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Predigt von Bischof Bertram zur Messfeier mit der Edith-Stein-Gesellschaft beim 104. Katholikentag

„Wachsam, fürsorglich und ohne Furcht“

16.05.2026 14:00

Liebe Schwestern und Brüder in Christus! Unsere Gesellschaft driftet auseinander. Antisemitismus erleben wir heute in rechten, aber auch in linken Gruppierungen. In vielen Ländern sind rechte Kräfte erstarkt. Und während das Narrativ von der Erneuerung des christlichen Abendlandes immer noch wirksam ist, um christliche Wählerstimmen zu ge­winnen, sind die Großkirchen wieder vermehrt politisch motivierten Angriffen ausgesetzt - nicht nur im Ausland, sondern etwa auch im deutschen Osten. Extremismus und Christentum sind keine tragfähige Allianz! Der Katholikentag möchte dagegenhalten und von welcher Heiligen könnten wir geeignetere Impulse entgegennehmen als von Sr. Teresia Benedicta a Cruce, auch bekannt als Edith Stein? Ich freue mich sehr, in diesem Gottesdienst auf die Form des Widerstands zu blicken, die diese heilige Frau angesichts der Bedrohung durch den Nationalsozialismus gelebt hat. Danke an die Edith-Stein-Gesellschaft, dass sie das Erbe dieser eindrucksvollen Heiligen hochhält, deren Leben so eng mit der deutsch-jüdischen Geschichte verwoben ist.

Im März 2026 durfte ich Prof. Peter Rudolf Neumann – er hat viel zu Rechts­extremismus geforscht - zu einem Studientag in meinem Bistum in Augsburg begrüßen. Seine aufschlussreiche These lautet: Extremismus beginnt nicht mit dem Hass, sondern mit der Angst.[1] Weltweite gesellschaftliche Umbrüche bringen alte Sicherheiten ins Wanken. Der Mensch sucht nach Lösungen, die das Thema seiner Angst berühren. Wo sich charismatische Führer und ihre Bewegungen darauf verstehen, diese Angst zu verstärken und mit einseitigen Schuldzuweisungen zu verbinden, entstehen gefährliche Ideologien.

Eine solche Schuldzuweisung trifft auch das jüdische Volk im alttestament­lichen Buch Ester. Komplotte, Intrigen, herrschsüchtige Ratgeber – all das versammelt sich am Persischen Königshof. Wir lesen auf wenigen Seiten, wie aus dem Verhalten eines einzelnen Juden (Mordechai) maßlos übertriebene Behauptungen generiert werden und das gesamte jüdische Volk der Vernichtung freigegeben wird. Was der König nicht weiß: es ist das Volk, dem auch seine geliebte Frau angehört. Wir sind weit entfernt von heutigen Vor­stellungen von Ehe und Geschlechtergerechtigkeit. Wer sich dem König nähert, ohne gebeten zu werden, begibt sich in Lebensgefahr. Esters Todesangst, von der wir zu Beginn der ersten Lesung gehört haben, ist damit mehr als be­gründet. Doch Ester tritt ihrer Angst entgegen. Gemeinsam mit ihrem ganzen Volk fastet und betet sie, ehe sie durch überlegtes Vorgehen die Rettung des jüdischen Volkes am Königshof bewirkt.

Damit wird sie zur Impulsgeberin für Edith Stein. 1941 schreibt sie ein Theaterstück, in dem Ester um das Gebet des Karmel für das jüdische Volk bittet, das erneut zum „Gegenstand des Hohns und der Verachtung“[2] gemacht wird. Edith Stein fühlt sich nach ihrer Konversion zum Christentum dem jüdischen Volk auf neue Weise zugehörig und sieht ihre eigene Aufgabe darin, wie Ester für ihr Volk einzutreten. In einem Brief von 1938 schreibt sie an eine befreundete Ordensoberin: „Ich bin eine sehr arme und ohnmächtige kleine Esther; aber der König, der mich erwählt hat, ist unendlich groß und barmherzig. Das ist so ein großer Trost.“[3]Edith Stein weiß ihre ganze Hoffnung auf Christus zu setzen und doch würden wir ihr Zeugnis zu kurzfassen, wenn wir Gebet als einzige Option christlichen Widerstands begreifen würden.

Drei Handlungsimpulse aus dem Leben Edith Steins stelle ich heraus. Sie können leitend für uns sein, um uns nicht einem Klima der Angst, Polarisierung und Gewalt zu beugen. Es sind keine exklusiv christlichen Haltungen. Wir finden sie bereits bei der jungen Studentin in den Jahren vor ihrer Konversion. Eine Passage aus Edith Steins Autobiographie ist besonders aufschlussreich: Edith Stein schildert, wie sie zwei Tage vor Beginn des Ersten Weltkrieges im Kreis ihrer Familie mit Gästen zu Tisch sitzt: „Zu meinem Erstaunen war man gar nicht so erfüllt von den Ereignissen wie ich. »Nur keine Angst!«, sagte meine Mutter. »Ich habe keine Angst«, erwiderte ich, »aber es ist doch durchaus möglich, daß [!] die Russen in ein paar Tagen über die Grenze kommen.« … Ich konnte es kaum ertragen, am Teetisch zu sitzen und … ihre alltäglichen Geschichten erzählen zu hören. … Ich war in einer fieberhaften Anspannung, sah aber mit großer Klarheit und Entschlossenheit den Dingen ins Auge. … . »Meine ganze Kraft gehört dem großen Geschehen. Wenn der Krieg vorbei ist und wenn ich dann noch lebe, dann darf ich wieder an meine privaten Angelegenheiten denken.«“[4]

