21.12.2015 13:21

Gaudete! Freut euch! Das ist der Titel des dritten Sonntags im Advent. Über diesem Tag schwebt schon ein Schimmer der Weihnachtsfreude. Zum Zeichen dafür legen die Priester an Gaudete liturgische Gewänder an, die nicht in dunklem Violett, sondern in lichtem Rosa gehalten sind.

Das Lied „Tochter Zion“ liegt auf derselben Linie: Jubelnder, jauchzender Empfang! So singen Menschen im Glück und voller Freude über die Ankunft eines lang erwarteten Retters. Er ist gekommen, er ist da!

Es gibt Lieder, die haben eine tiefsinnige Botschaft. Deshalb werden sie oft gesungen, und die dazugehörende Melodie stützt das Anliegen: Sie hilft, sich den gehaltvollen Text zu merken und zu verinnerlichen. Daneben gibt es auch Lieder, da scheint der Text zweitrangig. Denn sie haben eine wunderbar sprechende Melodie. Solche Lieder singen sich leicht und gern; es macht einfach Freude, aus voller Kehle einzustimmen. „Tochter Zion“ gehört dazu. Das Lied ist ein „geistlicher Ohrwurm“. Das wird schon daraus ersichtlich, dass die Melodie im neuen Gotteslob vierstimmig abgedruckt ist.[1]

Majestätisch und festlich-punktiert ist der Anfang, in strahlendem Dur gehalten. Dann folgen aufsteigend freudige Achtelnoten, die sich in der Tonleiter nach oben steigern. Der Mittelteil ist etwas verhaltener, er wendet sich gleichsam nach innen in die Molltonart, ehe die Spannung im Melodiebogen wieder steigt und zum Anfang zurückführt. Die ersten beiden Liedzeilen werden zum Schluss noch einmal wiederholt, in Text und Noten identisch zum Anfang.

Von wem stammt diese beschwingte und zugleich prachtvolle Melodie? Sie kommt aus der Feder des deutsch-englischen Barockkomponisten Georg Friedrich Händel. Er hat sie 1747 in London für sein Oratorium „Joshua“ geschaffen. In diesem Werk ist sie ein Triumphgesang auf den siegreich heimkehrenden Kundschafter Kaleb: „Seht, er kommt mit Preis gekrönt.“ Die Melodie kam damals so gut an, dass Händel sie gleich weiterverwendete. 1751 übertrug er den Chor in das Oratorium „Judas Maccabaeus“: auch hier als Hymnus für einen heimkehrenden Kriegshelden. Gewiss barg dieser verherrlichende Gesang auch politische Implikationen; war er doch adressiert an die Macht und Stärke Britanniens. So wurde die Melodie mit dem triumphierenden Text immer wieder auch für militärische Zwecke eingesetzt, bis 70 Jahre später Händels Melodie einen neuen Text bekam. Der ursprüngliche Anlass und Inhalt des Chores wird geradezu ins Gegenteil verkehrt. Jetzt soll damit einem König ganz anderer Art ein jubelnder Empfang bereitet werden: Es ist der Sohn Davids, der Fürst des Friedens.

Wie ist es dazu gekommen? Um 1820 übernahm der evangelische Pfarrer, Dekan und Professor Friedrich Heinrich Ranke (1798-1876) im Wesentlichen die dritte Strophe jenes Oratorienchores und übertrug den Lobpreis des makkabäischen Erretters auf Jesus, den Davidsohn, der seinem Volk den Frieden bringt. Ranke wusste, was er tat. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gehörte er zu den „erweckten“ Theologiestudenten, die ihrerseits ihre Kommilitonen und Zeitgenossen zu neuem Glaubensleben „erwecken“ wollten.[2] Ranke hatte seine Erweckung auf Rügen erlebt genau in der Zeit, als er den Oratorienchor Händels uminterpretierte. Ist das Lied nicht wie ein unüberhörbarer Weckruf?

Mit „Tochter Zion“ redet er alle an, die an Jesus Christus glauben, auch sich selbst. Uns mag die Bezeichnung „Tochter Zion“ etwas fremd erscheinen, sowohl der Ortsname als auch die Anrede. Zion ist im Alten Testament der Südosthügel von Jerusalem, später wird die Rede von Zion erweitert auf den Tempelberg mit der Wohnung Gottes. Schließlich steht Zion für die ganze Stadt Jerusalem, das Ziel vieler Wallfahrer. Die Bevölkerung wird personifiziert: Sie heißt „Tochter Zion“. Jahwe hat Stadt und Leute erwählt. Davon künden die Propheten: „Juble und freue dich, Tochter Zion, denn siehe, ich komme und wohne in deiner Mitte. Spruch des Herrn. An jenem Tag werden sich viele Völker dem Herrn anschließen, sie werden mein Volk sein, und ich werde in deiner Mitte wohnen.“ (Sach 2,14f) „Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg mit dem Haus des Herrn steht fest gegründet als höchster der Berge. Er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen die Völker. (…) Denn von Zion kommt die Weisung, aus Jerusalem kommt das Wort des Herrn.“ (Jes 2,2f und Mi 4,1f)

