Predigt zum 50. Weihetag der Kirche zum Auferstandenen Herrn in Leitershofen am 25.10.2020

„Wieder ist Gott reisefertig ...“

25.10.2020 14:43

Es mutet schon seltsam an – dieses Wort der jüdischen Dichterin Nelly Sachs: „Wieder ist Gott reisefertig“. Die Rede vom reisefertigen Gott hat mir lange zu denken gegeben: Darf man überhaupt so von Gott reden – einem Gott in Bewegung?

Hat man uns nicht das Gegenteil gelehrt: Gott als das stabile Fundament, den souverän Thronenden, auch wenn alles um ihn bebt? Kann es sein, dass Gott „seine Koffer packt“, um sich auf den Weg zu machen – auf den Weg mit uns?

Zum ersten Mal war es in der Wüste aus dem brennenden Dornbusch, dann beim Auszug aus Ägypten unter vielen Schwierigkeiten dem gelobten Land entgegen und schließlich in seinem Sohn Jesus Christus, der des Menschen Weggefährte wurde: Wie den Emmausjüngern, so hat sich Gott immer wieder den Menschen zugesellt. So hören wir aus den verschiedenen Variationen eine Melodie heraus, die uns zu Herzen geht. Gott spielt uns seine Liebesmelodie und nennt uns seinen Namen: „Ich bin der, der für euch da ist“ (vgl. Ex 3,14). Ich bin reisefertig, um mich euch zu gehen.

Liebe Leitershofer, die Geschichte von Emmaus gehört nicht der Vergangenheit an. Es ist Ihre Geschichte. Vor fünfzig Jahren wurde diese Kirche eingeweiht. Schon der Titel ist ein Programm: Eine Gemeinde, die den Auferstandenen Herrn im Namen trägt, weiß, dass der lebendige Jesus Christus Herr in ihrem Haus ist. Auf diese Weise wird Ihre Pfarrkirche gleichsam zum Gasthaus von Emmaus, wo bis heute die brennenden Herzen der Jünger höher schlagen und ihre tiefste Sehnsucht gestillt wird. Kann es etwas Tröstlicheres und Schöneres geben, als vom eigenen Gotteshaus sagen zu können: Leitershofen ist Emmaus!

So darf ich Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, zum 50. Geburtstag Ihrer Kirche herzlich gratulieren. Gern erinnere ich mich an die Firmung, die ich vor einigen Jahren hier spenden durfte. Pfarrer war damals Josef Pfeifer; ich freue mich, dass Du, lieber Josef, heute dabei bist, wenn wir mit den Emmausjüngern einen geistlichen Spaziergang machen. Wir wollen an einigen Stellen ihres Weges innehalten, um darin unsere eigenen und unseres Gottes Fußspuren zu entdecken.

Zunächst halten wir vor den Toren der Stadt. Zwei geknickte Männer schleppen sich nach Hause, zurück in ihren Alltag, um ihr durch Jesus unter-brochenes früheres Leben fortzusetzen. Alles ist zerplatzt wie eine Seifenblase. „Es waren eben doch nur Luftschlösser und Hirngespinste“, mögen sie gehadert haben. „Wir sind zusammen gezogen, haben alles geteilt, sichere Freundschaften aufgegeben. Und wir sind einem Schaumschläger auf den Leim gegangen“. So stolpern die beiden dahin. Weggehen, einfach abhauen, anderswo sein - nur nicht da, wo sich das Herz vergebens verschwendet hat: Das kennen auch wir, wenn zwei Menschen einander sitzen lassen, wenn uns der Partner belügt und betrügt, wenn wir unablässig beten und uns anscheinend doch keiner hört. Solche Erfahrungen bleiben wohl keinem von uns erspart. Sie rufen in uns ein Gemisch von Gefühlen her-vor: Verzweiflung und Trauer, Enttäuschung und Perspektivlosigkeit. Jeder und jede von uns mag in sich nachspüren, wie sich solche Erfahrungen anfühlen und welche Bilder dazu auftauchen ...

