Vortrag zu 10 Jahre Cityseelsorge Kempten am 3. April 2019

Zukunft der Seelsorge - Seelsorge der Zukunft

04.04.2019 16:22

„Die Kirche erlebt heute entscheidende Augenblicke – entscheidend vom Standpunkt des Evangeliums aus, versteht sich -, und zwar sowohl auf der intellektuellen wie auf der sozialen Ebene. [Hinzu kommt] das Flüchtlingsproblem, ein Problem, das für mich eine Herausforderung an die Kirche darstellt.“[1]

So aktuell klingen 2019 Sätze, die 1981 der damalige Jesuitengeneral Pedro Arrupe (1907-1991) in einem Interview sagte. Aber ich will nicht ins Jammern verfallen nach dem Motto: Wenn wir als Kirche dem Rat solch hellsichtiger, ja prophetischer Männer gefolgt wären, stünden wir heute anders da. Mir geht es gerade angesichts Ihres Jubiläums „10 Jahre Cityseelsorge in Kempten“ darum, deutlich zu machen, dass wir immer im Heute leben und im Vertrauen auf unseren Herrn Jesus Christus hier und jetzt zu ihm umkehren und neu beginnen können. Denn jede Zeit ist Gottes Zeit.

„Wenn man heute mit dem Gesicht zur Welt Philosophie oder Theologie treiben will, dann muss man in der Lage sein, die Zeit, in der wir leben, zu diagnostizieren.“[2] – So Prof. Jürgen Manemann, Leiter des Forschungsinstituts für Philosophie in Hannover im Nov. 2018.

„Man muss in der Lage sein, die Zeit, in der wir leben, zu diagnostizieren“: Wer schon einmal eine medizinische Diagnose erhielt, die ihn aus der Bahn warf, weiß, der erste Impuls ist: Das kann nicht sein. Und dann: Ich brauche eine zweite Meinung! Seit dem II. Vatikanischen Konzil sprechen wir in der Kirche von den „Zeichen der Zeit“, die es zu deuten gilt: Wir stehen heute mit dem Rücken zur Wand.

Mit der Veröffentlichung der Fälle von sexualisierter Gewalt durch Priester, Diakone und (vor allem) männliche Ordensangehörige trat für alle sichtbar zu Tage, worüber man vorher wohl allzu oft hinwegsah: Seit Jahrzehnten haben wir eine Krise der Autoritäten, den offenen und versteckten Missbrauch von Macht ausgerechnet in der Gemeinschaft derer, „die zum Herrn gehören“ – denn nichts anderes bedeutet ja Kirche. Das deutsche Wort ist ein Lehnwort nach dem griechischen kyriaké, das von kyrios, dem Herrn, abgeleitet ist. Bloß verbale Entschuldigungen, ja auch Entschädigungen (bisher gibt es nur sog. Anerkennungszahlungen) reichen nicht aus, hier ist die ausdrückliche Bitte um Vergebung, hier sind das Schuldeingeständnis der Täter, Umkehr und Buße gefordert. Außerdem müssen wir - und damit meine ich auch und gerade die Männer in der Hierarchie der katholischen Kirche - auch Konsequenzen aus dieser Verirrung ziehen, strukturell, personell und theologisch. Nur eine Reform an Haupt und Gliedern kann das verlorene Vertrauen wiederherstellen. Denn das Evangelium wird nun einmal durch Menschen verkündet. „Der Weg der Kirche ist der Mensch“, hat bereits der hl. Papst Johannes Paul II. betont. So sieht es auch Papst Franziskus und das war der Hintergrund für die Konferenz in Rom zur sexualisierten Gewalt an Kindern im Februar. Nun sind die Ortskirchen gefragt. Seit 2010 hat sich die Kirche in Deutschland selbst strenge Regeln und bei einer Forschungsgesellschaft eine Studie in Auftrag gegeben, die erschreckende Ergebnisse zu Tage förderte und gleichzeitig erste Einschätzungen bezüglich der Ursachen vornahm. Diese müssen nun ohne ideologische Scheuklappen in den Blick genommen werden – das fordern zu Recht die Opfer, das erfordert aber auch unser Selbstverständnis und unser Auftrag. Denn Christus mahnt seine Jünger: „Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr, es wird weggeworfen und von den Leuten zertreten“ (Mt 5,13).

