Predigt zur Christmette 2021 im Hohen Dom zu Augsburg

Weihnachten Greccio 1223 – Augsburg 2021: ein leerer Stall für Jesus

24.12.2021 23:30

Wir schreiben das Jahr 1223. Am 29. November bestätigt Papst Honorius III. die endgültige Regel des hl. Franziskus. Voraus ging ein dreijähriger Papierkrieg mit der päpstlichen Kurie und den mit ihr konformgehenden Kräften unter den Minderbrüdern.

In dieser Zeit hat Franz von Assisi auch die Leitung des jungen Ordens abgegeben: Es kriselte in der Gemeinschaft, ein tiefer Einschnitt im Leben des Poverello. Doch diese bitteren Kapitel schenken ihm neue Freiheit: Von seinen Ämtern entlastet, kann sich Franziskus auf das Wesentliche besinnen. Er beginnt, an Weihnachten zu denken. Dieses Fest will er diesmal ganz bewusst feiern: in Greccio im Rietital.

Was ihm dazu eingefallen ist, berichtet sein Biograph Thomas von Celano: „Ich möchte mit euch die Erinnerung an jenes Kind feiern, das in Bethlehem geboren wurde. Ich möchte seine Not, die es leiden musste, mit meinen Augen betrachten, wie es in eine Krippe gelegt und auf Heu gebettet wurde, mit Ochs und Esel dabei.“ Und wo soll die Feier stattfinden? Im Wald. Celano fährt fort: „Am Heiligen Abend kamen die Männer und Frauen aus der ganzen Gegend mit Fackeln und Lichtern zu der vorbereiteten Stelle, und auch die Brüder aus mehreren Einsiedeleien waren erschienen. Da stand eine Krippe, gefüllt mit Heu, auch ein Ochs und Esel wurden herbeigeführt. Franz sang das Evangelium von der Geburt Christi, und danach fing er zu reden an. Der Inhalt seiner Predigt war das Kind von Bethlehem, und er geriet dabei in solche Glut, dass er beim Aussprechen des Namens Jesus mit der Zunge über die Lippen fuhr, wie einer, der eben eine köstliche Speise genießt. Auch versagte ihm manchmal die gewöhnliche Sprache, so dass sich seine Stimme mitunter wie das Blöken eines Lammes anhörte.“

So hat Franziskus Weihnachten gefeiert im Jahre 1223. Er war vor lauter Freude fast ausgeflippt. Ihm überschlug es die Stimme, er lallte und schmatzte, als er das Weihnachtsevangelium verkündete. Heute ist Weihnachten 2021. Ein eher stilles Fest: In unseren Städten und Dörfern ist die Stimmung sehr verhalten. Ein bisschen Weihnachtsdekoration, oft aufs Minimum reduziert. Auf unserem Rathausplatz steht nur der Christbaum und daneben die Krippe. Das ist alles, was an den erneut abgesagten Christkindlesmarkt erinnert; und doch ist es ganz viel. Es ist der Kern des Festes. Denn mit der Krippe unter dem Baum sehen wir das Geschenk, um das es an Weihnachten geht: Gott schenkt uns seinen Sohn. Er legt seinen Sohn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für ihn war.

1223 Greccio, heute Augsburg. Hier der Dom in der Stadt, dort der Stall im Wald. Hier der Reichtum an Architektur und Kunst, dort Franziskus, der Freund der Armut und Demut. In Franziskus sammeln sich Sehnsucht und Leidenschaft für die Geburt des Herrn; wir nutzen die Möglichkeit, uns zum Gottesdienst zu versammeln; wir wollen mit allen Sinnen feiern, Kerzen anzünden, den Duft des Weihrauchs genießen und, soweit möglich, Weihnachtslieder singen. Krippe in Greccio und Dom in Augsburg: verschiedene Zeiten und doch dasselbe Tasten in das große Geheimnis hinein, das diese Nacht erfüllt. Derselbe Versuch, Unsagbares ins Wort zu bringen. Dieselben Fragen, die uns damals wie heute umtreiben: Wo gehöre ich hin? Wo kann ich bleiben? Wo finde ich Heimat?

Franziskus steht an den Anfängen der bürgerlichen Gesellschaft. Er kennt das Spiel mit der Macht, den Kampf um Einfluss, Geltung und Geld. Er könnte mitspielen. Aber er steigt aus und wählt einen anderen Weg: nicht hoch hinaus, sondern tief nach unten. Er verlässt das feudale System und folgt der Logik Jesu: Franziskus geht den Spuren nach, die Jesus gelegt hat. Damit spurt er den Weg für uns. Einen Aussätzigen, vor dem es ihn eigentlich ekelt, berührt er. Von Armen lässt Franziskus sich umarmen. In ihnen liebt er den „heruntergekommenen“ Gott. Die Krippe, die er in Greccio aufstellt, ist alles andere als ein sentimentales Kinderspiel. Sie ist Ausdruck eines Lebens in der Nachfolge Jesu. Franziskus setzt da an, wo Jesus begonnen hat. Der Poverello will da anfangen, wo Jesus ist, draußen vor der Stadt, vor der Tür: „Und sie legten ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.“ Er will den Stall greifen, die Armut spüren, Ochs und Esel riechen. Das ist Greccio.

