26.01.2011 15:50

Studiennachmittag am Freitag, 14. Januar 2011 mit Prof. Dr. Matthias Franz, Universitätsklinik Düsseldorf.

Eine Kooperationsveranstaltung des Akademischen Forums der Diözese Augsburg, des Caritasverbandes der Diözese Augsburg e.V., der Katholischen Jugendfürsorge und der Arbeitsgemeinschaft katholischer Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfe und Jugendsozialarbeit.

Prof. Dr. Matthias Franz
"ALLEINERZIEHENDE WERDEN ALLEINE GELASSEN" −

Psychologe Matthias Franz kritisiert politische Untätigkeit

Kritik an der bisherigen Familienpolitik von Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) hat der Psychologieprofessor Matthias Franz geübt. Er frage sich, "wo das nationale Großaufgebot zur Stärkung der Jungen und der Alleinerziehende bleibt", das die Ministerin versprochen habe, sagte Franz am Wochenende in einem Vortrag zur "Generation Vaterlos" im Akademischen Forum der Diözese Augsburg.

Der Düsseldorfer Psychologe und stellvertretender Leiter der Heinrich-Heine-Universität prognostizierte eine "dramatische gesellschaftspolitische Entwicklung", die auf Deutschland zukommen werde. "Wenn wir die Alleinerziehenden weiterhin alleine lassen, werden wir den Preis dafür zahlen", sagte Franz, der als einer der führenden Forscher auf dem Gebiet der entwicklungspsychologischen Bedeutung des Vaters und der Alleinerziehenden gilt.

Ein Fünftel aller Kinder leben nach seinen Angaben derzeit nur mit einem Elternteil zusammen ? "in 90 Prozent der Fälle mit der Mutter". Trotz des zugunsten unverheirateter Väter geänderten Sorgerechtsgesetzes seien diskriminierende Umgangs- und Sorgerechtsregelungen häufig die Praxis. "Es gibt leider immer noch viel zu viele väterfeindliche Sorgerechtsurteile." Im vergangenen Jahr hätten nur 23 Prozent der Väter Elternzeit genommen ? drei Viertel von ihnen nutzten diese nur zwei Monate lang.

Fehlende Väter- und männliche Identifikationsfiguren und die Einsamkeit und Armut der Mütter seien die entscheidenden Faktoren, die zu Verhaltensauffälligkeiten von Kindern führten. "Es ist fatal, so an einem gesellschaftspolitischen Problem vorbeizuschauen, wenn uns als Reaktion auf die kindlichen Verzweiflungssignale nichts anderes als Retalin dazu einfällt", beklagte Franz. Bei Kindern von Alleinerziehenden werde mehr als doppelt so häufig das Aufmerksamkeits-Hyperaktivitäts-Defizit-Syndrom (ADHS) diagnostiziert. Retalin ist das dagegen am verbreitesten verabreichte Medikament.

Die fehlenden Väter- und männlichen Identifikationsfiguren setzen sich laut Franz in den Kitas und Kindergärten fort: "Raufen wird durch Schleiertanz ersetzt. Das tut den Jungs nicht gut." Der Arzt und Psychoanalytiker kritisierte es als ein Unding, dass der Erzieher als einer der wichtigsten Berufe am schlechtbezahltesten sei.

Fatal seien auch die von Hollywood vermittelten Väterbilder. "Ein ganzer Wirtschaftszweig macht ein Milliardengeschäft mit der Vaterlosigkeit." Filme wie Terminator, Star Wars oder Matrix lieferten den Jungen Ersatzväter in Form von Maschinengewehren und Zerstörungsmaschinen. "Als Psychotherapeuten kann einem bei der Vorstellung ganz schwindlig werden", so Franz.

Evangelischer Presseverband für Bayern, Artikel vom 16.01.2011.(0062/16.01.2011) epd lbm nm dj

Nahm an der Tagung teil: Domkapitular Prälat Peter C. Manz, Direktor des Caritasverbandes der Diözese Augsburg
Im Gespräch: Prälat Günther Grimme (li.), Direktor der Kath. Jugendfürsorge und Vorstandsvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft katholischer Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfe und Jugendsozialarbeit, Max Weinkamm (Bildmitte), Sozialreferent der Stadt Augsburg, und Prof. Dr. Adalbert Keller, Leiter des Akademischen Forums..