Wir bezeugen das Wort
Liebe Schwestern und Brüder! Welche Freude, in dieser wunderbar sanierten Wallfahrtskirche zu stehen und in Ihre strahlenden Gesichter zu schauen: Wie schön ist unser „Maria Beinberg“ geworden! Ein wahres Schmuckstück. Ein Kraftwerk geistlicher Energie.
Ich gratuliere Ihnen allen, die Sie sich in den letzten beiden Jahren mit so viel Engagement und Herzblut für diesen Gnadenort eingesetzt haben: den Spenderinnen und Spendern, allen, die ihre berufliche Erfahrung und ihr Knowhow zur Verfügung gestellt haben und schließlich allen, die dieses große Projekt durch ihr Gebet und ihre Treue unterstützten. Nun ist die als nationales Denkmal anerkannte Kirche wirklich so ertüchtigt, dass auch die nächste Generation sich mit Freuden aufmachen kann, hierher zu einem spirituellen „Sehnsuchtsort“[1] zu kommen oder: hier den Bund fürs Leben zu schließen.
Fast auf den Tag genau vor drei Jahren konnten wir gemeinsam – allerdings noch unter Corona-Vorzeichen – 500 Jahre Mariä Geburt auf dem Beinberg feiern. Und es ist etwas hängen geblieben von diesem Jubiläum: An den Vereinsfahnen in der Runde sehe ich das Band, das ich zur Erinnerung an den Fahnen anbringen durfte. Endlich ist es auch möglich, in diesem ehrwürdigen Gotteshaus die Liturgie nach den Vorgaben des II. Vatikanischen Konzils zu begehen: der Altar, auf dem wir heute zum ersten Mal Eucharistie feiern, ist ein Zeichen für Christus, unseren Herrn, dessen Tod und Auferstehung das Geheimnis unseres Glaubens ausmachen.
Wie wir eingangs unser Taufbekenntnis erneuerten und mit Weihwasser besprengt wurden, um uns an unsere ersten Schritte in den christlichen Glauben zu erinnern, so wird auch der neue Zelebrationsaltar besprengt, in Anspielung an das Wort des Herrn: „Wer Durst hat, komme zu mir und es trinke, wer an mich glaubt! Wie die Schrift sagt: Aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser fließen“ (Joh 7,38). Der Altar wird mit Chrisam gesalbt, wie wir, als wir das Sakrament der Taufe und der Firmung empfingen.
Christus ist der Altar und das Opferlamm: Durch die Feier der Eucharistie haben wir Anteil an seinem Pascha-Mysterium. Es wird sinnenfällig durch die eingravierten fünf Kreuze, die die fünf Wunden Jesu darstellen und die Stellen bezeichnen, auf die wir gleich den Weihrauch zum Himmel aufsteigen sehen wie das Gebet der Gläubigen (vgl. Ps 141,2). Mit den Riten bekräftigen wir unser Ja der Zugehörigkeit zum Leib Christi.
Nicht zuletzt ist auch die Beisetzung von Reliquien traditioneller Bestandteil einer Altarweihe. Der hl. Kirchenvater Ambrosius hat den Zusammenhang folgendermaßen benannt: „Er, der für alle gelitten hat, liegt auf dem Altar; sie, durch sein Leiden erkauft, ruhen unter dem Altar.“ Im Jubiläumsjahr unseres Bistumspatrons freut es mich besonders, dass wir hier heute neben der hl. Christina auch eine Reliquie des hl. Ulrich beisetzen dürfen.
Was heißt das nun für eine Kirche, die der Muttergottes geweiht ist? Sie, die die Botschaft des Engels „mit dem Ohr des Herzens“ hörte und dem menschgewordenen Wort in ihrem Leib buchstäblich Raum gab, die es mit ihrem Fleisch und Blut nährte und auf fremder Erde, quasi in einer Durchgangsstation, im Stall zur Welt brachte - sie erfuhr vom Beginn ihrer Schwangerschaft an, dass die Ansprechbarkeit und die Hörbereitschaft für den Willen Gottes alles andere als ein Spaziergang war.
