07.04.2011 13:53

Symposium des Akademischen Forums und des Vereins für Augsburger Bistumsgeschichte e.V. vom Freitag, 1. April bis Samstag, 2. April 2011

Zahlreiche an der Augsburger Bistumsgeschichte Interessierte nahmen am Symposium im Haus Sankt Ulrich teil. Erste Reihe v. li.: Prof. Dr. Manfred Weitlauff, Prof. Dr. Wilhelm Liebhart, Prof. Dr. Wolfgang Wüst, Prof. Dr. Rainald Becker, Dr. Christof Paulus, Abt Theodor Hausmann OSB, Prof. Dr. Wolgang Augustyn.
DAS KLOSTER AM GRAB DER MÄRTYRERIN

Augsburger Symposium über 1000 Jahre Benediktinerabtei St. Ulrich und Afra

Ein ganzes Jahrtausend lang hat die Benediktinerabtei St. Ulrich und Afra weit über die Stadt Augsburg hinaus ausgestrahlt. Noch immer zeugt die reich ausgestattete Basilika, die zu den kunstgeschichtlich bedeutendsten spätgotischen Sakralbauten Süddeutschlands gehört, von dem kostbaren Erbe. Ein Symposium, zu dem das Akademische Forum der Diözese in Zusammenarbeit mit dem Verein für Augsburger Bistumsgeschichte ins Haus St. Ulrich eingeladen hatte, machte diese Vergangenheit wieder lebendig.

Was in einem Dutzend wissenschaftlicher Vorträge an Schätzen gehoben wurde, lässt sich an dieser Stelle kaum ausreichend fassen. So sei der Blick beispielhaft auf jene Zeiten geworfen, in denen sich benediktinisches Selbstverständnis in besonderer Weise zeigte.

Den Beginn der Abtei bildeten die Berufung von Mönchen aus Tegernsee und die Einführung der Benediktusregel zwischen 1006 und 1012. An der Wiege der Benediktinerabtei St. Ulrich und Afra gestanden sind König Heinrich II. und sein Bruder, Bischof Brun von Augsburg. Sie haben die bereits bestehende Klerikergemeinschaft bei St. Afra in ein benediktinisches Kloster umgewandelt und es mit Grundbesitz in Schwaben, Südtirol und Bayern ausgestattet. Später hat man sich auf das Jahr 1012 als Gründungsdatum der Abtei festgelegt.

Verstärkte religiöse Erwartungen des Augsburger Bürgertums

Der Münchner Kunsthistoriker Prof. Wolfgang Augustyn erinnerte daran, dass schon im 4. Jahrhundert über der Grablege der heiligen Afra, über deren genaue Lage nichts bekannt ist, eine einfache Kirche gebaut worden sein muss. In der römischen Spätantike war an diesem Ort ein riesiges Gräberfeld. Die Archäologie fand überdies heraus, dass es im 9. Jahrhundert mehrere Bischofsgräber gegeben hat. „Solche Grabstellen waren im frühen Mittelalter oft in der Obhut einer Gebetsgemeinschaft", erläuterte Prof. Augustyn. Sie habe sich um die Wallfahrt und um das Gebet gekümmert. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte hat ein Kirchenbau den anderen an diesem Ort abgelöst, auch die Klostergebäude mussten immer wieder erneuert werden. Der Grund waren meist verheerende Brände.

Von einer Erneuerung anderer Art geprägt war die Reichsabtei im 15. Jahrhundert. „Von einer bislang noch nie so da gewesenen Reformtätigkeit" sprach beim Symposium der Regensburger Historiker Prof. Klaus Unterburger. Er berichtete von den „intensivierten religiösen Erwartungen", die vor allem das Augsburger Bürgertum an das Kloster hatte. Es sei „ein gesteigertes Verlangen nach Predigt, Bildung und vertieftem Christsein" da gewesen. Damit mussten sich die Benediktiner von ihrem bisherigen spätantiken Selbstverständnis, das laut Benediktusregel die Abgeschiedenheit einer Gemeinschaft vorsah, verabschieden und sich nun mehr mit der „Welt" verflechten.

Das hieß, die Benediktiner übernahmen auch seelsorgliche und pfarrliche Aufgaben. Mit einher ging die Einführung der Reformen, wie sie im Kloster Melk vorgelebt wurden. Der Abt wurde dabei stärker an das Leben im Konvent gebunden, die Zahl der Privatmessen wurde eingeschränkt, und auch die Gebetszeiten der Mönche wurden verkürzt. Ein großes Gewicht wurde auch auf die „Verschriftlichung" gelegt. Das Abschreiben von Büchern in Handschrift, so erläuterte Prof. Unterburger, galt als „praktische Theologie", die eine neue Erfahrung von Spiritualität darstellte. Darüber hinaus kam der Buchmalerei, genauso wie dem Sammeln von Büchern in der Abtei eine besondere Bedeutung zu.

Viele Namen zogen bei diesen Vorträgen vorüber − Namen von bedeutenden Äbten, Humanisten oder Historikern. Anschaulich etwa das Stadtmodell von Hans Rogel dem Älteren, geschaffen zwischen 1560 und 1563, das den Kirchen- und Klosterkomplex, einschließlich des „Predigthauses", der späteren evangelischen Pfarrkirche St. Ulrich, zeigte. Beklemmend aber auch die Zeugnisse des Zerfalls, eingeleitet durch die Säkularisation. In den Klostergebäuden richtete sich zeitweise das Militär ein, die Bomben des Zweiten Weltkriegs hinterließen ausgebrannte Ruinen und Trümmer. Ein Trost, so Prof. Wolfgang Augustyn, „dass mit der Kirche das pfarrliche Leben in St. Ulrich und Afra" erhalten wurde.

Gerlinde Knoller,
Augsburger Allgemeine Zeitung, Mittwoch, 6. April 2011, Seite 36

Die Vorträge bei diesem Symposium werden im Jubiläumsjahr 2012 im Jahrbuch des Vereins für Augsburger Bistumsgeschichte publiziert.

Die Referenten vom Freitag, 1. April 2011 (v. li. oben nach re. unten): Dr. Christof Paulus, PD Dr. Rainald Becker, Prof. Dr. Klaus Unterburger, Dr. Christoph Bellot, Dr. Manuel Teget-Welz, PD Dr. Thomas Krüger.
Die Referenten vom Samstag stellten sich den Fragen des Publikums (v. li.): Prof. dr. Rolf Kießling, Abt Theodor Hausmann OSB, Prof. Dr. Wolfgang Augustyn, PD Dr. Dorothea Diemer, Prof. Dr. Wilhelm Liebhart, Prof. dr. Wolfgang Wüst.