„Wandelt im Heiligen Geist!“
Haben Sie es gemerkt? In jedem Text, den wir soeben gehört haben, war die Rede von Warten und Aufbruch, von Bewegung und Bewegtwerden, wie es sich für Menschen gehört, die von ihren Zeitgenossen als „Anhänger des Weges Jesu“ (Apg 9,1) bezeichnet wurden. Unser christlicher Glaube hat absolut nichts Statisches an sich.
Er ist nämlich nicht gebunden an einen Ort, sondern an eine Person, an Jesus von Nazareth, der drei Jahre lang die Frohe Botschaft vom Reich Gottes verkündete und von sich selbst sagte, „der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann“ (Lk 9,58). Pilger und Fremdling war er auf Erden und kaum jemand hat dieses Spezifikum des Lebens Jesu intuitiv so erfasst, wie Ihr Ordensvater, der hl. Franziskus und Ihre, wenn man so will, ältere Schwester im franziskanischen Geist, die hl. Crescentia.
Auch sie war oft zu Fuß unterwegs, Freundschaften pflegend und neue anknüpfend, eine Frau, die viel in Bewegung brachte, weil sie in Jesus ihren Ruheort hatte, wie es das Zitat an der vierten Station des Crescentia-Pilgerweges bezeugt: „Jesus, meine Ruhe! ich komme wiederum zu Dir; denn wo sollte ich eine bessere Ruhe finden als bei Dir?“ Bewegung und Ruhe, geschwisterliche Gemeinsamkeit und Zweisamkeit mit Gott - zwischen diesen Polen spielte sich das Leben der Heiligen von Kaufbeuren ab. Auch unser Leben braucht den gesunden Wechsel von actio und contemplatio, wenn es wachsen und reifen will. Die große Gefahr ist dabei, das Gleichgewicht in Richtung Actio zu verschieben: Aktionismus kennen wir in der Kirche, und ich vermute, auch Sie im Kloster, nur allzu gut. Und wenn wir nach der Wurzel dieser allem geistlichen Leben schädlichen Haltung suchen, dann müssen wir zugeben: Sie liegt nicht im Evangelium, ist nicht in den heiligen Schriften des ersten und zweiten Testamentes begründet, sondern – sind wir ganz ehrlich – sie widerspricht zutiefst unserem Auftrag als Menschen in der Nachfolge Jesu.
Viel zu lang haben wir den Götzen unserer Leistungsgesellschaft gedient: Bis heute werden Menschen auch in unseren Reihen vorrangig nach dem beurteilt, was und wieviel sie arbeiten. Viele alt gewordene, ja hochbetagte Menschen schämen sich fast dafür, dass sie mit der Geschwindigkeit ihrer Umgebung nicht mehr mithalten können. Gerade die Klöster, die geistlichen Gemeinschaften sollten hier gegensteuern – und sie werden erfahren, dass sich auch jüngere Menschen von dem „neuen Denken“ angesprochen fühlen, das Paulus uns ans Herz legt: „Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern lasst euch verwandeln durch die Erneuerung des Denkens, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: das Gute, Wohlgefällige und Vollkommene!“ (Röm 12,2). Immer mehr Tempo, immer mehr Leistung: das sind Zeichen von Verweltlichung! Bemühen wir uns um Entweltlichung, befreien wir uns von manchen weltlichen Kategorien, in die auch Kirchen und Klöster wie in einem Korsett eingequetscht sein können.
Erst vor zwei Jahren haben wir 20 Jahre Heiligsprechung im Crescentiakloster gefeiert. Nun dürfen wir auch das 20jährige Bestehen des Crescentia-Pilgerweges begehen. Damals legte ich Ihnen in der Predigt einen Gruß ans Herz, den sich die Christen am Anfang der Kirche gern zugesprochen haben: Ambula in Spiritu Sancto - Wandle im Heiligen Geist. Dies will ich heute am Himmelfahrtstag, mit dem wir die Pfingstnovene beginnen (Apg 1, 4ff), noch einmal bekräftigen: Ambulate in Spiritu Sancto – Wandelt im Heiligen Geist - im Alltag, aber besonders auch auf dem Crescentia-Pilgerweg!
