„Wie Geschwister in der Welt“
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, heute nimmt uns der Evangelist Lukas mit nach Galiläa, wo Jesus sein öffentliches Wirken begann. „Erfüllt von der Kraft des Geistes“ (Lk 4,14) tritt Jesus dort in den Synagogen auf, verkündet das Evangelium vom Reich Gottes, beruft die ersten Jünger, heilt Aussätzige und Gelähmte und gerät dabei unmittelbar mit den Schriftgelehrten der Pharisäer aneinander.
Der Evangelist Lukas beschreibt das alles sehr anschaulich, auch in der Perikope aus dem fünften Kapitel, die wir eben gehört haben.Nachdem Jesus den Zöllner Levi berufen hatte, ihm nachzufolgen, verließ dieser alles und organisierte ein großes Gastmahl für seinen neuen Freund und Meister. Dazu lud er auch die anderen Jünger und weitere Zöllner ein. Die Schriftgelehrten der Pharisäer waren darüber entsetzt. Feiern mit den Halsabschneidern vom Zoll, mit den Gesetzesunkundigen und Sündern? Die Absonderung von diesen war für die Pharisäer eine programmatische Grundhaltung. Eine solche, nach menschlichen Maßstäben getroffene Unterscheidung und Trennung zwischen selbsternannten „Gerechten“ einerseits und sogenannten „Sündern“ andererseits widerspricht aber der Sendung Jesu, der von sich sagt: „Ich bin nicht gekommen, um Gerechte, sondern Sünder zur Umkehr zu rufen“ (Lk 5,32).
Auffällig ist an dieser Stelle, dass die Pharisäer ihren Vorwurf nicht an Jesus selbst, sondern an seine Jünger adressieren. Dies ist ein Hinweis darauf, dass nicht nur die Jünger zur Zeit Jesu, sondern auch die urchristlichen Gemeinden Jahrzehnte später, für die der Evangelist Lukas sein Evangelium schreibt, beim Umgang mit den „Zöllnern und Sündern“ im Konflikt zu den Pharisäern ihrer Zeit standen. Jesu Verhalten und seine Antwort an die Pharisäer sind für den Evangelisten also zugleich eine Rechtfertigung des frühchristlichen Gemeindemahls, zu dem eben auch die bekehrten Sünder eingeladen waren.
Von hier aus lässt sich ein Bogen zu unserer kirchlichen Praxis heute schlagen; das Evangelium enthält ja eine Botschaft auch für uns. Ausgehend von dem gerade gehörten Text möchte ich daher mit Ihnen über die folgende Frage nachdenken: Mit wem stehen wir in einer Tischgemeinschaft und nach welchen Kriterien setzt sich diese zusammen?
Bei dieser Frage denke ich zuerst an die eucharistische Mahlgemeinschaft zwischen allen Christen – weiß ich mich als Gläubiger und Bischof doch der Ökumene verpflichtet. Und ja: Hier müssen zweifellos noch wichtige Schritte getan werden! Bei diesem von den Hilfswerken vorbereiteten weltkirchlichen Gottesdienst möchte ich aber andere Impulse aus dem Evangelium in den Vordergrund stellen:
1. Sicher haben die Rollenbilder des vermeintlichen Sünders für uns heute nicht mehr die trennende Wirkung wie noch im Lukasevangelium, wo der Zöllner nahezu klischeehaft für den Bösewicht steht. Es ist auch gut so, dass wir anderen solche Rollenbilder nicht anhängen und uns von ihnen absondern. Doch darum geht es in dem Evangelium nur vordergründig: Denn Jesus verwischt nicht einfach die Unterscheide zwischen gut und böse, falsch und richtig, heilig und sündig. Vielmehr relativiert er sie angesichts der besonderen Liebe Gottes zu denen, die seiner Barmherzigkeit bedürfen. Mit anderen Worten: Jesus geht es nicht um die menschlichen Maßstäbe, die herabsetzen und trennen können, sondern um die Chance zur Umkehr und die Bereitschaft zur Versöhnung mit Gott. Darin sieht er das Heil für die Welt. Denken wir nur an die Erzählung vom Zöllner Zachäus etwas weiter hinten im Lukasevangelium. Dort findet sich die gleiche Botschaft: Der Zöllner kehrt um, ändert sein Verhalten und die Tischgemeinschaft mit Jesus steht ihm offen. Für den Evangelisten Lukas gehören die Botschaft vom Reich Gottes, die Umkehr von den Sünden und die anschließende Tischgemeinschaft mit Jesus untrennbar zusammen.
