Abendveranstaltung des Akademischen Forums in Zusammenarbeit mit der Pfarrei St. Lorenz in Kempten am 18. April 2008

21.04.2008 12:18

Mit dem Fegefeuer befasste sich das Akademische Forum am 18. April 2008 bei einem Vortrags- und Diskussionsabend im Pfarrzentrum St. Lorenz in Kempten. Referentin war Professorin Dr. Gerda Riedl. Die SonntagsZeitung führte im Dezember 2006 ein Interview mit der Augsburger Dogmatikerin über „Das Fegefeuer: Verzehrende Sehnsucht nach Gott“.

Die Referentin, Prof. Dr. Gerda Riedl von der Universität Augsburg, versteht das Fegefeuer als "Wartezimmer zum Himmel".

WARTEZIMMER ZUM HIMMEL

Frau Professor Riedl, viele Christen können mit „Fegefeuer“ nicht recht was anfangen. Warum ist es wichtig, über dieses Thema zu sprechen?

Nun, ich denke, die Frage, wie unsere Zukunft aussieht, was wir also über den Tod hinaus hoffen dürfen, ist von grundlegender Bedeutung für die Gestaltung unseres gegenwärtigen Lebens. Es verhält sich doch folgendermaßen: Das Leben eines Menschen, für den mit dem Tod tatsächlich alles aus sein sollte, wird gewiss anders aussehen als das Leben eines Menschen, der auf eine Fortsetzung seines Lebens in vollendeter Gemeinschaft des dreifaltigen Gottes hofft und an sie glaubt. Wie aber könnte angesichts all des offenkundig Gebrochenen, Entfremdeten und Unvollkommenen in unserer Existenz ein solches Leben in vollendeter Fülle möglich sein? Sehen Sie: Und hier kommt das ins Spiel, was wie landläufig „Fegefeuer“ nennen: In der Begegnung mit dem lebensspendenden und ganz heiligen Gott wird uns schmerzlich all das bewusst, was uns von ihm trennt: in theologischer Sprache ausgedrückt: wir leiden an unseren Sünden sowie an den zeitlichen Sündenstrafen. Dafür ist das Fegefeuer da: Dass als das Unvollkommene an uns verzehrt wird von der heilenden Sehnsucht nach Gott. Deshalb auch der Titel meines Beitrags.

Im 1. Korintherbrief schreibt Paulus, dass das Lebenswerk eines jeden Menschen im Endgericht „im Feuer bloßgelegt“ wird. Wie ist das gemeint und hat das etwas mit dem Fegefeuer zu tun?

Die von Ihnen anzitierte Stelle aus dem Korintherbrief gilt christlicher Tradition zufolge tatsächlich als biblischer Beleg für die Annahme eines Läuterungsprozesses nach dem Tod. Paulus verwendet im Korintherbrief ein Bild, um deutlich zu machen, welche Konsequenz die Gestaltung unseres Lebens im Hier und Jetzt für unsere Zukunft in einer vollendeten Gottesgemeinschaft hat: Alles, was vor Gott keinen Bestand hat, wird durch einen schmerzhaften Läuterungsprozess vernichtet werden. Darüber geht freilich kein Mensch je zugrunde, der zu Christus in Beziehung steht. Die paulinische Metapher des Feuers hat allerdings verdinglichte Vorstellungen bezüglich des Fegefeuers nachhaltig beeinflusst. Dabei trat leider der Bildcharakter unserer Rede vom Feuer häufig so sehr in den Hintergrund, dass die eigentliche Aussageabsicht beinahe verdeckt wurde.

Wenn also Fegefeuer eine Art Läuterungsprozess ist: Kommt jeder Mensch – weil sündig und mit Sündenstrafen belegt – nach dem Tod „automatisch“ ins Fegefeuer?

Na ja, „automatisch“ ist in einer personalen Beziehung, wie sie zwischen Gott und jedem Menschen besteht, nichts. Oder anders gesagt: Es hängt von uns ab – von unserem Gottesbezug, unserem Bezug zur Schöpfung und zu uns selbst – wie wir uns zu diesem dreifaltigen Gott stellen. Wer schon hier in einer so intensiven Gottesbeziehung lebt, dass wir ihn als heilig bezeichnen, wer sich also ganz der erfüllenden Liebe dieses Gottes anheim gibt, bedarf dort keiner Läuterung mehr und wird nach unserer Überzeugung sofort in die vollendete Gottesgemeinschaft hinein genommen. Aber auch das andere Extrem bleibt zu bedenken: Wer sich selbst gänzlich aus dieser Gottesgemeinschaft ausschließt, für den besteht nach dem Zeugnis der Schrift und unserer Glaubensüberzeugung eine reale Möglichkeit, dass Gott diese Entscheidung endgültig ernst nimmt und er auf ewig aus der Gottesgemeinschaft ausgeschlossen ist. Auch in diesem Fall gibt es keinen Läuterungsbedarf. Für die große Mehrheit dürfen wir jedoch hoffen, dass sie den Prozess einer verzehrenden Sehnsucht nach Gott durchläuft.

Warum „hoffen“, wenn wir doch immer von den „armen Seelen im Fegefeuer“ reden?

Hoffen, weil dieser Prozess bereits eine Vorstufe zur vollendeten Gottesgemeinschaft darstellt. Als „arm“ bezeichnen wir unsere Verstorbenen ja nur, weil sie nach ihrem Tod nichts mehr für sich selber tun können und nebst der für sorgenden Barmherzigkeit Gottes auf unser solidarisches Beten verwiesen werden.

Mit der Lehre vom Fegefeuer will die Kirche den Menschen sicher nicht Angst machen. Was werden Sie Ihrem Vortrag beim Akademischen Forum an Mutmachendem im Gepäck haben?

Ja, stellen Sie sich doch einmal vor, wir alle hätten nur dann eine Chance „in den Himmel zu kommen“, wenn wir vollkommen wären. Wäre das nicht wirklich beängstigend ähnlich beunruhigend wie die matthäische Rede, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher in das Himmelreich gelangt (Mt 19,24). Wenn wir aber im Heiligen Geist durch Christus so auf den Vater hingeordnet sind, dass uns zwar noch ein gut Stück zum Heilsein fehlt, und wir auch deshalb der vollen Gemeinschaft mit dem entbehren, zu dem es uns mit aller Macht drängt, – dann ist dieser aus der Gottesliebe erwachsende Sehnsuchtsschmerz heilsam. Dann ist, um es in einem Bild auszudrücken, das Fegefeuer bereits Wartezimmer zum Himmel.

Katholische SonntagsZeitung, 2./3. Dezember 2006, Nr. 48, Seite 35