„Wenn die Wände erzählen könnten…“
„Liebe sei Tat“ – so lautete der Leitsatz des hl. Vinzenz von Paul. Seine Worte waren kurz, die Wohltaten für die Armen und Kranken seiner Zeit hingegen vielfältig. Bis heute inspiriert dieser unermüdliche, hingebungsvolle französische Priester des 17. Jahrhunderts Tausende von Christinnen und Christen – auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dieser Klinik, die sich aus tiefster Überzeugung und mit hoher Professionalität für Menschen in finanzieller und gesundheitlicher Not engagieren.
Indem wir den hl. Vinzenz als Namenspatron der neuen Kapelle des Augsburger Vincentinums anrufen, würdigen wir die Tradition eines Ordens, der das Erbe dieses außergewöhnlichen Menschen fortführt. Zugleich machen wir auf die bleibende Aktualität der Botschaft des Begründers der neuzeitlichen Caritas aufmerksam: Prüfstein wahrer Liebe sind nicht schöne Worte, sondern vor allem die helfende, heilende Tat.
Aber wenn das so ist – reichen dann nicht die qualifizierten medizinischen Dienste eines Krankenhauses aus? Warum kommt man auf die Idee, an einem solchen Ort eine Kapelle zu bauen? Der Apostel Paulus stellte in seiner Rede auf dem Areopag in Athen klar: „Gott (…) wohnt nicht in Tempeln, die von Menschenhand gemacht sind“ (Apg 17,24). Ohne dies infrage zu stellen, sind wir dennoch dankbar für Orte, die uns an die tröstende Botschaft des Herrn erinnern. Dort können wir seine Gegenwart tiefer erspüren; dort können wir uns versammeln, um Gemeinschaft mit ihm und untereinander zu erleben.
Gott wohnt mitten unter uns, versichern uns die heutigen Lesungen. Tief in der jüdischen Spiritualität verwurzelt, gewinnt der Glaube an das Wohnen Gottes unter den Menschen mit der Inkarnation eine neue Dimension. Gott wohnt unter uns nicht nur als Geist; er wird wahrer Mensch, der leidet, stirbt und aufersteht.
Die Nähe Gottes erfahren wir besonders im Allerheiligsten Altarsakrament, das auch in dieser Kapelle Christus gegenwärtig setzt. Der Celebratio, der Feier der hl. Messe, folgt die Adoratio, die Anbetung des Herrn in der gewandelten Hostie. Das ewige Licht zeigt diese heilende, stille Gegenwart des gekreuzigten und auferstandenen Herrn an; es ist eine freundliche Einladung, das Gespräch mit ihm zu suchen. Möge dieser Ort zum Herz der Klinik werden, wo das Herz der Welt, Christus, zum Herzen jedes Menschen spricht, der Zuflucht sucht.
Als Glaubende wissen wir, dass der Herr unsere Schritte durch das ganze Leben begleitet. Besonders aber geht er an der Seite der Armen, der Kranken, der Bedürftigen und der Diskriminierten. Wer von uns diesen Menschen dient, dient keinem Geringeren als Jesus Christus selbst. Diese christliche Grundüberzeugung rechtfertigt schließlich auch das Vorhandensein einer Kapelle in einer Klinik. Gott spendet Trost und Hoffnung in Zeiten gesundheitlicher und existenzieller Not. Was würden die Wände einer Kapelle erzählen, wenn sie sprechen könnten! Wie viele Menschen haben in der bisherigen Kapelle schon in kritischen Momenten die Nähe Gottes gespürt. Wie viele haben innerhalb ihrer Mauern Dankbarkeit für eine beruhigende Diagnose, eine gelungene Operation oder die Rettung in einem Notfall zum Ausdruck gebracht.
Aber solche Wände könnten auch von Irritation, Enttäuschung, Hoffnungslosigkeit und Wut berichten. Auch das „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15,34; vgl. Ps 22,2) hat hier seinen Platz. Warum müssen mir die Ärzte schlechte Nachrichten überbringen? Warum ist der Sterbeweg meiner Mutter so schmerzvoll? Warum erlaubt Gott, dass mein Kind im Sterben liegt?
In einer Krankenhauskapelle wird intensiv gebetet; vielleicht werden Gott nirgendwo sonst schwierigere Fragen gestellt oder hilflose Wut artikuliert. Gott ist unser Vater – er hat uns erschaffen, er kennt unser Herz und weiß um unsere Freuden, Sehnsüchte und erst recht unsere Ängste.
