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Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier am 9. Juni 2024 zum Abschluss der Sanierung der Pfarrkirche St. Peter und Paul, Pöttmes

„Wie Glas durchlässig werden für die göttliche Liebe“

09.06.2024 10:00

Pöttmes hat heuer gleich doppelten Grund zum Feiern: den erfolgreichen Abschluss der Sanierungsarbeiten – die Gerüste draußen werden ja auch bald abgebaut sein – und 700 Jahre Markterhebung. Sie alle wissen es sicherlich besser: Mitte Oktober 1324 erhielt Heinrich von Gumppenberg durch Kaiser Ludwig den Bayern die Marktrechte. Damit war dem Ort das Recht zur Abhaltung eines Marktes erteilt. Seitdem konnten Waren regelmäßig auf einem öffentlichen Platz gehandelt werden.

Stellen wir uns das einmal ganz bildlich vor: Rufen wir uns eine Marktsituation in Erinnerung: Da bieten Händler ihre Waren aller Art lauthals feil. Man trifft sich und tauscht sich nebenbei über den neuesten Klatsch und Tratsch aus. Lautes Stimmengewirr mischt sich mit dem Geruch frischer Gewürze und in leuchtenden Farben bietet sich das ausgestellte Obst und Gemüse zum Kauf an. Kurzum: Auf dem Marktplatz tobt das Leben, geschäftiges Treiben überall.

Wenn wir vorhin in einem feierlichen Zug von jenem Marktplatz zur Pfarrkirche gezogen sind, dann wird sichtbar: Der Mensch lebt nicht nur von der leiblichen Nahrung. Genauso wichtig ist die geistig-seelische! Leibliche und geistige Nahrung gehören zusammen. Der herausgehobene Ort der Kirche, dieser „Anders-Ort“, ist dem Alltag enthoben. Der christliche Philosoph Josef Pieper hat es einmal so formuliert: Sakralität wird umso lebensnotwendiger, „je mehr der Absolutheitsanspruch des bloß Nutzenden die gesamte Existenz mit Beschlag zu belegen droht. Desto mehr bedarf der Mensch, um eines wahrhaft menschlichen Lebenswillen, dieser Chance, aus dem akustischen und optischen Getöse (kaufe dies, trinke das, iss jenes, wähle den, amüsiere dich hier, demonstriere für oder gegen), aus diesem pausenlosen Angeschrienwerden immer wieder hinaustreten zu können in einen Raum, in welchem Schweigen herrscht und also wirkliches Hören möglich wird und das Vernehmen der Realität, auf welcher unser Dasein ruht und aus der es sich immerfort nährt und erneuert.“ (Aus: Über die Schwierigkeit, heute zu glauben. München 1974, S. 131).

Übersetzt heißt das: In diesem heiligen Raum muss ich nichts leisten. Hier darf ich vor Gott da sein, so wie ich bin. Von ihm darf ich mich unendlich und vorbehaltlos geliebt wissen. Auch wenn es selbstverständlich sein mag, betone ich es heute extra: Die Türen der Kirche stehen offen für alle, weil jede und jeder Geschöpf Gottes ist. Die Einladung zur Gottesbegegnung gilt allen – ausnahmslos, weil alle von ihm und vor ihm die gleiche Würde haben. In diesem Raum erfährt der Mensch: Zu ihm, dem lebendigen Gott, darf ich jederzeit kommen. Hier kann ich ihm all meine Sorgen und Nöte darlegen, aber auch meine Freude und meinen Dank vorbringen. In der Feier der Eucharistie erfahre ich „geistige Nahrung“ durch sein Wort und Stärkung in der hl. Kommunion. Über Jesus Christus, das lebendige Brot, weiß ich mich zudem eingebunden in die Gemeinschaft der Glaubenden, die mir Rückhalt im Glauben ist. Im gemeinsamen wie persönlichen Gebet tragen die Gläubigen einander. Und letztlich ist dann die Frage Jesu an Petrus aus dem heutigen Evangelium „Liebst Du mich?“ (vgl. Joh 21,15ff.) eine Anfrage an eine jede und einen jeden einzelnen von uns: Wie fällt Ihre Antwort aus? Was würden Sie Jesus darauf antworten und warum?

Die Pfarrkirche St. Peter und Paul mit ihrer neugotischen Innenausstattung, die nach dem Abbau der Gerüste in neuem Glanz erstrahlt, ist also wie ein „Schutzraum“, eine „Oase“ im Treiben des Alltags, eine „Tankstelle“ für den „Sp(i)rit“ meines Lebens. Zugleich ist sie ein „Mahnmal“ besonderer Güte inmitten des Ortes. Der Turm mit der markanten, ihn bekrönenden Laternenkuppel und der neuvergoldeten Kugel an der Spitze und dem goldenen Kreuz darauf strahlt über den Ort ins Land hinaus. Wie ein erhobener Zeigefinder steht er da und gibt uns die Richtung vor: Bedenke Mensch, Deine wahre Heimat ist im Himmel, Gott ist unser Wegweiser! Mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen, aber den Blick nach oben gerichtet haben wir stets unser Ziel fest vor Augen.

