Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier bei der Beauftragung von Lektoren und Akolythen im Augsburger Priesterseminar am 1. Februar 2021

Textet Euer Leben! Textet Eure Berufung!

01.02.2021 19:00

Gestern war der Sonntag des Wortes Gottes. Papst Franziskus hat festgelegt, dass dieser Sonntag „der Feier, der Betrachtung und der Verbreitung des Wortes Gottes gewidmet sein soll. Die Gemeinschaften werden einen Weg finden, diesen Sonntag feierlich zu begehen. Wichtig ist, dass die Heilige Schrift während der Eucharistiefeier inthronisiert werden kann, um der Versammlung der Gläubigen den normativen Wert des Wortes zu verdeutlichen. Es ist nützlich, die Verkündigung des Wortes Gottes hervorzuheben und die Homilie so zu gestalten, dass der Dienst am Wort des Herrn herausgestellt wird.“ (Aperuit illis, 30.9.2019)

Heute kann ich sechs junge Männer zu Lektoren beauftragen. Dazu kommen drei Studierende, denen ich den Dienst des Akolythen übertragen darf. Darüber freue ich mich sehr. Denn für Sie, liebe Brüder, sind diese Ministerien, die ich Ihnen anvertrauen darf, besondere Dienste, die Sie als Wegmarken dem möglichen Ziel zum Diakon und Priester entgegenführen sollen.

Etappen auf dem Weg der Berufung! Darum geht es. Damit wir uns recht verstehen: Ihre Berufungsgeschichte texte nicht ich – auch als Bischof habe ich dafür keine Kompetenz. Ihre Berufungsgeschichte texten auch nicht die Ausbilder, Professoren, Eltern, Geschwister und Freunde. Wir dürfen nur helfen. Sie ganz persönlich, liebe Brüder, texten Ihre Geschichte mit und für Jesus! Hoffen wir, dass es immer mehr Geschichten gelingender und glücklicher Freundschaft mit dem Herrn werden. Was ich heute als Bischof tun kann, ist nicht texten, sondern Satzzeichen setzen: helfen, dass die Interpunktion stimmt in Ihrem Berufungstext. In diesem Sinn möchte ich einige Zeichen setzen

1. Ausrufezeichen

Es beginnt mit dem Weihnachtsgeheimnis: Gott ist Mensch geworden. Das Wort ist Fleisch geworden. (Joh 1,14) Mit diesem Paukenschlag der Inkarnation hat Gott im Skript der Geschichte ein Ausrufezeichen gesetzt. Von heute an dürfen Sie, liebe Lektoren, das Wort Gottes vorlesen – als „Delegaten des Wortes“, wie es in den romanischen Sprachen heißt. Sie dürfen „Stimme des Wortes“ sein. Da haben wir etwas Wichtiges gemein. Wie ich als Bischof  „vox Verbi“, Stimme des Wortes, sein will, so dürfen und sollen Sie dem Wort Gottes von heute an ganz offiziell im Auftrag der Kirche Ihre Stimme geben. Schon bei der Aufrufung der Kandidaten wurde hörbar, wie unterschiedlich unsere Stimmen sind. Geben Sie dem Wort Gottes Ihre persönliche Stimme, Ihre Klangfarbe, Ihre Tonlage! Sie können nichts falsch machen. Wichtig ist immer, dass Sie als Lektoren authentisch sind! Der Ton muss zu Ihnen passen. Vergreifen Sie sich nicht im Ton! Papst Franziskus hat davon gesprochen, dass unsere Verkündigung, wenn sie überzeugen soll, vom „Ton der Freude“ lebt. (30.1.2021

2.      Fragezeichen

Wenn Sie als Lektoren Ihren Auftrag erfüllen, müssen Sie sich fragen lassen: Was bedeutet mir das Wort Gottes? Welche Rolle spielt es in meinem Leben? Ist das Wort Gottes für mich „das tägliche Brot?“ Habe ich ein biblisches Motto, eine Tageslosung, einen Spruch für den Alltag? Ich weiß, dass Sie sich mit der Heiligen Schrift beschäftigen: im wissenschaftlichen Studium ebenso wie in Bibelkreisen, die es hier im Priesterseminar gibt. Aber wenn das alles ist? Wer das Wort Gottes vorträgt, muss es sich einverleiben, er muss es verdauen, er muss es auch wiederkäuen. Für meine Bischofsweihe habe ich bewusst die Berufungsgeschichte des Propheten Ezechiel gewählt: „Menschensohn, iss, was du vor dir hast! Iss diese Rolle! Dann geh, rede zum Haus Israel! Ich öffnete meinen Mund und er ließ mich jene Rolle essen. Er sagte zu mir: Menschensohn, gib deinem Bauch zu essen, fülle dein Inneres mit dieser Rolle, die ich dir gebe! Ich aß sie und sie wurde in meinem Mund süß wie Honig.“ (Ez 3,1-3) Ist die Bibel für mich wirklich das „Buch der Bücher“? Ist es Gottes Wort im Menschenwort – inspiriert, erfüllt vom Heiligen Geist? Ist Gottes Wort mein Grundnahrungsmittel?