Edith Stein interessiert sich für das große Ganze. Entschlossen und furchtlos ist sie bereit, ihre Kraft für ein übergeordnetes Ziel einzusetzen. Eine gewisse Furchtlosigkeit, sachbezogene Klarheit und Fürsorge sind die Eigenschaften, die Edith Stein lang erhalten bleiben; doch findet sie in Christus allein die Kraft dazu, ihre hohen Ideale auf Dauer einzulösen:

1. Sachverstand und Stellungnahme

Wir schreiben das Jahr 1931. Von einem Lehrerkollegen, der nichts von ihrer jüdischen Abstammung weiß, erfährt Edith Stein vom erschreckenden Ausmaß der Gräueltaten gegen ihr Volk. Sie sieht sofortigen Handlungsbedarf. Nach sorgfältiger Abwägung ihrer Möglichkeiten, verfasst sie schließlich einen Brief an den Heiligen Vater in Rom. Sie berichtet, dass „in Deutschland Taten geschehen, die jeder Gerechtigkeit und Menschlichkeit – von Nächstenliebe gar nicht zu reden – Hohn sprechen.“[5]Auch im weiteren Verlauf des Krieges bleiben ihre Einschätzungen realistisch. Das aufmerksame Wahrnehmen ge­sellschaftlicher Entwicklungen, gepaart mit dem Mut zur Stellungnahme – das können wir von Edith Stein lernen.

2. Sich Christus hingeben, nicht der Angst hingeben

Edith Stein wusste um die Gefahr, die das Naziregime für ihr eigenes Leben bereithielt: angefangen vom Aus ihrer beruflichen Karriere bis hin zum Tod in Auschwitz. Sie scheint all das mit einer unglaublichen Fassung zu tragen. Wenn wir dem Zeugnis ihrer Autobiographie und ihren Briefen folgen, so erfahren wir lediglich von Prüfungsängsten oder damit verwandten Versagensängsten – letztere allerdings bis hin zur völligen Erschöpfung. Je mehr die Gnade Christi jedoch in ihr Leben einströmt, desto mehr wird in ihrem Leben sichtbar, was die heutige Lesung aus dem Römerbrief bezeugt: Nichts konnte sie mehr scheiden von der Liebe Christi. Das Gebet ist für Edith Stein nicht die letzte Option in der Ausweglosigkeit, vielmehr bildet ihre Christusbeziehung das Fundament ihres Handelns!

Uns nicht von der Angst vereinnahmen lassen, sondern uns in Christus und in seinem Frieden verankern – das müssen wir in diesen Tagen wieder neu lernen. In der heiligen Teresia Benedicta a Cruce haben wir eine starke Fürsprecherin für dieses Anliegen.

3. Fürsorge

Auch wenn ihr selbst ein unerschrockener Charakter zu eigen ist – nie verurteilt Edith Stein die Ängste und Sorgen anderer. Sie nimmt Anteil an dem, was Freunde und Familie belastet. Im Laufe ihres Lebens erweitert sich der Kreis ihrer Fürsorge. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs gibt sie Gott zunächst in einem Weihegebet ihr Leben als Sühnopfer für den Frieden der Welt hin. Wenige Monate später legt sie in ihrem Testament vor Gott unter anderem Fürbitte für das jüdische Volk sowie die Rettung Deutschlands ein.[6] Ihre Option lautet stets „für“, nicht „gegen“. Auf die heutige Situation gemünzt heißt das: Begnügen wir uns nicht damit, in Opposition zu gehen. Bemühen wir uns zu verstehen, welche Ängste Menschen umtreibt - ehe sie sich radikalisieren. Fürsorge ist ein Schlüssel, den Edith Stein uns reicht, um der Gewaltspirale zu entkommen.

Liebe Schwestern und Brüder, vielleicht überkommt Sie manchmal das Gefühl der Machtlosigkeit, wenn Sie die aktuellen Nachrichten verfolgen. Aber dem Lebensbeispiel Edith Steins folgend, stellen wir fest: Wir haben allen Ent­wicklungen, die bedrohlich auf uns wirken, etwas entgegenzusetzen: es ist die Liebe Christi, durch die das Heil in die Welt kommt. Stehen wir für diese Liebe ein: wachsam, fürsorglich und ohne Furcht!

[1] Neumann, Peter: Logik der Angst, Berlin 2023.

[2] Stein, Edith: Nächtliche Zwiesprache, in: Geistliche Texte II (ESGA 20), S.243.

[3] Stein, Edith: Selbstbildnis in Briefen. Zweiter Teil 1933-1942 (ESGA 3), 2. Aufl., S. 318, Brief 573 vom 31.10.1938 an Petra Brüning.

[4] Stein, Edith: Aus dem Leben einer jüdischen Familie (ESGA 1)

[5] Brief Edith Steins an Papst Pius XI vom 04.12.1933, aufrufbar unter https://cdim.pl/de/texte/1933-04-12-brief-edith-steins-an-papst-pius-xi/ (Mai 2026).

[6] Der Weihetext vom 26.03.1939 sowie das Geistliche Testament vom 09.06.1939 sind als Anhang zu finden in ESGA 1, S. 373-375.

 

Titel im Programmheft: Die Hl. Edith Stein und die biblische Königin Esther. Zwei mutige Frauen treten ein für das jüdische Volk

Schriftlesungen: Est 4, 17k.17l-m.17r-t; Röm 8,35-39; Joh 4,19-24
Messformular: Edith Stein (9.8.)