Eine Krankenhausseelsorgerin (Ingrid Weber-Gast) schreibt über die Ohnmacht ihres Glaubens im Angesicht des Todes: „In den allerschwersten Stunden hat der Glaube überhaupt keine Rolle mehr gespielt. Mein Verstand und mein Wille mochten ihn wohl weiterhin bejahen, aber für mein Herz war er unerreichbar. Er war kein Trost, keine Antwort auf verzweifelnd quälende Fragen, keine Hilfe, wenn ich nicht mehr weiterwusste. Ja, im Gegenteil: Nicht der Glaube trug mich, sondern ich musste auch noch den Glauben tragen“.

Eine solche „Gottesfinsternis“ macht auch die Schritte der Emmausjünger schwer. In Trauer versunken, sind sie „wie mit Blindheit geschlagen“. Einen zerbrochenen Glauben haben sie mitzutragen. Ob der Fremde – unterwegs in ihrer Mitte – da ist oder nicht, scheint ihnen gleichgültig zu sein, bis es heißt: „Da blieben sie traurig stehen“.

Mit ihnen machen auch wir Halt auf der zweiten Station unseres Weges. „Da blieben sie traurig stehen“. Wir halten inne und merken, dass ein dritter mit uns geht. Er nimmt Anteil an unseren Gefühlen. Er teilt unsere Sorgen. Er hört in uns hinein und fragt aufmerksam nach: „Was sind das für Dinge, über die ihr auf eurem Weg miteinander redet?“ Dieselbe Frage stellt er Ihnen, liebe Leitershofer: Worüber redet ihr eigentlich miteinander? Worum kreisen eure Gespräche – im Pfarrgemeinderat, in euren Gremien, bei euren Kaffeekränzchen und Stammtischen? Hören wir wirklich wohlwollend auf den anderen - auch auf das, was er oder sie nicht mehr in Worte bringen kann? Oder gehen wir im Grunde allein des Weges in Selbstgesprächen? Hören wir auf den Fremden, der reisefertig ist und sich uns zugesellen will?

Den beiden Jüngern sind Selbstgespräche zu wenig. Sie reden über Jesus. Und da geschieht es: Den beiden wird der gebeugte Rücken gehoben, ihr Herz schlägt einen anderen Takt. Denn der Unbekannte entschlüsselt ihnen das Rätsel des Messias, er bringt Licht in die Gerüchteküche der Ostererscheinungen, in-dem er ihnen das Verständnis der Heiligen Schriften erschließt, der Propheten und der Psalmen. Der Begleiter macht Bibelteilen unterwegs. Und er gestaltet das offenbar sehr spannend und anschaulich. Er erinnert, vertieft, deutet und legt ihnen dar, „was in der gesamten Schrift über ihn (Jesus) geschrieben steht“.

Schön, dass Ihnen immer wieder Seelsorger geschickt worden sind, die Ihnen das Wort der Schrift erschlossen haben! Neben mir stehen Pfarrer Josef Pfeifer, Prälat Peter Manz, Pfarrer Konrad Huber und Kaplan Benny Kurian sowie Diakon Gerhard Zwiefler. Nicht vergessen will ich Pastoralreferentin Ursula Scherer und Pfarrhelferin Anne Gasteyer, die ich erst vor wenigen Wochen in den pastoralen Dienst aussenden durfte. Gott vergelte Ihnen alle Mühen!

