MENSCHENAFFE UDO UND DIE EVOLUTION. Forschungsergebnisse zum Sensationsfund aus Pforzen im Ostallgäu
Themenabend im Akademischen Forum am Donnerstag, 22. Mai 2025 mit Prof. Dr. Madelaine Böhme
Einblick in die frühe menschliche Evolution
Die Referentin Professorin Dr. Madelaine Böhme von der Universität Tübingen stellte in einem ersten Vortrag geologische und paläontologische Erforschungen in der Hammerschmiede vor.
In der ehemaligen Ziegelei „Hammerschmiede“ entdeckte der (inzwischen verstorbene) Hobbyarchäologe Sigulf Guggenmos 1972 die ersten Fossilien – ihm zu Ehren trägt die neue Menschenaffenart den Namen Danuvius guggenmosi. Wissenschaftliche Grabungen führen die Universität Tübingen und das Senckenberg Center für Menschliche Evolution und Paläoumwelt unter Leitung von Professorin Dr. Madelaine Böhme seit 2011 durch. Rund 15.000 Fossilien von bisher 115 Wirbeltier-Arten konnten geborgen werden, darunter Fische, Riesensalamander, Schildkröten, Vögel, Elefanten und die weltweit ältesten Pandas. Vor fast 12 Millionen Jahren lebten sie hier in offenen Waldlanschaften, Flüssen und Tümpeln in einem warm-subtropischen Klima.
Ein zweiter Vortrag beleuchtete schließlich die bedeutenden Funde von fossilen Wirbeltieren, vor allem von über 12 Millionen Jahre alten Hominiden. Das heutige Ostallgäu wird damit zu eine der Wiegen der Menschheit. Mit diesen Funden einer bislang unbekannten Primatenart konnte Böhme den aufrechten Gang des Danuvius guggenmosi nachweisen, der sich offenbar deutlich früher als bisher angenommen vollzog.
Die Fähigkeit, aufrecht zu gehen, gilt als zentrales Merkmal von Menschen. Die bislang ältesten Belege für den aufrechten Gang sind sechs Millionen Jahre alt und stammen von der Insel Kreta und aus Kenia. „Die Funde aus Süddeutschland sind ein Meilenstein der Paläoanthropologie, denn sie stellen unsere bisherige Sichtweise auf die Evolution der großen Menschenaffen und des Menschen grundlegend in Frage“, sagte Böhme.
Böhme berichtete davon, dass die Fossilfunde mindestens vier Individuen zuordnen sind. Das am besten erhaltene Skelett eines männlichen Danuvius verfügt über Proportionen, die einem Bonobo ähneln. Dank vollständig erhaltener Arm- und Beinknochen, Wirbel, Finger- und Zehenknochen ließ sich rekonstruieren, wie sich Danuvius fortbewegte. „Zum ersten Mal konnten wir mehrere funktionell wichtige Gelenke ‒ darunter Ellbogen, Hüfte, Knie und Sprunggelenk ‒ in einem einzigen fossilen Skelett dieses Alters untersuchen. Zu unserem Erstaunen ähnelten einige Knochen mehr dem Menschen als dem Menschaffen.“, erklärt Böhme.
Nach den Ergebnissen der Forscherinnen und Forscher konnte Danuvius auf zwei Beinen gehen, aber auch klettern wie ein Menschenaffe. Den Rumpf hielt er durch eine S-förmig gebogene Wirbelsäule aufrecht. Körperbau, Körperhaltung und Fortbewegungsweise sind für einen Primaten bislang einzigartig. Das Ergebnis der Untersuchungen stellten eindeutig fest: Danuvius kombinierte die von den hinteren Gliedmaßen dominierte Zweibeinigkeit mit dem von den vorderen Gliedmaßen dominierten Klettern. Diese Ergebnisse lassen den Schluss zu, dass sich der aufrechte Gang des Menschen in Bäumen und vor über 12 Millionen Jahren entwickelte. Im Gegensatz zu späteren Menschen hatte Danuvius eine kräftige, abgespreizte große Zehe, mit der er große und kleine Äste sicher greifen konnte.
Die Fossilien zeigen, dass Danuvius etwa einen Meter groß war. Die Weibchen dürften gerade mal 18 Kilogramm gewogen haben, weniger als die heutigen Menschenaffen. Das Männchen bewegte sich mit geschätzten 31 Kilogramm am unteren Ende des Gewichts heutiger Menschenaffen. Der Brustkorb war flach und breit und die Lendenwirbelsäule verlängert, wodurch Danuvius effektiv seinen Körperschwerpunkt über der gestreckten Hüfte und Knien halten konnte. Die Knochen lassen auf mehrere Schlüsselmerkmale menschlicher Zweibeinigkeit schließen, wie zum Beispiel eine X-Stellung der Beine.