Ist es schon so weit? Manche Medienberichte vermitteln diesen Eindruck und die Zeugnisse von Opfern erst recht. Wie viel Grausamkeit und Perversität tritt da zutage… Doch dürfen wir, die wir Christus nachfolgen, d.h. bewusst und entschieden zum Herrn gehören wollen, uns nicht damit begnügen, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Jeder von uns steht in einer unmittelbaren Beziehung zu Gott. IHM treten wir einst „von Angesicht zu Angesicht“ (vgl. Ex 33,11) gegenüber. Er zeigt sich uns aber schon in diesem Leben, in dieser Welt, die seine von Ewigkeit her geliebte Schöpfung ist. Er zeigt sich in jedem Menschen, in jedem tröstenden Wort und jeder helfenden Tat (vgl. Mt 25). Wir alle sind daher gefordert, „mit dem Gesicht zur Welt“, nämlich mit Offenheit und Empathie, jedem Menschen, der uns begegnet, aktiv und bewusst gegenüberzutreten. Dies üben und darin nicht nachlassen, das heißt mit einem Wort: Leben. Denn, wie es der Pfarrerdichter Kurt Marti (1921-2017) im Blick auf Tod und Auferstehung Jesu formulierte: „Zuschauer gibt es nicht.“[3] Ja, wir sind alles andere als das: Wir sind Angesprochene, Herausgerufene - mit einem biblischen Begriff, wir sind „Zeugen“ (martyroi). Zeugen auch da, wo wir nicht im strengen Sinn Augen- oder Ohrenzeuge sein können, aber doch etwas „erfahren“ haben, ganz im Sinne der berühmten Aussage Karl Rahners: "Der Fromme der Zukunft wird ein 'Mystiker' sein, einer, der etwas 'erfahren' hat, oder er wird nicht mehr sein."[4] Dann lässt uns nicht mehr kalt, was in der Welt, was in der Kirche passiert, dann gilt bei allem: tua res agitur – MEINE Sache wird verhandelt; es geht nicht um etwas Abstraktes, es geht um MICH persönlich! Wir können deshalb den Satz abwandeln: „Der Seelsorger/die Seelsorgerin der Zukunft wird ein ‚Mystiker‘/ eine ‚Mystikerin‘ sein, oder er/sie wird nicht mehr sein.“ Mystiker sind Menschen, die im Mysterium, im Geheimnis zuhause sind.

Papst Franziskus hat von Anfang seines Pontifikates an durch die Bitte an seine Zuhörer, „Betet für mich“, deutlich gemacht, dass auch er ein Mensch unter Menschen ist, einer, der fehlbar ist. In seinem Vertrauen auf die Macht des Fürbittgebetes steht er in der Tradition des Volkes Israel und seiner Propheten: Schon Abraham setzte sich für Sodom ein (Gen 18, 22-33) und Mose für das Volk, das von Gott abgefallen war und sich ein goldenes Kalb geschaffen hatte (Ex 32,11-14). In einer Morgenansprache zeigt Franziskus die konkreten Konsequenzen auf: „Wenn du Dich verpflichtest und sagst: »Ich werde beten«, so beziehe dich mit ein; kämpfe; geh weiter; faste; denke an David, als sein Kind krank wurde: Fasten, Gebet, um die Gnade der Heilung des Kindes zu erhalten. Er kämpfte mit Gott. Er konnte nicht siegen, doch sein Herz war ruhig: er setzte sein Leben für sein Kind ein.“ Daher sei es nötig, so der Papst, den Herrn „um die Gnade zu bitten, vor Gott als Kinder in Freiheit zu beten; inständig zu beten, geduldig zu beten. Doch vor allem zu beten in dem Wissen, dass ich mit meinem Vater spreche, und mein Vater wird mich dann hören.“[5] Wir brauchen Seelsorgerinnen und Seelsorger, die so beten, ausdauernd und ohne Hintergedanken, die groß von Gott denken und sich ihm ganz zur Verfügung stellen!

Bewusst steht das Gebet am Anfang meiner Gedanken zur Zukunft der Seelsorge. Denn es gehört in die Mitte eines Lebens, das Gott als Herrn der Geschichte ernst nimmt und damit allem menschlichen Hochmut und einer heute in führenden politischen Kreisen grassierenden Großmannssucht die Stirn bietet. Nicht wir sind die Mächtigen, sondern Gott, „der“, wie Paulus der Gemeinde von Philippi schreibt, „in euch das Wollen und das Vollbringen bewirkt zu seinem Wohlgefallen“ (Phil 2,13).

Doch möchte ich gleich einem Missverständnis vorbeugen: Mit der Betonung des fürbittenden Gebetes rede ich nicht der Tatenlosigkeit das Wort. Tatenlosigkeit bedeutet Verantwortungslosigkeit. Oder ist es nicht verantwortungslos zu sagen: Ich sehe zwar, dass er oder sie neben mir, ein Mitglied meiner Familie, ein Freund, eine Freundin, meine Kollegin, mein Kollege in der Arbeit oder im Verein, ein Mitbruder, eine Mitschwester – ja auch eine oder ein Vorgesetzter sich abfällig über einen Menschen äußert, andere schikaniert, Vetternwirtschaft oder ein Spitzelsystem begünstigt  - das zu sehen und nichts zu tun? Wir haben in den letzten Jahrzehnten in der Schule, an Ausbildungsstätten, in der Arbeitswelt und Gesellschaft wichtige Anlaufstellen wie den Vertrauenslehrer, die Mitarbeitervertretung, den Betriebsrat, die Gleichstellungsbeauftragte etc. geschaffen und rechtlich mit Autorität ausgestattet. Sie sollen diskret und vermittelnd bei Konflikten nach Lösungen suchen. Es muss uns aber zu denken geben, dass dieses demokratische und menschenfreundliche Stützsystem heute zunehmend ausgehöhlt wird und die Menschen verstärkt unter Mobbing und Intrigen zu leiden haben – auch in der verfassten Kirche!

