„EIN MANN VOLLER SCHMERZEN, MIT KRANKHEIT VERTRAUT“. Jesu Sterben und das vierte Gottesknechtslied Jesaja 52,13-53,12

08.04.2021 14:53

Online-Studiennachmittag mit Prof. Dr. Franz Sedlmeier über die Gottesknechtslieder bei Jesaja am Freitag, 26. März 2021

Prof. Dr. Franz Sedlmeier

Wer ist dieser „Gottesknecht“?

Mit zwei Vorträgen stellte Professor Sedlmeier die Gottesknechtslieder bei dem alttestamentlichen Propheten Jesaja vor, wobei der Schwerpunkt auf dem vierten Gottesknechtslied lag – ein Text, der auch die Liturgie des Karfreitages wesentlich prägt: Ein von den Menschen Verachteter, dem Spott und Hohn der Vielen preisgegeben, lebt und erlebt in seinem abgründigen Scheitern, das ihn in die Nacht des Todes führt, etwas Unerhörtes und bisher nie Dagewesenes. Gottes grundstürzendes Handeln eröffnet im Scheitern des einen Gerechten, der in der Stunde äußerster Not an seinem Gott festhält, eine neue Zukunft für die Vielen.

Wer aber ist mit diesem „Gottesknecht“ gemeint? Dazu gibt es eine Vielzahl von Deutungen und Antworten, die sowohl eine individuelle wie eine kollektive Größe beschreiben. Deutero-Jesaja? Das Volk Israel? Eine Gruppe in Israel? Eine idealtypische Figur? Eine nicht mehr überbietbare – vielleicht auch endzeitliche Gestalt?

Professor Sedlmeier erklärte in seinem Vortrag die verschiedenen Deutungsmodelle. So ist für das Judentum zunächst eine Deutung des Gottesknechtes auf den kommenden und erwarteten Messias anzunehmen. Im Lauf der Jahrhunderte und durch die Erfahrung von Verfolgung und Leid des jüdischen Volkes bis hin zum Holocaust im 20. Jahrhundert rückt zunehmend auch die kollektive Sichtweise in den Vordergrund.

„Ich bin ein Geschlagener, aber kein Verzweifelter, ein Gläubiger, aber kein blinder Amensager ... Gott von Israel – du hast alles getan, damit ich nicht an dich glaube. Solltest du meinen, es wird dir gelingen, mich von meinem Weg abzubringen, so sage ich dir, mein Gott und Gott meiner Väter: es wird dir nicht gelingen. Du kannst mich schlagen, mir das Beste und Teuerste nehmen, das ich auf der Welt habe. Du kannst mich zu Tode peinigen – ich werde immer an dich glauben. Ich werde dich immer lieb haben – dir selbst zum Trotz! Und das sind meine letzten Worte an dich, mein zorniger Gott: Es wird dir nicht gelingen! Du hast alles getan, damit ich nicht an dich glaube, damit ich an dir verzweifle! Aber ich sterbe, genau wie ich gelebt habe, im felsenfesten Glauben an dich.“ (Zitat aus dem Warschauer Ghetto)

 

Im Neuen Testament wird vor allem das vierte Gottesknechtslied (Jes 52,13-53,12) in den Passionsberichten bei den drei synoptischen Evangelien Matthäus, Markus und Lukas zitiert: Der „Knecht Gottes“ erleidet sein Schicksal in Stellvertretung und Sühne für die Schuld der Vielen. Bereits die ersten Christen sahen im Leiden und Sterben Jesu das prophetische Wort des Gottesknechtes in besonderer Weise erfüllt. So schreibt der Verfasser des ersten Petrusbriefes:

„Christus hat für euch gelitten und ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Spuren folgt. Er hat keine Sünde begangen und in seinem Mund war keine Falschheit. Als er geschmäht wurde, schmähte er nicht; als er litt, drohte er nicht, sondern überließ seine Sache dem gerechten Richter. Er hat unsere Sünden mit seinem eignen Leib auf das Holz des Kreuzes getragen, damit wir tot sind für die Sünden und leben für die Gerechtigkeit. Durch seine Wunden seid ihr geheilt. Denn ihr hattet euch verirrt wie Schafe, jetzt aber habt ihr euch hingewandt zum Hirten und Hüter eurer Seelen.“ (1 Petr 2,22.24-25)