04.01.2016 11:05

Wann beginnt das Jahr für Sie? Manche werden sagen: Jetzt nimmt uns der Prediger auf die Schippe. Oder will er Eulen nach Athen tragen? Warum kommt er an Neujahr mit der Frage: Wann beginnt das Jahr für Sie?

Für mich fällt die Antwort nicht so glatt aus, wie es beim Auswechseln des Kalenders den Anschein hat. Zu mir gehören verschiedene Jahresanfänge: Mein Geburtstag schickt mich in ein neues Lebensjahr, mitten im Sommer. Nach den Sommerferien beginnt für viele ein neues Arbeits- oder Schuljahr. Andere Tage erinnern uns an wichtige Eckdaten des Lebens: Hochzeitstage, Professtage, Weihetage. Gerade Jubiläen lassen uns spüren, dass wieder ein Jahr ins Land gezogen ist. Nicht zu vergessen die dunklen Ereignisse, die unsere persönliche Zeitrechnung bestimmen: der Tod des Ehepartners, von Eltern, Geschwistern und guten Freunden, der Tag von Fehltritt und Seitensprung, der einen Bruch ins Vertrauen schneidet, der Termin vor Gericht, an dem nach Jahren der Trennung die Scheidung für die Beziehung ein neues Faktum setzt. Und dann gibt es noch den 1. Advent, den Anfang des Kirchenjahres, wenn wir neu beginnen dürfen im Namen des Herrn. So gesehen, kennt jeder von uns mehrere Neujahrstage, oft sogar verbunden mit einem Brauch, mit einem festen Ritual: Die Fotoalben mit den Kinderbildern werden durchgeblättert, die Ringe noch einmal angesteckt, die Familiengräber besucht, die erste Kerze am Adventskranz brennt.

Heute ist Neujahr, wie es im Kalender steht und in das viele sich einen guten Rutsch gewünscht haben. Doch mit „Rutschen“ hat der Wunsch wenig zu tun, eher mit einem hebräischen Wort: Rosh, das Haupt. Rosh ha shana: So heißt der Neujahrstag bei den Juden das Haupt des neuen Jahres. Der „gute Rutsch“ meint also „einen guten Neujahrstag“. Neujahr wird bei den Juden übrigens im Herbst gefeiert, gleich nach dem Jom Kippur, dem großen Versöhnungstag. Alles Unversöhnte, alle Schuld, alle Lieblosigkeit wird gemeinsam vor Gott getragen mit der Bitte: Adonai, Herr, verzeih uns. Vergib uns unsere Sünde und Schuld. Dann folgt der Rosh ha shana: der erste Tag des neuen Jahres.

Neujahr ist also ein komplexes Datum. Schon 153 v. Chr. verlegten die Römer den Jahresbeginn vom 1. März auf den 1. Januar. Erst 1691 setzte Papst Innozenz XII. den 1. Januar auch als christlichen Neujahrstag fest. Aber das galt nicht überall: Die einen feierten Neujahr am 6. Januar, andere am 25. März, andere zu Ostern. Immer war es ein Heilsereignis, das als Anfang für Neues gedeutet wurde: die Erscheinung des Herrn, die Verkündigung des Gottessohnes, die Auferstehung oder am 1. Januar das Fest der Namensgebung Jesu: „Jesus soll mein erstes Wort im neuen Jahr sein“, heißt es in einer Kantate von Johann Sebastian Bach zum neuen Jahr.

Die Liturgie kennt den Neujahrstag nicht. So ist es kein Wunder, dass auch das Brauchtum dieses Tages aus anderen Religionen und Kulturen übernommen wurde: die Neujahrsbrezel kommt aus dem Jiddischen – ein süßes Brot ohne Anfang und Ende, so wie auch die Zeit dahinläuft. Mit Böllerschießen und Feuerwerk sollte zweierlei demonstriert werden: militärische Macht und die Kraft, böse Geister zu vertreiben. Der Rausch, den man an Neujahr ausschläft, ist übrigens auch nichts Neues. Er ist schon bei Cicero nachgewiesen (Ad Atticum).

Wie wir das Datum unserer Zeitrechnung, unser Neujahrsfest, drehen und wenden, immer klingt auch mit, dass es ein Datum ist für Rückbesinnung und Vorschau. Bei unseren älteren jüdischen Schwestern und Brüdern fand ich dafür eine „Methode“: Der Talmud lehrt, dass an Neujahr im Himmel drei Bücher geöffnet werden: „das Buch des Lebens der Bösen, das Buch des Lebens der Rechtschaffenen und das Buch des Lebens derer, die dazwischen sind, der Durchschnittlichen.“ Nehmen wir das Bild von den drei Büchern als Anregung für unsere Bilanz.