Sich mit dieser schleichenden Veränderung im Umgang miteinander schulterzuckend abfinden nach dem Motto: Mich trägt‘ s noch! oder: Nach mir die Sintflut!, das nenne ich tatenlos und unverantwortlich – für jeden erwachsenen Menschen, erst recht für uns Christen. Wir sollten uns Mitstreiter/innen suchen, wenn es darum geht, dem Recht und der Menschlichkeit zum Durchbruch zu verhelfen; und zwar - das betone ich ausdrücklich - nur beidem gemeinsam! Wenn Sie mich also fragen: Braucht ein Seelsorger, eine Seelsorgerin Zivilcourage? Dann sage ich: Natürlich, und zwar nicht wenig! Wer garantiert uns denn, dass wir als Christen in Deutschland so weitermachen können wie bisher? Sicher haben diejenigen unter Ihnen, die sich in den letzten Jahren für Geflüchtete und Menschen am Rand der Gesellschaft einsetzten, am eigenen Leib zu spüren bekommen, welch rauer Wind inzwischen auch hierzulande weht. Verbale Ausfälle gegen bestimmte Berufsgruppen – z.B. die Beschimpfung der Lehrer durch einen ehemaligen Ministerpräsidenten und späteren Bundeskanzler[6] – haben sich in den letzten Jahrzehnten ausgeweitet auf Menschen mit bestimmter religiöser und nationaler Zugehörigkeit. Wer ‚ausländisch aussieht‘, wird nicht erst seit 2015 auf der Straße oder in öffentlichen Verkehrsmitteln angepöbelt. Allerdings hat die Gewaltbereitschaft und die tatsächliche Gewalt inzwischen ein Ausmaß angenommen, das zu bagatellisieren in meinen Augen schuldhaft ist.

Hier ist unbedingt die oben erwähnte „Diagnose“, die Frage nach dem Woher und Warum zu stellen, und zwar mit der Absicht, Initiativen, Projekte und Maßnahmen dagegen zu unterstützen. Der Seelsorger, die Seelsorgerin der Zukunft sind also mehr denn je Kooperator und Kooperatorin. - Zuallererst in alter theologischer Tradition Cooperator Dei, Mitarbeiter und Mitarbeiterin Gottes, dann aber auch Kooperationspartner/in aller staatlichen und gesellschaftlichen Kräfte, die auf dem Boden der Menschenrechte agieren. Wenn wir mit Kompetenz und Augenmaß an die Dinge herangehen, dialogfähig und bereit, unsere Erfahrung zu einem gelingenden Miteinander beizusteuern, dann werden wir selbst unter Glaubensfernen respektiert. Ich kann da nur unterstreichen, was der Klappentext des Buches Hört endlich zu! (2018) als das bezeichnet, „worauf es ankommt: Konzentriert zuhören. Keine Angst vor Konflikten. Offen für Emotionen. Die Demokratie verteidigen." Sein Autor, Frank Richter, ist übrigens Theologe und war 10 Jahre lang Direktor der Landeszentrale für politische Bildung in Sachsen.

Nicht zwingend scheint mir allerdings - und einige Diözesanleitungen setzen diese Erkenntnis bereits in die Tat um -, dass in der Person des Priesters bzw. Pfarrers wie bisher üblich Leitung („Management“) und Führung („Leadership“) vereint sein müssen. Lassen Sie mich dies mit einem Vergleich aus der Politik verdeutlichen: Die Richtlinienkompetenz kommt der Kanzlerin zu, die Leitung des Bundeskanzleramtes und erst recht einzelner Ministerien kann sie getrost anderen überlassen. Wenn auch bei uns im Bistum zunehmend Verwaltungsleiter/innen den Pfarrern zur Seite stehen, dann ist eine solche Entwicklung nur zu begrüßen. Und ich hoffe, dass die ausschließlich guten Erfahrungen, von denen ich mich während der Pastoralvisitationen überzeugen konnte, eine Weiterentwicklung in dieser Hinsicht anstoßen[i]. Was für die Administration gilt, könnte auch in der Pastoral Schule machen: Letztverantwortung heißt nicht Alleinverantwortung! Es geht um geistliche Leitung.

Wir haben in den vergangenen Jahrhunderten erlebt, dass die Kirche in Europa initiativ tätig geworden ist: Im 18. Jahrhundert war es die Waisenfürsorge und die Schulbildung, vor allem die der Mädchen, und im 19./20. Jahrhundert die Kranken- und Altenpflege, die sowohl auf katholischer wie evangelischer Seite zumeist in den Händen von Frauen lag und große caritative Werke hervorbrachte. Im Blick auf ihre Professionalität und die gelebte Empathie wurden diese Einrichtungen wegweisend - so sehr, dass der Staat, als er mit erheblicher Verspätung darin auch seine Aufgabe erkannte, hinter dieses hohe Niveau nicht mehr zurück konnte.

Erst in den letzten Jahren zeichnet sich unter dem Diktat der Rentabilität eine Abkehr von der ursprünglichen Werteorientierung ab, die bereits heute die Krankenhausseelsorge und alle christlich orientierten Menschen im medizinischen und pflegerischen Sektor alarmiert. Tatsächlich beeinträchtigt wird der mitmenschliche Einsatz auch durch die jüngste Datenschutzverordnung, die z.B. die Besuchsdienste der Pfarreien unmittelbar betrifft. Hier braucht es couragierte Seelsorger und Gläubige, die sich vor Ort auseinandersetzen und das Recht des Kranken verteidigen.

Welches konkrete Erscheinungsbild sollte sie also haben, die Seelsorge der Zukunft? Manches habe ich schon angedeutet: Wenn Seelsorge seitens der katholischen Kirche so glaubwürdig sein will, dass die Menschen bereit sind, ihr weiterhin sich selbst, ihre Kinder, ihre kranken und alten Familienangehörigen und – was nicht zu unterschätzen ist – ihr Geld anzuvertrauen, dann muss sie individuell und dezentral sein, auf Augenhöhe und Kompromiss/Konsens [vgl. sensus fidelium] bedacht. Kurz: „mit dem Gesicht zur Welt“, nicht mit dem Rücken! Sie sollte „gottverwurzelt und menschennah[7] sein, angetrieben von einer spürbaren Menschenliebe, wie es in den Anfangsworten der Konzilskonstitution Gaudium et Spes zum Ausdruck kommt: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände“ (GS Nr.1).

