„Zusammen sind wir Kolping!“
Sehr geehrter Diözesanvorsitzender Herr Hitzelberger, liebe Mitglieder der Kolpingsfamilie Neu-Ulm, liebe Schwestern und Brüder! Wenn ich nach Neu-Ulm komme, steigen viele Erinnerungen in mir auf. Ich denke zurück an den 15. September 1989, als ich hier in St. Johann Baptist als junger Kaplan meine ersten Schritte tat. Es war eine in vielerlei Hinsicht bewegende Zeit.
Wenige Wochen später fiel bekanntlich jene Mauer, welche Ost- und Westdeutschland mehr als 28 Jahre getrennt hatte. Für mich persönlich ging es nach einem Jahr schon wieder weiter nach Rom und Neuburg, bevor ich 1992 nach Neu-Ulm zurückkehrte. Als Stadtpfarrer und Dekan durfte ich hier dann weitere vier Jahre lang eine schöne Zeit erfahren, in der wir miteinander den Glauben und das Leben teilten. Damals lernte ich als Präses auch die Kolpingfamilie Neu-Ulm kennen und schätzte deren wertvolles Engagement für Kirche und Gesellschaft. Darum bin ich als langjähriger Kolpingbruder, der Sache im Herzen stets verbunden, gerne der Einladung gefolgt und heute zu Ihnen in den Westen unseres Bistums ans Ufer der Donau gekommen. Lassen Sie uns gemeinsam dieses Jubiläum „100 Jahre Kolpingfamilie Neu-Ulm“ feiern und darüber nachdenken, welche Impulse der selige „Gesellenvater“ aus Kerpen uns heute mitgeben kann. Die Lesungen vom 5. Ostersonntag wie auch das Leitbild von Kolping in Deutschland haben mich dabei auf die Spur gebracht, meine Predigt in zwei Punkte zu gliedern, die vom Bild des Weinstocks ausgehen, welches wir eben im Evangelium gehört haben.
1. Verwurzelt im Glauben
Jede Pflanze lebt von ihren Wurzeln, die ihr die lebensnotwendigen Nährstoffe zuführt. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum Jesus speziell dieses Bild gewählt hat, um die Beziehung der Menschen mit Gott auszudrücken. Schon im Alten Testament sprach der Prophet Jesaja vom Haus Israel als dem Weinberg des Herrn (vgl. Jes 5,7), und im Psalm 80 wird sogar wörtlich gesagt, dass Gott sein Volk auf Erden „eingepflanzt“ (Ps 80,9) hat und für es sorgt. Wenn Jesus nun also erneut dieses Bild aufgreift, wusste er, dass seine Zuhörer verstehen, worauf er anspielt. Das Neue daran: Er selbst ist nun als Gottes Sohn der Weinstock und die Menschen die Reben. So aber, wie die Reben ohne das Wasser und die Nährstoffe, die sie von den Wurzeln des Stocks bekommen, verkümmern würden, können auch die Gläubigen ohne die Verbundenheit mit Gott und die Verwurzelung im Glauben nichts erreichen (vgl. Joh 15,5). Nur wer in der Liebe zum Herrn bleibt, kann wirken und gute Frucht hervorbringen.
Einer, der das früh verstanden und danach gelebt hat, war der selige Adolph Kolping. Für den Sohn eines Schäfers war klar, dass die Welt vieles entbehren kann, wie er einmal schrieb, eine Sache aber nicht: Den Glauben an Jesus Christus. Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir den späteren Priester aus dem Erzbistum Köln etwas einseitig auf seine großen Leistungen im sozialen Bereich reduzieren, und dabei seine tiefe Frömmigkeit und Spiritualität übersehen. Nicht durch Zufall las der heilige Papst Johannes Paul II. bei der Seligsprechung folgendes Zitat von Kolping vor: „Man wird die wirkliche Lage der Verhältnisse in der politischen und sozialen Welt nie recht und ganz verstehen, wenn man nicht zugleich auch die religiöse ins Auge fasst. Die Religion ist und bleibt, mag man sie anerkennen oder nicht, die tiefste, die erste und die letzte Frage der Menschen.“[1] In vielen weiteren Aussagen legte Kolping dar, dass der Glaube an Gott das Fundament allen menschlichen Lebens ist, welches uns wachsen lässt (vgl. Weinstock) und zum Heil führt. So lehnte er soziales Engagement ohne Rückbindung an das Evangelium entschieden ab. Die Veränderung der Gesellschaft sah er weniger in der Neugestaltung von Strukturen, sondern in der geistigen Erneuerung eines jeden Einzelnen. Auf den Punkt gebracht: Wenn wir uns von Gottes Geist erfüllen lassen, wird er uns zum „Wahren, Guten und Schönen“[2] führen, und eine „wirkungsvolle Erneuerung der menschlichen Gesellschaft“[3] beginnt.