Das Buch des Lebens der Bösen: Ob wir wollen oder nicht, wir kommen nicht darum herum. Es gibt das Böse in unserem Leben: Entscheidungen, die falsch waren, Worte, die verletzt haben, Taten, die dem Vertrauen schadeten. Dazu gehört auch die Erfahrung, die Paulus selbst gemacht hat: „Ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will“ (Röm 7,19). Niemand ist vollkommen durch die 365 Tage des alten Jahres gekommen. Im „Buch des Lebens der Bösen“ finden sich auch Eintragungen über uns. An der Schwelle zu einem neuen Jahr kommen wir zu Gott und zu unseren Mitmenschen mit unserer Schuld und bitten um Verzeihung und Versöhnung.

Das Buch des Lebens der Rechtschaffenen: Wenn wir zurückschauen, stoßen wir sicher auch auf das, was gelungen ist. Vielleicht drängt es sich nicht so nach vorn, vor allem Perfektionisten finden immer ein Haar in der besten Suppe. Doch gerade an Neujahr dürfen wir auch das Positive in den Blick nehmen, damit es in Zukunft noch besser werden kann: die Zuneigung, die wir empfangen und verschenkt haben; was uns gelungen ist und wo wir Früchte unserer Bemühungen ernten durften; was wir überstanden und mit Gottes Hilfe gemeistert haben. Das ist der Augenblick der Dankbarkeit: Als Geschöpfe sehen wir uns beschenkt vom Schöpfer, verflochten in die Gemeinschaft der anderen Geschöpfe.

Das Buch derer, die dazwischen sind, der Durchschnittlichen, der Mittelmäßigen. Wenn ich dieses Buch aufschlage, finde ich die faulen Kompromisse, die ich gemacht habe „um des lieben Friedens willen“; ich schaue auf die Vorsätze und Beschlüsse, zu deren Umsetzung mir die Kraft und der Willen fehlten; mir kommen die Ziele in den Sinn, bei denen ich auf halbem Weg stehen geblieben bin, obwohl ich überzeugt war, dass ich richtig lag. „Mittelmäßig“ sein gehört zu den schlimmen Bilanzen im Leben. „Ich kenne deine Werke: Du bist weder kalt noch heiß. Wärest du doch kalt oder heiß! Weil du aber lau bist, weder heiß noch kalt, will ich dich aus meinem Mund ausspeien“, sagt der Engel in der Geheimen Offenbarung der Gemeinde in Laodicea (Offb 3, 15f.). Diese Einsicht in die eigene Mittelmäßigkeit ist der erste Schritt für den Vorsatz, entschieden zu sein, sich nicht mehr zufrieden zu geben mit dem Mittelmaß.

Aus dem Mittelmaß heraustreten: Darin liegt auch die große Chance des Heiligen Jahres. In diesem Kirchenjahr dürfen wir uns besonders unter die Barmherzigkeit Gottes stellen. Nach der Kathedrale in Bangui in der Zentralafrikanischen Republik, dem Petersdom und der Lateranbasilika hat Papst Franziskus am 18. Dezember ein Obdachlosenheim in der Nähe des römischen Hauptbahnhofs Termini besucht und auch dort eine Heilige Pforte geöffnet. Er nannte sie die „Pforte der Nächstenliebe“. Dabei bat er um zwei Dinge: „Erstens, dass der Herr die Tür unseres Herzens öffnet, bei allen. Alle brauchen wir dies, alle sind wir Sünder. (…) Zweitens möge der Herr uns verstehen lassen, dass der Weg der Anmaßung, der Weg des Reichtums, der Weg der Eitelkeit, der Weg des Stolzes, keine Wege des Heils sind. Der Herr lasse uns begreifen, dass seine väterliche Zärtlichkeit, seine Barmherzigkeit, seine Vergebung dort ist, wo wir uns den Leidenden nähern, den aus der Gesellschaft Ausgegrenzten: dort ist Jesus.“

Dort ist Jesus: Viele Heilige Pforten in aller Welt stehen offen – und doch gibt es in Wahrheit nur eine einzige Tür, auf die all diese Portale verweisen: Jesus Christus. Er ist der Zugang zum Vater. Er allein. „Ich bin die Tür.“ (Joh 10,9). Keiner kommt zum Vater außer durch mich.“ (Joh 14, 6) In seiner Geburt aus Maria der Jungfrau ist Jesus Christus in unsere Welt eingetreten, um zur Pforte zu werden, „damit wir das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10,10).

So wollen wir uns in diesem Jahr 2016 neu auf den Weg machen zu Christus, der Tür ins Leben in Fülle! Für jeden guten Vorsatz gibt uns der Herr den Segen mit, der als erstes biblisches Wort bei der hl. Messe zu Neujahr aus dem Buch Numeri verlesen wird: „Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende dir sein Antlitz zu und schenke dir Frieden.“ Amen.