Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier am Sonntag Laetare zum Abschluss der Kirchenrenovierung St. Gallus in Gestratz

Zwischen Schlange und Stab: Zum Standort des Kreuzes

14.03.2021 14:15

Immer wieder lesen wir Stellen in der Bibel, die uns geheimnisvoll bleiben. Aber vielleicht muss es so sein, denn ein Glaube, der nach dem Inhalt greift und ihn gar umgreifen will, ist am Ende kein Glaube mehr: Glaube ist im Geheimnis aufgehoben.

Trotzdem gibt es Möglichkeiten, sich ans Geheimnis heranzutasten. Eine davon ist die Sprache der Bilder und Symbole. Was schwingt mit, wenn wir aus dem Munde Jesu den geheimnisvollen Satz hören: “Wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaub, in ihm das ewige Leben hat.” (Joh 3,14 f.)? Was will uns die Geschichte von der Schlange an der Fahnenstange in Zusammenhang mit der Erhöhung Jesu am Kreuz sagen?

Einen ersten Hinweis gibt uns die ägyptische Symbolik. Lesen wir einmal, was das Buch Exodus berichtet, als Mose die Leitung des Volkes übernimmt: Mose hat einen Stab in der Hand – vergleichbar mit einem Marschall- oder Hirtenstab. Da fragt ihn der Herr: Was hast du da in der Hand? Mose antwortet: Einen Stab. - Wirf ihn auf die Erde!, sagt der Herr. Da wird der Stab zu einer Schlange, und Mose weicht vor ihr zurück. Der Herr aber ermuntert ihn: Streck deine Hand aus und packe die Schlange am Schwanz! Mose streckt seine Hand aus und fasst sie am Schwanz. Da wird die Schlange wieder zum Stab. (vgl. Ex 4, 2-4) –

Die ägyptische Symbolik sieht in Stab und Schlange Zeichen für Macht und Gewalt. Die Schlange – Symbol der politischen Gewalt, auch der List und Tücke taktischen Kalküls. Nicht umsonst zierten die Krone der unterägyptischen Herrscher Schlangensymbole. Der Stab hingegen: Zeichen für die Kraft des Gotteswortes. Wenn nun Mose gefragt wird: Was hast du da in der Hand?, dann wird er vor die Wahl gestellt: Setzt du deine Leitungsvollmacht auf den Stab, d.h. auf mein Wort, Gottes Wort, oder setzt du auf die Schlange, d.h. dein Kalkül und politisches Taktieren? Mose trifft seine Entscheidung: Er setzt auf den Stab. Worauf bauen wir unseren Fortschritt? Jeder, der auf irgendeine Weise Menschen führt und ihnen Vorbild sein soll, steht in der Spannung zwischen Stab und Schlange.

Halte ich den Stab hoch, damit die anderen sich an mir orientieren können, oder setze ich auf das Kriechen und Schleimen der Schlange? Ihr Wort ist letztlich nicht greifbar. Es entgleitet uns, weil es zu glitschig ist. Lasse ich mich festlegen auf mein Wort, oder ziehe ich es vor, mich geschickt hindurch zu schlängeln? Mose hat die Schlange am Schwanz gepackt und sie so gebändigt. Später wird er die Giftschlange sogar öffentlich auf die Fahnenstange stecken. Sein Nein zur Schlange ist das Ja zum Stab, zur Geradlinigkeit. Paulus zieht die Linie zu Christus aus: In ihm ist das Ja verwirklicht. Er ist nicht als Ja und Nein zugleich gekommen (vgl. 2 Kor 1,19). Der Mensch zwischen Stab und Schlange – das ist die erste Annäherung.

