Predigt zum Christkönigssonntag, 22. November 2020 in Vorderburg

Zwei Thronassistenten von Christus-König

23.11.2020 09:00

Von Rabbi Schlomo stammt das Wort: „Das ist die größte Sünde des Menschen, dass er vergisst, dass er ein Königssohn, eine Königstochter ist“. Am Ende des Kirchenjahres feiern wir Christuskönig, um nicht zu vergessen, dass wir im Licht Christi selbst königliche Menschen sind. Wir feiern das Christkönigsfest, um uns gleichsam hineinzuspielen in unsere königliche Rolle: „Ihr seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft“ (1 Petr 2,9).

Eine Prinzessin soll uns heute erklären, was die Königswürde des Menschen ist. In Ungarn geboren, musste die kleine Königstochter mit vier Jahren ihre Heimat verlassen, weil sie im Spiel der damals gängigen Heiratspolitik ein wichtiges Rädchen war. Ihre Geburt wurde vorhergesagt von einem Magier namens Klingsor: „Meinem Herrn, dem König von Ungarn, wird eine Tochter geboren in dieser Nacht. Sie wird eine Heilige werden. Sie wird dem jungen Fürsten, des Landgrafen Sohn, zur Frau angetraut werden, und durch ihr heiliges Leben soll die ganze Welt getröstet werden und besonders dieses Land.“

Der Prinzessin mit ungarischem Blut und Temperament steht ein junger Mann zur Seite, dem Italiens größter Dichter, Dante Alighieri, bescheinigte: „Wie eine Sonne ging er in der Welt auf.“ Zwar kam er nicht aus königlichem Geschlecht, doch wuchs er in einer Familie auf, die durch ihre Handelstätigkeit wie die Fürstenhäuser internationale Beziehungen pflegte: Sein Vater war Italiener, die Mutter Französin, und so wundert es nicht, dass er nicht mit seinem Taufnamen Giovanni in die Geschichte einging, sondern mit dem Kosenamen, mit dem ihn seine französische Mutter von Geburt an rief: Francesco, das Französchen, der kleine Franzose.

Sie haben längst erraten, wer die ungarische Prinzessin und der kleine Franzose sind: Elisabeth von Thüringen und Franz von Assisi. Sie haben den Menschen ihrer Zeit spüren lassen, was königliche Würde bedeutet, unabhängig vom Ansehen und Alter, Besitz und Stand in Kirche und Gesellschaft. So stehen sie heute vor uns als eine Art Thronassistenten, die uns die Botschaft von Christuskönig erklären. Bitten wir die beiden Thronassistenten, dass sie uns zu Christus dem König führen!

Sie sind Zeitgenossen, Elisabeth von Thüringen und Franziskus von Assisi. Franziskus ist 25 Jahre alt, als Elisabeth 1207 geboren wird. Er stirbt 1226 im Alter von 44 Jahren, Elisabeth fünf Jahre später 1231. Gerade einmal 24 Jahre ist sie alt geworden. Sie leben in unterschiedlichen Ländern, aber beide sind Kinder der gleichen Zeit, durch gemeinsame Anliegen eng verbunden.

Beide sind junge Leute, als sie das Projekt in Angriff nehmen, das Gott ihnen zugedacht hat.

Beide sehen sich in ihrem gesellschaftlichen Umfeld mit einer großen Zahl von Armen konfrontiert.

Beide begegnen Aussätzigen, denen sie sich zuwenden, nicht nur um sie zu pflegen, sondern um ihnen menschliche Achtung und Wertschätzung, Wärme und Würde zu geben.