Seelsorger ist kein Beruf, den man wählt, weil man in der Schule oder auf dem Arbeitsamt entsprechende Informationen bekam. Seelsorger/in kann nur werden, wer sich von Gott gerufen weiß, wer IHM in einem unvergesslichen und oft nicht mitteilbaren Lebensaugenblick begegnet ist und fortan aus dieser Begegnung heraus lebt; d.h. wer sich in seinem Tun an dieser Begegnung auch messen lässt! Der Maßstab ist und bleibt - so heilsam beunruhigend, aber auch belastend das sein mag -  Jesus und sein Evangelium. Was für alle Christen gilt, trifft umso mehr auf die Seelsorger zu: Wir sind und bleiben ein Leben lang Jünger und Jüngerinnen, Lernende, disciples, wie man heute im Zuge der Neuevangelisierung gerne sagt. Einmal fordert Jesus seine Umgebung explizit auf, „Lernt von mir“ und es folgen zwei Eigenschaften, die der Kirche sicherlich eine Renaissance ungeahnten Ausmaßes bescheren würden: „Lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig“ (Mt 11,29).

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, welche Eigenschaften Gottes wir im Alten Testament immer wieder hören, in den Sonntagslesungen oder in den Psalmen? Natürlich sind das Zuschreibungen von Menschen, wie sie sich Gott vorstellen. Doch solch einen Vorgesetzten, solch einen König, einen solchen Vater wünschten wir uns alle: "Der Herr ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Gnade" (Ps 145,8) oder „Du aber, Herr, bist ein barmherziger und gnädiger Gott, langsam zum Zorn und reich an Huld und Treue“ (Ps 86,15). Jede einzelne Eigenschaft wäre einen Vortrag wert und jede einzelne reichte aus, um unsere Seelsorge zu erneuern. Denn über das Jahr der Barmherzigkeit hinaus sind dies Eigenschaften, deren Umsetzung nicht nur Selbstdisziplin braucht, sondern auch nicht ‚zeitgemäß‘ ist: Wer Langmut/Geduld leben will, bedarf heute, wo Schnellschüsse und Vorverurteilungen an der Tagesordnung sind, eines ausgeprägten Selbstbewusstseins. Dass Treue lebensfördernd ist, obwohl sie mich scheinbar in meiner Freiheit und Entfaltung einschränkt, ist für manchen jungen Menschen schwer zu glauben. Das gleiche gilt, wenn man ‚Gnade vor Recht ergehen‘ lässt, was meist als Schwäche ausgelegt wird. Sie verstehen, was ich damit sagen will: Als Christen können wir schnell aus dem Rahmen fallen und anecken. Vermeiden wir diese blauen Flecken nicht! Bleiben wir verwundbar! Uns fällt kein Zacken aus der Krone.

Seelsorge, die sich dem Primat der Gottes- und Menschenliebe nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch verpflichtet weiß, ist lebensfördernd und charismenorientiert. Dies hat zuallererst Paulus begriffen und den kleinen Gruppen der Ecclesía, der Gemeinschaft der „Herausgerufenen“, vorgelebt. Die Sprengkraft des Christentums, das völlig Neue und noch nie Dagewesene liegt im konsequenten Glauben daran, dass „jeder von uns die Gnade in dem Maß (empfing), wie Christus sie ihm geschenkt hat“ (Eph 4,7). Versuchen wir uns vorzustellen, wie solche Worte innerhalb der antiken Sklavenhaltergesellschaft im römischen Weltreich wirkten, in der seit Jahrhunderten dieselben Familienclans das Sagen hatten und der Kaiser nach orientalischem Vorbild als Gott verehrt wurde. Hier wird nichts Geringeres verkündet als die radikale Gleichheit aller Menschen (in ihrer Bedürftigkeit) vor Gott und die absolute Anerkennung der individuellen Berufung: „Und er setzte die einen als Apostel ein, andere als Propheten, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer, um die Heiligen für die Erfüllung ihres Dienstes zuzurüsten, für den Aufbau des Leibes Christi, bis wir alle zur Einheit im Glauben und der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, zum vollkommenen Menschen, zur vollen Größe, die der Fülle Christi entspricht“ (Eph 4,11-13).

Dass im Laufe der Kirchengeschichte aus den von Christus geschenkten Charismen von Menschen verliehene Ämter geworden sind, und das häufig sogar in Personalunion auf einige wenige beschränkt, gehört sicher auch zu den Entwicklungen, die in Zukunft auf den Prüfstand gestellt werden müssen. Tatsächlich ist ja die kirchliche Tradition reicher, als uns manche heute weismachen wollen, und es ist gut katholischer Brauch, sich wieder neu auf bewährtes Altes [reformatio in pristinum statum] zu besinnen. Denn nach einem Herrenwort „gleicht jeder Schriftgelehrte, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, einem Hausherrn, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorholt“ (Mt 13,52).[8]

