02.03.2011 11:24

Tagung des Akademischen Forums vom 25. bis 26. Februar 2011 im Haus Sankt Ulrich

Nach den Vorträgen zu historischen Grundlagen und Entwicklungen diskutierten der Bochumer Neutestamentler Prof. Dr. Thomas Söding (li.) und der Augsburger Kirchenhistoriker Prof. Dr. Gregor Wurst (re.) unter Moderation von Prof. Dr. Adalbert Keller mit dem Publikum.

UNFEHLBAR NUR IM NOTFALL

Augsburger Tagung diskutiert Papstamt

Augsburg. Der Papst sei das größte Hindernis auf dem Weg zur Ökumene, erkannte Paul VI. Als Konsequenz begann er den Dialog mit den getrennten Kirchen. Dessen Ergebnisse sind beachtlich. „Es ist sehr viel Positives geschehen zwischen unseren Kirchen", bilanzierte der in Graz lehrende griechisch-orthodoxe Theologe Grigorios Larenizakis bei einer hochkarätig besetzten Tagung des Akademischen Forums der Diözese Augsburg am Wochenende.

Unvorstellbar, dass es noch vor fast 50 Jahren keine Kontakte Roms zu den orthodoxen Patriarchen gab. Inzwischen sind die gegenseitigen Exkommunikationen aufgehoben, betonte Larentzakis, einer der vier Autoren der „Charta Oecumenica" (2001) der Konferenz Europäischer Kirchen. Er legte Wert darauf, dass es grundsätzlich nur eine Kirche des Ostens und des Westens gibt, die 1000 Jahre lang in Gemeinschaft lebte. „Wir haben bis heute gemeinsame Heilige im Kalender.“

Orthodoxe akzeptieren einen „Ersten unter Gleichen"
Seit alters her gab es laut Larentzakis autonome Kirchenprovinzen und keineswegs waren es Päpste, die Konzilien einberiefen und sie leiteten. Dieses Vorrecht würde der orthodoxe Theologe dem Papst als „Erstem unter Gleichen" sogar einräumen, wenn er denn eine synodale Kirchenordnung „in brüderlicher Liebe" anerkenne, worin dann alle Differenzen in Lehre und Disziplin geklärt werden könnten. Schon in der Alten Kirche war es üblich, sich gegenseitig zu belehren, zeigte der Augsburger Kirchenhistoriker Gregor Wurst an großen Theologen aus Kleinasien und Nordafrika auf.

Verzichten müssten die Katholiken auf jene übersteigerte, absolute Macht, die Gregor VII. im „Dictatus Papae" von 1075 beanspruchte. Obwohl sie schon im Mittelalter diskutiert und problematisiert wurde – wer setzt einen geisteskranken Papst ab? –, sah der Würzburger Ökumeniker Wolfgang Klausnitzer eine direkte Linie zur Definition päpstlicher Unfehlbarkeit im I. Vaticanum (1870). Allerdings habe die römische Theologie schon damals eingeräumt, dass nur Gott allein weder täuschen noch getäuscht werden kann. Klausnitzer sprach von einer „Notfall-Theologie", in der die Unfehlbarkeit überhaupt greift – unter ganz bestimmten Bedingungen. Hat nicht auch Joseph Ratzinger, heute Papst Benedikt XVI., päpstliche Äußerungen für kritikwürdig erklärt, wenn sie nicht im Dialog mit der Heiligen Schrift und der kirchlichen Tradition stehen?

Höchste Zeit, Luthers Kritik am Papst zu überwinden
Frisch vom lutherisch-katholischen Dialog über das Papstamt berichtete Theodor Dieter, Direktor des Instituts für Ökumenische Forschung in Straßburg. Vor zwei Wochen erschien sein Ergebnisband. Es sei höchste Zeit, das Papstamt evangelischerseits nicht mehr unter dem Blickwinkel der harschen Kritik Martin Luthers zu bewerten, forderte Dieter. Dem Papst seiner Zeit warf Luther vor, ein Monopol in der Schriftauslegung zu beanspruchen und Gebote und Lehren mit gleicher Autorität wie Jesus vorzutragen.

Dieter konstatierte für die protestantischen Kirchen durchaus einen Bedarf an gemeinsamer verlässlicher Lehre. Es mache eine Kirche defizitär, wenn sie ohne Rücksicht auf andere Kirchen über ihre Lehre und ihr Leben entscheidet. „Auf unserer Seite ist oft zu wenig, was im katholischen Lehramt zu viel ist, das eröffnet Raum für Annäherung", sagte der Protestant. Allerdings müsse für eine zukünftige dogmatische Urteilsbildung auch die Lehrtradition der anderen Kirchen einfließen.
Alois Knoller, in: Augsburger Allgemeine Zeitung
(Montag, 28. Februar 2011, Seite 14)

Einen weiteren Bericht über die Tagung finden Sie in:
KNA-Ökumenischer Informationsdienst (Dienstag, 1. März 2011, Nr. 9, Seite 3)

Ökumenische Perspektiven stellten vor und diskutierten (v. li.): Prof. Dr. Theodor Dieter (Ökumenisches Institut Straßburg), Prof. Dr. Wolfgang Klausnitzer (Universität Würzburg), Prof. Dr. Grigorios Larentzakis (Universität Graz) und Prof. Dr. Gregor Wurst (Universität Augsburg).
Prof. Dr. Adalbert Keller, Leiter des Akademischen Forums, fasste die Tagung inhaltlich zusammen und bedankte sich bei den Referenten.