Ein zweiter Anknüpfungspunkt ist die Schlangengeschichte im Paradies (Gen 3). Die Schlange umwirbt den Menschen: Wenn du handelst wie ich, wirst du sein wie Gott (vgl. Gen 3,5). Doch das Gegenteil entpuppt sich als Wahrheit: Wer schlangenartig handelt, der wird sein wie die Schlange. So ist das Schlangenartige gewissermaßen unser Erbmal geworden das wir bis heute mit uns herumtragen. Die Lesung spielt darauf an, wenn sie von der Giftschlangenplage erzählt (Num 21, 4-9). Ist diese Vergiftung unserer Lebenswelt nicht auch unsere Plage? Wir reden so viel vom Umweltschutz, der Atomkraft und Tschernobyl, doch wie sieht es mit den Giftwolken in unseren menschlichen Beziehungen aus? Mehr noch: Reden wir es uns nicht sogar of ein, dass dieser oder jener wieder einmal eine geschickt angesetzte Giftinjektion nötig hat, nicht unbedingt ein lautes Wort, sondern eher schlangenähnlich, von hinten her, dafür nicht weniger verletzend! Hier könnte die Geschichte von der Fahnenstange für uns Bedeutung gewinnen: Wer auf die befestigte Schlange schaut, wird trotz des Giftes geheilt. Aufblicken, ansehen, d.h. das Gift, das Böse, das in mir wohnt, anerkennen: Das ist die Rettung. Zugleich ist es eine alte Wahrheit, die von der noch relativ jungen Psychoanalyse aufgenommen wurde: Das Böse – mein Böses! – wird nicht dadurch überwunden, dass ich es leugne, sondern indem ich ihm ins Auge schaue. Denn Augen-Blicke können treffen und sogar töten. – Wieder ist es Paulus, der die Brücke zu Jesus schlägt: Wie die Schlange von Mose an den Pranger gestellt wurde, so ist es mit Jesus: Gott hat ihn, „der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht“ (2 Kor 5,21). Ein sehr kühnes Wort: Jesus als Sünde. Die Sünden der ganzen Welt sind gleichsam in ihn hineinprojiziert. Der ernannte Kardinal Hans Urs von Balthasar wagt einen noch kühneren Vergleich: „Du (Jesus) willst dieses Meer von unfehlbar tödlichen Giften austrinken? Willst dein erhabenes Herz verwandeln in eine Kläranlage der Welt?“ (Das Herz der Welt, Zürich 1945, 75f.)

Jesus als reines, reinigendes Wasser, das zum Abwasser wird. Entlarvt, nackt wie eine Schlange hängt Christus am Kreuz. Wer zu ihm aufblickt, wird geheilt. Der Blick des Menschen zur Schlange – das ist die zweite Annäherung.

Dieser Gedanke leitet über zu einem dritten und letzten Schritt: Es geht um das Symbol der Ärzte: den Äskulapstab. Ist nicht die Schlange an der Fahnenstange und der Christus am Kreuz ein siegreich aufgerichteter Äskulapstab? „Ich bin Jahwe, dein Arzt“, sagt schon der Gott es Alten Bundes (Ex 15,26). Und Jesus selbst sieht sich als Arzt, als er sich – der Sünde verdächtigt – rechtfertigt: „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken.“ (Mt 9,12) Im Blick auf den Gekreuzigten begegnet uns der Arzt. Wie viele Menschen leben unter uns, die unter Depressionen leiden und nicht mit sich fertig werden! Das Kreuz könnte ihr Äskulapstab sein. Dem Äskulapstab der Ärzte und Apotheker vertraut sich jeder an. Vor dem Äskulapstab der Kirche haben wir Scheu. Dem Bußsakrament gehen wir aus dem Weg. Vor einer ehrlichen Aussprache drücken wir uns. Die Krankensalbung wird oft erst gespendet, wenn der Betroffene bewusstlos ist. „Ich bin Jesus, dein Arzt“ ruft uns der Herr zu. Mancherorts wird noch der schöne Brauch des Herrgottswinkels gepflegt. Ich möchte sie dazu ermuntern, diesen Blick auf den Gekreuzigten neu zu entdecken, sich stille Zeiten zu gönnen vor dem Kreuz. Vielleicht ist es sogar das Kreuz, das Sie zur Erstkommunion, Firmung oder Hochzeit geschenkt bekommen haben, das Ihnen viel bedeutet. Wir haben sie bitter nötig – diese Stunden des einfachen Daseins vor Gott.

 

Wie die Menschen auf die erhöhte Schlange schauten und geheilt wurden, so sollen wir auf den Gekreuzigten schauen:

-          in dem sich das Ja Gottes verwirklicht;

-          der für uns zur Sünde wurde;

-          der uns als Arzt Heilung verspricht;

Das Kreuz ist unser Äskulapstab. Der Gekreuzigte ist unser Arzt. Er hat immer Sprechstunde. Es liegt an uns, sich Zeit für ihn zu nehmen.