Als Pfarrgemeinde haben Sie gespürt: Dieses Gotteshaus, Identifikationspunkt des Glaubens, ist uns wichtig, denn sonst hätten Sie in den letzten zweieinhalb Jahren nicht so viel Zeit, Geld und Energie in die Sanierung gesteckt. So dürfen wir heute voller Freude und Dankbarkeit den Abschluss der Sanierungsarbeiten feiern – ich gratuliere zur gelungenen Instandsetzung Ihrer Pfarrkirche! Als Markt, als Pfarrei dürfen Sie stolz auf diese Gemeinschaftsleistung sein. Es ist heutzutage keineswegs selbstverständlich, dass eine Gemeinde das Wagnis eingeht, ein solch großes Projekt so engagiert und couragiert anzugehen.

Durch Ihre immense Tatkraft in unzähligen ehrenamtlichen Arbeitsstunden und Ihre großzügige finanzielle Unterstützung haben Sie die Renovierung mitgetragen und ermöglicht. Dieser Kraftakt sei Ihnen ein Erweis dafür, dass Sie gemeinsam viel bewegen können. Ich danke allen, die sich an der Renovierung beteiligt und mitgeholfen haben, dass diese Kirche für die nachfolgenden Generationen erhalten bleibt. „Vergelts Gott!“ für alle Mühen, Ihren Einsatz und Ihr damit verbundenes Statement: Die Kirche bleibt im Markt Pöttmes, sie ist lebendig!

Bei der Renovierung sind Sie sehr bedächtig vorgegangen, auch wenn damit die Arbeiten insgesamt weitaus mühseliger waren. Eine ausgefeilte Planung, gute Absprachen und ein Ineinander-Arbeiten der Gewerke waren notwendig, ja auch Kreativität bei der Lösung manch‘ unvorgesehener Probleme war nötig, um ein solch hervorragendes Ergebnis zu erzielen. Die Revitalisierung der Westfassade wartet noch auf ihren endgültigen Abschluss; hier zeigt sich: Kirche ist modernen Elementen gegenüber aufgeschlossen, sie lassen sich durchaus in den Strom der Geschichte, der Tradition einfügen. Das ist Kirche, wie ich sie mir wünsche: weder revolutionär noch reaktionär, sondern innovativ, kommunikativ und kreativ!

Apropos Westfassade – mit Blick darauf möchte ich einen letzten Gedanken anfügen. Die aufeinander abgestimmten neu eingebrachten Glaselemente strahlen vorwiegend in rötlichen Farbtönen. In ihrer abstrakten Gestaltung steht die Farbe Rot dabei für die göttliche Liebe und verweist zugleich auf das Blutvergießen der beiden Kirchenpatrone Peter und Paul in ihrem Martyrium. Wie diese Fenster durchlässig sind für das Licht, so sollen wir in unserem Leben „licht werden“, weil die Herrlichkeit des Herrn über uns aufstrahlt (vgl. Jes 60,1f.), wie wir es eben in der Lesung aus dem Buch Jesaja hörten. Werden wir durchlässig für Christus und vertrauen wir uns seiner Führung an. Mit ihm an unserer Seite braucht uns im Leben, für die Zukunft nicht bang zu sein!

Gastalten wir also als Christ, als Christin unseren Alltag aus unserer Beziehung zu Christus heraus. Als „Mitarbeiter Gottes“ (1 Kor 3,9) sollen die Mitmenschen in unseren Worten und unserem Handeln spüren: Ihr seid wahrlich Gottes Tempel, in dem der Geist Gottes wohnt (vgl. 1 Kor 3,16)! Ein wahrlich hoher Anspruch, der da an uns gestellt ist, aber einer, der nicht unerreichbar ist und bei dem wir auf Gottes Hilfe zählen dürfen. Lassen wir als Gemeinde, als Kirche auf die „äußere Erneuerung“ nun die „innere geistliche Runderneuerung“ folgen. Füllen Sie den Kirchenraum mit Leben und seien wir in unserem Leben „Fenster der göttlichen Liebe“!

Liebe Pöttmeser, liebe Festgemeinde, noch einmal: Herzliche Gratulation zum Abschluss der Sanierungsarbeiten! Nach dem Gottesdienst dürfen wir zurecht auf dem Marktplatz ausgiebig weiterfeiern. Denn: Seelische und leibliche Nahrung bedingen einander! Und bedenken Sie: Wie Sie bei der Renovierung des Kirchenbaus zusammengewirkt haben, so achten Sie bitte aufeinander. Bestärken Sie sich gegenseitig auch in schwierigen Zeiten, vertrauen Sie einander und ermutigen Sie sich gegenseitig im Glauben. Wo Vertrauen und Ermutigung erlebbar sind, kann Beheimatung wachsen. Ihre Kirchenpatrone mögen Ihnen dabei kraftvolle Fürsprecher sein, so dass ein jeder und eine jede von Ihnen voller Überzeugung sagen kann: „Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich liebe!“ (Joh 21,17)