Mit ihm haben Sie, liebe Schwestern, zusammen mit der Stadt Kaufbeuren und vielen Helfern und Förderinnen einer wunderbaren Idee Raum und Gestalt gegeben! Gott allein weiß, wie viele schon diesen Weg in den Fußspuren der Heiligen gelaufen oder mit dem Rad gefahren sind: das Herz schwer von Sorgen, unsicher und ängstlich in die Zukunft blickend und doch auf die Fürsprache der heiligen Crescentia vertrauend. Bestimmt gingen die allermeisten gestärkt und getröstet nach Hause, weil sie durch ein Wort, eine Begegnung oder auch einfach durch die Erfahrung der Schöpfung und des weiten Himmels über sich Wegweisung für ihr Leben erhielten!
Mit diesem geführten Rundweg haben Sie, liebe Schwestern, vor 20 Jahren der Landschaft eine Spur der göttlichen Zuwendung zu uns Menschen eingeprägt. Wie durch die Kirchen, Kapellen und Bildstöcke wird dadurch sichtbar, was Paulus, eindringlich seinen Mitchristen in Ephesus wünscht: „(Der Gott Jesu Christi) erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid, welchen Reichtum die Herrlichkeit seines Erbes den Heiligen schenkt und wie überragend groß seine Macht sich an uns, den Gläubigen, erweist durch das Wirken seiner Kraft und Stärke“ (Eph 1,18f).
Glaube erweist sich in unerschütterlichem Gottvertrauen und in der Hoffnung wider alle Hoffnung. Dafür ist die hl. Crescentia ein beredtes Beispiel Wir sind davon überzeugt: Wie sie zu Lebzeiten die Nöte der Menschen mit großer Empathie erkannte und alles tat, um rasch und dauerhaft Abhilfe zu schaffen, so ist sie seit bald drei Jahrhunderten unsere Fürsprecherin im Himmel. Wer um ihre innige Liebe zum Gekreuzigten und ihre mystische Beziehung zum Hl. Geist weiß, der sieht sie - mit dem heutigen Evangelium - mitten unter den Jüngern in Jerusalem. Ganz Ohr für den auferstandenen Herrn vereint sie ihren Willen mit seinem. Für Anna Höß, die hl. Crescentia war der irdische Lebensweg gepflastert mit Armut, Krankheit, Ablehnung und Schikane. All diese Erfahrungen verdichten sich in einem Satz, den sie einer befreundeten Ordensfrau schrieb: „Alles Gute muss erstritten werden“. Doch sie ließ sich davon nicht entmutigen, sondern setzte ihre ganze Kraft da ein, wo sie Vertrauen und Hoffnung aussäen konnte, weil sie Jesus zum Vorbild genommen hatte[1] und wusste, dass Gottes Liebe immer noch größer ist als alles Leid!
Wenn wir heute die Heimkehr unseres Herrn Jesus Christus zum Vater feiern, so erschöpft sich dies nicht in der Erinnerung an einen Abschied vor 2000 Jahren, sondern ist Ausblick und Verheißung. Ja, unsere Sehnsucht soll durch dieses Fest neu entfacht werden, die Sehnsucht, die uns erst zu Christen macht!
Denn auch für uns muss gelten, was der zweite Petrusbrief beteuert: „Wir sind nicht klug ausgedachten Geschichten gefolgt, als wir euch die machtvolle Ankunft unseres Herrn Jesus Christus kundtaten, sondern wir waren Augenzeugen seiner Macht und Größe“ (2 Petr 1,16). Zeugen aber, meine lieben Schwestern und Brüder, haben etwas zu berichten: Sie können das, was sie erlebt haben, nicht für sich behalten. Nicht nur in Worten, sondern in ihrem Auftreten, ihrem Selbstverständnis wird deutlich: hier ist Gott am Werk!
Das ist die Botschaft des heutigen Festes und das Vermächtnis der hl. Crescentia: Leben wir im Lichte des auferstandenen Herrn und gehen wir im Namen dessen, der uns unverbrüchlich zugesagt hat: „Ich bin mit Euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20). Schließen wir dabei alle verstorbenen Förderer und Mitschwestern, die sich als Vermittlerinnen von Crescentias Spiritualität einsetzten, in unser Gebet ein. Möge der Pilgerweg des Lebens uns dereinst alle zu dem Ziel führen, das einen Namen und ein Gesicht hat: Jesus Christus. Amen.
[1] In einem Gebet ruft sie Jesus mit folgenden Worten an: „Dein ganzes Leben war nichts als Kreuze, die dir zuteilwurden. Ich will dir nachfolgen auf dem Kreuzespfad“.