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts schuf die Kirche mit der katholischen Soziallehre wesentliche Grundlagen zur Humanisierung der Industriegesellschaft. Neben dem zentralen Prinzip der Personalität, das [mit dem Vorrang des Individuums vor dem System] im biblischen Menschenbild wurzelt, wurden Solidarität und Subsidiarität im gegenseitigen Zusammenspiel als Säulen menschlichen Zusammenlebens propagiert. Tatsächlich fußt der moderne Rechtsstaat in Europa auf diesem Fundament. Die Solidarität mit den Entrechteten in aller Welt, den Armen und Bedrängten war und ist ureigener Ausdruck christlichen Selbstverständnisses – und auch wir Nachgeborenen erinnern uns noch sehr gut an Phasen in der deutschen Geschichte, wo sie aufgekündigt wurde.  - Müssen wir da nicht hellwach werden, wenn heute angesichts der Menschen, die als Geflüchtete in Deutschland Asyl beantragen, die Rede von der „Entsolidarisierung“[9] die Runde macht und der Angstmacherei und dem Schlecht-Reden immer mehr Gewalttätigkeit folgt?

Uns allen ist - wie ich hoffe - klar: Seelsorge ohne Solidarität ist eine Farce, mit Christentum hat das nichts zu tun. Denn „die Kirche ist den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet, auch wenn sie nicht der christlichen Gemeinde zugehören.“ Das schrieb im Juli 1933 der 27jährige Lizenziat der Theologie Dietrich Bonhoeffer[10]: ein Text, der ebenfalls an einem „entscheidenden Augenblick“ der Kirche verfasst wurde und bei aller juristischen Nüchternheit ein unmissverständliches Bekenntnis zu Jesus als dem Maßstab christlichen Handelns darstellt. Er lohnt auf jeden Fall das Wiederlesen! Seelsorge beschäftigt sich also nicht nur mit dem „inner circle“ der Kirche, sondern überschreitet dessen Grenzen!

Darüber hinaus bin ich persönlich davon überzeugt, dass die katholische Seelsorge der Zukunft um der Glaubwürdigkeit willen nicht umhin kommt, sich auch intern das bisher [aufgrund der hierarchischen Struktur] nicht verwirklichte Prinzip der Subsidiarität zu eigen zu machen. Dürfen wir doch davon ausgehen, dass jene Theologen, auf welche die (in mehreren Phasen entwickelte) kirchliche Soziallehre zurückgeht, nicht nur der Welt, sondern auch der Kirche ein menschlicheres Gesicht geben wollten.[11] Nicht zuletzt setzte eine subsidiär aufgebaute Kirche auf das Wirken des Geistes Gottes, des Ursprungs von Kreativität und Charisma, dessen wir nach der historischen Ablösung vom System der Volkskirche mehr denn je bedürfen!

Daraus folgt: Die Seelsorge der Zukunft wird missionarisch und ökumenisch sein müssen! Denn das Anliegen Jesu, „Alle sollen eins sein“ (Joh 17,21), sollte unser aller Herzenswunsch werden. Wird er doch in einer religionspluralen Welt zum Gütekriterium schlechthin für unseren Glauben. In diesem Zusammenhang darf ich an den Appell Papst Franziskus‘ in seiner Enzyklika Evangelii Gaudium (2013) erinnern unter der Überschrift „Die Einheit wiegt mehr als der Konflikt“: „Die Botschaft des Friedens ist nicht die eines ausgehandelten Friedens, sondern erwächst aus der Überzeugung, dass die Einheit, die vom Heiligen Geist kommt, alle Unterschiede in Einklang bringen kann“ (EG 230). Tatsächlich gibt es nach Aussage der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz außer der Ämterfrage derzeit keine substantiell kirchentrennenden Momente mehr. Es verdunkelt die Botschaft, die wir als Christen von Tod und Auferstehung unseres Herrn zu verkünden haben, und es schwächt schließlich auch den einzelnen Christen, wenn der Riss, der durch die Familie der christlichen Kirchen geht, die Solidarität untereinander einschränkt. Konkurrenz war gestern – jetzt ist das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit gefragt! Natürlich kennen wir den Spruch von der „kleinen Herde“, die sich nicht zu fürchten braucht (Lk 12,32). Dieses Trostwort Jesu darf jedoch nicht für eine scheinbar bibeltreue/elitäre, in Wahrheit aber fundamentalistische Kirchensicht instrumentalisiert werden, die mehr auf K.O.-Kriterien, also auf Ausschluss, setzt anstatt zu verinnerlichen, was Paulus - der Gemeinde in Korinth vor Augen hält: „Das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen, und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen. Und das Niedrige in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt: das, was nichts ist, um das, was etwas ist, zu vernichten, damit kein Mensch sich rühmen kann vor Gott“ (1 Kor 1, 27-29). Die pastorale Kooperation unter den Kirchen ist ausbaufähig.

Im Hinblick auf die Seelsorge sitzen die katholische und die evangelische Kirche in einem Boot. Uns fehlt es an Frauen und Männern, die sich hauptberuflich in den Dienst der Kirche stellen lassen. Die Frage nach der Zukunft treibt uns alle um. Was die Diözese Augsburg gerade mit der Raumplanung 2025 umsetzt, das versucht die evangelische Landeskirche in Bayern mit dem Prozess PUK „Profil und Konzentration“. Eines gilt es klarzustellen – und das ist auch die Frucht der Visitationen, die ich gerade durchführe: Das Bistum möchte sich nicht aus der Fläche zurückziehen. Im Gegenteil: Wir wollen in den Dörfern kein „kirchliches Vakuum“ schaffen. Dafür braucht es sowohl die Unterstützung der Frauen und Männer im Ehrenamt durch hauptberufliches Personal als auch die Ergänzung des Territorialprinzips durch Angebote der kategorialen Seelsorge. Dazu gehört auch die Cityseelsorge. Mehr denn je ist heute in der Seelsorge die Ökumene des gemeinsamen Zeugnisses der Christen gefragt.