Doch es kommen auch Menschen in Not hierher, die mit Gott wenig anfangen können, aber einen Ort der Stille, der Reflexion und des Innehaltens suchen. Alle sind hier willkommen, ausdrücklich auch Menschen anderer Religionen.
Heute bleiben in der Regel die Patienten nur kurze Zeit im Krankenhaus – und daher oft auch in der Kapelle. Doch täuschen wir uns nicht: Diese Zeit ist besonders dicht. Viele feierliche Sonntagsgottesdienste in der Heimatpfarrei verschmelzen zu einer gemeinsamen Erinnerung; wenige intensive Momente in einer Krankenhauskapelle können hingegen für immer in Erinnerung bleiben. Auch dann, wenn wir hier keine einfachen Antworten auf existenzielle Fragen erhalten, aber uns die Botschaft von der Auferstehung stärkt, die hier verkündet wird. Es ist ein Geschenk, diese Hoffnung mittragen zu dürfen.
Die Kapelle der Klinik erinnert außerdem daran, dass sich der Mensch nicht auf seine Biologie, seinen Körper, reduzieren lässt. Der Grundgedanke der vinzentinischen Krankenpflege bereits zu Beginn des 17. Jahrhunderts war, dass alle Patientinnen und Patienten ganzheitlich behandelt werden sollen. Körper und Seele bedürfen unserer Fürsorge. Die Kapelle ist deshalb kein dekoratives Beiwerk, sondern wesentlicher Bestandteil einer ganzheitlichen Medizin. Hier kann jeder zur Ruhe kommen, eine Kerze entzünden, einen Eintrag ins Fürbittbuch schreiben oder einfach einen Moment der Sammlung finden – in der Hoffnung, dass am Ende nicht nur der Körper, sondern auch die Seele gestärkt dieses Haus verlässt.
Besonders möchte ich in diesem Zusammenhang den Trost hervorheben, den uns die Jungfrau Maria schenkt. Die Muttergottes hat ihren Sohn in seinem Leiden begleitet – und sie tut es ebenso bei uns. In schwierigen Momenten dürfen wir uns vertrauensvoll an Sie wenden und ihr mütterliches Herz wird sich für uns öffnen.
Blicken wir einmal zurück: Mitten in den Wirren des Zweiten Weltkriegs, als Bombenhagel und Zerstörung über Augsburg hereinbrachen, blieben auch das Vincentinum und das benachbarte Gebäude nicht verschont. Nach der verheerenden Bombennacht im Februar 1944 stand vom Nachbarhaus nur noch die Fassade – und in einer Mauernische darin unversehrt diese Muttergottesfigur. Die Bewohnerin, die ihr Zuhause verloren hatte, fand im Vincentinum Schutz und Zuflucht. Aus Dankbarkeit – und im Bewusstsein, dass Gott ihr das Leben bewahrt hatte – schenkte sie den Schwestern diese Marienstatue. Viele Jahrzehnte stand sie prominent in der Eingangshalle; nun hat sie in der neuen Kapelle ihren würdigen Platz gefunden. Das Vincentinum steht in der Tradition der Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul. Seit 1904 führten die Schwestern das von ihnen 1864 mitbegründete Krankenhaus in eigener Verantwortung. Ihr Wirken war nicht nur von fachlicher Kompetenz geprägt, sondern vor allem von persönlicher Zuwendung, seelsorglicher Begleitung und dem Vertrauen auf Gottes Beistand. Auch heute sind die Schwestern weiterhin präsent – nicht mehr in der klassischen Krankenpflege, wohl aber in der Seelsorge. So bleibt der geistliche Kern des Hauses lebendig.
Die neue Kapelle ist sichtbarer Ausdruck dieser Kontinuität. Nicht zuletzt gebührt den Vincentinerinnen der Dank des Krankenhauses für die sakrale Ausstattung der Kapelle – denn sie haben deren Gestaltung maßgeblich begleitet. Möge sie viele Menschen stärken und ihnen die Gegenwart Gottes erfahrbar machen. Gott wohnt unter uns, ist bei uns und führt uns zur Fülle des Lebens – auch wenn Leid und Tod uns immer wieder überschatten. Diese Kapelle steht für die Überzeugung, dass nicht der Tod, sondern das Leben das letzte und entscheidende Wort haben wird!