13.12.2010 18:19

Vortrag von Prof. Dr. Christioph Dohmen über adventliche Entdeckungen im Alten Testament am 7. Dezember 2010 im Akademischen Forum

Auf den ersten Blick verbindet man Weihnachten, die Geburt Christi, nicht mit dem Alten Testament. Doch um die Botschaft von Weihnachten richtig zu verstehen, muss man sich gerade auf die Welt des Alten Testaments einlassen, meint Prof. Dr. Christoph Dohmen von der Universität Regensburg. Anhand der Weihnachtsgeschichte, wie sie der Evangelist Matthäus überliefert, stellte Prof. Dohmen die Querverbindungen zum Alten Testament her: die Geburt Christi ist nur aus dem Denken und in der Tradition des Volkes Israel richtig einzuordnen.

„MIT DER GEBURT JESU WAR ES SO ...“

Die Weihnachtsbotschaft aus der Bibel Israels heraus verstehen

Mt 1,22-23: „Dies alles ist geschehen, damit sich erfüllt, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: „Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, ei­nen Sohn wird sie gebären, und man wird ihm den Namen Immanuel geben, d.h. übersetzt: Gott ist mit uns".

Bei diesem ersten Zitat, der berühmten Immanuel-Verheißung aus Jes 7, greift Matthäus über das Zitat auf das spannungsvolle Verhältnis von Gericht und Heil in der Jesajaperikope zurück. Das ursprüngliche prophetische Drohwort (Jes 7,14) übernimmt dort im Kontext nämlich die Funktion, den von Gott verheißenen Beistand für die Davididen auch durch das Gericht hindurch zu verdeutlichen, weil Gottes Treue nicht menschlicher Berechenbarkeit entspricht. Insofern liegt die Immanuel-Verheißung thematisch nah beim Bild vorn neuen Reis aus dem abgehauenen Baumstumpf (Jes 11). Matthäus gebraucht dieses von der Treue Gottes zusammengehaltene Miteinander von Kontinuität und Diskontinuität, um die Zugehörigkeit der Christen zu Israel, dem Gottesvolk und seinen Verheißungen, zu verdeutlichen. Dazu stellt er im ersten Kapitel seines Evangeliums unvermittelt die von Abraham bis Josef gehende Genealogie der Verkündigung der Jungfrauengeburt mit dem Jesajazitat gegenüber. Beides gehört für ihn untrennbar zusammen. Während die Genealogie die Verwurzelung des Christentums in Israel und dem AT festhält, kommt mit der Jungfrauengeburt das für Menschen Unberechenbare und Unerwartete zum Tragen, Das Jesajazitat benutzt Matthäus zugleich für einen weiteren Spannungsbogen, der aus der Namensdifferenz zwischen Jesus und Immanuel entsteht. Die Verheißung, dass man ihm den Namen Immanuel geben wird, erfüllt sich ja erst einmal nicht, erst im letzten Satz des Matthäusevangeliums wird er aufgelöst, wenn der Auferstandene dort seinen Jüngern sagt „Ich bin bei euch" (Mt 28,20) und damit das „Gott ist mit uns" (Mt 1,23) des Immanuel erklärt, es aber gleichzeitig als bleibend gültige Verheißung bekräftigt, denn „ich bin bei euch bis ans Ende der Tage".

Mt 2,5-6: „Sie antworteten ihm: In Bethlehem in Judäa; denn so steht es bei den Propheten: Du, Bethlehem, im Gebiet von Juda, bist keineswegs die unbedeutendste unter den führenden Städten von Juda; denn aus dir wird ein Fürst hervorgehen, der Hirt meines Volkes Israel".