Kein Mensch kann sich rühmen vor Gott: Wer es besser weiß, sich als wahren Jünger bzw. Jüngerin betrachtet in Abgrenzung zu abfällig so genannten ‚Weihnachtschristen‘ oder Menschen mit Lebensbrüchen, wer sich zum hämischen Kritiker des Papstes aufschwingt, missachtet dieses Apostelwort und muss sich die Frage gefallen lassen, ob er oder sie nicht einem narzisstisch verzerrten Glauben anhängt.

Eine der dringlichsten und immer schon vornehmsten Aufgaben der Seelsorge ist daher die Gewissensbildung. Sie setzt die Bereitschaft zu lebenslangem Lernen voraus, was bereits der hl. Papst Johannes Paul II. angemahnt hat. Durch die heutige Wissensexplosion und die daraus resultierende Zunahme äußerst diffiziler ethischer Problemfelder ist das Gewissen des Einzelnen mehr denn je auf Orientierung angewiesen. Ich will nur zwei Stichworte nennen: die Bioethik und der Eingriff in die Keimbahn des Menschen, wie er jüngst von einem chinesischen Mediziner verkündet wurde, sowie das Stichwort Künstliche Intelligenz bzw. die Digitalisierung und Programmierung mit Algorithmen mit unabsehbaren manipulativen Folgen [auch: Fake News; autonome Autos]. In diesen und in zahlreichen anderen Bereichen brauchen wir Qualitätskriterien, die ethisch vertretbar sind. Tatsächlich befinden wir uns hier in einem Wettlauf mit der Zeit. Denn die globale Forschung, zum Großteil von Macht- bzw. wirtschaftlichen Interessen bestimmt, wartet nicht, bis die Kirche Menschen mit einschlägiger Kompetenz gefunden und beauftragt hat.

Dennoch ist es die Kirche, sind es die Seelsorger, von denen Christen und - wie mir scheint - zunehmend auch Menschen, die sich selbst als religions- oder glaubenslos bezeichnen, Hilfestellung für eine ethisch verantwortbare Entscheidung erwarten. Oder sollte sich die Kirche in diesem zugegeben äußerst schwierigen, weil extrem komplexen Feld schon auf dem Rückzug befinden? An der Basis, in den Pfarreien kann dieser Eindruck entstehen, zumal der Pfarrer in der Regel kein Spezialist ist und die sonntägliche Predigt als Medium für diese Thematik untauglich erscheint. Dennoch gilt: Die Seelsorge der Zukunft muss sich dieser Herausforderung stellen oder sie gibt sich selbst auf. Denn wer die Menschwerdung Gottes ernst nimmt, kann niemals vom Menschen abstrahieren, darf niemals den Menschen überflüssig machen und durch Maschinen, Roboter etc. ersetzen – oder überwachen lassen. Menschliche Erfindungen müssen auf den Menschen hingeordnet bleiben, sie müssen menschenfreundlich sein!

Schließlich und gewissermaßen als Basso continuo möchte ich ein letztes Begriffspaar zur Charakterisierung christlicher Seelsorge ins Spiel bringen: Sie sollte nachgehend und ambiguitätstolerant sein.

Während hinter der sog. nachgehenden Seelsorge das konkrete, archaisch-anhei-melnde Bild des Guten Hirten steht, der eben dem verlorenen Schaf nachgeht und es nach Hause bringt (vgl. Lk 15,1-10), klingt der zweite Terminus sehr abstrakt und intellektuell. Beide Haltungen sind jedoch miteinander verwandt. Sie gehen nämlich – und damit schließt sich der Kreis zum Beginn meines Vortrags - von der Unverwechselbarkeit und Einmaligkeit jeder Person aus; davon dass - theologisch gesprochen - jeder Mensch seinen ganz spezifischen Weg zu Gott hat und nicht in eine Schablone gepresst werden darf. Denn wer der Individualität des Einzelnen nicht Rechnung trägt, wird auch Gott nicht gerecht, der jeden Menschen nach seinem „Bild und Gleichnis“ (Gen 1,27) geschaffen hat - übrigens auch Frauen und Kinder, die selbst nach 2000 Jahren Christentum in ihrer Gottesebenbildlichkeit noch nicht voll anerkannt sind! Mit der ‚Ware Frau‘ lassen sich auch in Europa und gerade in Deutschland, dem „Eldorado der Prostitution“, Millionen verdienen. Und obwohl wir alle wissen, dass Menschenhandel und Zwangsprostitution bei uns florieren, interessiert es weder die Politiker noch uns Christen, wie viele Frauen ohne Menschenrechte bei uns leben. Immer noch haben wir nicht verstanden, dass der Umkehrschluss der Gottebenbildlichkeit des Menschen lautet: Die Verschiedenheit der Menschen, ganz gleich ob in Geschlecht, Hautfarbe, Aussehen und Ansehen, Beruf oder Bildung, gesund oder krank und was der Unterscheidungskriterien mehr sind, ist gottgewollt. Das heißt, Gott hat mich so und andere anders erschaffen, aber keinen von uns minderwertiger als den anderen! - Wo sich Differenzen zu bisherigen kirchlichen Positionen auftun, braucht es die Bereitschaft zum Gespräch und der gemeinsamen Suche nach dem Willen Gottes – für hier und jetzt. Auch und gerade dann, wenn uns manches gegen den Strich geht, wenn wir althergebrachte Kategorien und Denkmuster ändern müssen, dann erweist es sich, ob wir wirklich Gott als den ganz Anderen (totaliter aliter), den Deus semper maior anerkennen. Um wieder mit Papst Franziskus zu sprechen: „Die Wirklichkeit steht über der Idee“, denn in eben diese Wirklichkeit hat sich das Wort Gottes inkarniert (EG 233).

