Abendversanstaltung des Akademischen Forums am 20. Juni 2008 zum 40. Todestag von Romano Guardini (1885-1968)

26.06.2008 12:26

IN SEINER VORLESUNG SPÜRTE MAN WAHRHEIT -
Prof. Gerl-Falkovitz sprach im Haus St. Ulrich über die bleibende Bedeutung von Romano Guardini

Prof. Dr. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz: "Persönlichkeiten wie Romano Guardini bringe ein Jahrhundert höchstens drei oder vier hervor."

Persönlichkeiten wie die seine bringe ein Jahrhundert höchstens drei oder vier hervor, sagt Prof. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz über Romano Guardini (1885-1968). Von seinen Vorlesungen in Religionsphilosophie und christlicher Weltanschauung hieß es, zuweilen war uns, als stünde die Wahrheit wie ein Wesen im Raum. Im Akademischen Forum der Diözese plädierte die Dresdner Professorin mit Augsburger Wurzeln (neun Jahre Schulzeit bei den Englischen Fräulein) für eine Wiederentdeckung dieses großartigen Theologen. Die Zeit sei wieder reif, Guardini zu lesen und wie er die Welt nach ihrer Religionshaltigkeit zu befragen.

Guardini hatte nicht von ungefähr einen Lehrstuhl für Weltanschauung. Im Auge lag seine Begabung, die Gestalthaftigkeit zu suchen, erklärt Gerl-Falkovitz. Er konnte lange Aufsätze über Landschaften, ja über die rote Erde am Main bei der Burg Rothenfels schreiben, wo 1920 sein Weg als Vordenker einer neuen Epoche begann. Er war schon 35, aber in der Jugendbewegung schlug er wie ein Blitz ein.

Seine neue Ästhetik, sein Wille zur Durchformung des Lebens beeindruckte seinen jungen Hörer. Guardini bevorzugte das Einfache und Authentische; er nannte es gern werkgetreu. Und er verachtete das Oberflächliche. Geist suchte bei ihm leiblichen Ausdruck in liturgischen Haltungen. Schreiten, sitzen, atmen wurde auf Burg Rothenfels geübt in Werkwochen mit bis zu 1000 Teilnehmern. Liturgie war ihm das heilige Spiel, also die Vergegenwärtigung des Heils.

Als Professor in Berlin fiel er aus dem Rahmen. Statt Dogmatik zu lehren, betrachtete er Literatur durch die Jahrtausende sowie außer- und vorchristliche Gestalten unter religiösem Aspekt. Immer sei dabei sein Maßstab die Person Jesu Christi gewesen, sodass er die Schwäche Buddhas aus der Tiefe heraus analysieren konnte. Guardini scheute sich nicht vor dem Abgründigen.

Seine Vorlesung sei ergreifend, meinten Zeitgenossen, darunter viele Protestanten, Juden und Freigeistige. Durch seine Schriften liefen geheime Erdbeben, sagte der Schriftsteller Reinhold Schneider. Guardini wünschte Wahrhaftigkeit, er wollte unbeirrt der Sache dienen, sagte Gerl-Falkovitz.

In großer Gedankenanstrengung, so die Biografin und Herausgeberin seiner Briefe, habe Guardini immer wieder den Menschen vor Gott gestellt in all seiner Welthaftigkeit. Ein Schlüsselbegriff bei ihm laute: Herz ist Geist in der Nähe des Blutes. Die pure Abstraktion war Guardinis Sache nicht. Gott begriff er als ungeheure Lichterfahrung, deren Klarheit auch das Abgründige offen legt. Licht hat bei ihm Formkraft, es verwandelt die Dinge in ihr paradiesisches Aussehen, erklärte Gerl-Falkovitz. Das Evangelium las Guardini wörtlich, was ihm den Spott der textkritischen Exegeten eintrug, aber das epochale Werk Der Herr hervorbrachte, geschrieben aus dem Blickwinkel von Jesus Christus.

Alois Knoller, Augsburger Allgemeine Zeitung 24. Juni 2008, Seite 38