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GABE DER GEGENWART. Die Eucharistietheologie und der eucharistische Hymnus „Adoro te devote“ des Thomas von Aquin (1225-1274)

02.05.2024 16:09

Vortragsabend im Akademischen Forum am Dienstag, 30. April 2024

Prof. Dr. Jan Heiner Tueck, Universität Wien

Thomas von Aquin, der vor 750 Jahren im Kloster Fossanova auf dem Weg zum Konzil in Lyon starb, war Denker und Dichter zugleich. In seiner Summa theologiae hat er mit der ihm eigenen begrifflichen Präzision über das Geheimnis der Eucharistie nachgedacht.

Dabei steht nicht nur die Frage der Wandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Jesus Christi im Zentrum (Transsubstantiation), sondern auch die gemeinschaftsstiftende Dimension (communio) sowie die eschatologische Dynamik der Eucharistie, die dem pilgernden Menschen als geistliche Stärkung mitgegeben wird (viaticum) und als Vorgeschmack des kommenden Hochzeitsmahls bezeichnet wird.

In einem ersten Vortrag stellte Professor Dr. Jan Heiner Tück, Dogmatiker an der Universität Wien, Grundlinien der Eucharistietheologie, wie sie Thomas von Aquin im dritten Teil seiner Summa theologiae entwickelt hat. Hierzu zeigte der Referent zunächst historische Hintergründe des 13. Jahrhunderts auf: Entstehung größerer Städte – Bettelorden – Gründung von Universitäten – Neuentdeckung des Philosophen Aritstoteles – Bau von Kathedralen. Thomas reflektiert in seiner Christologie das Motiv der Menschwerdung Gottes (Freiheit und Güte) und entfaltet daraus sein Verständnis vom Mysterium der Wandlung und die Lehre von der Transsubstantiation. Diese verschränkt drei Zeitebenen in der Eucharistie:

Signum rememorativum – Erinnerungszeichen > Opfer (sacrificium): „Das Herrenmahl weist in die Vergangenheit, insofern es ein Gedächtnismal der Passion des Herrn ist, die ein wahres Opfer war.“ Gleichzeitig werden die alttestamentlichen Opfer als Präfigurationen der Passion Christi mit aufgerufen.

Signum demonstrativum – Gegenwartszeichen > Gemeinschaft (synaxis – communio): Das Herrenmahl ist auf die Einheit der Kirche bezogen, welcher die Menschen durch dieses Sakrament eingegliedert werden. Es heißt bei Johannes von Damaskus „Vereinigung“, weil wir durch sie Gemeinschaft haben mit Christus, indem wir sowohl teilhaben an seinem Fleisch und seiner Gottheit (vertikale Dimension) als auch Gemeinschaft und Einheit haben untereinander (horizontale Dimension).

Signum prognosticum (Verheißungszeichen) > Wegzehrung (viaticum): Das Herrenmahl weist vor auf Künftiges, insofern dieses Sakrament den seligen Gottesbesitz vorbildet, wie er im Vaterland (in patria) Wirklichkeit sein wird.

„Tut dies zu meinem Gedächtnis“ – Der testamentarische Auftrag Jesu Christi: Die Einsetzung beim letzten Abendmahl war angemessen: (1) Christus ist real gegenwärtig im Sakrament und bleibt so bei den Seinen trotz des Entzugs der praesentia corporalis; (2) ein Andenken an die Passion Christi sollte gestiftet werden; (3) die Situation des Abschieds war günstig, um den testamentarischen Auftrag an die Jünger zu übermitteln, „letzte Worte“ prägen sich besser ein.

In einem zweiten Vortrag erläuterte der Referent die poetisch verdichtete Eucharistietheologie, wie sie Thomas in seinem vielleicht schönsten Hymnus „Adoro te devote“ (Gottheit tief verborgen) dichterisch komponiert hat: Der Eucharistie sind Momente der Abwesenheit eingezeichnet, die reale Gegenwart Jesu Christi ist zeichenhaft verborgen.

Im Entzug der leiblichen Präsenz Jesu Christi liegt die Voraussetzung für eine vertiefte pneumatische Gegenwart. „So ist der Entzug seines Neben-uns-Seins die Ermöglichung seines In-uns-Seins, und das heißt die Mitteilung seines Geistes.“ (Hans Urs von Balthasar) In der pneumatischen Selbst­vergegen­wärtigung bindet sich Jesus Christus an die eucharistischen Gaben von Brot und Wein, die damit zu Zeichen des Allerwirklichsten werden. Die verwandelten Gaben sind Gabe der Wandlung des Lebens.