Der katholischen Kirche wird übrigens in manchen Phasen ihrer Geschichte in Sachen Ambiguitätstoleranz neuerdings von ganz unverdächtiger Seite ein gutes Zeugnis ausgestellt. In seinem Essay „Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt“ führt der Münsteraner Islamwissenschaftler Thomas Bauer am Beispiel der Persienmission im 17./18. Jahrhundert vor, wie die damaligen Verantwortlichen im Vatikan sich bewusst für die Unentscheidbarkeit und das Aushalten eines widersprüchlichen Nebeneinanders entschieden, also für die Nicht-Bewertung und Nicht-Sanktionierung.[12]  

Wenn manche katholische Würdenträger heute in Gefahr sind, zu Fragen, die (von den Medien) an sie herangetragen werden, allzu rasch Stellung zu beziehen oder sich allein über die Abgrenzung zu definieren, dann leisten sie damit einer Wagenburgmentalität Vorschub, die mit unserer Selbstbezeichnung „kat-holisch“ - auf das Ganze bezogen – nicht mehr viel zu tun hat. Wer sagt uns, dass wir dazu berufen sind, die Taten anderer zu kommentieren, zu bewerten und zu verurteilen? Da tut ein Rückbezug auf „das Gleichnis vom Unkraut im Weizen“ (vgl. Mt 13,24-30) gut. Es „veranschaulicht“ laut Papst Franziskus „einen wichtigen Aspekt der Evangelisierung. Es zeigt uns, wie der Feind den Raum des Gottesreiches besetzen kann und Schaden mit dem Unkraut anrichtet. Er wird aber durch die Güte des Weizens besiegt, was mit der Zeit offenbar wird“ (EG 225). Und tatsächlich entspricht das unserer Erfahrung: Das Gute braucht Zeit, immer mehr, als uns lieb ist und oft mehr, als wir uns vorstellen können – [1800 Jahre nach Christus wurde in Europa die Leibeigenschaft aufgehoben und heute sind zig Millionen weltweit versklavt]!

Halten wir also fest an dem, was Christsein zu allen Zeiten ausgemacht hat: die Nachfolge Jesu. Verhelfen wir uns gegenseitig zur Entwicklung unseres je eigenen Charismas und bleiben wir unterscheidbar von unserer Umgebung, indem wir, wie Paulus sagt, „von der Liebe geleitet, die Wahrheit bezeugen und in allem auf ihn hin wachsen. Er, Christus, ist das Haupt. Von ihm her wird der ganze Leib zusammengefügt und gefestigt durch jedes Gelenk. Jedes versorgt ihn mit der Kraft, die ihm zugemessen ist. So wächst der Leib und baut sich selbst in Liebe auf.“ (Eph 4,15f.) Der Philosoph Max Scheler war es, der darauf hinwies, dass nicht die Vernunft den Menschen zum Menschen mache (animal rationale), sondern die Liebe. Entgegen der landläufigen Behauptung, Liebe mache blind, sieht er in ihr einen „Akt der Erkenntnis.“ Und mit Bezug auf ihn lautet das Credo des Arztes und Psychotherapeuten Viktor Frankl: „In der Liebe sieht man nicht nur, was ein Mensch gegenwärtig ist, sondern erkennt, was ein Mensch aus sich machen könnte.“[13] Was gibt es Schöneres, als Bote dieser Liebe zu sein?

Wie es Fluglotsen und Schülerlotsen gibt, so wird es in Zukunft Glaubenslotsen brauchen. Darin liegt m.E. die besondere Chance für die Citypastoral sowie die Kur- und Tourismusseelsorge, aber auch die Schul-, Gefängnis- und Krankenhauspastoral – letztlich für alle Segmente der kategorialen Seelsorge, die es im weitesten Sinne mit ‚Passanten‘, also mit Vorübergehenden und ‚Gästen‘ zu tun haben. Täuschen wir uns nicht: Die Mobilität ist allgegenwärtig. In den Pastoralvisitationen habe ich oft gehört, dass junge Familien in eine Pfarrei ziehen, sich ansprechen lassen vom Gemeindeleben, ihre Kinder in den katholischen Kindergarten geben, und nach einigen Jahren wieder wegziehen – vielleicht aus beruflichen Gründen wieder wegziehen müssen. Dennoch war die seelsorgliche Begleitung nicht umsonst, denn, wie es der Papst in seiner Enzyklika sagte, „die Zeit ist mehr wert als der Raum“ (EG 222)! Das klassische Territorialprinzip braucht deshalb Ergänzung durch die vielen Dienste der kategorialen Seelsorge: Tendenz steigend! Notfallseelsorge und Beratungsstellen stehen hier für viele andere wichtige, von den Kirchen vorgehaltene Angebote.

