auf eine echte, ernstgemeinte und offene Suche einzulassen. Die interessenfreie – nicht interessenlose bzw. uninteressierte – innere Haltung ist ein geistliches Experiment. Ist eine Gemeinschaft in Entscheidungssituation innerlich frei geworden gegenüber den möglichen Ereignissen, dann ist schon fast alles geschafft. Aber wie viel Ängste blockieren da oft? Biblische Situationen und Menschen sind Beispiele für beides: für innere Blockaden und für Schritte zur Freiheit.
Petrus ist der „Apostel des Niemals“. Viermal bei seinen „Auftritten“ im Evangelium gebraucht er das Wort „niemals“, und jedes Mal muss er umlernen, umkehren: „Niemals“, sagt er, als der Herr ihn auf den Kreuzweg nach Jerusalem einlädt; „niemals“ sagt er in Selbstüberschätzung seiner Treue; „niemals“ sagt er, als Christus ihm die Füße waschen will; „niemals“ sagt er, als eine nächtliche Vision ihn einlädt, Unreines zu essen und damit den Schritt über das jüdische Speisegesetz hinaus zu tun.
Gerade der Blick auf diesen großen „Entscheidungsträger“ und seine Lernschritte zeigt, wie sehr „entscheidende Entscheidungen“ mit Ängsten, Gewohnheiten, Vorurteilen usw. verbunden sind und wie fast unsagbar schwer es fallen kann, im Sinne des Evangeliums zu entscheiden. Abraham und seine Sippe zeigen dagegen in einer sehr handfesten Entscheidungssituation die innere Freiheit, die Indifferenz des Herzens. Abraham sagt zu Lot:
„Zwischen mir und dir, zwischen meinen und deinen Hirten soll es keinen Streit geben; wir sind doch Brüder. Liegt nicht das ganze Land vor dir? Trenn dich also von mir! Wenn du nach links willst, gehe ich nach rechts, wenn du nach rechts willst, gehe ich nach links.“ (Gen 13,8-9)
Abraham geht es um das Eine: dass Friede ist. Um dieses Ziel zu erreichen, ist ihm sozusagen „jedes Mittel“ recht, d.h. er ist innerlich frei, das zu tun, was jeweils mehr dem Frieden dient, und das zu lassen, was dem Frieden entgegensteht.
Wie wird solche Freiheit im Menschen freigesetzt? – Die Botschaft des Evangeliums gibt zur Antwort, dass der Mensch sich selber und all seine ängstlichen Besorgtheiten in die Hand Gottes geben darf: „Sorget nicht ängstlich ...!“ „Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr keinen Glauben?“ Die Angst um sich selber, die Sorge, zu kurz zu kommen, ist die Quelle der Unfreiheit in Entscheidungen. Wer sich selber das Leben sichern will, fällt vielleicht nach außen hin eindrucksvolle, sichtbare Entscheidungen, geht aber am Eigentlichen vorbei – biblisch gesprochen: Er gewinnt die Welt und verliert sich selber (vgl. Mt 16,25). So jedenfalls sagt Jesus von dem Mann, der sich durch den Bau größerer Scheunen seine Seelenruhe sichern will – „Du Tor!“ (Lk 12,20).
Wachsen in der Entscheidungsfähigkeit heißt wachsen im Entscheidungsprozess! Das ist eines der wichtigsten Lernkapitel bei der Suche nach dem Willen Gottes. Als persönliche Gewissensfrage formuliert: Habe ich, haben wir unsere Sorgen, unsere Vorstellungen, unsere Motivation so weit in die liebende Sorge Gottes abgeben können, dass wir innerlich bereit sind, nach dem zu suchen und uns für das zu entscheiden, was der Geist uns eingibt?
Ich selbst hatte mir in der Vorbereitung auf Ostern vorgenommen: Verbale Abrüstung. Wohlwollend, nicht polemisch, einfühlsam, nicht von oben herab, empathisch, nicht arrogant möchte ich meinen Gesprächspartnern begegnen. Gespräche sind Räume zum Wachsen. Vielleicht ist es eine gute Möglichkeit zum eigenen Wachstum, den Wahrheiten der anderen in dem, was ich als Wahrheit erachte, Raum zu geben. Dann würden wir weniger ausgrenzen, sondern einander bereichern. Katholisch heißt ja: gemeinsam in die Fülle der Wahrheit hineinwachsen. Heben wir keine Schützengräben aus, sondern bauen wir Brücken! Machen wir auf diese Weise „der Wahrheit den Hof“!
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit – und freue mich auf unser Gespräch.
[1] Zit. n. https://www.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2015/october/documents/papa-francesco_20151017_50-anniversario-sinodo.html, S.4
[2] Vgl. Diözesanadministrator Dr. Bertram Meier, Geistliches Wort zur Fastenzeit 2020: Die Kirche ist nicht Gott!
[3] Andreas Batlogg SJ, Synodale Kirche. Editorial. In: Stimmen der Zeit 141 (2016), 73-74, S. 73.
[4] Vgl. Papst Franziskus im Interview mit Antonio Spadaro SJ im August 2013.
[5]Papst Franziskus: „Synodalität neu lernen“ - Vatican News (Artikel von Gudrun Sailer, aufgerufen 05.10.2022)