Beide haben ein tiefes Gespür für Geschwisterlichkeit. Während Franziskus alle Geschöpfe als seine Verwandten ansieht, was sich im Sonnengesang spiegelt, fällt der Landesfürstin Elisabeth keine Zacke aus der Krone, wenn sie den Dienstmädchen anbietet: „Redet mich nicht mit Durchlaucht an, sondern sagt ‚Du’ und einfach ‚Elisabeth’ zu mir!“ Und was wohl das Wichtigste in beider Lebensentwurf ist:

Beide sind geprägt von einer tiefen Freundschaft zu Jesus Christus. Er ist der König in ihrem Leben. Er bestimmt Richtung und Weg. Deshalb ist das Leitwort ihres Handelns: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“

Dass die franziskanische Spiritualität durchaus Charme hat, dass Franziskus selbst ein charmanter Mann war, hat auch Elisabeth gespürt. Ihr Gatte Ludwig, den sie heiß und innig liebte, hatte sich den strengen und gefürchteten Konrad von Marburg als Beichtvater und geistlichen Führer gewählt. Elisabeth geht in der Anfangsphase diesen Weg nicht mit. Sie trifft eine andere Wahl. Ihr verdanken wir es, dass Franziskaner nach Eisenach kommen. Berührt von der schlichten und natürlichen Art, wie Brüder des Franziskus das Evangelium leben, ruft sie die junge Gemeinschaft nach Thüringen. Die Franziskaner leben so glaubwürdig und konsequent, dass nicht einmal der kritische Konrad von Marburg etwas aussetzen kann. Elisabeth wählt sich den Franziskaner-Bruder Rüdiger zum geistlichen Berater. Dieser erzählt der jungen Frau – sie ist fast noch ein Mädchen! – viel vom Poverello, dem Armen von Assisi.

In Elisabeth zündet es. Feuer und Flamme für die Ideen des Franziskus, entdeckt sie ihre soziale Ader. Während ihr Mann Ludwig in Meißen Krieg führt, baut Elisabeth am Fuße der Wartburg ein Hospiz für Aussätzige, die sie eigenhändig pflegt, wie übrigens auch Franziskus es tat in Monte Casale und anderswo. Mit Unterstützung ihres Gatten gründet sie in Gotha ein Hospiz, das die vielfältigen Nöte in Stadt und Land auffangen soll: ein Bett für Kranke, ein Dach für Pilger und Obdachlose, Milch und Windeln für ausgesetzte Kinder, ein Zuhause für Waise, Blinde und Lahme, Geborgenheit für geistig Behinderte, die oft für Narren gehalten wurden, ein Haus für einsam Betagte, verstoßene Frauen und verarmte Bauern. Gerade einmal 16 Jahre ist Elisabeth alt: Ein Mädchen, eben erst aus dem Gröbsten der Pubertät heraus, wird zur Pionierin der Sozialarbeit.

Sozialarbeit im Sinn der hl. Elisabeth ist mehr als eine humanitäre Maßnahme. Elisabeth lebt die Caritas. Deshalb sind nicht die gekrönten Häupter für sie Kaiser und Könige, sondern jeder Mensch, geschaffen nach Gottes Bild und Gleichnis. „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“

Kennen wir das nicht schon von Franziskus? Der junge Kaufmannssohn verzichtet auf feinen Zwirn und Seide, die es im Betrieb seines Vaters in Hülle und Fülle nach neuester Mode gab. Eine Umarmung mit einem Aussätzigen verändert sein Leben. Er, den einst ekelte vor allem, was nach Krankheit roch, kann den Aussätzigen umarmen, weil er damit Christus berührt. Den Reichtum seines Vaters tauscht Franziskus ein mit dem Sack der Armut, die irdische Vaterschaft des Pietro Bernardone wird belanglos gegenüber seiner Beziehung zu Gott: „Jetzt sage ich nur noch Vater im Himmel.“ Mit diesen Worten gibt er seinem Vater sein letztes Hemd öffentlich auf dem Marktplatz zurück.