War das zuerst genannte Jesajazitat noch locker und spannungsvoll in den Zusammenhang eingebracht, ohne als Beweis im engen Sinne zu dienen, ist das, was wir oberflächlich bei Schriftzitaten zuerst erwarten, beim zweiten deutlich gegeben. Hier geht es mit dem Zitat aus Mi 5,1 tatsächlich um einen „Beweis" auf der Schriftgrundlage. Das ist auch in der Geschichte selbst in dieser Weise realisiert, weil es ja die Schriftgelehrten sind, die die Schrift einbringen, so dass nicht von der Erfüllung eines Schriftwortes geredet wird, sondern davon, dass „geschrieben steht" (Mt 2,5), Beim Propheten Micha selbst hat dieses Wort eine kritische Funktion, indem das Dorf Bethlehem der Hauptstadt Jerusalem (Mi 4,8) gegenüber gestellt wird. Und auch hier geht es letztendlich um das, was aus dem Jesajabild vom neuen Reis aus dem abgehauenen Baumstumpf schon bekannt ist: dass Gott treu ist, wenn auch nicht menschlich berechen- und vorhersehbar. Bethlehem ist der Ort Isais, des Vaters Davids, und damit in Erinnerung an die Berufung Davids (1 Sam 16) der Ort, der für den Ursprung der Erwählung und Berufung Gottes steht. Dass gerade hier, wo ein eigentlicher Schriftbeweis vorliegt, Matthäus nicht von der Erfüllung der Schrift redet, wie wir es allzu oft und allzu schnell bei allen Schrifthinweisen im Neuen Testament voraussetzen, sollte uns nachdenklich machen im Bezug auf das, was Erfüllung der Schrift bedeuten kann.

Mt 2,15: „Dort blieb er bis zum Tod des Herodes. Denn es sollte sich erfüllen, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: „Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen".

Einen deutlichen Hinweis auf das Verständnis der Erfüllung der Schrift bietet das dritte Zitat bei Matthäus. Liest man die kleine Episode von der Flucht nach Ägypten (Mt 2,13-15) unbefangen, so hat man den Eindruck, dass die eigentümliche Reise nur berichtet wird, um das abschließende Zitat aus Hos 11,1 einzubringen. Um die Tragweite dessen zu ermessen, was durch dieses Zitat eingespielt wird, muss man nicht nur beachten, dass der Prophet Hosea an dieser Stelle auf die Exoduserfahrung seines Volkes anspielt, um in schwieriger Zeil daraus Hoffnung zu schöpfen, sondern dass dieser Satz bei ihm ein zentrales Kapitel, das von Gericht und Liebe Gottes kündet, einleitet. Dort geht es um die unbändige Liebe und Barmherzigkeit Gottes, die alle menschliche Logik übersteigt. Die Befreiungstat des Exodus wird geradezu als erste Liebestat, als Zeichen des verliebten Gottes, vorgestellt. Wenn der Evangelist die so erinnerte Exodustheologie durch den Hinweis auf die Erfüllung einleitet, dann kann Erfüllung hier wohl nicht im Sinne des Erledigten und Abgeschlossenen oder auch des Beweises angesehen werden; denn das Entscheidende dieser Einspielung besteht ja darin, dass für Matthäus in und durch Jesus der Befreiergott des Exodus sich zu Wort meldet. Erfüllung bedeutet hier also eher, dass etwas Angekündigtes in seiner Gültigkeit bestätigt wird, bzw. als solches in Kraft gesetzt wird.

Mt 2,17-18:„Damals erfüllte sich, was durch den Propheten Jeremia gesagt worden ist: Ein Geschrei war in Rama zu hören, lautes Weinen und Klagen: Rahel weinte um ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn sie waren dahin".