3.      Komma

Als ich am Germanicum in Rom studierte, hatten wir einen Jesuiten als Rektor, der mit Nachnamen „Komma“ hieß. Bei einer Faschingsfeier haben wir ihm zu Ehren ein Lied gedichtet mit dem Refrain: Ein Komma ist kein Punkt. – Für den heutigen Anlass trifft das zu: Denn die Beauftragung zum Lektor und Akolyth ist nur ein Komma, längst noch kein Punkt. Freuen wir uns, dass wir heute mit Ihnen in Ihrer Berufungsgeschichte ein wichtiges Komma setzen dürfen, doch dieses Komma leitet einen neuen Satzteil ein. An Ihnen liegt es, liebe Brüder, an Ihrer persönlichen Berufung weiter zu texten. Material dafür gibt es in Hülle und Fülle: Erkenntnisse und Erlebnisse, Höhepunkte und Talsohlen, Beziehungen und Freundschaften, Krisen und Spannungen. Alles darf hinein in Ihren Berufungstext, damit er reich wird und reif für die Entscheidungen, die auf Sie warten. Die Vorstände im Haus, Ihre geistlichen Begleiter und Beichtväter werden Ihnen helfen, nach dem Komma, das wir heute setzen, Ihren Berufungstext weiterzuschreiben.

4. Gedankenstrich

Wichtig ist, dass wir geduldig und abwägend sind, nicht vorschnell Punkte machen, hinter die wir nicht mehr zurückkönnen. Setzen Sie statt Schlusspunkten lieber Gedankenstriche! Wir sind manchmal versucht, Dinge im Hau-Ruck-Verfahren lösen zu wollen. Doch das ist geistlich gesehen nicht immer stark, höchstens halbstark. Zu gerne und zu schnell werden eigene Ideen, Strebungen und Wünsche mit dem Willen Gottes verwechselt und gleichgesetzt. Wir ahnen zwar irgendwie, dass da etwas nicht in Ordnung ist, aber reden nicht darüber, lassen lieber alles im Halbdunkel und mogeln uns durch. Für mich habe ich in meinem Hirtendienst neben meinen Wahlspruch die Handlungsmaxime gestellt: Handle transparent und konsequent! Oft sind es alte geistliche Lehrer, die dabei helfen können. So rät Johannes Cassian (ca. 360-435) im Hinblick auf die Gabe der Unterscheidung, die für eine Lebensentscheidung grundlegend ist: „Um leicht zur wahren Unterscheidung (discretio) zu kommen, muss man auf den Spuren der Alten gehen, das heißt sich an einem geistlichen Leiter ausrichten.“ Machen Sie als Lektoren und Akolythen keinen Punkt, sondern einen Gedankenstrich! Lassen Sie sich beraten und begleiten! Denn der Text Ihres Lebens ist längst nicht fertig.

Am Ende seines Pontifikates, bei der Eucharistiefeier mit Ordensleuten im Petersdom am 2. Februar 2012, hat Papst Benedikt XVI. den hl. Chromatius von Aquileia (ca. 345-407) zitiert: „Der Herr nehme von uns die Gefahr einzunicken, damit wir uns nie vom Schlaf der Untreue beschweren lassen. ER schenke uns Seine Gnade und Seine Barmherzigkeit, damit wir immer wach bleiben in Treue zu IHM. Denn unsere Treue kann wachen in Christus.“ (Predigt 32,4).

Bleiben Sie wach und achtsam! Bleiben Sie dran! Texten Sie Ihre Berufungsgeschichte, damit sie ans Ziel kommt und Erfüllung findet zu Ihrem eigenen Glück und zum Segen der Kirche. Amen.