Umgekehrt warnte Kolping in den von ihm herausgegebenen „Rheinischen Volksblättern“ vor einem Leben fernab von Gott. Elend und Leid dieser Welt kämen demnach „daher, dass die Menschen sich nur gar zu sehr von Gott und seinen Geboten abgewandt haben und nun in törichtem Unverstande das Glück, die Freiheit und den Frieden suchen, wie sie auf dem Boden des Unglaubens und der Gottlosigkeit nun einmal nicht wachsen und gedeihen kann.“[4] Es lohnt sich diesen Gedanken zu vertiefen, besonders wenn ich an die Debatte um die Legalisierung eines frühzeitigen Schwangerschaftsabbruchs denke. Gott tritt im Gleichnis Jesu als Winzer auf, der seinen Weinstock pflegt und das Leben beschützt! Es ist ein Gott des Lebens, an den Kolping aus ganzem Herzen glaubte, was sich auch darin zeigt, dass er ein Mann des Gebetes war. Immer wieder rief er seine Mitbrüder und Gesellen auf, zum Schöpfergott zu beten. Dabei war er, wie wir alle wissen, alles andere als ein weltabgewandter Mensch. Beten und Arbeiten gehörten für ihn untrennbar zusammen. Ich bin heute überzeugt, dass der große Sozialreformer und spätere Generalpräses aller Gesellenvereine niemals all das hätte leisten können, wenn er nicht die Kraft dazu aus dem täglichen Gebet empfangen hätte. Dies führt mich zu meinem zweiten Gedanken und der Frage, was es konkret bedeuten kann, als Christen Frucht zur rechten Zeit zu bringen.
2. Frucht bringen zur rechten Zeit
„Die Nöte der Zeit werden euch zeigen, was zu tun ist.“ Dieses bekannte Wort, das Adolph Kolping zugeschrieben wird, galt gestern wie heute. Vor allem dann, wenn Menschen leiden, ist es Zeit zu handeln! Für Kolping bedeutete das im 19. Jahrhundert, die vielen verarmten und vereinsamten Gesellen zu sammeln und Gemeinschaft zu stiften. Er sah eine zentrale Aufgabe darin, das Gemeinwohl im privaten wie auch im öffentlichen Bereich zu stärken, indem er bei den Menschen ein Gemeinschaftsgefühl fördern wollte. Mit einer Hand voll Mitstreitern gründete er den berühmten Gesellenverein in Köln und bot damit vielen Verlorenen ein Zuhause, in dem sie Unterstützung, Bildung und vor allem Liebe fanden. An der Stelle könnten wir an den heiligen Paulus denken, von dem wir in der ersten Lesung hörten. Auch er suchte in einer schwierigen Phase nach Anschluss und erfuhr aus verständlichen Gründen zunächst Ablehnung von den Jüngern, die sich noch sehr genau an seine Vorgeschichte erinnerten (vgl. Apg 9,26). Doch Menschen können sich ändern, und so war es Barnabas, der als einer der ersten die Bekehrung des Paulus erkannte und ihm Schutz bot, da dieser als öffentlich bekennender Christ ja nun selber in Lebensgefahr war. Auf diese Weise erfuhr Paulus Rettung und wurde später zum großen Apostel der Völker.
