Ottobeurer Studienwoche in Verbindung mit dem Akademischen Forum vom 1. bis 5. Mai 2008

09.05.2008 12:21

Die 43. Ottobeurer Studienwoche rückte neben den sozialwissenschaftlichen und sozialethischen Aspekten der Einsamkeit, die in der modernen Gesellschaft eine immer größere Rolle spielen, besonders die psychologischen und psychopathologischen Aspekte des Einsamseins in das Blickfeld. Eine philosophische Betrachtung des „Sich selbst gehören“ führte schließlich zu den theologischen Reflexionen über Einsamkeit und All-ein-sein.

DER MENSCH IST EIN EINSAMER

Ottobeurer Studienwoche debattierte über das Alleinsein

Die Ottobeurer Studienwoche beschäftigte sich an vier Tagen mit „Einsamkeit – Not und Chance“. Einige Referenten beklagten, dass das Thema „Einsamkeit“ in der wissenschaftlichen Literatur nicht viel Beachtung gefunden habe. Umso begrüßenswerter sei es, dass sich die Studienwoche dieses Themas angenommen habe. Die gut besuchte Veranstaltung bestätigte die Aktualität. Der kluge Aufbau der Tagung führte von Tag zu Tag tiefer in das Thema ein.

Professor Dr. Alois Baumgartner, München, zeigte unter einem sozialwissenschaftlichen und sozial ethischen Aspekt zuerst positive Seiten der Einsamkeit und der Distanz auf, um dann auf die Einsamkeit als Leid einzugehen. Besonders betonte er die Bedeutung der Solidarität als Antwort auf dieses vielfältige Leid, das heute in unserer Gesellschaft herrsche.

Am zweiten Tag ging Dr. Gabriele Stotz–Ingenlath, Berlin, auf den psychologischen und psychotherapeutischen Aspekt der Einsamkeit ein. Sie umriss verschiedene Arten der existenziellen Einsamkeit, worunter sie im Gegensatz zum Alleinsein eine subjektive Befindlichkeit verstand. In einem zweiten Teil behandelte sie am Beispiel der Schizophrenie Einsamkeit im Zusammenhang mit Krankheit. Wichtig dabei der Appell, psychisch Kranke nicht auszugrenzen und zu stigmatisieren.

Professor Dr. Hans–Peter Balmer, Augsburg, beleuchtete zunächst, einige Perspektiven der Lebensweisheit und der Lebenserfahrung, um dann auf die philosophische Sicht der Einsamkeit zu kommen. Dabei hob er vor allem die Sicht Martin Heideggers hervor, der die Endlichkeit als Grundart unseres Seins versteht. Damit sei der Mensch zutiefst ein Einsamer. Das Medium, um aus dieser Vereinsamung herauszukommen, sei die Sprache, was er in sehr beeindruckenden Gedichten von Hölderlin, Nietzsche und Rilke veranschaulichte.

In seiner theologischen Betrachtung der Einsamkeit schließlich ging Professor Erwin Dirscherl, Regensburg, vom Menschen als Beziehungswesen aus. Einsamkeit bedeute dann eine Reduktion, ein Zurückführung auf das Wesentliche. Der Referent versuchte den Hörern das Thema nahe zu bringen, indem er den Ansatz Karl Rahners mit dem des französischen Philosophen Emmanuel Levinas verband, „bei dem die Zeit wesenhaft über die Einsamkeit hinausführt und den anderen in mir zur Geltung bringt“. Neben diesen zum Teil sehr anspruchsvollen Referaten wurde die Studienwoche an zwei Abenden durch kulturelle Veranstaltungen aufgelockert, die bei den Teilnehmern großen Beifall fanden.

Pater Dr. Theodor Lutz in: Memminger Zeitung vom 8. Mai 2008, Seite 42

PROGRAMM
Donnerstag (Christi Himmelfahrt), 1. Mai 2008

Prof. Dr. Alois Baumgartner (München / Passau):

Einsamkeit - Not und Chance. Sozialwissenschaftliche und sozialethische Aspekte

Freitag, 2. Mai 2008

Dr. Dr. Gabriele Stotz-Ingenlath (Berlin):

Psychologische und psychopathologische Aspekte des Einsamseins

Samstag, 3. Mai 2008

Prof. Dr. Hans Peter Balmer (Augsburg):

Sich selbst gehören. Möglichkeiten und Grenzen

Sonntag, 4. Mai 2008

Prof. Dr. Erwin Dirscherl (Regensburg):

Der Mensch als Beziehungswesen – Theologische Reflexionen über Einsamkeit und All-ein-sein