Elisabeths Leben läuft anders. Sie muss sich nicht von ihrem Vater trennen. Den hat sie schon bei ihrer Verkuppelung mit vier Jahren verloren. Von Ungarn wird sie nach Thüringen gebracht. Ob sie sich in ihrer Wahlheimat je ganz zu Hause gefühlt hat, wissen wir nicht. Aber vielleicht hat diese Erfahrung mit dazu beigetragen, dass sie ihr Leben und alles, was es zu bieten vermag, unter einem Vorbehalt sieht: ob Spiel oder Tanz, ob Freundschaft oder Liebe. Die ungarische Prinzessin kann aufgeweckt, temperamentvoll und lustig sein, doch sie weiß auch, wer der wahre König in ihrem Leben ist. Sie braucht weder fürstliche Insignien noch Krone. Die Krönung ihres Lebens ist das Teilen des Reichtums, der ihr auf der Wartburg zur Verfügung steht, solange ihr Gatte Ludwig lebt und ihre Initiativen toleriert. Nach Ludwigs Tod verlässt Elisabeth die Wartburg. In Marburg wird sie Schwester der Armen, Schwester des Poverello. Wieder steht sie auf franziskanischem Boden: In der Kapelle der Franziskaner legt sie ein feierliches Gelübde ab, lässt sich die Haare schneiden und (jetzt von Konrad von Marburg) in ein graues Büßergewand kleiden. Dieses Büßerkleid ziehen auch ihre Freundinnen an, die Gleichgesinnten Guda und Isentrud. Diese drei bilden die Zelle einer kleinen, schnell wachsenden geistlichen Gemeinschaft, die im Geist des Franziskus lebt und große Ausstrahlung hat. Es ist sicher kein Zufall, dass die drei Frauen ihre Gemeinschaft und ihr Hospiz unter das Patronat des Franz von Assisi stellen.

Franziskus hat seinem Vater „Adieu“ gesagt, als er seinen Weg in den Fußspuren Jesu behindert sah. Auch Elisabeth nabelt sich von ihrer Familie ab: Obwohl sie beim Tod ihres Mannes Ludwig in ein tiefes Loch fiel, war sie auf diesen herben Verlust gut vorbereitet. Denn schon vorher war es vorgekommen, dass sie die intime Gemeinschaft im Bett aufkündigte, die Nähe ihres geliebten Mannes verließ, sich auf den Boden legte und sagte: „Jetzt will ich für Jesus da sein und an seiner Armut teilhaben.“ Später wird sie sich von ihren Kindern lösen, indem sie sie einreiht in die Zahl der vielen, denen ihre Sorge gilt. Damit will sie sagen: „Gott hat keinen menschlichen Konkurrenten. Der König in meinem Leben ist der Herr.“ Und dieser König spricht: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Dieses königliche Wort bekommt einen neuen, frischen Klang in Umbrien durch Franziskus, in Thüringen und in Hessen durch Elisabeth.

Dem Evangelium einen neuen Klang geben: Darum geht es, wenn wir uns von Christuskönig in den Dienst nehmen lassen. Wie gelebt, so gestorben, sagt das Sprichwort. Schauen wir auf den Tod der hl. Elisabeth! Als die ungarische Königstochter ihr Leben ihrem König Christus zurückgab, lauteten ihre letzten Worte: „Dann erschuf Er einen ganz neuen Stern, wie man ihn noch nie zuvor gesehen hatte.“ Die Stunde des Sterbens wurde für Elisabeth eine Stunde der Helligkeit Gottes, eine Stunde, die durchaus dunkel war, aber gleichzeitig überstrahlt vom Licht des Sterns. In der Stunde des Todes spricht Elisabeth vom Stern, der die Weisen einst zu Christus geführt hatte. Und in dieses Wort ist sie dann hineingestorben, als wollte sie uns sagen: Sterben ist wie ein Aufgehen ins Licht. Elisabeth hätte im Sterben vom Stern nicht reden können, wenn sie nicht schon im Leben dem Stern in Treue nachgegangen wäre.

Ist das nicht eine Botschaft für uns? Bei uns stirbt vieles – auch in der Kirche. Von einem neuen Aufbruch können wir im Moment nur träumen. Doch gerade dient uns die hl. Elisabeth als Vorbild und Hoffnung: Auf dem Sterbebett ist sie eine Art Vorträumerin für uns. Wie sie damals in Marburg, so dürfen auch wir schwärmen vom neuen Stern, der aufgehen wird, wenn nicht hier bei uns in Deutschland, dann vielleicht in einem anderen Land, auf einem anderen Kontinent. Und sollte selbst die Kirche hier einmal sterben müssen, bin ich sicher, dass ein Stern niemals untergeht: der Morgenstern in finstrer Nacht, Jesus Christus. Klammern wir uns fest am Wort der hl. Elisabeth: „Dann erschuf Er einen ganz neuen Stern, wie man ihn