Vollends werden die Schwierigkeiten eines einfachen Schemas Verheißung Erfüllung bei diesem Zitat deutlich, wenn dort der Kindermord von Bethlehem mit einem Jeremia-Zital verknüpft wird, das zwar nicht in der finalen Form „damit sich erfüllt ..." eingeführt wird, sondern durch die Feststellung „damals erfüllte sich ...". Matthäus geht es eindeutig nicht um eine prophetische Vorhersage des Kindermordes, sondern darum, seinen Lesern und Hörern ein Stichwort zu geben, das ihnen helfen kann, all das zu verstehen, was er ihnen in seiner Jesusgeschichte von Anfang an vorlegt. Mit der expliziten Nennung des Jeremia unterstreicht Matthäus, dass es nicht um irgendeine Prophetie geht, sondern ein spezieller (literarischer) Zusammenhang hier angespielt ist. Es geht ihm um den Teil des Jeremia-Buches, den man gerne das „Trostbüchlein" nennt, weil es vom Trost und der Hoffnung der im Exil lebenden Israeliten und der Verheißung von Israels Wiederherstellung handelt. Die gesamte Verheißung ist dort in drei Abschnitte untergliedert, die immer mit dem Hinweis eingeführt werden „Seht, es werden Tage kommen – Wort des Herrn“ (Jer 30,3; 31,27.31). In den drei Abschnitten werden die sogenannten Väterverheißungen Israels erneuert: Land, Volk und Bund mit Gott. Das Trostbüchlein hat seinen Gipfel im letzten Teil, der Verheißung eines „Neuen Bundes“. Dieser Neue Bund, den Jer 31,31 verheißt, ist aber kein neuer im Sinne eines anderen gegenüber dem bisherigen. Vielmehr will Gott seinen Bund in neuer Unmittelbarkeit Israel geben, damit er von Seiten der Menschen nicht mehr gebrochen werden kann. Grundlage aller Verheißungen und des Neuen Bundes ist aber nach Jer 31,34 die Sündenvergebung Gottes. Sehr tief führt Matthäus uns als seine Leser gleich zu Beginn des Evangeliums an das Verständnis dieses Neuen Bundes heran, indem er den versöhnenden und verzeihenden Gott durch das Weinen Rahels in Erinnerung bringt. Mit dem Jeremiazitat gelingt es Matthäus seinen Lesern und Hörern gleich zu Beginn des Evangeliums einen großen Erwartungs- und Deuterhorizont für die Jesusgeschichte zu eröffnen, der ihnen zeigt, dass es um weit mehr geht als nur ein paar Geschichten aus dem Leben dieses Jesus. Es ist keine Erzählung besonderer Grausamkeiten, die das Leben Jesu begleiten, sondern gerade durch das Jeremia-Zitat deutet Matthäus seinen Lesern diese Tat des Herodes im größeren Horizont der Dramatik des Christusgeschehens, denn dem Tod der Vielen wegen des einen Kindes steht der Tod des Einen für die Vielen in der Passion Jesu gegenüber.

Mt 2,23: „Und ließ sich in einer Stadt namens Nazareth nieder. Denn es sollte sich erfüllen, was durch die Propheten gesagt worden ist: „Er wird Nazoräer genannt werden".

Das letzte der fünf Zitate führt schließlich dahin, worin auch die anderen ihren Grund haben, nämlich zur allgemeinen Schriftautorität im frühen Christentum. Den Hinweis darauf, dass Josef, einem im Traum erhaltenen Befehl folgend, sich mit seiner Familie in Nazareth niederlässt, verbindet Matthäus mit einem Erfüllungshinweis darauf, dass die „Propheten" gesagt hätten, dass er „Nazoräer" genannt werde. Nun findet sich ein solcher Hinweis weder bei einem der Propheten des Alten Testamentes, noch in einem anderen alttestamentlichen Buch, so dass man oft versucht hat, auf ähnlich lautende hebräische Worte zu verweisen, doch hilft das eigentlich nicht weiter, weil die Verbindung zum Ort Nazareth von dieser Perikope her konstitutiv ist, und der Begriff „Nazoräer" findet sich schon früh als Bezeichnung für die Christen (vgl. Apg 24,5 „die Nazoräersekte"). Wir haben es hier wohl mit einem Schriftbezug zu tun, der nicht auf einer eindeutigen Schriftstelle basiert. Derartiges liegt auch in dem bekannten Bekenntnissatz vor, den Paulus in 1 Kor 15,4 überliefert, wo die Auferweckung am dritten Tage mit dem Hinweis verbunden ist „gemäß der Schrift", ohne dass es eine Bibelstelle geben würde, die von der Auferweckung am dritten Tage spricht. In solchen Schriftbezügen kommt die „Glaubensüberzeugung von der Gottgewolltheit" des Geschehens, wie der Neutestamentler Franz Mußner es formuliert hat, zum Ausdruck. Durch den Rückgriff auf die Bibel – „die Propheten" kann im frühen Christentum durchaus als Begriff für die ganze Schrift vorstanden werden (vgl. z.B. Rom 1,2; Hebr 1,1) – wird die Übereinstimmung des Berichteten mit der Offenbarung Gottes betont. Das ist für Matthäus zum Abschluss der Kindheitsgeschichte von nicht zu unterschätzender Bedeutung, so dass der marginal wirkende Satz ein wenig von einem Summarium an sich hat.