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Predigt am Jahresschluss 2023 im Augsburger Dom von Bischof Dr. Bertram Meier

Wegworte für das Neue Jahr

31.12.2023 20:00

Jahreswende. Zeitenwende. Jahreswechsel. Wechseljahre. Es fällt schwer, in Worte zu fassen, was uns am Jahresende bewegt. Mir hat ein Gruß, den ich in diesen Tagen erhielt, das rechte Wort gegeben: ein Gedicht „Zum Neuen Jahr“, 1832 aus der Feder von Eduard Mörike (1804-1875):

„In ihm sei‘s begonnen, / der Monde und Sonnen / an blauen Gezelten / des Himmels bewegt. / Du Vater, du rate, / lenk du und wende! / Herr, dir in die Hände / sei Anfang und Ende, / sei alles gelegt.“

An der Schwelle des neuen Jahres rückt vieles ganz eng zusammen: Anfang und Ende, Abschied und Wiedersehen, Aufbruch und Heimkehr, Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Herr, dir in die Hände, sei Anfang und Ende, sei alles gelegt.

Gemeinsam wollen wir versuchen, Rückblick zu halten, vorauszuschauen und unseren Lebenslauf an den Jahreszeiten zu orientieren. Jede Zeit ist Gottes Zeit, in die sich das Evangelium einschreibt. Die Jahreszeiten sollen von biblischen Wegworten begleitet sein, die uns die Richtung weisen.

 

Da ist zunächst der Frühling. Damit verbinden wir alles, was neu aufblüht in unserem Leben. Wie in der Natur können auch in uns kahle Äste wieder grünen. Abgestorbenes kann neu aufkeimen und wachsen. Mich freut es immer, wenn frische Knospen und zarte Pflänzchen aus dem Boden sprießen. Es muss nicht immer alles beim Alten bleiben.

Das gilt für mein persönliches Leben ebenso wie für den Weg einer Gemeinschaft. Nach einer Zeit des Rückzugs ins Schneckenhaus gehen Menschen wieder aus sich heraus und strecken ihre Fühler aus. Sie spüren neue Lebensfreude, vielleicht Lust am Leben. Ich kenne Menschen, die nach einer Zeit der Krise, der Trauer, der Enttäuschung wieder aufstehen und aufblühen. Plötzlich sieht man sich einem Energiebündel gegenüber, das vor Leben sprüht, oder einem Menschen, der vielleicht eher stiller ist, aber trotzdem von innen her strahlt. Wie schön ist es, wenn jemand im zweiten oder dritten Frühling ist. Diesen Frühling gibt es auch auf dem Berufungsweg.

Das biblische Wegwort für den Frühling kommt aus dem Mund des Propheten Jesaja: „Mache dich auf und werde Licht. Denn dein Licht kommt“ (Jes 60,1). Unser Weg führt nicht ins Nebulöse. Er hat ein Ziel: Christus, das Licht, die Knospe des Lebens, die durch uns blühen will. So können wir uns fragen: Wo steht für mich ein Neuanfang an, etwas Frühlingshaftes, etwas, das mich innerlich kitzelt, das in mir keimt und aufblühen will? Wo habe ich mich getraut, etwas Neues anzufangen, nicht planlos, sondern weil es meiner Berufung diente? Was ist geworden aus einer Idee, von der ich begeistert war, die aber noch nicht verwirklicht ist – aus welchem Grund auch immer?

 

Es dauert nicht lang, dann kommt schon der Sommer: die Zeit der langen Abende, der Sommerfeste, der Grillpartys, der Sonne und Hitze, manchmal auch der heftigen Gewitter. Sommer ist auch so etwas wie Halbzeit, Mitte des Jahres, aber auch des Lebens, Ende des Schuljahres, Sommerpause, kürzere oder längere Auszeit.

