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Predigt im Festgottesdienst in der Pfarrkirche St. Josef, Memmingen, anlässlich der vollständigen Errichtung der PG Memmingen

Vom Nebeneinander zum Miteinander

01.11.2024 18:30

Drei Anlässe führen uns an diesem Abend zusammen: Wir feiern das Hochfest Allerheiligen. Damit verbunden steht der morgige Allerseelentag: wir gedenken unserer Verstorbenen. Diese Feiern begeht die Kirche seit vielen Jahrhunderten. Doch der Anlass, der mich heute zu Ihnen führt, ist ein ganz anderer: die vollständige Umsetzung der pastoralen Raumplanung in der PG Memmingen. Es war für 2025 geplant und ist schon jetzt erreicht.

Nicht jeder mag darin einen Grund zum Feiern sehen. Es ist mir bewusst, dass die unerwartete Änderung der Planung einen extra Aufwand bedeutet hat! Ich danke dir, lieber Pater Joshy, dass du diese erweiterte Aufgabe annimmst. Und ich danke allen, die in den letzten Wochen dazu beigetragen haben, um gemeinsam zu guten ersten Lösungen zu kommen. 

Ziele erreichen, das kann unser Leben strukturieren. Die drei Anlässe des heutigen Abends richten unseren Blick auf verschiedene Menschen und Gemeinschaften, die an unterschiedlichen Zielen angekommen sind: die Heiligen, die Verstorbenen und Sie, liebe Gläubige der PG Memmingen.

In der ersten Lesung haben wir von einer Vision aus der Johannesoffenbarung gehört. Zugegeben: es ist ein rätselhafter Text. Johannes berichtet von zwei Gruppen. Die erste Gruppe trägt als einheitliches Kennzeichen ein Siegel. Es ist ein Zeichen der Rettung. Es schützt die, die es tragen. Ein Siegel bedeutet: Ich gehöre fest zu jemandem, ich bin geprägt davon. Die Siegelträger haben die Prüfungen ihres Lebens noch vor sich, sie sind noch auf der Erde, aber ihre Rettung ist zum Greifen nah.

Der Blick des Johannes wandert von hieraus in den Himmel: Dort sieht er eine Schar, die ihr endgültiges Ziel schon erreicht hat. Alle sind vor Gottes Thron versammelt: dem Ort, an dem Gott gegenwärtig ist. Tod, Trauer, Tränen oder Schmerz sind überwunden. In dieser Schar können wir die Gemeinschaft der Heiligen erkennen. Die Schar der Heiligen, sie wächst immer noch an – auch in unseren Tagen. Unterschiedlichste Charaktere sind dort beisammen. Der Platz um den Thron Gottes ist nicht begrenzt. Es sind normale Menschen, die diesen Weg gegangen sind. Erst vor wenigen Tagen hat Papst Franziskus in Rom zwei Frauen und zwölf Männer heiliggesprochen. Es ist nicht notwendig, dass wir Katholiken alle Heiligen kennen. Ich lege ihnen ans Herz, dass Sie die Heiligen ausfindig machen, deren Beispiel für Ihr Leben wichtig ist.

Wenn sich unser Blick in diesen ersten Novembertagen ins Jenseits richtet, dann denken wir noch an weitere Personen. Gedanken und Gefühle sind bei unseren Verstorbenen. Ihr Lebensweg ist an ein Ziel gekommen. Sie haben ihre letzte Reise angetreten. Unser Glaube gibt uns Hoffnung, dass diese Reise in die Nähe jenes Thrones führt, von dem aller Friede ausgeht. Das Gebet für die Verstorbenen, die Pflege und der Besuch an den Gräbern – Proviant für diese letzte Reise, unser letzter Liebesdienst für sie.

„Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.“ (Mt 5,4), spricht uns Matthäus im heutigen Evangelium zu. Ich wünsche Ihnen, dass Sie Menschen an der Seite haben, die sie durch Ihre Trauer hindurch begleiten.

Ob wir trauern oder feiern – wir sind auf Gemeinschaft angewiesen. Damit komme ich zu Ihrer Gemeinschaft. Das Ziel der vollständigen Errichtung der PG Memmingen ist erreicht. Nun gilt es zu einer Gemeinschaft zusammenzuwachsen, die gemeinsam feiert, trauert und glaubt.

Liebe Mitglieder der PG Memmingen, wie können Pfarreien zu solch einer tragfähigen Gemeinschaft werden? Wo Strukturen verändert und Pfarreien vereint werden, treffen unterschiedliche Bedürfnisse und Interessen aufeinander. Doch habt Ihr mehr, ja Gewichtigeres gemeinsam als das, was euch trennt. Das hoffnungsvolle Zugehen auf den Himmel prägt unser Leben als Christen. Liebe Schwestern und Brüder, die Siegelträger der heutigen Zeit, das seid Ihr! In der Taufe wurde Euch dieses Siegel verliehen. Wir gehören zu Gott und sind geprägt von seiner Liebe. „Wir heißen Kinder Gottes und wir sind es!“ (1 Joh 3,1), so haben wir im ersten Johannesbrief gehört. Damit ist ein Auftrag verbunden.