Bereits 1991 hat Bernardin Schellenberger ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Wider den geistlichen Notstand. Erfahrungen mit der Seelsorge.“ Darin sieht er „die größte Sünde der Kirche unserer Zeit, dass sie die Seelsorge verfallen lässt“, und „unmerklich ein neuer Klerikalismus“ entsteht (S. 57-63). Wie aktuell doch diese Einschätzung ist! Wir verwalten mit größter Präzision, aber die Seelsorge – das „Kerngeschäft“ der Kirchen - kommt zu kurz. Da die Personaldecke immer dünner wird, werden die hauptberuflichen Seelsorger und Seelsorgerinnen immer mehr „gedehnt und gestreckt“ – mit der Konsequenz: Es herrscht pastoraler Notstand! Gerade die Priester braucht es für die Sakramente und für die geistliche Leitung. Denn Pastoral ist ihrem Kern nach sakramental, wie auch das Amt sakramental ist. Wie die Priester, die in dieser Zeit der Not in nur geringer Zahl zur Verfügung stehen, diese Aufgabe in der Fläche wahrnehmen können, ohne sich daran aufzureiben, das ist das zu lösende Problem. Dem dürfen wir in unseren Debatten nicht ausweichen.

Für heute gilt: Glaubenslotsen, Seelsorger und Seelsorgerinnen, mit und ohne Weihe, sind dringender denn je gefragt: Menschen, die an den Straßen des Lebens stehen, begleiten und Wegweisung geben, unaufdringlich, doch sichtbar; ohne Worte, doch sprechend - durch ihr Leben; Menschen, die ihr Leben riskieren für andere und, soweit sie es vermögen, verhindern, dass jemand zu Schaden kommt; Menschen, die bezeugen, dass diese Welt nicht alles ist; Menschen, die die Frage nach Gott wachhalten - Boten der Transzendenz und der Liebe Gottes!

Oder mit dem hl. Papst Paul VI. gesprochen: „Der heutige Mensch hört lieber auf Zeugen als auf Lehrer; und wenn er auf Lehrer hört, dann deshalb, weil sie Zeugen sind.“ (Evangelii Nuntiandi, Nr. 41)

 

Zusätzliche, weiterführende Literatur:

Viktor Frankl, Ärztliche Seelsorge. Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse. Mit den Zehn Thesen über die Person. München: DTV 2014.

Karl Rahner: Strukturwandel der Kirche als Aufgabe und Chance. Herder: Freiburg 1972.

Nur im Thema und ganz wenig im Detail gibt es Überschneidungen mit dem Brief von Kardinal Marx von 2016 (Pilotprojekte bis 2018):

https://www.pastoral-gestalten.de/warum-pastoral-gestalten/leitlinien-von-kardinal-marx/

 

Gleichnis vom Sauerteig: Lk 13, 20f.

Eph 4, 1-5, 2

Kardinal Joseph Ratzinger 2003: So ist die anthropologische Frage eine wissenschaftliche und rationale, aber zugleich eine ganz pastorale Frage: Wie können wir den Menschen den Weg zum Leben zeigen und auch den Nichtglaubenden sichtbar machen, dass wir seine Fragen teilen und dass Petrus angesichts des menschlichen Dilemmas von heute wie von damals Recht hat, wenn er zum Herrn sagt: »Herr, zu wem sollen wir gehen? Du allein hast Worte des ewigen Lebens« (Joh 6,68). Philosophie, Pastoral und Glaube der Kirche verschmelzen in diesem anthropologischen Ringen.

In: http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_con_cfaith_doc_20030509_ratzinger-simposio_laterano_ge.html

[1] Pedro Arrupe: Mein Weg und mein Glaube. Ein Gespräch mit Jean-Claude Dietsch SJ. Schwabenverlag: Ostfildern 1983.

[2] Interview in: Die Furche 47, 22. Nov. 2018

[3] Kurt Marti, Zärtlichkeit und Schmerz. Notizen. Darmstadt 1981, S. 25.

[4] Karl Rahner, Frömmigkeit heute und morgen. In: Geist und Leben 39 (1966), S. 335.

[5] Papst Franziskus, Morgenansprache am Donnerstag, 15. März 2018.

[6] Es handelt sich um den damaligen niedersächsischen Ministerpräsident Gerhard Schröder 1995 im Gespräch mit Redakteuren der Schülerzeitung Die Wühlmaus des St.-Viti-Gymnasiums in Zeven. Er äußerte sich über demonstrierende Lehrer und Schüler.

[7] Leitbild der HA II – Seelsorge im Bistum Augsburg (2007).

[8] vgl. auch Hubert Wolf, Krypta. Unterdrückte Traditionen der Kirchengeschichte. München 2015.

[9] erstmals 2011, zuletzt Bundespräsident F.-W. Steinmeier, Juni 2018.

[10] vgl. Niederdeutsche Kirchenzeitung: Die Kirche vor der Judenfrage, S. 236 [https://de.evangelischer-widerstand.de/html/view.php?type=dokument&id=225] .

[11] vgl. Struktur moderner Demokratien bzw. der EU.

[12] vgl. Thomas Bauer, Die Vereindeutigung der Welt. Stuttgart 2018, S. 20ff: nihil esse respondendum.

[13] vgl. Martin Poltrum, Der allergrößte Jungbrunnen. in: Die Furche 5, 1. Februar 2018, S. 3.