Um die Aussage noch besser zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf den Titel, den Ranke seinem Liedtext gibt. Er nennt es „Am Palmsonntage“. In der evangelischen Kirche wird sowohl am ersten Advent als auch am Palmsonntag der Einzug Jesu in Jerusalem im Gottesdienst verlesen. Der Prophet Sacharia sagt: „Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; er ist demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin.“ (Sach 9,9)[3]

Die demütige Bescheidenheit des königlichen Friedefürsten wird hier beschrieben. Schade ist nur, dass folgende ursprünglich in „Tochter Zion“ eingefügte Strophe aus der heutigen Textfassung herausgefallen ist:

„Sieh! Er kommt demüthiglich

Reitet auf dem Eselein,

Tochter Zion freue dich!

Hol ihn jubelnd zu dir ein.“[4]

Dennoch ist die Botschaft des Liedes klar: Es geht um einen König ganz anderer Art, der Einzug hält: einen König, der allen militärisch-triumphalistischen Klischees widerspricht. Er reitet auf einem Esel, er ist mild und barmherzig, ein Friedefürst, der ein ewiges Reich gründet. Händels Melodie ist durch den neuen Text von Ranke noch bekannter geworden. Der neue Text gibt dem Inhalt einen ganz anderen „Notenschlüssel“: Es werden musikalisch gleichsam Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet. Das heißt: Die Worte des Liedes „Tochter Zion“ schmieden die musikalischen Schwerter von Georg Friedrich Händel um zu fröhlich-friedlichen Pflugscharen, die im Dienst des gewaltfreien Sohnes Davids stehen. Er ist ein fürsorglicher, gütiger, gnädiger, barmherziger und reichlich gebender König und Herr. Noch einmal klingen Worte des Propheten Jesaja an:

„Denn ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens. Seine Herrschaft ist groß, und der Friede hat kein Ende.“ (Jes 9,5f)

Die Sehnsucht nach Frieden war groß, als Ranke seinen Text schuf. In politischer Hinsicht könnte er an die zurückliegenden Befreiungskriege von 1813 gedacht haben. Vielleicht standen ihm auch die „Hepp-Hepp-Unruhen“ von 1819 in Würzburg vor Augen. Das waren die ersten Anfänge von blutigen Ausschreitungen gegen die Juden, die sich dann über ganz Deutschland ausbreiteten mit dem Kampfruf: „Hepp! Hepp! Jud verreck!“ Oder dachte Ranke auch an die damals aktuelle, äußerst angespannte innenpolitische Situation in Deutschland, die besonders durch oppositionelle studentische Kräfte und durch die Burschenschaften ausgelöst wurde im Einsatz für mehr Demokratie?

Wie dem auch sei, Friedrich Heinrich Ranke wird als Geistlicher und Seelsorger vor allem an den Frieden im Gewissen und im Herzen gedacht haben, wohl auch an den Frieden im Glauben, der durch Rationalismus und historische Kritik schweren Anfechtungen ausgesetzt war. Dass der König als Fürst des Friedens kommt und einen Frieden mitbringt, den die Welt nicht geben kann (vgl. Joh 14,27), das ist die Hoffnung des Dichters, aus der heraus er den Hymnus geschaffen hat.

In dem Moment, in dem die Gemeinde als „Tochter Zion“ das Lied anstimmt, werden die Gläubigen gleichsam „erweckt“ und umgestaltet in das Gottesvolk, das sehnsüchtig den Messias erwartet. So können auch wir uns als singende Gemeinde ansprechen lassen und den Friedefürst bei uns und vor allem in uns willkommen heißen. Die Melodie von Händel und der Text von Ranke werden uns dabei eine wertvolle Hilfe sein.

[1] Gotteslob (2014) Nr. 228, S. 324f.

[2] Ranke gehörte zur fränkischen Erweckungsbewegung in Nürnberg. Ähnliche Strömungen gab es auch im Allgäu. Der sog. Allgäuer Erweckuungsbewegung, die weit über die Grenzen der katholischen Kirche hinausging, stand auch der Theologe und Bischof Johann Michael Sailer (1751-1832) nahe, was ihm bissige Kritik und Verdächtigungen einbrachte.

[3] Vgl. auch die Ausführungen in der 1. Predigt dieses Heftes über „Macht hoch die Tür“.

[4] Ulrich Parent, Tochter Zion, freue dich, in: Liederkunde 3, Heft 5 (2002), S. 17-20, hier S. 18.