Was können wir daraus lernen? Für mich kann eine Antwort sein, Menschen nicht vorschnell zu verurteilen und zu versuchen, sie in ihrer jeweiligen Lebenssituation zu sehen; wahrzunehmen, was sie bewegt; Zeit für sie zu haben; Mut zu machen und zu helfen, wo man dazu in der Lage ist. Besonders dieser letzte Punkt war für Kolping ja von zentraler Bedeutung. „Das Christentum sind keine leeren Worte, sondern lebendige Handlungen.“[5]Nichts anderes will uns die heutige Lesung aus dem ersten Johannesbrief sagen, worin es heißt: „Meine Kinder, wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit.“ (1 Joh 3,18) Dieser Anspruch gilt für den einzelnen Christen wie auch die ganze Kirche und all ihre Organe. Als Kolpingfamilie Neu-Ulm bemühen Sie sich seit hundert Jahren, diesem Grundsatz gerecht zu werden, und haben schon vieles bewegt, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, aber auch aus der Chronik, die ich im Vorfeld dieses Jubiläums mit Interesse gelesen habe. Mit Ihren Glaubens- und Bildungsangeboten führen Sie das Werk im Geiste Kolpings fort und übernehmen Verantwortung für die Welt. Ausgehend von Ihrem Leitbild möchte ich Ihnen noch drei kurze Impulse zu bestimmten Aktionsfeldern mitgeben, die meiner Meinung nach mit Blick auf die künftige Arbeit des Verbandes besondere Beachtung verdienen:
Da ist der Bereich Globalisierung und Internationale Zusammenarbeit. Gerade aufgrund des in vielen Ländern der Welt - auch in Deutschland - neu erstarkenden Nationalismus sind wir als Kirche – bei aller Wertschätzung eines gesunden Patriotismus – aufgerufen, klar Stellung zu beziehen gegen jede Form von Fremdenfeindlichkeit. Mit dem Internationalen Freiwilligendienst und den entwicklungspolitischen Projekten, die wir auch mit der heutigen Kollekte unterstützen wollen, leistet Kolping (International) hier bereits einen großartigen Beitrag, Danke dafür! Zugleich brauchen wir aber auch hier in Deutschland weiterhin Bildungsveranstaltungen, bei denen auf konstruktive Weise gesellschaftliche Probleme beleuchtet und miteinander nach Lösungsansätzen gesucht wird, die im Sinne Kolpings helfen, das Miteinander zu stärken. Ebenso wertvoll sind Möglichkeiten der Begegnung, bei denen Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion voneinander lernen können. Hier gibt es ja schon einiges, dennoch bleibt es wichtig, weil es zu einer gelingenden Integration und damit zum Erhalt des gesellschaftlichen Friedens beiträgt. Machen wir uns immer wieder bewusst, dass Demokratie und Rechtsstaatlichkeit keine Selbstverständlichkeit sind, sondern immer wieder neu gefestigt und verteidigt werden müssen.
Dies gilt auch für den Bereich der Menschenrechte. Ich bin überzeugt, dass Adolph Kolping die Diskussionen der letzten Wochen über ein europaweites Lieferkettengesetz empört hätte, denn aus christlicher Überzeugung war für ihn ganz klar, dass wirtschaftliche Interessen stets ethischen Grundsätzen unterliegen und somit niemals auf Kosten der Menschenwürde durchgesetzt werden dürfen.
Zuletzt, die Frage der Klimagerechtigkeit: Während man zu Kolpings Zeiten noch fleißig die Hochöfen anheizte, wissen wir heute, wie gefährdet unser Planet durch die von Menschen verursachten Treibhausgase und den daraus resultierenden Klimawandel ist. Damit hängt die Frage zusammen, welchen Lebensstil wir pflegen; ich nenne die Stichworte Genügsamkeit und Nachhaltigkeit. Vor diesem Hintergrund bin ich für jede Initiative dankbar, die zum Schutz der Umwelt als unserem gemeinsamen Haus beiträgt. Auch hier haben die verschiedenen Kolpingfamilien im Bistum in den letzten Jahren schon viele gute Ideen entwickelt und wurden mehrfach beim diözesanen Schöpfungspreis ausgezeichnet. Weiter so!
Es gäbe noch viele weitere Felder wie die Digitalisierung oder die Frage der Generationengerechtigkeit, bei denen wir mitdenken und uns einbringen können, aber ich möchte es dabei belassen. Meine abschließende Bitte an Sie ist: Lassen Sie nicht nach und seien Sie weiter kreativ! Mehr denn je brauchen wir geistliche Bewegungen wie Kolping, das im Laufe seiner Geschichte zu einem der größten Sozialwerke der Katholischen Kirche weltweit wurde, auf das wir wirklich stolz sein können. Oder um es mit den Worten unseres Vorbildes, des seligen Adolph Kolping, auszudrücken: „Halten [wir] uns an Gottes Hand fest, trotzen allen kommenden Stürmen […] und wirken in Gottes Namen weiter, damit das rechte Glück unser Lohn sein möge.“[6]
[1] Steinke, Paul: Leitbild für die Kirche: Adolph Kolping, Paderborn 1992, 237.
[2] Kracht, Hans-Joachim: Adolph Kolping. Priester, Pädagoge, Publizist im Dienst christlicher Sozialreform. Leben und Werk aus den Quellen dargestellt, Freiburg im Breisgau 1993, 368.
[3] Ebd., 368.
[4] Ebd., 371.
[5] Feldmann, Christian: Adolph Kolping. Ein Leben der Solidarität, Freiburg im Breisgau 1991/2008, 86.
[6] Schluss des Neujahrsglückwunsches in den Rheinischen Volksblättern 1865.