Wir haben es soeben im Evangelium gehört: Mit ihrem Jawort für den Engel riskierte die junge Frau ihre Verlobung und damit den vorgezeichneten Weg der Ehrbarkeit und des guten Rufes. Maria vertraute vollkommen, sie überantwortete sich ganz und gar dem Willen Gottes und verschenkte sich an das Geheimnis, das in ihr Gestalt annahm. Nicht umsonst wird sie, was den Glauben anbetrifft, von italienischen Dichter Dante als „Tochter“[2] ihres Sohnes angesprochen. Sie gibt sich hin und wagt den Sprung in das Ungewisse, ausgestattet nur mit der Verheißung des Propheten Jesaja: „Man wird ihm den Namen Immanuel geben, das heißt: Gott mit uns“ (Mt 1,23) - und der Zusage des Engels: „Der Herr ist mit Dir“ (Lk 1,28).
Wo wird nun für uns Gott erfahrbar? Ganz sicher in den liturgischen Orten Altar und Ambo, aber auch in der gläubigen Gemeinde, in jeder einzelnen Christin, in jedem einzelnen Christen, der sich um die Gleichförmigkeit mit Jesus Christus bemüht. Ein hoher Anspruch, da sind wir uns einig - und doch: Wenn wir diesen Anspruch aufgeben, wenn wir Christus nicht mehr zu unserem Maßstab machen, dann können wir einpacken! Dann haben wir unser Unterscheidungsmerkmal verloren, sind wie Salz geworden, das seinen Geschmack verloren hat (vgl. Mt 5,13). Auf den Punkt gebracht: Maria ist uns Modell, Beispiel im Glauben. Als Muttergottes war sie Empfangende. Sie zeigt uns: Wir können das Wort nicht selbst erzeugen, wir können es nur bezeugen. Was für jede und jeden einzelnen gilt, ist das Grundgesetz der Kirche: Sie erzeugt das Wort nicht selbst, indem sie den Moden der Zeit folgt, sondern sie bezeugt das Wort.
Was den Israeliten im babylonischen Exil und was dem Mädchen in Nazareth versprochen wurde, das verspricht Gott auch uns. ER geht alle Wege mit, auch die Umwege, Irrwege und Holzwege unseres Lebens. Er verlässt uns nicht, denn er ist die Liebe (1 Joh 4,16). Maria, die gute Mutter, die Jesus unterm Kreuz seinem Jünger Johannes anvertraut hat, damit sie zu seiner und zu unser aller Mutter werde, ist uns ein Vorbild: Sie, die alles, was sie erlebte und oft auch nicht verstand, in ihrem Herzen bewahrte und unbeirrt blieb auch von den Unkenrufen und Anfeindungen der Umwelt wird nicht zufällig in der Tradition mit sieben Schwertern in der Brust dargestellt. Die Muttergottes kennt unsere Nöte und deshalb ist sie eine so starke Fürsprecherin. Was sie bei der Hochzeit zu Kana den Dienern empfahl: „Was er Euch sagt, das tut“ (Joh 2,5) – das dürfen auch wir uns immer wieder gesagt sein lassen.
Vor einem Monat war ich auf dem Weltjugendtag in Lissabon. Genau zu diesem Wort aus dem Johannesevangelium habe ich mit Jugendlichen der deutschen Sprachgruppe eine Katechese gehalten und die Eucharistie gefeiert; in einem offenen Gespräch haben die jungen Leute mich dann gefragt, wie sie den Frieden in der Welt aktiv voranbringen können, da wies ich sie auf die bleibende Aktualität des „Tipps“ von Maria hin. Wenn wir nur ihn in unserem Leben durchbuchstabieren, wenn wir sonst nichts Anderes von der Bibel beherzigen als dies, dann lassen wir wie Maria IHN groß sein – denn das heißt: Magnificat. Es wird Wirklichkeit, was der Prophet Micha verheißen hat, wie es in der Lesung hieß: „Er wird auftreten und ihr Hirt sein in der Kraft des HERRN, / in der Hoheit des Namens des HERRN, seines Gottes. Sie werden in Sicherheit wohnen; denn nun wird er groß sein / bis an die Grenzen der Erde. Und er wird der Friede sein.“ (Mi 5, 3-4a).
[1] vgl. Äußerung von Pfarrer Dr. Menzinger am 22.8.2021 in: Gachenbach: Aufwendige Sanierung der Wallfahrtskirche Maria Beinberg beginnt (augsburger-allgemeine.de)
[2] Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie, DAS PARADIES: XXXIII Gesang: „O Jungfrau, Mutter, Tochter deines Sohnes“.