DER WASSERDOKTOR. 200. Geburtstag des Priesters und Gesundheitsreformers Sebastian Kneipp

25.04.2021 17:10

Online-Tagung des Akademischen Forums der Diözese Augsburg am Donnerstag, 22. April 2021

Pfarrer Sebastian Kneipp (1821-1897). Die Referenten der Tagung: Dr. Karl Pörnbacher, Dr. Cordula von der Ropp, Dr. Isabel Grimm-Stadelmann

KÖRPER, GEIST UND SEELE IN EINKLANG BRINGEN

Wenn die Verantwortlichen von der „Wasser-Heilanstalt Brunthal“ bei München Recht behalten hätten, gäbe es in diesem Jahr nichts zu feiern. In einer kleinen Schrift aus dem Jahr 1892 wird die Konkurrenz in Wörishofen und insbesondere Pfarrer Kneipp mit seinen Methoden diskreditiert.

„Die Zeit ist nahe, wo es in Wörishofen wieder stille wird, wenn die nach allem Enthusiasmus unvermeidliche Ernüchterung eintritt, wenn die nüchternen Thatsachen wieder zu Worte kommen – dann wird es auch mit den Kneippanstalten und Kneippkuren und allem Kneippkram vorüber sein…“ (…) „Das steht fest, daß in Wörishofen diejenigen geheilt werden, die an Verzärtelung oder eingebildeten Krankheiten leiden, ferner diejenigen, für die die dort betriebene Methode zufällig passt. Das steht aber auch fest, daß ganze Schaaren von Ungeheilten, Unzufriedenen von dort zurückkehren, über die sich die Kneipp‘sche Propaganda natürlich ausschweigt. … Jeder soll selbst nachdenken, ob er sein teuerstes Gut, seine Gesundheit, Pfuschern und Halbärzten oder gewissenhaften Ärzten anvertrauen will.“ (in: Die Kneipp’schen Kuren im Lichte der Natur-Heilkunde, hg. von der Wasser-Heilanstalt „Brunthal“ 1892, Seite 28 und 30.)

Er habe einen breiten Buckel, auf dem ihm seine Kritiker runter rutschen können! – das war die Antwort des kernigen Pfarrers in Wörishofen auf solche Vorwürfe. Bei der Tagung des Akademischen Forums der Diözese Augsburg stellte der Historiker und Germanist Dr. Karl Pörnbacher in einer lebendigen Lebensbeschreibung den umtriebigen Pfarrer Sebastian Kneipp vor. In den ärmlichen Verhältnissen eines Weberhauses aufgewachsen, suchte er sich Förderer, die ihm ein Theologiestudium ermöglichten. Eine Lungenerkrankung heilte er selbst mit jungen Jahren durch Bäder in der eiskalten Donau bei Dillingen. Und er sammelte Erfahrungen und Wissen mit dieser Praxis, die er an seine Mitmenschen weiter gab. Als Beichtvater bei den Dominikanerinnen in Wörishofen, fand er mit seinen Wasseranwendungen schnell eine breite Öffentlichkeit. Bis zu Papst Leo XIII., den er in Rom behandelte, war sein guter Ruf gelangt. Immer aber blieb Kneipp Seelsorger, der sich um die angereisten Gäste sorgte und kümmerte: „Vergesst mir die Seele nicht!“ war ein Standardsatz von Kneipp.

Dr. Cordula von der Ropp, ärztliche Leiterin des Sebastianeum in Bad Wörishofen ist ebenfalls von der Heilkraft des Wassers, wenn es richtig angewendet wird, überzeugt. Seit über zwölf Jahren erlebt sie die Wirkung der Kneippmedizin, von der es über 120 Anwendungen gibt. In ihrem Vortrag stellte sie die fünf Säulen der Kneipptherapie vor: Hydrotherapie, Bewegung, innere Lebensordnung, Heilkräuter, Ernährung. Damit lassen sich chronische Erkrankungen des Körpers therapieren, aber auch die Schwermut, burnout, Ängste, Kraftlosigkeit – Krankheiten, die oft auch mit Berufsunfähigkeit einhergehen. Die Kneipptherapie blieb nicht stehen und wird heute auch durch moderne Verfahren ergänzt: Atemgymnastik, Muskeltiefenentspannung und Psychotherapie. Zeitlos aber ist nach wie vor die Bedeutung, Seele und Leib in Einklang zu bringen.

Wahrscheinlich ohne es zu wissen, griff der schwäbische Pfarrer auf ein Wissen zurück, das seine Ursprünge bereits in der Antike hat und im oströmischen Reichl weiter tradiert und entfaltet wurde. Dies zeigte die Münchner Orientwissenschaftlerin Dr. Isabell Grimm-Stadelmann in ihrem Vortrag auf. „Das Beste ist das Wasser“, wusste der griechische Dichter Pindar bereits im fünften Jahrhundert vor Christus. Es passte zur Lehre von den vier Körpersäften, die mit Badekuren in Ausgleich gebracht wurden. Byzanz entwickelte diese Medizin weiter, verband sie mit Erfahrungswerten und Rezeptbüchern. Im Ganzen eine modern anmutende alternative Heilkunde, betonte Grimm-Stadelmann in ihrem Vortrag. „Dynameron“ nannten die Griechen die Lehre – frei übersetzt heißt das „Kräftigung“.