Wir sind in der warmen, kuscheligen Kirche. Ist das Gotteshaus aus Stein nicht der Inbegriff einer etablierten Kirche, die Franziskus aufbrechen wollte? Sind wir im Lauf der Jahrhunderte der franziskanischen Provokation treu geblieben? Unser Dom ist für mich ein Ausrufezeichen: Gotisch elegant, künstlerisch wertvoll von historischer Wucht, erinnert er mich an den leeren Stall. Ist unser Dom, sind unsere Gotteshäuser wirklich geistliche Räume? Ich assoziiere: Das ist die Kirche, das ist unsere Welt, das ist die Diözese, die mir Papst Franziskus anvertraut hat, das bin ich: ein leerer Stall. Und in diesen Stall will ER einziehen:

in das Unvollendete, das noch nicht fertig ist;

in die Kälte, unter der ich manchmal leide;

in die Unordnung, die in meinem Inneren herrscht;

in den Schmutz, den ich noch nicht zusammengekehrt habe;

in die Armut, die meine Persönlichkeit und meinen Charakter ausmacht.

Wenn ich Jesus einziehen lasse bei mir, in meine Hausgemeinschaft, in die Kirche, dann verändert ER mich: ER macht das Unvollendete fertig. ER wird zum Heizkörper für mein Herz. ER räumt meine Unordnung auf. ER hilft mir, den Dreck wegzuputzen, der mich belastet. Und ER hilft mir entdecken, dass ich mich deshalb manchmal armselig fühlen muss, damit Er mich wieder neu erfüllen und bereichern kann.

Noch etwas kommt mir in den Sinn, wenn ich den Kirchenraum betrete. Das kleine rote Licht in der Nähe des Tabernakels vor dem Herz-Jesu-Altar könnte man fast übersehen. Aber es hat eine wichtige Funktion: Es zeigt an, wer Herr in diesem Haus ist. Es ist ein Hinweis darauf, dass der Stall einen Hirten braucht: Jesus, der Hirt, der das Brot des Lebens reicht, von dem wir täglich zehren. Von diesem Ewigen Licht aus macht es erst Sinn, unsere Kerzen anzuzünden.

In den letzten vier Wochen ist das Licht gewachsen. Dafür steht der Adventskranz. Doch dieses Licht ist und bleibt schutzlos und gefährdet, vor zweitausend Jahren in Bethlehem, bei Franziskus in Greccio, heute bei uns. Bei vielen Menschen ist die Stimmung eher gedrückt. Die Befindlichkeit pendelt zwischen Depression und Aggression. Wird es überhaupt einmal noch Licht?

In einer Legende fangen die Kerzen des Adventskranzes zu sprechen an. Die erste Kerze seufzt: „Ich heiße Friede. Mein Licht leuchtet, aber die Menschen halten keinen Frieden, sie wollen mich nicht.“ Das Licht wird immer kleiner und erlischt schließlich ganz.

Die zweite Kerze flackert und sagt: „Ich heiße Glaube. Aber ich bin überflüssig. Die Menschen wollen von Gott nichts wissen. Es hat keinen Sinn mehr, dass ich brenne.“ Ein Luftzug weht durch den Raum, und die zweite Kerze ist aus.

Leise und traurig meldet sich nun die dritte Kerze zu Wort: „Ich heiße Liebe. Ich habe keine Kraft mehr zu brennen. Die Menschen stellen mich an die Seite. Sie sehen nur sich selbst und nicht die anderen, die sie liebhaben sollen.“ Und nach einem letzten Aufflackern ist auch dieses Licht erloschen.

Da kommt ein Kind in das Zimmer. Es schaut die Kerzen an und sagt: „Aber, aber … ihr sollt doch brennen und nicht aus sein.“ Und fast fängt es an zu weinen. Da meldet sich die vierte Kerze zu Wort: „Hab keine Angst. Solange ich brenne, können wir auch die anderen Kerzen wieder anzünden. Ich heiße Hoffnung.“ Mit einem Streichholz nimmt das Kind Licht von dieser Kerze und zündet die anderen Lichter an.

Das ist mein Wunsch: dass das Licht der Hoffnung nicht ausgelöscht wird, dass vielleicht auch bei uns ein Kind anklopft und für uns ein Streichholz hat, um die Kerzen neu anzuzünden, die die Corona-Plage bei uns ausgelöscht hat. Mögen sie an diesem Weihnachtsfest neu brennen: das Licht des Glaubens, das Feuer der Liebe und die Kerze des Friedens. Lichter anzünden, immer wieder neu anzünden, trotz allem, ohne damit im Rampenlicht der Scheinwerfer zu stehen, das ist franziskanische Provokation, gleichzeitig unser weihnachtlicher Auftrag.