Auch wenn wir heute den Sünder mit guten Gründen nicht mehr als solchen deklarieren, so lohnt sich doch eine vertiefte Auseinandersetzung mit der immer noch wirkmächtigen Sündhaftigkeit des Menschen. Denn sie trennt uns voneinander und von denen, die auf ein Zeichen der Barmherzigkeit Gottes warten. Vor diesem Hintergrund müssen wir den Aufruf Jesu zur Umkehr auch an uns gerichtet verstehen: Jesus lädt uns ein, uns für die Botschaft vom Reich Gottes zu öffnen, ihr entsprechend zu leben und die daraus gewonnene Nähe zu Gott zu feiern. Sein Aufruf ergeht an uns als Einzelne wie an uns als Gemeinschaft; er stellt auch die Strukturen unseres Zusammenlebens in Frage, die oft abstrakt sind, die aber immer von uns verantwortet werden. Kurz vor der Europa-Wahl stehen diese Strukturen etwa in der Sozialpolitik, beim Kampf gegen den Klimawandel oder im Umgang mit Flüchtlingen und Menschenrechten zur Debatte: Welche der von uns als Bürgern und als Volk zu verantwortenden Strukturen dienen dem Menschen, so wie Gott ihn sieht? Und welche Strukturen spiegeln vor allem Eigeninteressen wider, die auf Kosten anderer durchgesetzt werden sollen? Machen wir die Europa-Wahl am 9. Juni zu einer Abstimmung über Strukturen, die offen sind für das Kommen des Reiches Gottes! Und hören wir den Ruf Jesu zur Umkehr als eine Chance, neu mit ihm und mit unseren Mitmenschen in Beziehung zu treten!
2. Mit wem stehen wir in einer Tischgemeinschaft und nach welchen Kriterien setzt sich diese zusammen? Diese Frage erinnert mich an einen Text der Würzburger Synode von 1975, der heute aktueller wirkt denn je. Unter dem Titel „Unsere Hoffnung“ wurde damals ein Grundlagendokument verabschiedet, das sich eindrücklich für eine „Tischgemeinschaft mit den armen Kirchen“ ausspricht. Dort heißt es wörtlich:
Wir schulden „der Welt und uns selbst das lebendige Bild des neuen Gottesvolkes, zusammengeführt in der großen Tischgemeinschaft des Herrn. Daher geht es nicht nur darum, aus dem Überfluss etwas abzugeben, sondern auf berechtigte eigene Wünsche und Vorhaben zu verzichten. Wir dürfen im Dienste an der einen Kirche nicht zulassen, dass das kirchliche Leben in der westlichen Welt immer mehr den Anschein einer Religion des Wohlstandes und der Sattheit erweckt, und dass es in anderen Teilen der Welt wie eine Volksreligion der Unglücklichen wirkt, deren Brotlosigkeit sie buchstäblich von unserer eucharistischen Tischgemeinschaft ausschließt“ (Teil IV, Nr. 3).
Dass wir heute in einer anderen Situation leben, als zum Zeitpunkt der Würzburger Synode, dass bei uns in der Kirche die finanziellen Spielräume enger werden und dass die entwicklungspolitischen Herausforderungen komplexer erscheinen als früher, all dies entschuldigt uns nicht. Vielmehr gilt immer noch, was das Dokument zu Beginn des Absatzes festhält:
„Wir sind offensichtlich die Kirche eines vergleichsweise reichen und wirtschaftlich mächtigen Landes. Deshalb wollen und müssen wir uns zu einer besonderen gesamtkirchlichen Verpflichtung und Sendung im Blick auf die Kirchen der Dritten Welt bekennen“ (ebd.).
