ASSISTIERTER SUIZID
Themenabend mit Prof. Dr. Klaudia Bausewein und Weihbischof DDr. Anton Losinger am Donnerstag, 9. Februar 2023 im Akademischen Forum
Die Frage nach einem Assistierten Suizid steht in diesen Wochen und Monaten vor einer wichtigen Weichenstellung im Bundestag. Ein neues Gesetz soll Leitplanken setzen für die Beihilfe zum Suizid, soll Missbrauch verhindern und freiwillige Entscheidungen garantieren.
Die aktuelle öffentliche Auseinandersetzung zeigt, dass dieses Thema immer mehr auf die Agenda der Gesellschaft kommt – was auch das große Interesse an dieser Veranstaltung zeigte: über 250 Personen waren in das Haus Sankt Ulrich nach Augsburg gekommen.
Das Gesetz ist nötig, weil das Bundesverfassungsgericht 2020 das Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe gekippt hatte. Die Richter formulierten dazu auch ein Grundrecht auf selbstbestimmtes Sterben unabhängig von Alter oder Krankheit. Und dazu könne die Hilfe Dritter in Anspruch genommen werden.
Das Bundesverfassungsgericht forderte aber auch, Regelungen für die Praxis dafür zu entwickeln. Hierzu liegen nun drei Gesetzesentwürfe für eine Diskussion im Bundestag vor, die aktuell im Rechtsausschuss geprüft werden.
In zwei Punkten zeichnet sich bei den Abgeordneten ein Konsens ab: ein Werbeverbot für Suizidhilfe als eine Form der Beeinflussung sowie „ein verbindliches Konzept staatlicher und gesellschaftlicher Suizidprävention und einen Anspruch darauf“.
Und an diesem Punkt setzte der Themenabend an: In zwei Vorträgen wurden palliativmedizinische und theologisch-ethische Aspekte aufgezeigt, die im Sinne der Suizidprävention den Blick auf medizinische Hilfen und menschliche Begleitung fokusierten.
Professorin Dr. Klaudia Bausewein, Inhaberin des Lehrstuhles für Palliativmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München, seit 2013 Direktorin der Klinik und Poliklinik für Palliativmedizin am Klinikum München sowie Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, zeigte in ihrem Vortrag die konkrete Situation mit schwerkranken Menschen und deren Fragen auf. Auch erläuterte sie die Probleme und Chancen der Palliativmedizin für Menschen im Endstadium einer Krankheit. Grundsätzlich muss sie im Berufsalltag immer wieder feststellen, dass viele Menschen keine Kenntnis von den Möglichkeiten der Palliativmedizin und Hospizarbeit haben und auch ein Todeswunsch nicht immer beständig vorhanden ist. Wichtig ist vor allem das offene und intensive Gespräch mit den Patienten.
Der Augsburger Weihbischof Dr. Dr. Anton Losinger, Mitglied im Nationalen Ethikrat und von 2008 bis 2016 Mitglied im Deutschen Ethikrat sowie seit 2020 Mitglied im Bayerischen Ethikrat, stellte zunächst die Stellungnahmen des Deutschen Ethikrates, des Bayerischen Ethikrates und der Deutschen Bischofskonferenz vor. Auch zeigte er die Probleme auf, die die unterschiedliche Positionierung in dieser Frage zwischen katholischer und evangelischer Kirche in Deutschland mit sich bringt.
Grundsätzlich handelt es sich um Menschen mit Suizidgedanken um eine vulnerable Gruppe, die besondere Zuwendung, Aufmerksamkeit und Seelsorge bedarf. Losinger plädierte dafür, das Angebot an seelsorgerlicher Begleitung auszubauen, Hospize in kirchlicher Trägerschaft zu fördern und Menschen auch im letzten Lebensabschnitt Sinn – auch aus dem Glauben – zu vermitteln.Losinger zeigte die Problematik anhand des Ehemaares Inge und Walter Jens auf: Walter Jens wünschte im gesunden Zustand, dass bei einer späteren schweren Erkrankung mit einem assistierten Suizid sein Leben beendet wird. Als er später tatsächlich im Alter schwer an Demenz erkrankte, musste Inge Jens feststellen: Als er gesund war, wollte er sterben. Als er krank war, wollte er leben. Wie soll ich ihn suizidieren lassen?