Die Offenbarung des Johannes wurde zu einer Zeit geschrieben, als es schwer wurde für die junge Kirche. Aber Johannes ist zuversichtlich, dass Gott seine Kirche nicht im Stich lässt. Bleiben Sie nicht auf dem Status quo stehen. Bei der Pfarreiengemeinschaft geht es nicht nur darum, in den einzelnen Pfarreien gut nebeneinander her zu existieren. Ich lade Sie ein, in dieser Veränderung die Spuren Gottes ausfindig zu machen. Ich möchte Sie ermutigen, in der Zusammenarbeit neue Möglichkeiten zu entdecken. Zusammen verfügen Sie über einen reichen Erfahrungs- und Traditionsschatz kirchlichen Lebens. Trauen sie Gott zu, dass er diese Pfarreiengemeinschaft nutzt, um Gutes entstehen zu lassen! Ich träume davon, dass aus dem Nebeneinander immer mehr ein Miteinander wird.

Ich schaue auf das pastorale Team. Ihr leitet und begleitet die Menschen dieser Pfarreiengemeinschaft in dieser Phase. Ihr braucht, sollt nicht alles selber machen, um an den verschiedenen Schauplätzen der PG Reich Gottes wachsen zu lassen. Seid da, um die Menschen vor Ort in ihrem Auftrag zu unterstützen! Seid auch füreinander da! Nehmt Euch Zeit für das Gespräch mit Gott, allein und gemeinsam! Er helfe Euch unterscheiden, was zu tun und was zu lassen ist. Ich wünsche Euch von ganzem Herzen gutes Gelingen!

Kirche steht und fällt aber nicht mit der Zahl der Hauptamtlichen. Kirche steht und fällt mit jeder und jedem Einzelnen, der dazugehört. Ich erinnere an mein Hirtenwort vom September. Da ging es um das Ehrenamt. Kirche lebt von den Menschen, die vor Ort mutig und engagiert Verantwortung übernehmen. Gott traut Ihnen allen was zu! Das beschränkt sich nicht auf den Bereich innerhalb unserer Kirchenmauer. Es betrifft alle Schauplätze Ihres Alltags. In Ihren Familien, am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft – dort, wo Sie leben, leben Sie bitte „Zeuge / Zeugin Christi“.

Die Seligpreisungen sind wie eine Anleitung für dieses Leben. Wir sind beauftragt, Friedensbringer zu sein. Es umfasst Versöhnung und Heil. Angesichts so vieler Konflikt- und Kriegsherde dürfen wir zurecht fragen, wie wir diesem Auftrag gewachsen sein sollen. Die erste Seligpreisung kann helfen: „Selig, die arm sind vor Gott, denn ihnen gehört das Himmelreich“ (Mt 5,3). Was meint „arm sein vor Gott“, das Matthäus als Eintrittskarte in den Himmel verkauft? Arm ist, wer über wenig Mittel verfügt. Wir haben nicht alles selbst in der Hand: weder unser materielles Wohl noch unser privates Glück und auch nicht das Kommen des Reiches Gottes. Anstatt sich an Besitz oder eigenen Vorstellungen festzukrallen, lädt Gott uns ein, mit ihm gemeinsame Sache zu machen. Wir dürfen fest mit ihm rechnen. Das entlastet, das ermutigt.

Liebe Jugendliche, liebe Ministrantinnen und Ministranten, ich denke da auch an Euch! Zu meiner Schulzeit war noch fast jeder in der Klasse christlich geprägt. Das verändert sich. Wir werden weniger. Ich kann mir vorstellen, dass ihr Euch manchmal auf einsamen Posten fühlt, wenn Ihr erzählt, dass Ihr in die Kirche geht. Ich wünsche Euch, dass Ihr hier eine Gemeinschaft erleben dürft, die Euch trägt. Es lohnt sich, mit Gott Zeit zu verbringen. Jesus interessiert sich für Eure Sorgen und Eure Träume. Er hört Euch. Er ist der, der Euch Hoffnung und Zukunft schenken will.

Es ist unser Auftrag, die Kirche an dem Ort, wo wir stehen, mit Leben zu füllen. Das braucht Kommunikation miteinander, Rücksicht aufeinander und das Engagement aller. Damit das nicht zur Mangelware wird, sind wir auf eine Quelle angewiesen, die nicht versiegt. Gott selbst gibt sich uns in der Eucharistie zur Speise. Die Eucharistie ist im Leben der Kirche Quelle und Höhepunkt (vgl. LG 11). Seit alters her ist der Sonntag der Tag, an dem die Christen zusammenkommen. Die Erfahrung der größeren Gemeinschaft stärkt uns. Die Veränderungen betreffen auch die Gottesdienstordnung. Manchen wird nun ein längerer Weg zugemutet. Achten Sie aufeinander, dass keiner auf der Strecke bleibt!

Die Gemeinschaft der Heiligen, die Verstorbenen und die weltweite Gemeinschaft der Kirche: in der Feier der Eucharistie sind sie alle vereint. Gottesdienst wird von Himmel und Erde zusammen gefeiert. Besonders deutlich wird das im Hochgebet. Beim ersten Teil des Sanctus handelt es sich um Verse aus dem Buch Jesaja: sie kommen aus dem Mund der Serafim, eine Engelgruppe die vor dem Thron Gottes steht. In ihr Lob stimmt unser Gesang in der Liturgie auf Erden mit ein. Mit Engel und Heiligen stehen quasi auch wir vor dem himmlischen Thron. Insofern ist jede Eucharistiefeier ein Stück Himmel auf Erden. Der Himmel ist das letzte und schönste Ziel. Auf dieses Ziel gehen wir gemeinsam zu. Darum sind wir hier. Das ist der Grund, warum wir heute miteinander feiern.