Ähnlich prophetisch hat es die ebenfalls Mitte der 1970er Jahre tagende Pastoralsynode der Katholischen Kirche in der DDR formuliert: Im Dokument „Dienst der Kirche für Versöhnung und Frieden“ heißt es passend zum Thema dieses Katholikentags:
„Wer Frieden stiften will, darf sich auch gegenüber den Nöten in der Welt nicht verschließen. ‚Der Christ muss, gerade weil er ein Christ ist, seinen Platz neben den Hilflosen einnehmen. Er muss von dem Seinigen nehmen, um ihnen in ihren unmittelbaren Nöten zu helfen. Er muss sich selbst zur Hilfe anbieten, auf vielfältige Weise, um eine bessere Welt, eine gerechtere Welt aufzubauen‘“ (Nr. 31, mit einem Zitat von Papst Paul VI.).
Es geht in beiden Texten also um die Tischgemeinschaft mit denjenigen, die nach üblichem Ermessen nicht mit an unseren Tischen sitzen, die aus der Perspektive des Reiches Gottes aber sehr wohl dazu gehören: die Armen und Ausgeschlossenen, die Entrechteten und die Opfer von Krieg und Gewalt. Schauen wir mit Jesu Augen auf sie und laden sie zu unserer Tischgemeinschaft ein! Schauen wir mit Jesu Augen auch auf uns, dann dürfte uns das Teilen und das Streben nach mehr Gerechtigkeit leichter fallen! Und halten wir fest: An der praktizierten Solidarität mit den Armen entscheidet sich, ob unsere Tischgemeinschaft mit dem Herrn wirklich als ein Sakrament verstanden werden kann – also als ein Zeichen und Werkzeug, das dem Frieden und dem Heil der Welt dient.
3. Wem das ein wenig zu hoch gegriffen erscheint, der erinnere sich an die Lesung aus der Apostelgeschichte über das Pfingstwunder. Vom Heiligen Geist erfüllt begannen die Jünger Jesu, Gottes große Taten zu verkünden. Das war kein rein verbales Geschehen – in den weiteren Kapiteln der Apostelgeschichte wird anschaulich beschrieben, was diese Verkündigung ausgemacht hat: das beeindruckende Lebenszeugnis und die Gütergemeinschaft der Jünger, deren Zuwendung zu den Armen und die Heilung von Kranken. Alle, die in der Nähe waren und die Jünger erlebten, so heißt es resümierend in der Lesung, „gerieten außer sich und waren ratlos“ (Apg 2,12), so eindrucksvoll war die Verkündigung der Jünger. Als Kirche haben wir dieselbe Sendung: Wir verkünden der ganzen Welt durch Wort und Tat das Evangelium vom Reich Gottes. Und wir bezeugen es durch unser eigenes Leben – wie schön wäre es da manchmal, wenn andere uns sehen und ratlos fragen würden, ob wir betrunken seien!
Liebe Schwestern und Brüder, in der weltkirchlichen Arbeit erleben wir ganz praktisch, wie die Ausgrenzung von Menschen überwunden werden kann, wie sündhafte Strukturen aufgebrochen werden, wie Versöhnung möglich wird und Frieden wachsen kann. Wir erleben, um es auf den Punkt zu bringen, wie unsere eucharistische Tischgemeinschaft soziale und politische Konsequenzen nach sich zieht und das Angesicht der Welt verändert. Dieses ganze Engagement, so mühsam es auch manchmal ist, trägt dazu bei, Gottes Reich der Liebe und der Gerechtigkeit allen Völkern auf dieser Erde zu verkünden. Und das ist seit dem Pfingstwunder die Kernaufgabe der Kirche. Selbst wenn uns manchmal anders zumute ist, so lohnt sich doch immer diese Vergewisserung: In der weltkirchlichen Arbeit stehen wir dem Reich Gottes sehr nahe!