Viele Menschen schätzen es, draußen zu sein, in einem Straßencafé, im Biergarten oder einfach auf dem Balkon, um die Zeit zu genießen. Mit dem Sommer verbinden wir Ferien und Urlaub, heraus aus den eigenen vier Wänden, Kulissenwechsel in vielerlei Hinsicht.

Jesus hat dafür Verständnis. Er fördert diesen Wunsch sogar und bittet seine Jünger, nicht auf Ruhepausen zu verzichten. Damals wie heute lädt er die Menschen ein, mit ihm an einen einsamen Ort zu gehen, um auszuruhen und neue Kräfte zu tanken. Im Epheserbrief lesen wir das biblische Wegwort: „Lebt als Kinder des Lichts! Das Licht bringt lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit hervor“ (Eph 5,8f.).

Güte kommt von Gutsein. Einen geistlichen Menschen soll man an seiner Güte erkennen. Kann es ein schöneres Kompliment geben, als wenn jemand über uns sagt: „Er oder sie ist einfach ein guter Mensch.“ Priester und Ordensleute eingeschlossen. Gerechtigkeit ist ein Gütesiegel: unseren Mitmenschen gerecht werden, dass es uns im Urteil nicht das Maß verzieht, weder zur Vergötterung noch zur Verdammung. Gerade Josef wird „gerecht“ genannt. Und die höchste Auszeichnung, die der Staat Israel bis heute vergibt, besteht darin, dass jemand in die Liste der „Gerechten“ eingetragen wird. Schließlich ist die Wahrheit wichtig. Hier geht es nicht darum, einander die Wahrheit an den Kopf zu werfen, sondern sich in den Mantel der Wahrheit zu helfen. Sonst leben wir von freundlichen Lügen, weil uns zur Wahrheit die Liebe fehlt. Gerade im Sommer als Jahreszeit, aber auch im Sommer einer gereiften Beziehung sollte es möglich sein, dass Kinder des Lichtes sich auszeichnen durch Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit, die sich in Wahrhaftigkeit niederschlägt. Als Bischof wünsche ich mir, dass wir ehrlich miteinander umgehen. Einen konkreten Vorsatz habe ich: Wir brauchen einen Klimawandel im Umgang miteinander. Setzen wir das Reizklima des Rechthabenmüssens aus! Laufen wir nicht immer gleich heiß!

 

Wie schnell geht es, und der Herbst ist da: die schönen goldfarbenen Tage mit dem milden Licht, das in die bunt gefärbten Blätter der Bäume fällt. Diese Zeit empfinde ich viel angenehmer als die oft schwülen Tage des Hochsommers. Den goldenen Oktober liebe ich, aber es gibt auch den Dauernebel, der sich in die Niederungen senkt, und den grauen Totenmonat November, Tage, an denen man sich am liebsten im Bett verkriechen würde. Mit dem Herbst verbinden wir aber auch die Zeit der Reife, der Fülle und der Ernte. Es ist die Zeit, in der viele Menschen erfahren, wie sich die Mühe im Garten und in der Landwirtschaft gelohnt hat. Die Treue trägt Früchte. Der rote Faden der Liebe vergoldet sich.

Der Herbst ist vielleicht die Zeit, die vielen von uns am nächsten liegt. So möchte ich ein Wegwort mitgeben, das Jesus selbst gesprochen hat: „Legt eure Gürtel nicht ab und lasst eure Lampen brennen“ (Lk 12,35).

Der Habit der Ordensleute hat einen Gürtel. Zur Albe des Priesters gehört ein Zingulum. Beide sind ein Zeichen dafür, an wen wir uns gebunden haben. Mit Gottes Hilfe wird es gelingen, dass wir auch im neuen Jahr unseren Gürtel nicht ablegen, sondern unsere Lampen brennen lassen und hochhalten, Gott zur Ehre und den Menschen zum Zeichen.