Im Bibelteilen auf unserem Lebensweg liegt übrigens eine große Chance für die Ökumene. Ich stelle mir vor, dass evangelische und katholische Gemeinde wie die Jünger damals miteinander nach Emmaus unterwegs sind. Und ich bin sicher, dass der göttliche Weggefährte mit von der Partie ist, wenn es uns nicht um Schattengefechte, sondern um den Kern unseres Glaubens geht, um das Teilen der Frohen Botschaft. Ich bin selbst als Sohn eines konfessions-verschiedenen Ehepaares aufgewachsen und schaue dankbar auf meine Eltern, die sich – in ihrer eigenen Kirche verwurzelt – auf einen gemeinsamen Lebensweg machten wie damals die Jünger von Emmaus. Die Liebe war für sie stärker als alle konfessionellen Trennungen! Indem unsere Eltern ihr Leben und ihren Glauben teilten, haben wir Kinder ihre Ehe als konfessionsverbindend erleben dürfen.

Mit diesen Gedanken kommen wir mit den Jüngern in Emmaus an, der dritten Station unseres Weges. Bisher haben die beiden Männer nicht ans Essen gedacht. In Zeiten der Trauer und Niedergeschlagenheit bleibt der Appetit aus. Jetzt aber, nach diesem anregenden Gespräch, bekommen sie Hunger nach einem Stück Brot und Durst auf einen erfrischenden Schluck Wein. Sie bitten den Fremden zu Tisch: „Bleib doch bei uns!“ Aus rauchenden Köpfen und ausgelaugten Seelen werden brennende Herzen. Am Tisch bricht er das Brot und segnet den Wein. Am Tisch der Eucharistie erkennen sie im Fremden den reise-fertigen Gott.

Überall da, wo der Tisch bereitet ist, den er gestiftet hat; überall, wo zwei oder drei in seinem Namen sich versammeln und im geschwisterlichen Mahl der Liebe das Brot gebrochen wird, da beginnen die Augen des Glaubens sich zu öffnen, da ist am Weg unserer Geschichte eine Herberge errichtet, wenn auch nur ein Zelt, das wieder abgebrochen wird.

Wie kurz die Einkehr bemessen sein kann, haben die Emmausjünger selbst erfahren. Auf einmal ist der Gastgeber nicht mehr da: „Da entschwand er ihren Blicken“. Dieser Satz bleibt geheimnisvoll. Wir lesen ihn gewöhnlich so, als habe sich Jesus von ihnen entfernt. Doch könnte man es nicht auch anders deuten? Einen Menschen uns gegenüber können wir noch sehen, auch die eigene Hand. Aber unsere Nase, unseren Mund ...? In unser eigenes Auge können wir nicht sehen, weil es uns so nahe ist. Geschweige denn in unser Herz. Vielleicht entschwindet Jesus oft unseren Blicken, weil wir ihn überall suchen, nur nicht in uns selber, in unseren Herzen, wo er Platz nimmt in seinem Wort und Sakrament.

Diese Erfahrung, dass der auferstandene Herr mitten im Alltag mitlebt und mitgeht, bringt auch die Architektur dieser Kirche treffend zum Ausdruck. Grund zur Freude für Pfarrer Huber: „Mit ihrer schlichten Gestaltung verfügt sie über keinen Prunk; sie greift vielmehr die gegenwärtige Zeit auf. (…) Es ist keine Barriere mehr da. Altarraum und Gemeinderaum haben nur mehr eine fließende Grenze.“ (AZ, Lokalteil, 20.10.20) Ja, sakral und profan, geistlich und weltlich, Klerus und Laien verbinden sich. Gemeinsam sind wir stark!

Liebe Schwestern und Brüder, machen wir uns die Einladung der Emmausjünger als Bittgebet zu Eigen:

„Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt“.

Bleibe bei uns, damit wir, die Christen von Leitershofen und in ganz Stadtbergen, mit dir gehen und die Herausforderungen bestehen in einer Kirche, in der gerade jetzt in Corona-Zeiten viel wegbricht, aber noch mehr aufbricht.

Geh mit uns, damit wir in dir verbunden bleiben auf unserem gemeinsamen, manchmal so beschwerlichen Weg nach Emmaus, wo du den Tisch bereitest für Brot und Wein, für dich.

Jesus Christus, du reisefertiger Gott und Mensch, mach uns Beine, damit wir aufstehen und deinen Spuren folgen. Amen.