Herbst ist auch die Zeit zum Erntedank. Wo kann jemand durch mich Dank ernten und Wertschätzung spüren? Wie selbstverständlich nehme ich die Dienste an, von denen ich täglich profitiere, damit ich meine Aufgaben erfüllen oder einfach – dem Alter entsprechend – in Würde leben kann? Gleichzeitig erinnert uns der Gürtel an den Ernstfall des Lebens, der im Sterben liegt: „Als du noch jung warst, hast du dich selbst gegürtet und konntest gehen, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten“ (Joh 21,18). Üben wir uns ein in die Dankbarkeit dafür, dass der Herr uns den richtigen Weg weist und uns einmal hinüberführt nicht nur über die Schwelle des Jahres, sondern über die Schwelle des Todes!

 

So geht der Herbst in den Winter über. Winter bedeutet oft Kälte, Frost und Glatteis. Kahle Bäume und leere Felder deuten auf eine tiefere Botschaft hin: Auch in uns kann manches erstarren, erfrieren, absterben. Es kann in einem selbst und untereinander Eiseskälte herrschen, wenn Menschen einander die kalte Schulter zeigen oder kaltschnäuzig ihre eigenen Interessen verfolgen.

Schon 1983 hat Karl Rahner von der „winterlichen Kirche“ gesprochen, aus der die einen auswandern oder sich innerlich zurückziehen, in der die anderen zu überwintern versuchen oder ihren Winterschlaf halten in der Hoffnung auf vermeintlich bessere Zeiten. Doch es gibt auch eine andere Seite des Winters. Im Winter sammelt die Natur neue Kraft. Obwohl nach außen hin alles wie tot erscheint, steigen in den Bäumen aus den Wurzeln neue Lebenssäfte.

In einem Gedicht heißt es: „Auch im Winter wächst das Brot“ (Ida Friederike Görres, Johannes-Verlag 2002).[1] Das kann uns ermutigen, wenn wir unter winterlichen Verhältnissen leiden. „Mitten im Winter, wohl zu der halben Nacht“ ist uns ein Ros entsprungen, Jesus Christus, der Weizenkorn wurde, das sich zermahlen ließ, um Brot zu sein für das Leben der Welt.

So steht als Wegwort über dem Winter: Folgt dem Stern (vgl. Mt 2,1-12)! Wer dem Stern folgt, muss auf manchen Sonnentag verzichten. Der Stern leuchtet nur in der Nacht. So liegt im Winter auch eine Chance. Das Dunkel ist eine Gelegenheit, die im Licht der Sonne leicht untergeht. Auch wenn wir meinen, im Dunkeln zu tappen, ist gerade diese Zeit eine Möglichkeit, sich neu am Stern auszurichten. Schon Petrus ahnt es. Er erwähnt ein „Licht, das an einem finsteren Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in eurem Herzen“ (2 Petr 1,19).

Damit stehen wir vor dem Tor, durch das wir hinübertreten ins neue Kalenderjahr. Greifen wir die vier Wegworte auf und lassen wir uns von ihnen die Richtung weisen:

Macht euch auf und werdet Licht!
Lebt als Kinder des Lichts!
Legt eure Gürtel nicht ab und lasst eure Lampen brennen!
Folgt dem Stern!

Mit diesen Wegweisern lassen wir uns im Neuen Jahr von Gottes guten Händen führen:

„Wie heimlicher Weise / ein Engelein leise / mit rosigen Füßen / die Erde betritt, / so nahte der Morgen. / Jauchzt ihm, ihr Frommen, / ein heilig Willkommen, / ein heilig Willkommen! / Herz, jauchze du mit!/ In ihm sei‘s begonnen, / der Monde und Sonnen / an blauen Gezelten / des Himmels bewegt. / Du Vater, du rate, / lenk du und wende! / Herr, dir in die Hände / sei Anfang und Ende, / sei alles gelegt.“

[1] Vgl. das Gedicht von Friedrich von Weber (1813-1894): „Es wächst viel Brot in der Winternacht, weil unter dem Schnee viel grünet die Saat; erst wenn im Lenze die Sonne lacht, spürst du, was Gutes der Winter tat.“